Konzernchef Blume kassiert Audi Projekt „Artemis“
Autonomer „Landjet“ legt Vollbremsung hin

2024 wollte Audi ein autonomes E-Auto bringen. Daraus wird nichts. Nach mehreren Verzögerungen scheint das Prestigeprojekt "Artemis" nun eingestampft zu sein. Das auch als "Landjet" bekannte Modell scheint zum elektrischen A8-Nachfolger degradiert worden zu sein.

Audi Aicon
Foto: Audi

Es ist gerade einmal zweieinhalb Monate her, dass Herbert Diess von seinen Aufgaben bei VW entbunden wurde. Sein Nachfolger als Vorstandsvorsitzender des Konzerns, Oliver Blume, hat die kurze Zeit bereits genutzt und eines der zentralen Projekte seines Amtsvorgängers auf links gedreht: Das Vorgehen in Sachen Software ist künftig ein völlig anderes als jenes, das einst federführend von Diess erdacht wurde.

Eine entscheidende Konsequenz des Umkrempelns: Der Themenkomplex "Autonomes Fahren" wandert zu Volkswagen Nutzfahrzeuge ab. Die Konzerntochter testet entsprechende Technologien bereits auf der Straße – zum Beispiel in adaptierten ID. Buzz-Varianten, die unter anderem bereits durch München fahren. Vom Einsatz in kleinen Bus-Shuttles verspricht sich Blume offenbar mehr Erfolg als mit der Verwendung in hochpreisigen Premium-Fahrzeugen.

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Duesmann war "not amused"

Markus Duesmann soll Blumes Entscheidung sehr missfallen haben. Was verständlich ist: Er ist als Mitglied des Vorstandes im Mutterkonzern Volkswagen einerseits für die Markengruppe "Premium" zuständig, andererseits aber auch Vorstandsvorsitzender der Audi AG. Dass den stolzen Ingolstädtern die Herrschaft über das prestigeträchtige Projekt entzogen wurde, dürfte ihr Ansehen im gesamten Konzern-Kontext sinken lassen.

Doch Blumes Entscheidung hat auch ganz konkrete Auswirkungen auf Audis Modellfahrplan. Wir erinnern uns an das Projekt "Artemis": Mitte 2020 rief Duesmann mit der gleichnamigen GmbH "eine Einheit für das beschleunigte Entwickeln zusätzlicher Auto-Modelle" ins Leben. Chef des schnellen Hightech-Brüters wurde Alexander Hitzinger, zuvor erfolgreicher Motorsport-Chefingenieur. Er erdachte mit einem kleinen Team von Automobil- und Technologieexperten im ersten Schritt "schnell und unbürokratisch ein wegweisendes Modell für Audi", so Duesmann.

Die kurze Artemis-Episode

Etwa ein Jahr später gab die Artemis GmbH vordergründig Positives bekannt: Die Konzeptphase des Modells, das intern unter dem Projektnamen "Landjet" läuft, sei erfolgreich abgeschlossen worden, hieß es damals in einer Audi-Mitteilung. Die Verantwortung für die weitere Fahrzeugentwicklung sei an Audi, jene für die Software-Entwicklung an VWs Programmier-Spezialisten von Cariad abgegeben worden. Damit war die Zeit der Artemis GmbH als eigenständige Einheit aber auch schon wieder vorbei: Sie wurde an Audi herangerückt und steht seitdem unter der Führung des Audi-Entwicklungsvorstands Oliver Hoffmann. Hitzinger war seinen Job als Artemis-Chef direkt wieder los.

LMP1-Porsche 919 Hybrid, Technikchef Alex Hitzinger
Porsche
Ex-Motorsport-Ingenieur Alexander Hitzinger wurde der erste Chef der Artemis GmbH, musste seinen Posten aber nach einem Jahr schon wieder räumen.

Die Arbeiten am Landjet gingen jedoch weiter. Und sie waren mit immer größeren Problemen behaftet. Im Sommer 2022 berichtete die "Automobilwoche", dass der Problemberg bei Cariad immer weiter wächst. Die konzerneigene Software-Schmiede, zuvor vornehmlich bei Audi angedockt, musste sich daraufhin eng mit der Kernmarke VW sowie der Konzernzentrale in Wolfsburg abstimmen. Und das vornehmlich bei der neuen revolutionären Einheits-Software 2.0, die künftig übergreifend von allen Konzernmarken genutzt werden und autonomes Fahren auf Level 4 ermöglichen soll.

Blume will den Landjet wohl streichen

Doch die kommt erst gegen Ende des aktuellen Jahrzehnts, wie es übereinstimmenden Medienberichten zufolge aus Konzernkreisen heißt. Weshalb sich VW mit Zwischenschritten namens Software 1.1 und 1.2 behelfen muss. Diese kommen für den Audi Landjet jedoch nicht infrage; autonomes Fahren können sie nicht abbilden. Da das aber das zentrale Thema beim Landjet war, "wird erwartet, dass VW-Konzernchef Oliver Blume das Artemis-Projekt streichen wird", heißt es in einem Bericht des Magazins "Automotive News". Diesen Schritt will er sich in einer Sitzung am 15. Dezember vom Konzern-Aufsichtsrat absegnen lassen. Und es heißt, das Überwachungsgremium sei geneigt, Blumes Ansicht zu folgen.

Es ist der negative Höhepunkt einer Fahrzeugentwicklung, die bisher auch unter dem Slogan "Pleiten, Pech und Pannen" hätte laufen können. Und die deshalb stets von Verzögerungen begleitet wurde. Eigentlich sollte die Serienversion des Landjets 2024 auf den Markt kommen. Dann wurden nach und nach die Software-Probleme bekannt, und mit ihnen wurde über neue Jahreszahlen spekuliert, in denen der Landjet tatsächlich kommen könnte. Quasi im Einjahrestakt ging es bis hinauf auf 2027. Wenn die Software 2.0 erst zum Ende des Jahrzehnts kommt, würde das auch für den Landjet gelten. Übrigens genau wie für das mit Artemis im Zusammenhang stehende VW-Projekt Trinity. Bei ihm ist inzwischen von einer frühestmöglichen Einführung 2028 die Rede. Der Landjet käme wohl noch später, doch die dafür nötige Geduld will Blume anscheinend nicht mehr aufbringen.

Aber welche Perspektive bleibt dann für den Landjet? Zumindest die eines elektrischen A8-Nachfolgers, der eine neue Plattform (SSP61) nutzen soll. Diese wird aktuell von der Konzernschwester Porsche entwickelt und ist eine Ableitung der vom Trinity genutzten SSP-Architektur (Scalable Systems Platform). SSP61 soll bereits ab 2026 zur Verfügung stehen und Leistungswerte von bis zu 1.000 kW (1.360 PS) ermöglichen. Es sieht also ganz danach aus, als solle schiere Elektro-Power und nicht die autonomen Fahrfunktionen das Unterscheidungsmerkmal des Landjet gegenüber seiner Oberklasse-Konkurrenz werden.

Rückblick: Das hätte der Landjet werden sollen

Der Landjet sollte zudem das erste Fahrzeug sein, das eine neue, standardisierte Einheits-Batterie nutzt. Da diese offenbar im Zeitplan liegt und bereits ab 2023 in den weiterentwickelten Modularen E-Antriebs-Baukasten MEB+ eingebaut werden soll, kämen hier sowieso andere Modelle zum Zug.

Audi prologue Avant Projekt Landjet
Audi
Inspirationsobjekt: Die Studie Prologue Avant, mit der Audi 2015 auf dem Genfer Autosalon debütierte.

Der interne Projektname wäre auf keinen Fall die Modellbezeichnung geworden. Er war eher als Funktionsbeschreibung gedacht. Landjet, das klingt nach einem Flugzeug für die Straße. Komfortables Reisen auf vier Rädern. Der Landjet wäre wohl in einem der Kernsegmente der Marke angesiedelt worden. Mit etwas mehr als fünf Metern Außenlänge ein Stück größer als ein A6, dessen Elektro-Version 2024 auf Basis der gemeinsam mit Porsche entwickelten PPE-Plattform (Premium Plattform Electric) kommen wird. Der Landjet sollte außerdem mehr Raumfunktionalität sowie ein besseres Platzangebot als ein Coupé aufweisen.

Grau ist alle Theorie

"Wir lassen uns von Design-Konzepten wie dem Audi Avantissmo oder dem Prologue Avant inspirieren", hat auto-motor-und-sport.de damals aus Unternehmenskreisen erfahren. "Allerdings ans Thema Elektromobilität angepasst!". Heißt: Kürzere Überhänge, etwas höhere Bauform und ein vergleichsweise flaches Heck, um den Luftwiderstand zu reduzieren. Doch das war die Theorie; die Praxis wird uns wohl vorenthalten bleiben.

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Fazit

Dass das Audi-Projekt den Namen der Jagdgöttin Artemis trug, war als Weckruf für die Marke gedacht und symbolisierte das Eingeständnis, dass es etwas aufzuholen gibt. Gleichzeitig erhofften sich die ehemaligen BMW-Kollegen Diess und Duesmann eine Dynamisierung der Entwicklung im riesigen Gesamtkonzern. Diese Hoffnung wurde enttäuscht: Umfassende Umstrukturierungen bei Artemis und Cariad zeugten bereits während der Diess-Ära von der Unzufriedenheit mit den neuen Einheiten, die eigentlich Agilität und frischen Wind nach Wolfsburg, Ingolstadt und Stuttgart bringen sollten.

Unter Oliver Blume ist nun noch einmal alles anders. Selbstfahrende Autos entwickelt jetzt VW Nutzfahrzeuge und nicht mehr Audi. Zudem verzögern sich die neuen Software-Architekturen und infolgedessen auch die passenden E-Auto-Plattformen. Da wird ein Projekt wie der Landjet plötzlich überflüssig, weshalb der neue VW-Vorstand mit Segen des Aufsichtsrats hier wohl in Kürze den Stecker ziehen wird.