BMW Vision Neue Klasse
BMW enthüllt das 800-Volt-Design der Zukunft

Mit der IAA-Studie "Vision Neue Klasse" zeigt BMW, wie E-Autos der Marke bald aussehen werden. Der kommende Elektro-Dreier könnte ab 2025 Reichweiten von 750 Kilometern erzielen und innerhalb von zehn Minuten für 300 km nachladen.

"Elektrifizierung, Digitalisierung, Zirkularität," BMW-Chef Oliver Zipse wird nicht müde, die Entwicklungs-Schwerpunkte seiner Kernmarke immer wieder zu betonen. Für ihn scheint vor allem der letzte Punkt entscheidend für den zukünftigen Erfolg von Elektroautos zu sein. Und so enthüllen die Münchener auf der IAA mit der "Vision Neue Klasse" nicht nur Design und Technik kommender Elektro-BMWs, sondern auch ein komplett neues Verständnis im Produktions-Kreislauf von Rohstoffen, Materialien und Ressourcen.

Unsere Highlights

Schon im Herbst 2024 beginnt die Vorproduktion der ersten BMW-Modelle auf der Elektro-Only-Plattform, deren Entwicklung die Vorstände als "größtes Investment der Firmengeschichte" bezeichnen. 2025 dürfen wir mit den ersten Serienmodellen auf Plattform "Neue Klasse" rechnen – vermutlich im Mittelklasse-Format der 3er-Limousine. Nach jetzigem Plan folgen die passenden Touring- und SUV-Varianten, bis irgendwann die Modellpalette zur Hälfte aus E-Autos besteht. In München geht man davon aus, dass diese Marke 2030 erreicht wird.

Designsprung in neue Formensprache

Bereits Anfang Januar 2023 zeigte BMW auf der Elektronikmesse CES mit der Konzeptstudie iVision Dee (siehe zweite Hälfte der Fotoshow), wohin die Design-Reise geht. Die neueste IAA-Studie "Vision Neue Klasse" verfeinert Proportionen, Formen und Details. Sie soll deutlich näher an der Serienvorstellung liegen. Das Design wirkt, "als hätten wir eine Modellgeneration übersprungen", stellt auch Chefdesigner Adrian van Hooydonk fest. Dabei hat sein Team trotz der klaren Form die wichtigsten BMW-Merkmale geachtet: Nieren, Hofmeister-Knick und "Shark-Nose" sind deutlich zu identifizieren.

BMW Vision Neue Klasse IAA Mobility (2023)
BMW

Heckansicht der "Vision Neue Klasse" mit klaren Kanten und viel Lichtfläche für die dreidimensionalen Rückleuchten.

Dabei thront oberhalb der ausgestellten Radhäuser mit den 21-Zoll-Aerodynamik-Rädern und der kantigen Seitenlinie eine extrem luftige Glaskuppel mit großen Fensterflächen ("Greenhouse"). Selbst das Dach besteht nahezu komplett aus Glas. Der Blick hinein in den gelb ausgeschlagenen Innenraum ist nahezu von allen Perspektiven möglich. Zusammen mit der hellen Außenlackierung soll das eine freundliche, zukunftsorientierte Ausstrahlung erzeugen.

Demontagekonzept und Sekundär-Rohstoffe

Außen wie innen kommt bei der "Vision Neue Klasse" ein viel höherer Anteil an Sekundärrohstoffen und eine deutlich geringere Materialvielfalt als bei aktuellen Serienmodellen zum Einsatz. Das neu entstehende Werk im ungarischen Debrecen verzichtet komplett auf den Einsatz von fossilen Energieträgern. Ganz im Sinne von Zipses Zirkularität soll auch ein ausgefeiltes Demontagekonzept dazu beitragen, das Recycling zukünftiger Elektroautos zu erleichtern. An welchen Stellen dieses Konzept auf welche Weise zum Einsatz kommt, verrät BMW bisher noch nicht.

Ein leeres Marketingversprechen ist der nachhaltige Ansatz keinesfalls. Entwicklungsvorstand Frank Weber beschreibt die Entwicklung der neuen Elektro-Plattform so: "Mit der Neuen Klasse schreiben wir nicht nur das nächste Kapitel von BMW, sondern ein neues Buch. Deshalb ist klar: Die Neue Klasse wird alle Modellgenerationen durchdringen." Schon jetzt ist also klar, dass es nicht bei einer Mittelklasse-Limousine bleiben wird. Denkbar sind neben der kommenden 3er/4er-Generation auch X3/X4 und später die größeren Kaliber 5er und X5.

260 kW Ladeleistung, 750 km Reichweite, top Effizienz

Mit dem i4 hat BMW schon jetzt ein fortschrittliches und sparsames Elektroauto auf dem Markt, das mit einer WLTP-Reichweite von 578 Kilometern langstreckentauglich ist. Durchschnittlich verbraucht beispielsweise ein i4 e-Drive40 zwischen 16,1 und 19,1 kWh je 100 Kilometer (WLTP) und kann am Schnelllader mit maximal 200 kW aufgeladen werden. Das vergleichbare Modell auf Basis der Neuen Klasse soll alle Werte um etwa ein Drittel toppen. Die E-Maschinen lassen sich dank der modularen Plattform an beiden Achsen unterbringen, was alle Möglichkeiten in Bezug auf die angetriebenen Räder lässt. Es erscheint perspektivisch sogar möglich, dass je ein Motor pro Rad installiert werden kann, was ein echtes Torque Vectoring ermöglichen würde.

BMW Vision Neue Klasse IAA Mobility (2023)
BMW

Auszug aus der IAA-Präsentation: Neue E-Motoren, 800-Volt-Technik und Rundzellen-Akkus sollen die Elektro-Performance deutlich verbessern.

Durch viele Maßnahmen wie die Gewichtsreduzierung um ein Viertel, der Batterie-Umstieg von prismischen Zellen auf Rundzellen oder die weiterentwickelte e-Drive-Antriebstechnik der sechsten Generation soll die Gesamtfahrzeug-Effizienz um 25 Prozent verbessert werden. Trotz stattlicher Abmessungen im 3er-Format (4,70 Meter lang) könnten also durchschnittliche Verbrauchswerte von 12 kWh/100 km drin sein. 30 Prozent höhere Ladeleistung würden im Fall eines i4 e-Drive40 bis zu 260 kW am Schnelllader bedeuten, während die Gesamtreichweite auf rund 750 Kilometer wächst. Und die soll extrem schnell wieder nachladbar sein: Mehr als die Ladeleistung steht hierfür das BMW-Versprechen, 300 Kilometer Reichweite binnen 10 Minuten "tanken" zu können. Im Vergleich zum gerade facegelifteten Tesla Model 3 – der weiterhin auf die bekannte Antriebs- und Batterietechnik setzt und in 15 Minuten bis zu 282 Kilometer schafft – gleicht der Techniksprung bei BMW einer Revolution. Selbst der Porsche Taycan sieht da mit 100 Kilometern in 5:30 Minuten eher alt aus.

BMW Vision Neue Klasse IAA Mobility (2023)
BMW

Die dreidimensionale Doppelniere ermöglicht Lichtprojektionen auf der gesamten Breite des Autos – zum besseren Ausleuchten der Fahrbahn oder zum Interagieren mit Passanten.

Neuinterpretation der BMW-Doppelniere

Schon der iVision Dee deuteten bereits auf eine Neuinterpretation der BMW-Doppelniere hin. Das bei aktuellen Modellen eher vertikal ausgerichtete Design-Element, das technisch bei E-Autos überflüssig wäre, wächst bei der Neue-Klasse-Limousine stark in die Breite und wird außen von den Scheinwerfern begrenzt. So ergibt sich an der Fahrzeugfront eine einheitliche Interaktionsfläche, auf der animierte Lichtinszenierungen möglich sind. Der Vorderwagen ist kürzer als bei den bisherigen BMW, die A-Säule setzt früher an und steigt aus aerodynamischen Gründen sanfter an.

Technisch soll das erste Neue-Klasse-Modell laut Zipse ein Überflieger werden: "Wir werden die Benchmark sein, was Reichweite, Ladegeschwindigkeit und Preis angeht. Vergessen Sie den Preis nicht", sagte der Vorstandsvorsitzende bereits am Rande der CES zu Journalisten. BMW verspricht sich viel von den neuen Batterie-Rundzellen. Dabei handelt es sich um Lithium-Ionen-Akkus, die das Potenzial haben, Kathoden aus Lithium-Eisenphosphat (LFP) einzusetzen.

Riesen Head-up-Display aber kein iDrive mehr

Das mit dem iVision Dee gezeigte erweiterte Head-up-Display, das sich fast über die gesamte Breite der Windschutzscheibe erstreckt, hat Zipse auf der Elektronikmesse gesondert erwähnt. "Das ist mehr als eine Vision. Wir bringen diese Innovation in die 'Neue Klasse'", sagte er in Las Vegas im Rahmen seiner Keynote. "Schon 2025 – also bereits übernächstes Jahr – wird diese völlig neue Technologie für unsere Kunden im Fahrzeug erlebbar sein." BMW nennt die Technik "Panoramic Vision."

BMW iVision Dee Head-up-Display Konzeptstudie CES 2023
BMW Group
Das beim BMW iVision Dee gezeigte Head-up-Display nimmt fast die gesamte Breite der Windschutzscheibe ein.

Analoge Bedienelemente werden mit der Neuen Klasse komplett auf ein Minimum reduziert. Infotainment und Fahrzeugfunktionen werden über den zentralen Touchscreen, Multifunktionstasten am Lenkrad oder das interaktive Panoramic Vision gesteuert. Natürlich wird auch die Sprachbedienung ein zentraler Bestandteil des Konzepts. Einen iDrive-Controller wird es allerdings nicht mehr geben.

Neu definierte Software-Architektur

Mit der namentlich an die Modelle der Sechzigerjahre, die BMW damals aus einer tiefen Krise holten, angelehnten Plattform verlässt BMW seinen bisherigen Pfad, Technik-Architekturen für verschiedene Antriebsarten vorzubereiten. Im Gegensatz zu den aktuellen Baukästen UKL (Front- und Allradantrieb) und CLAR (Hinter- und Allradantrieb), die jeweils sowohl Verbrenner- als auch Hybrid- und reine Elektroantriebe aufnehmen können, ist die Neue Klasse ausschließlich als E-Antriebs-Plattform konzipiert.

Sie soll über eine vollständig neu definierte und hochintegrierte IT- und Software-Architektur verfügen. Für Fahrer und Insassen verspricht BMW damit ein neues und individuell abgestimmtes Fahrerlebnis, weil das System Daten aus Infotainment und elektronischem Bordnetz sowie der BMW Cloud zusammenführt.

Neue Klasse auch mit Wasserstoff?

Die Münchner Entwicklungsabteilung prüft obendrein, ob sich Wasserstofftechnik in Form eines Brennstoffzellenantriebs in die Plattform integrieren ließe. "Sie wird wasserstofftauglich sein, aber es gibt noch keine Entscheidung, das in der Neuen Klasse einzusetzen, sagte Zipse schon auf der CES.

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Fazit

Die "Vision Neue Klasse" ist der dritte Ausblick auf die kommende Elektro-Plattform von BMW. Wenn die ersten Modelle im 3er-Format 2025 vom Band in Ungarn laufen, dürften sie in Sachen E-Performance einen gewaltigen Sprung vorwärts. Von der neuen Antriebsgeneration, der komplett veränderten Rundzell-Batterietechnologie mit 800-Volt-Technik sowie einem vollumfänglich gedachten Zirkularitätsansatz versprechen sich die Münchener viel. Design und Bedienungskonzept polarisieren dagegen, fangen aber klassische BMW-Merkmale geschickt auf.

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AUTO MOTOR UND SPORT 09 / 2024
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Erscheinungsdatum 11.04.2024

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