McLaren Elektro-Fahrplan
Hinweise auf SUV, GT und Antriebs-Konfiguration

McLaren hat sich bisher geweigert, einen SUV zu bauen. Auch viertürige GT-Modelle gab es nicht. Das dürfte sich unter dem neuen Boss Michael Leiters ändern. Beide könnten als Elektro-Modelle kommen. Patente zeigen mögliche Antriebskonfigurationen.

08/2022, McLaren Zukunftsmodelle Michael Leiters CEO
Foto: McLaren Automotive Limited

SUV? Kommt uns nicht ins Modellprogramm! So war die bisherige Haltung von McLaren zu Soft-Offroadern. Doch während sich der britische Sportwagenhersteller mit dieser Einstellung immer tiefer hinein in finanzielle Probleme manövrierte, meldete die Konkurrenz einen Absatzrekord nach dem anderen – selbst mitten in der Corona-Krise und trotz des Ukraine-Krieges. Und welche Modelle verzeichnen die höchsten Marktanteile im Portfolio von Lamborghini, Aston Martin, Porsche und Co.? Na klar: Urus, DBX, Cayenne oder Macan.

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Möglicherweise hat diese SUV-Verweigerungshaltung dazu beigetragen, dass Ex-McLaren-Chef Mike Flewitt im Sommer 2022 gehen musste. An seine Stelle trat Anfang Juli 2022 Michael Leiters. Der in Deutschland geborene CEO kam von Ferrari, wo er zuvor als Technischer Direktor (Chief Technology Officer) gearbeitet hat. Der Wechsel von Sportwagenhersteller zu Sportwagenhersteller ist natürlich naheliegend. Aber die Personalie dürfte für McLaren aus einem anderen Grund interessant gewesen sein: Bei Ferrari hatte Leiters zuletzt das Purosangue-Projekt verantwortet; Ferraris erster SUV (siehe Fotoshow) wurde kürzlich der Öffentlichkeit vorgestellt. Zuvor bei Porsche war Leiters entscheidend an der Markteinführung des Cayenne beteiligt.

"Ich liebe SUV"

Es ist sicher kein Zufall, dass Leiters im Interview mit der britischen Fachzeitschrift "Autocar" diese Aspekte seiner beruflichen Vita herausstellt: "Ich habe bei Ferrari einen SUV entwickelt, ich habe bei Porsche einen SUV entwickelt – also liebe ich SUV." Er halte Autos dieses Zuschnitts für ein attraktives und wichtiges Marktsegment, das weiter wachse. Dennoch fügt Leiters hinzu: "Wir sollten keinen klassischen SUV machen." Aber das Thema werde in Woking diskutiert; zudem sei McLaren für andere Ideen und Modelle anstelle oder zusätzlich zu einem SUV offen. Auf jeden Fall will Leiters das Angebot der britischen Marke weiterentwickeln.

Inzwischen scheint Leiters seine Mitstreiter im McLaren-Management von der SUV-Idee überzeugt zu haben. "Ich denke, dieses Unternehmen kann noch profitabler sein, wenn wir auch über neue Segmente und neue Fahrzeugkonzepte nachdenken", sagt er in einem aktuellen Gespräch mit dem britischen "Car Magazine". McLaren-Kundinnen und -kunden würden längst gezielt nach einem Familienauto der Marke fragen. Wenn der Hersteller ein neues Segment entert, würde er direkt die Gelegenheit nutzen und neben einer neuen Design-Sprache ("bisher nicht ausreichend differenziert") auch eine andere Nomenklatur ("bisher zu verwirrend") etablieren. In Sachen Aerodynamik will Leiters, dass sich McLarens Autosparte möglichst viel Expertise aus der Formel-1-Abteilung holt.

Carbon-Chassis, Carbon-Karosserie – oder beides?

Wie aber könnte ein SUV aussehen, der zu McLaren passt? Ein Crossover mit reinem Verbrennerantrieb ist eher unwahrscheinlich bei einer Marke, die bisher ausschließlich Mittelmotor-Sportwagen mit Carbon-Chassis im Programm führt. Für einen (Plug-in-)Hybrid-Antriebsstrang gilt eigentlich dasselbe. Zumal McLaren eine große Konzernmutter fehlt, die die passende Plattform stellen kann. Davon profitiert bald Lotus bei seinem neuen SUV Eletre, der einen technischen Unterbau des Geely-Konzerns nutzt.

Patente zeigen E-Antriebskonzepte

Näher an der Realität dürfte ein rein elektrisch angetriebener SUV liegen. Im "Car Magazine"-Interview gibt Leiters deutliche Hinweise in diese Richtung – was bedeuten würde, dass McLarens erstes reines Elektroauto ein SUV wäre. Mit zwei- oder dreimotorigen Layouts sollten sich recht leicht McLaren-typische Leistungsdaten und ein Allradantrieb realisieren lassen. Genau zu diesem Ansatz ist im Januar 2023 eine Patentschrift der Briten veröffentlicht worden. Die zeigt ein Antriebskonzept, bei dem drei Elektromotoren rund um ein zentrales Differenzial angeordnet werden. Der Hauptmotor sitzt vor dem Differenzial, die beiden weiteren E-Maschinen an den Ausgangswellen. Für den kompletten Antrieb sieht die Patentschrift ein gemeinsames Gehäuse aus Aluminium oder Magnesium vor.

McLaren Patent Elektroantrieb
McLaren
Alle drei Motoren sitzen in einem Modul.

Von dieser Dreier-Kombination verspricht sich McLaren eine feinere Steuerung der Leistungsabgabe sowie eine bessere Rekuperationssteuerung beim Bremsen. Das Patent sieht aber nicht nur Hinterradantrieb vor. Das komplette Antriebsmodul kann laut Patentschrift gespiegelt auch an der Vorderachse zum Einsatz kommen – schon wäre ein Allradantrieb realisiert. Bei der Energiequelle legt sich das Patent nicht fest. Superkondensatoren, Brennstoffzellen oder Batterien sind hier möglich.

Bereits im November 2022 wurde ein Patent veröffentlicht, das einen E-Motor in-Kombination mit einem Verbrenner an der Hinterachse zeigt, die Vorderachse aber zusätzlich mit zwei E-Motoren beaufschlagt. Das klingt nach einer Erweiterung des Hybridantriebs des neuen Artura. Zudem weist dieses Patent darauf hin, dass auch die E-Motoren allein den Antrieb kurzzeitig übernehmen könnten.

McLaren Patent Elektroantrieb
McLaren
Der bestehende Hybridantrieb könnte um E-Motoren an der Vorderachse ergänzt werden.

Für ein insgesamt geringes Gewicht eines Elektromodells könnte die markeneigene Leichtbau-Kompetenz zum Tragen kommen, indem McLaren bei seinem Crossover großflächig Carbon einsetzt. Unklar ist allerdings noch, ob der Werkstoff beim Chassis zum Einsatz kommt oder der Hersteller doch eher eine Kohlefaser-Karosserie über ein Aluminium-Chassis stülpt, um das Gewicht im Rahmen zu halten.

Elektro-SUV mit BMW-Hilfe?

Vielleicht gehen die Briten aber auch einen einfacheren Weg. Kommt an dieser Stelle BMW ins Spiel? Gerüchteweise verhandelt McLaren mit den Münchnern über eine Kooperation, die auf beiden Seiten einen Elektro-Sportwagen hervorbringen soll. Dabei werde auch ein Crossover-Modell diskutiert. Das genieße zwar keine Priorität, aber mit dem Wechsel von Flewitt zu Leiters könnte dieses Thema an Fahrt aufnehmen. Zumal BMW spielerisch die passende Plattform und Antriebstechnik für einen künftigen McLaren-SUV zur Verfügung stellen könnte. Für den Hybrid-Sportwagen Artura (siehe Video nach dem ersten Absatz) liefern die Bayern bereits die Akkuzellen, wobei Leiters im Crossover eher keine Lithium-Ionen-Batterien sieht. Ein Hinweis auf Feststoffakkus? Klar ist: BMW forscht bereits intensiv an dieser Akkuvariante, sodass sich auch auf diesem Feld eine Kooperation ergeben könnte.

Klar ist aber auch: Selbst wenn die Briten einen SUV bringen sollten und dieser einen reinen Elektroantrieb aufweist, heißt das nicht, dass das Modell direkt ums Eck auf seine Premiere wartet. Wenn es kommt, dann in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts. 2026 scheint als Einführungsjahr durchaus realistisch zu sein.

Auch Taycan-Gegner geplant

Aber Leiter denkt auch über ein zweites Elektromodell nach. Gegenüber "Auto Express" bestätigt er, dass neben einem Elektro-SUV auch ein rein elektrisch angetriebener GT als Konkurrent zum Porsche Taycan Teil der Zukunftsplanung sei. Konkreter wurde der McLaren-CEO dabei aber nicht.

Trotzdem kann man sich auch jetzt schon Gedanken über die jeweils passenden Namen machen. McLaren selbst gab im Oktober 2021 Hinweise, in welche Richtung die Modellbezeichnungen gehen könnten. Beim britischen Patentamt hat sich der Autobauer die drei Namen Solus, Aeron und Aonic schützen lassen.

Aeron und Aonic bleiben übrig

Zumindest beim Solus ist mittlerweile klar, was sich dahinter verbirgt. Der Solus GT ist ein reines Rundstreckenauto mit einsitziger Auslegung und V10-Saugmotor. Gebaut werden davon lediglich 25 Exemplare für gut betuchte Gentleman-Racer.

Was genau es mit den weiteren Modellnamen auf sich hat, bleibt vorerst allerdings Gegenstand von Spekulationen. Hinter dem Aeron könnte sich ein Fahrzeug verbergen, bei dem ein besonderes Augenmerk auf die Aerodynamik gelegt wird und dabei eventuell Erkenntnisse aus der Luftfahrt genutzt werden. Das würde eher zu einem Sportwagen passen. Aonic dagegen lässt Rückschlüsse auf Aonia Terra zu, eine Region auf der südlichen Hemisphäre des Planeten Mars und benannt nach einem Vorbild aus dem antiken Griechenland. Ein Elektro-SUV namens McLaren Aonic? Ganz abwegig klingt das nicht, auch wenn in phonetischer Hinsicht durchaus Verwechslungsgefahr mit Hyundais Ioniq-Modellen bestehen würde.

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Fazit

Michael Leiters hat bereits bei zwei Arbeitgebern nachgewiesen, dass er sich nicht scheut, SUV-Modelle in die Angebotspalette klassischer Sportwagen-Hersteller zu integrieren. Es wäre sehr verwunderlich, wenn ihm McLarens Geldgeber nicht den Auftrag erteilt hätten, das Thema bei den finanziell chronisch klammen Briten zu forcieren. Eine klare Bestätigung hat der frühere Porsche- und Ferrari-Mann zwar noch nicht geliefert, aber die bisherigen Andeutungen lassen einen großen Interpretationsspielraum in Richtung Elektro-SUV zu. Auch einen rein elektrischen Taycan-Gegner bringt Leiters ins Spiel. Die E-Ambitionen unterstreichen zudem verschiedene Patente.

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AUTO MOTOR UND SPORT 26 / 2023
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Erscheinungsdatum 30.11.2023

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