Kia EV6 GT
Im 911-Schreck durch Norwegen

Mit der sportlichen GT-Version krönt Kia die EV6-Baureihe – und sein ganzes Programm. 585 PS und 740 Nm machen den EV6 GT zum bislang stärksten und schnellsten Serienmodell der Marke. Wir waren damit in Norwegen unterwegs.

Kia EV6
Foto: Kia

Gestatten, GMP. E-GMP. Das kryptische Kürzel steht für "Electric Global Modular Plattform" und dient verschiedenen Elektro-Modellen des Hyundai-Konzerns als technische Basis. Etwa dem futuristischen Hyundai Ioniq 5. Oder eben dem Kia EV6, der mit seiner sportlichen Crossover-Optik eine andere Zielgruppe bedient. Schon mit dem Grundmodell hat Kia ein gelungenes Auto auf die Räder gestellt, das die technischen Möglichkeiten der Plattform geschickt ausnutzt.

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Nun also der GT, der in allen Dimensionen noch mal eins drauflegt. Bei den Leistungsdaten (585 PS statt bisher 325), der Höchstgeschwindigkeit (260 statt 185 km/h) oder auch bei der Reichweite (546 statt 528 km nach WLTP). Vor allem auf die Beschleunigung sind sie stolz bei Kia: 3,5 Sekunden auf 100 km/h – damit sei der EV6 GT das sprintstärkste Modell der gesamten Hyundai Motor Group – kleiner Seitenhieb auf die Kollegen von Hyundai und Genesis.

Neuer Heckmotor, modifiziertes Fahrwerk

Nun hätten die Koreaner dem bislang stärksten Allrad-EV6 (325 PS) per Software-Tuning problemlos noch ein paar weitere kW entlocken können. Doch stattdessen spendierten sie dem GT neben dem unveränderten Frontmotor mit 160 kW/218 PS einen komplett neuen Heckmotor, der dank dicht gepackter Hairpin-Wicklungen in den Stator-Spulen und eines zweistufigen Wechselrichters mit einem besonders spontanen Ansprechverhalten überzeugen soll. Neben der ohnehin vorhandenen Wasserkühlung des Motorgehäuses besitzen die Spulen dieser E-Maschine eine eigene Ölkühlung. Dazu kommen spezielle Maßnahmen, die Geräuschentwicklung und Vibrationen im Zaum halten. Ergebnis: 270kW/367 PS, die im GT auf die Hinterachse wirken. Sie entspricht mit ihrer Fünflenker-Konstruktion der des Basis-EV6, während die Mac-Person-Federbeine vorn an der Unterseite von einer Zwei-Arm-Konstruktion gestützt werden (Serie: Einzellenker).

Kia EV6
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Das Cockpit des neuen Kia EV6 GT.

Kürzere Federn rundum (vorn weicher, hinten straffer) senken die Karosserie um 5 mm ab, was in Verbindung mit einem steiferen Stabilisator hinten Wankbewegungen vermindern soll. Die Adaptiv-Dämpfer sind elektronisch geregelt und ermöglichen eine weitere Spreizung zwischen Komfort und Agilität, während das ESP im EV6 GT mehr Radschlupf zulässt und wie beim Konzern-Cousin Genesis GV60 auch einen speziellen Driftmodus bietet. Dann wären da noch die angepasste Lenkung mit variabler Übersetzung, das elektronische Sperrdifferenzial mit Traktionskontrolle und Gierdämpfung, die größer dimensionierte Bremsanlage mit Vierkolben-Sätteln vorn und nicht zuletzt die angepassten Fahrprogramme, die hier noch einen extra dynamischen GT-Modus umfassen, der über eine separate Lenkradtaste aktiviert wird.

Dezente Optik, souveräne Performance

Beim Einstieg präsentiert sich der GT bis auf die erwähnte zusätzliche grün-gelbe Lenkradtaste im vertrauten Look und ähnlich wie außen (modifizierte Stoßfänger, lackierte Bremssättel, 21-Zöller) nur dezent modifiziert. Stärker ausgeformte Sportsitze mit veganen Bezügen in Wildlederoptik, einige Schriftzüge und Neon-Akzente, fertig. Klingt wenig spektakulär, doch das Understatement steht ihm – das Kia-Topmodell hat es schlicht nicht nötig zu protzen. Denn schon auf den ersten Kilometern zeichnet sich ab, dass der GT seinem Label gerecht wird und trotz beeindruckender Leistungsdaten nicht einfach nur dynamisch abgestimmt ist – im Gegenteil. Der EV6 schafft es auch in seiner sportlichsten Ausprägung, den Bogen zu schlagen zwischen komfortablem Langstrecken-Tourer und – gemessen an Größe und Gewicht – begabtem Kurvenräuber. Die knapp 300 Landstraßenkilometer von Oslo an den nordwestlich gelegenen Sognefjord vergehen völlig anstrengungslos und wären auch ohne Ladestopp zu absolvieren (Akkukapazität: unverändert 77,4 kWh). Doch da der Sorento im Begleittross nachtanken muss, gönnen wir auch unserem GT ein paar Kilowattstunden an der Schnellladesäule.

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Bei 65.000 Euro geht das Abenteuer Kia EV6 GT los.

Als sich die Straße Nummer 50 im Anschluss einige Höhenmeter nach oben und entlang von sanft ansteigenden Bergrücken windet, wechselt der EV6 ins Dynamikfach. Er folgt auch bei forscher Kurvenfahrt spurtreu dem vorgegebenen Kurs, stemmt sich auf trockener Straße nahezu unbeeindruckt gegen die Fliehkräfte, ganz ohne Reifenwinseln oder ESP-Aktionismus – der ausgewogenen Gewichtsbalance (49:51) sei Dank. Ausgangs der Kehren lässt der GT ganz locker die Muskeln spielen: 740 geschickt auf alle vier Räder verteilte Newtonmeter ermöglichen jene elektro-typische Beschleunigung, die sich zwar in Zahlen darstellen (3,5 s auf 100 km/), aber nur unzureichend beschreiben lässt. Dazu kommt die neongrüne Lenkradtaste zum Einsatz, die das Ansprechen von Antrieb und Lenkung nochmals verschärft. Nichts für das gemütliche Dahingleiten im Stadtverkehr, aber eine eindrucksvolle Demonstration dessen, wie reaktionsschnell das System agieren kann.

Denn immerhin werden im Falle des EV6 GT gut 2,2 Tonnen beschleunigt und verzögert. Stichwort Verzögerung: neben den innenbelüfteten Scheiben (vorn: 380 x 34 mm, hinten: 360 x 20 mm) beherrscht der Kia auch das mehrstufige Rekuperieren mit bis zu 150 kW. Der Fahrer kann per Lenkradpaddel die passende Intensität (vier Stufen inklusive Ein-Pedal-Modus) oder den Automatikmodus wählen. Rekuperation und Hydraulik-Bremsen arbeiten harmonisch und ohne unangenehm spürbare Übergänge zusammen; das Pedalgefühl ist im Gegensatz zu manchem Elektro-Konkurrenten stets gleichbleibend definiert.

Umfrage
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Fazit

Bis zu 424 km Reichweite nach WLTP (546 km im Citymodus) gibt Kia für den EV6 GT an; 70.690 Euro kostet das Vergnügen, den derzeit stärksten Kia fahren zu können. Zum Vergleich: ein Ford Mustang Mach-E GT mit 487 PS liegt bei 77.200 Euro, ein Tesla Model Y Performance (534 PS) kommt auf 63.990 Euro, bleibt aber beim Aufwand für Fahrwerk und Regelelektronik sowie der Differenzierung gegenüber schwächeren Modellen weit hinter dem Kia zurück.