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Alpines Absturz ans Ende des Formel-1-Feldes

Alpine mit Fehlstart in die Formel-1-Saison 2024
Falsch abgebogen

Alpine hat nach der Winterpause einen dramatischen Absturz hingelegt. Das neue Auto ist zu langsam, die ersten Ingenieure verlassen das sinkende Schiff, und die Piloten schieben Frust. Wann ist die Geduld von Renault-Boss Luca de Meo am Ende?

Pierre Gasly - Alpine - GP Bahrain 2024 - Formel 1
Foto: Wilhelm

Bei der Konfrontation mit traumatischen Ereignissen haben Psychologen mehrere Phasen zur erfolgreichen Frustbewältigung definiert. Am Anfang steht immer der Schock, gefolgt von Momenten der Verleugnung und der Wut. Erst mit dem Akzeptieren der Realität kann langsam der Heilungsprozess beginnen. Als sich Esteban Ocon und Pierre Gasly am Mittwoch vor dem ersten Rennen in Bahrain der Presse stellten, stand man im Alpine-Lager noch am Anfang der Verarbeitung.

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Nach dem blassen Auftritt bei den Testfahrten hatten die Medienvertreter einige kritische Fragen parat, von deren Härte die beiden Franzosen sichtlich überrascht wurden. Dass der französische Werksrenner plötzlich das langsamste Auto im Feld sein sollte, passte offenbar weder mit der eigenen Erwartungshaltung noch mit dem Feedback der Ingenieure überein.

Pierre Gasly - Alpine - Formel 1 - Test - Bahrain - 22. Februar 2024
ams

Alpine machte bereits bei den Testfahrten für die F1-Saison 2024 keinen guten Eindruck.

Alpine in der letzten Reihe

Zwei Rennen später dürften Ocon und Alpine mittlerweile in der Realität angekommen sein. Sowohl in Bahrain als auch in Jeddah war jeweils in der ersten Qualifying-Runde Schluss. Auf zwei komplett unterschiedlichen Strecken ging auch anschließend im Rennen nicht viel voran. Während die Konkurrenz über den Winter große Fortschritte erzielen konnte, stagnierte die Entwicklung in Enstone. Der Blick auf die Konstrukteurswertung dürfte auch den ambitionierten Entscheidern im Renault-Hauptquartier in Paris die Augen geöffnet haben. Zwei Rennen, null Punkte. Macht Platz zehn in der Tabelle. Fehlstartiger kann ein Fehlstart nicht sein. So eine Bilanz zum Auftakt gab es zuletzt 2017. Damals hieß das Team noch Renault.

Obwohl die Techniker versuchten, in der Vorbereitung Nebelkerzen zu werfen, ließen sich die größten Schwächen des A524 schon bei den Testfahrten identifizieren. Das Auto generiert zu viel Luftwiderstand und zu wenig Abtrieb. Dementsprechend fand sich der Alpine in den Topspeed-Tabellen immer am hinteren Ende wieder. Trotz der neuen Verlegung des Auspuffs durch das Getriebegehäuse und einer neuen Motor-Software kämpft der Rennwagen immer noch mit einem PS-Defizit im zweistelligen Bereich. "Die fehlende Leistung kostet uns jetzt aber nicht mehr eine halbe Sekunde, sondern nur noch drei Zehntel", hört man aus dem Kreis der Ingenieure.

Esteban Ocon - Alpine - Formel 1 - GP Bahrain 2024
xpb

In Bahrain belegten Pierre Gasly und Esteban Ocon die letzte Startreihe.

Upgrades in Melbourne

Drei Zehntel pro Runde gehen auch auf Kosten des Übergewichts. Das Team gibt selbst zu, dass man aktuell rund zehn Kilogramm über dem erlaubten Limit liegt. Die zusätzlichen Pfunde waren offenbar nötig, um die Crashtest-Auflagen einzuhalten. Im Winter war das neue Modell unerwartet durch die FIA-Prüfung gerasselt. "Auch andere Teams haben nicht gleich im ersten Anlauf bestanden", verteidigt sich Teamchef Bruno Famin. "Kommt man direkt durch, dann bedeutet es, dass man nicht nah genug am Limit operiert."

Spricht man mit den Fahrern, dann ist aber nicht die ineffiziente Aerodynamik, der schwache Motor oder das Übergewicht das Hauptproblem, sondern die schlechte Traktion. Der A524 kommt einfach nicht in Bewegung. Laut Technikdirektor Matt Harman handelt es sich hierbei eher um ein Thema für die Aerodynamiker und nicht für die Fahrwerksingenieure. "Wir haben auf der mechanischen Seite schon die Grundlagen geschaffen. Jetzt geht es darum, mehr Abtrieb auf der Hinterachse zu finden. Das Thema steht ganz oben auf unserer Liste. Wir werden es direkt mit der ersten Upgrade-Welle angehen. Da haben wir bereits ein paar gute Entwicklungen in der Pipeline." Schon in Australien soll nachgerüstet werden, wie man hört.

Harman ist dann allerdings nicht mehr an Bord. Der oberste Ingenieur hatte bereits vor einigen Wochen von sich aus gekündigt, genau wie Aerodynamik-Chef Dirk de Beer. Offenbar ging beiden die Modernisierung der Infrastruktur nicht schnell genug voran. Bevor der eigene Ruf komplett ruiniert ist, suchen sie nun lieber nach neuen Herausforderungen. Nach dem Vorbild von McLaren hat Famin die prominenten Abgänge genutzt, um neue Strukturen im Technikbüro zu schaffen. Mit Joe Burnell (Mechanik), David Wheater (Aerodynamik) und Ciaron Pilbeam (Performance) gibt es jetzt ein Dreigestirn an der Spitze. Die Verteilung der Verantwortung auf mehrere Schultern soll für eine flachere Hierarchie sowie mehr Kreativität und Tempo sorgen.

Alpine A524 - Präsentation - F1-Auto 2024
Alpine

Alpines Technikdirektor Matt Harman hatte vor wenigen Wochen gekündigt und das Team verlassen.

Gasly und Ocon auf der Flucht?

Auch bei den Fahrern macht sich langsam Unmut breit. Sowohl Ocon als auch Gasly sollen bereits bei der Konkurrenz angeklopft haben. Als Mercedes-Junior schielt Ocon offen auf das Silberpfeil-Cockpit von Ferrari-Wechsler Lewis Hamilton. Gasly hofft, dass er nach zwölf Rennen an der Seite von Max Verstappen in der Saison 2019 noch einmal eine zweite Chance bei Red Bull bekommt. Aktuell drängen sich weder Sergio Pérez noch die beiden Toro-Rosso-Piloten auf. Sollte das nicht klappen, ist aber auch ein Wechsel zu einem anderen Mittelfeld-Team nicht ausgeschlossen. Famin sieht die Bedrohungslage offenbar noch nicht als akut an: "Wir haben in der Fahrerfrage keine Eile. Wir würden gerne mit unserem aktuellen Duo verlängern. Sie sind unsere erste Wahl." Sollte aber einer der beiden Franzosen den Absprung schaffen, könnte sich für Mick Schumacher eine Tür vom Alpine-WEC-Programm zurück in die Formel 1 öffnen.

Am Ende dreht Renault-Boss Luca de Meo aber vielleicht auch am ganz großen Rad. Viele befürchten, dass der Automanager seinen Rennstall bei anhaltender Erfolglosigkeit meistbietend verkaufen könnte. Interessenten gibt es genug. Seit letzter Saison befinden sich bereits 24 Prozent der Anteile in der Hand von privaten Investoren. De Meo war in Jeddah vor Ort, um sich selbst ein Bild zu machen. Dabei musste der prominente Boxengast miterleben, wie Gasly als erster und bisher einziger Pilot mit einem Technikproblem ausfiel. Das Getriebe hatte bereits in der Startrunde gestreikt.

Nach außen wurde der Besuch von De Meo als Zeichen der Geschlossenheit verkauft. Doch so langsam dürfte dem Konzernlenker die Geduld ausgehen. Erst letzten Sommer hatte er Alpine-CEO Laurent Rossi und Teamchef Otmar Szafnauer vor die Tür gesetzt, weil sie ihm im Gegensatz zu Famin den Sprung an die Spitze nicht schnell genug versprechen wollten. Nun steht Famin selbst unter Druck. Erst im Winter wurde der Ingenieur vom Interims-Teamchef zur Dauerlösung befördert. Wie wenig das bedeutet, weiß Famin aber selbst: "In der Formel 1 geht alles so schnell. Da ist man eigentlich immer Interims-Teamchef."