Vergessene Rennstrecken - Alter Hockenheimring
Was bleibt noch von den alten Waldgeraden?

Die kilometerlangen Waldgeraden charakterisierten zu ihrer Zeit die Grand-Prix-Rennen des Hockenheimrings – bis zum Rückbau im Jahr 2002. Was bleibt von 36 Jahren Motorsportgeschichte heute noch übrig? Wir begeben uns auf Spurensuche.

Die alte weiße Streckenmarkierung der ehemaligen Ostkurve am Hockenheimring.
Foto: Carina Mollner

Die Hockenheimer protestieren. Sie wehren sich Mitte der 60er-Jahre gegen den Rückbau ihrer heimischen Rennstrecke, die dem Bau der Autobahn A6 weichen soll. Die neue Schnellstraße durchschneidet die bisherige Motorradrennstrecke, die in ihrer Beschaffenheit einem breiteren Waldweg ähnelt.

Ernst Christ, der Urvater des Hockenheimrings (damals Kurpfalzring), wollte seinen 1932 verwirklichten Traum von einer Rennstrecke im Heimatort nicht aufgeben. So entwickelte man die aus den USA von Indianapolis inspirierte Motorsport-Arena: das Motodrom. Einerseits entsteht ein stadionähnliches Ambiente, andererseits rasen die Fahrer auf den langen Geraden ungebremst durch den Hardtwald. Diese beiden Extreme kennzeichnen die badische Strecke und stehen symbolisch für spannende Duelle und Überholmanöver.

Unsere Highlights

Seit 1970 gastiert die Formel 1 in Hockenheim. Der erste Grand Prix kam allerdings etwas unerwartet: Die Fahrer kritisierten im Vorfeld des Rennens die Sicherheitsstandards am Nürburgring. Der moderne Hockenheimring schien fortschrittlicher, weshalb die Veranstalter den Deutschland GP verlegten. Mehr als 100.000 Zuschauer verfolgten den Zweikampf zwischen Jochen Rindt im Lotus und Jacky Ickx im Ferrari, den der junge Österreicher für sich entschied und so wichtige Punkte für seinen späteren WM-Titel einfuhr.

Spurensuche auf dem Hockenheimring

32 Jahre nach diesem wichtigen Sieg für Rindt folgte – ironischerweise wegen Sicherheitsbedenken, die dem Hockenheimring das erste Formel-1-Rennen beschert hatten – der Rückbau des Ostbogens. Ein Schicksal, mit dem viele Rennstrecken kämpften, aber keine traf es so radikal wie diese. Einige Kritiker bezeichneten es als Todesstoß. Was bleibt übrig? Wir begeben uns auf Spurensuche.

Die Erkundungstour auf der ehemals 6,8 Kilometer langen Piste beginnt am Jim Clark Memorial. Hier entsprang die damalige Waldpassage, von der heute kaum noch etwas zu erkennen ist. Die Natur hat in 21 Jahren gute Arbeit geleistet. Der Betrachter blickt hier nicht auf Asphalt, sondern auf eine grüne Wand aus Nadelbäumen. Wer genau hinsieht, bemerkt den Unterschied zwischen alten und jungen Pflanzen und kann die Schneise noch erahnen, in der die Rennwagen einst entlang donnerten. Zum Glück gibt es heute die Option, sich mit dem Smartphone-GPS zu orientieren.

 Jim Clark Memorial am Hockenheimring.
Carina Mollner

Die alte Strecke

Ein Weg neben besagter Schneise führt tiefer in den Wald hinein, fast parallel zur ehemaligen Geraden. Nach einigen Hundert Metern knickt der Pfad nach links ab. Wer weiter exakt an der Strecke entlang möchte, muss sich durchs Unterholz wühlen. Wo einst Senna und Prost oder Schumacher und Häkkinen Zweikämpfe ausfochten, fahren heute die Kinder der Anwohner Sprintrennen mit ihren kleinen Puky-Fahrrädern.

Der Waldweg kreuzt nach etwa 20 Gehminuten den Hardtbach, der hinter einem Wall leise vor sich hin plätschert. Folgen wir also dem Wasser in Richtung Jim-Clark-Schikane (zuvor Bremsschikane 1) tiefer in den Wald hinein. Wir stoßen auf eine Sandbank, die ebenfalls vollständig renaturiert wurde. Die zahlreichen Fuß- und Pfotenabdrücke anstelle von Bremsspuren auf Asphalt zeugen von regem Freizeitbetrieb der Hockenheimer Einwohner.

Folgt man weiter dem Verlauf in Richtung Ostkurve, gelangt man zu der Stelle, die noch immer eine rätselhafte und zugleich unheimliche Atmosphäre verströmt. Unscheinbar, zwischen zwei Bäumen, liegt ein Stein auf dem Boden mit einer Inschrift, die erschaudern lässt: zur ewigen Erinnerung an Jimmy Clark, gestorben am 7. April 1968, und zwar genau hier.

Der Gedenkstein an den Unfall von Jim Clark.
Carina Mollner

Jim Clarks Unfallstelle

Es passierte ausgerechnet bei einem Lauf der Formel 2, auf einer Strecke, die er selbst als "stupid" bezeichnete. Bei dem Unfall an einem grauen Frühlingstag gab es nur zwei Streckenposten als Augenzeugen. Die Ursache ist bis heute ungeklärt.

Viele Theorien wurden diskutiert, keine mit einem Beweis untermauert. Ein Aufhängungsbruch, Zündaussetzer, ein Lenkungsdefekt, Aquaplaning, ein Ausweichmanöver? Es gibt wenig Für und viel Wider. Von allen Annahmen ist die des Reifenschadens rechts hinten wohl die wahrscheinlichste.

Auf Höhe der Unfallstelle wurden anschließend Bäume abgeholzt, die Sicherheitsstreifen am Streckenrand verbreitert und der ganze Kurs mit Zäunen und Leitplanken ausgestattet.

Jim Clark blieb aber nicht der einzige tote Automobilrennfahrer: 1972 verunglückte Bert Hawthorne, acht Jahre später Markus Höttinger, beide bei Rennen der Formel-2-EM. Patrick Depailler starb 1980 bei einem privaten Formel-1-Test in einem Alfa Romeo 179. Trotz der Dramen wurde die Streckenvariante weiter genutzt, auf der wir uns nun unweigerlich der Ostkurve nähern.

Die alte weiße Streckenmarkierung der ehemaligen Ostkurve am Hockenheimring.
Carina Mollner

Letzte Überreste der alten Strecke

Dort finden wir nach mehr als einer Stunde Suche einen Hinweis. Ein dezenter weißer Strich führt aus einem Gebüsch mitten über die wie aus dem Nichts erscheinende Fahrbahn. Er deutet auf den Verlauf der einstigen Ostkurve hin. Außerdem verweisen Farbspuren am Rand der Straße auf die einstige Streckenbegrenzung.

Die unterschiedlich grobe Körnung des Asphalts zeigt, wo die alte Strecke verlief und was neu gebaut wurde. Ein letzter Rest Urgestein. Beinahe unbedeutend in dieser Patchwork-Straße, die von Zone-30-Verkehrsschildern gesäumt ist und geradewegs auf die heutige Spitzkehre des Hockenheimrings führt.

Das ist alles Physische, was von den fesselnden Überholmanövern der 1980er-Jahre-Rennen, egal ob Motorrad, Tourenwagen oder Formel 1, übrig geblieben ist. Ein letzter Blick zurück: In der Erinnerung leben die spannenden Jahre des Motorsports weiter.

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