Der Fall Andretti: 7 Fragen und Antworten
Droht der Formel 1 ein Rechtsstreit?

Die FIA hat der F1-Bewerbung von Michael Andretti ihren Segen erteilt. Jetzt sind das Management der Formel 1 und Liberty Media am Zug. Was könnte passieren? Sieben Fragen und Antworten zum Fall Andretti.

Cadillac F1 Concept 2023 - Sean Bull Design
Foto: Sean Bull Design

Was bedeutet das grüne Licht der FIA?

Am 2. Februar hatte die FIA offiziell das Bewerbungsverfahren für mögliche neue Formel-1-Teams initiiert. Aus mehreren Kandidaten – offenbar sieben Stück – kristallisierten sich vier potenzielle Einsteiger heraus. Nur ein Bewerber übersprang schließlich sämtliche Hürden der Motorsport-Weltbehörde: Am 2. Oktober, also acht Monate nach Start des Verfahrens, gab die FIA Andretti Formula Racing LLC grünes Licht.

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Das amerikanische Team, angeführt von Michael Andretti, hat alle Punkte des Prüfverfahrens zufriedenstellend beantwortet und nachgewiesen, den angepeilten Eintritt in die Königsklasse auf einem soliden Fundament aufzubauen. Die FIA sieht in Andretti einen sportlich geeigneten Kandidaten, um ein Formel-1-Projekt sportlich, technisch und finanziell auf gesunde Beine zu stellen.

Sprich: Andretti hat aus Sicht der FIA ausreichend finanzielle Mittel, die passende Infrastruktur und das Personal, um in der Formel 1 konkurrenzfähig teilnehmen zu können. Wichtig in diesem Zusammenhang: Auch bei den Themen Nachhaltigkeit und sozialer Fußabdruck stellen die FIA-Prüfer Andretti ein gutes Zeugnis aus. Die Formel 1 hat sich bekanntlich vorgenommen, ab 2030 ein CO₂-neutraler Sport zu sein, und allgemein diverser zu werden.

"Mit dieser Entscheidung handelt die FIA im Einklang mit den EU-Richtlinien über die Teilnahme und Entwicklung des Motorsports", führt FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem aus. Im Zuge der Andretti-Kandidatur war eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2000 in Erinnerung gekommen, die untersagt, "einem Bewerber die Teilnahme ohne nachvollziehbare Gründe zu verweigern". Ob sie tatsächlich zur Anwendung käme, müssten Juristen klären.

Der Zuspruch der FIA, das durch ein elftes Team selbst mehr in der Kasse hat (Einschreibegebühr), verleiht Andretti jedenfalls die Sicherheit, den Weltverband auf seiner Seite zu haben. Die Behörde traut es den Amerikanern zu, ihr Projekt hauptsächlich aus den USA aufzuziehen, was nicht wenige im Fahrerlager für den falschen Weg halten. Der Ball liegt nun beim Formel-1-Management, das in Phase 3 eine kommerzielle Bewertung der Andretti-Bewerbung vornimmt.

Was ist der nächste Schritt?

Das Formel-1-Management klopft den Antrag auf kommerzielle Faktoren ab. Dabei wollen sich die Verantwortlichen die Meinung aller Stakeholder – also auch der Teams – einholen. Die haben sich mehrheitlich öffentlich gegen Andretti ausgesprochen. Mit Ausnahme von Alpine-Renault, das dem US-Projekt die Antriebseinheiten stellen und technische Hilfe leisten würde. McLaren nahm bisher eine eher neutrale Position in der Debatte ein.

Die Rechteinhaber verfolgen ihre Prüfung mit der übergeordneten Frage: Was kann Andretti als elftes Team beitragen, um den Sport noch größer und populärer zu machen? Wie würde sich also ein Einstieg auf die Wertsteigerung der Formel 1 im Allgemeinen auswirken? Zieht ein elftes Team neue Sponsoren an? Können neue Märkte und Einnahmequellen erschlossen werden? Kann die Formel 1 ihren Umsatz steigern? Vergrößert die Formel 1 mit Andretti ihre Fangemeinde?

Eine schnelle Entscheidung ist nicht zu erwarten – jedenfalls nicht mehr in diesem Jahr. Das F1-Management wird genauso gründlich wie die FIA vorgehen. Da gehen schnell mal ein paar Monate ins Land. Monate der Ungewissheit für den Bewerber, der lieber gestern als heute Planungssicherheit will. Andretti bleibt nichts anderes übrig, als in der Unsicherheit sein Projekt voranzutreiben.

Wann will Andretti in die Formel 1?

Der Zeitplan des Neulings ist äußerst sportlich. Michael Andretti will mit seinem Team bereits 2025 in der Formel 1 antreten. Das heißt, die US-Amerikaner haben gerade einmal noch 18 Monate Vorbereitungszeit. Der frühe Einstieg hat nicht nur damit zu tun, dass Andretti heiß auf die Champions League des Motorsports ist.

Bis Ende 2025 läuft noch der aktuelle Rahmenvertrag der Formel 1. Das sogenannte "Concorde Agreement" regelt die (finanziellen) Beziehungen zwischen den Rechteinhabern von Liberty Media, der FIA und den zehn bestehenden Teams. Die letzten hatten es im August 2020 unterschrieben. Es trat 2021 für fünf Saisons in Kraft.

Mohammed bin Sulayem - FIA - Stefano Domenicali - Formel 1
Wilhelm

FIA-Präsident Ben Sulayem will Andretti haben. F1-Chef Stefano Domenicali ist zurückhaltend.

Was kostet der Einstieg?

Erstmals nahmen die Parteien eine Anti-Verwässerungsklausel ("Anti-Dilution Fee") in den Vertrag auf. An ihr haftet das Preisschild für den Einstieg in die Königsklasse. Wer rein möchte, muss erst einmal 200 Millionen US-Dollar entrichten, die zu gleichen Teilen an die zehn Teams verteilt werden.

Andretti ist bereit, diese Summe zu bezahlen. Die aktuellen Teams jedoch betrachten den Einstiegspreis als zu niedrig. Sie wollen mehr. Im Raum stehen 600 Millionen US-Dollar – oder noch mehr. Weil die Formel 1 seit der Unterschrift unter das letzte Concorde Agreement abgehoben ist. Der Boom ist in der Anti-Dilution Fee noch nicht eingepreist. Ein höherer Betrag lässt sich erst im Concorde Agreement ab 2026 verankern, das gerade parallel verhandelt wird. Auch hier wird erwartet, dass frühestens im kommenden Jahr ein Neuabschluss erfolgt.

Klar, dass Andretti noch unter den alten Regeln kommen möchte. Weil man bis einschließlich 2025 eben weniger bezahlt, und das Geld natürlich lieber in den Aufbau der eigenen Infrastruktur steckt. Vor diesem Hintergrund nimmt man es in Kauf, noch für das letzte Jahr des aktuellen Reglementzyklus' ein Auto zu bauen, und für 2026 dann wieder ein völlig anderes.

Ein letztes Wort zur Anti-Dilution-Fee: Hier stellt sich für manche Experten die Frage, ob sie wettbewerbsrechtlich überhaupt zulässig ist, sollte es mal einen Kläger geben.

Wieso blockiert(e) das Formel-1-Management?

Das sportliche Regelwerk der Formel 1 erlaubt in Artikel 8.6 die Teilnahme von maximal 26 Autos an einem Wettbewerb. Pro Team sind zwei Rennwagen gestattet. In der Theorie könnte die Formel 1 also noch drei weitere Rennställe aufnehmen. Das F1-Management will aber nicht mal Andretti.

F1-Chef Stefano Domenicali hatte sich im Sommer im Podcast "Beyond the grid" wie folgt zur Debatte um Neueinsteiger geäußert: "Wenn der Wettbewerb wächst – was wir heute sehen können – denke ich, dass zehn Teams mehr als genug sind, um die Show oder das Geschäft und die Aufmerksamkeit zu schaffen, die wir auf der Rennstrecke sehen wollen." Qualität statt Quantität …

Im Hauptquartier der Formel 1 in London stieß besonders Andrettis anfängliches Vorgehen sauer auf. Michael Andretti hatte lautstark und öffentlichkeitswirksam für sein Projekt geworben. Und der Formel 1 und ihren Teams auch mal vorgeworfen, gierig zu sein. Es gehe nur ums Geld und nicht um den Wettbewerb.

Inzwischen wird Politik fast nur noch im Hintergrund betrieben. Dem F1-Management ist sicher nicht entgangen, dass sich die Mehrheit der Fans in den sozialen Netzwerken hinter Andretti stellt. Dass einige mit dem Kopf schütteln, wie die Formel 1 ein solches Team mit großer Historie (im US-Sport) und einem bekannten Namen im Motorsport, sowie General Motors als Partner ablehnen könnte.

Doch nur Insider kennen alle Details zum Warum und zur Einstellung des Formel-1-Managements. Und diese Details müssen in den kommenden Monaten auf den Tisch kommen. Das F1-Management sollte bei einem möglichen Nein unmissverständlich klarmachen, warum man Andretti ablehnt. Für den Hinterkopf sollte man wissen: Zwischen F1 und FIA ist seit Antritt von Ben Sulayem im Dezember 2021 ein Machtkampf entbrannt: Wer regiert den Sport? FOM oder FIA? Dort steckt Andretti jetzt gewissermaßen zwischen den Fronten.

Start - Formel 1 - GP Japan 2023
Motorsport Images

Andretti will ab 2025 als elftes Team in der Formel 1 am Start stehen.

Haben die Teams ein Vetorecht?

Nein, haben sie nicht. Die Entscheidung treffen die FIA und das Formel-1-Management/die Rechteinhaber (Liberty Media). Sie müssen sich einig werden. Die Teams haben in diesem Fall kein Mitspracherecht. Doch wie bereits beschrieben, werden sie von Stefano Domenicali zumindest angehört.

Im Prinzip haben die Rennställe keine neutrale Meinung. Andretti wäre für sie ein zusätzlicher Konkurrent um Positionen auf der Rennstrecke, Preisgeld und Sponsoren. Die 20 Millionen aus der Anti-Verwässerungsklausel erachten sie nicht als ausreichend, um über viele Jahre Einnahmeverluste zu kompensieren. Das könnten sie als Anlass nehmen, die Formel 1 bei den Verhandlungen zum neuen Concorde Agreement "auszuquetschen" und das verlorene Geld dort rauszuschlagen. Was natürlich Liberty Media nicht gefiele, weil für den US-Konzern dann weniger übrig bliebe.

Baut GM einen eigenen Motor?

Ein Argument gegen Andretti lag anfangs darin, dass das Team zwar mit General Motors (Cadillac) einen namhaften Hersteller an Bord habe, die Technik aber bei Renault einkaufe. Oder anders: Cadillac stehe drauf, stecke jedoch nicht drin. Wobei es sich also um eine Mogelpackung handele.

Für Andretti ist es allerdings der notwendige Schritt, um überhaupt in der Formel 1 Fuß zu fassen. Gleichzeitig erspart man es seinem Partner, innerhalb von zwei Jahren zwei völlig unterschiedliche Antriebe zu bauen.

In einem zweiten Schritt will der US-Autobauer GM dann aber eine eigene Antriebseinheit konstruieren – heißt es. Ab 2026 gilt in der Formel 1 eine neue Motorenformel. Verbrenner und Elektromotor werden gleichgestellt.

Die Zeit zur Entwicklung reicht für General Motors allerdings nicht. Branchenkenner sprechen davon, dass eine eigene Power Unit unter den neuen Regularien frühestens 2027 bereit wäre. Und auch das ist bereits knapp kalkuliert. In der Pressemitteilung der FIA zum grünen Licht für Andretti wird GM übrigens gar nicht erwähnt.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines Rechtsstreits?

Zumindest ist es nicht abwegig, dass es zu einem Rechtsstreit kommt. Sofern das Formel-1-Management Andretti ablehnt. Dann könnte das US-Team bei Gericht versuchen, sich in die Königsklasse zu klagen. Schließlich hat Andretti schon viel Zeit, Geld und Ressourcen in den Einstieg investiert. Und den Segen der FIA erhalten. Fest steht: Ein Rechtsstreit wäre für das Image der Formel 1 nicht gut.