Rennanalyse GP Australien 2024
Ferrari-Party auch ohne Red-Bull-Hilfe?

GP Australien 2024

Mit einem Sieg von Carlos Sainz hätte vor dem Melbourne-Wochenende sicher niemand gerechnet. Aber hätte der Spanier auch ohne den Defekt bei Max Verstappen gewonnen? In der Rennanalyse klären wir die wichtigsten Fragen.

Carlos Sainz - GP Australien 2024
Foto: Motorsport Images

Hätte Verstappen ohne Defekt gewonnen?

Als neutraler Fan wusste man nach dem Australien-Grand-Prix nicht, ob man sich freuen oder ärgern sollte. Was Spannung und Abwechslung angeht, war der Ausfall von Max Verstappen sicher gut. Doch Red Bull schien auch ohne den frühen Bremsdefekt verwundbar. Und Carlos Sainz präsentierte sich 16 Tage nach seiner Blinddarm-Operation von Jeddah in absoluter Bestform. Die Zuschauer wurden möglicherweise um ein heißes Duell gebracht.

Unsere Highlights

Sergio Perez fehlten im Ziel 56 Sekunden auf das Siegerauto. Allerdings muss man hier anfügen, dass der Mexikaner im letzten Renndrittel an Performance verlor, weil sich ein Abreißvisier von Fernando Alonso in den Unterbodenkanälen verklemmt hatte. Helmut Marko glaubt, dass Verstappen die Ferrari zumindest hätte herausfordern können.

Doch die Probleme der Dauersieger waren nicht zu übersehen. Starkes Graining an der Vorderachse bremste beide Red Bull. Die Fahrer klagten immer wieder über Untersteuern. Verstappen verlor im Freitags-Longrun acht Zehntel pro Runde auf Leclerc und sechs Zehntel auf Norris. Die Ingenieure bauten über Nacht das Setup um. Ohne Erfolg. Auch der Longrun im dritten Training versprach keine Besserung.

"Wir haben uns die Reifen von Max danach angeschaut, und sie sahen ziemlich kaputt aus", verrät McLaren-Teamchef Andrea Stella. Immerhin reichte es, um im Qualifying die Pole Position einzufahren. Doch im Rennen hätten Verstappen wohl die gleichen Probleme wie Perez eingeholt, wenn vielleicht auch etwas abgeschwächt.

Dieser Typ Rennstrecke in Verbindung mit Pirellis weichen Reifenmischungen ist aus Sicht von Red Bull der schlimmstmögliche Cocktail. Im Albert Park werden die Vorderreifen härter belastet als die Hinterreifen. Der glatte Asphalt fördert das Graining. Ferrari und McLaren kamen damit besser klar. Ein ähnlicher Charakter machte Red Bull schon letztes Jahr in Las Vegas das Leben schwer.

"Dieses Rennen hat gezeigt, wie wichtig es ist, ein sauberes Wochenende zu haben", erklärte Ferrari-Teamchef Frederic Vasseur. Red Bull hatte es diesmal nicht. Die Gegner schon. "Wenn man in der Lage ist, Red Bull unter Druck zu setzen, dann kann man sie auch in Fehler hetzen."

Alonso vs. Russell - GP Australien 2024
Motorsport Images

Nach Ansicht der Rennleitung verteidigte sich Alonso mit unfairen Mitteln gegen Russell und provozierte so den Crash des Mercedes.

Warum kassierte Alonso eine Strafe?

In der allerletzten Runde spielte sich noch ein kleines Drama ab. Im Duell gegen Alonso verlor George Russell in Kurve 6 bei 250 km/h das Auto und krachte gegen die Bande. Der Mercedes wurde ausgehebelt und kam quer zur Strecke zum Stillstand. Russell berichtete noch am Funk, dass Alonso ungewöhnlich früh verzögert, das Tempo dann wieder angezogen hatte, nur um kurz vor dem Scheitelpunkt noch einmal vom Gas zu gehen. Alonso behauptete, er wollte Kurve 6 anders anfahren, um die perfekte Beschleunigung in die lange Gegengerade sicherzustellen.

Die Telemetriedaten zeigten, dass Alonso ungefähr 100 Meter früher als sonst vom Gas gegangen war. Er hätte sogar leicht gebremst, was aber kaum zur Verzögerung beitrug. Eher schon, dass er einmal mehr runtergeschaltet hat als üblich. Er legte dann gleich wieder einen höheren Gang ein, nur um kurz vor dem Scheitelpunkt noch einmal zu lupfen. Alonso begründete das damit, dass er ein bisschen zu viel vom Gas gegangen sei und das wieder korrigieren musste.

Die Sportkommissare interessierten sich wenig für die Ausführungen des Spaniers. Für sie stand fest, dass besagtes Manöver zu einem ungewöhnlich schnellen Aufschließen von Russell führte. Sie erkannten ein unberechenbares und potenziell gefährlich Fahrverhalten, das sie mit einer 20-Sekunden-Strafe sanktionierten. Diese warf Alonso von Platz sechs auf acht zurück.

Bei Aston Martin war man über das Urteil nicht glücklich. Man erinnerte daran, dass Max Verstappen 2021 in Jeddah für einen echten Bremstest nur eine Strafe von zehn Sekunden kassierte. Der Holländer habe damals mit einer Kraft von 69 Kilogramm in das Bremspedal getreten. Bei Alonso lag der Wert unter zehn Kilogramm. Alonso-Freund Pedro de la Rosa glaubt, dass die Schiedsrichter ihre Kompetenz überschritten haben: "Sie können den Fahrern nicht vorschreiben, wie sie zu fahren haben. Fernando hat nur seine Position verteidigt, und das gehört zum Repertoire eines Rennfahrers."

Lando Norris - McLaren - Formel 1 - GP Australien 2024
Motorsport Images

Mit einer aggressiven Strategie für Oscar Piastri provozierte McLaren aus Versehen den erfolgreichen Undercut von Charles Leclerc gegen Lando Norris.

Hat Norris Platz zwei verschenkt?

Obwohl Lando Norris auf Rang drei das erste McLaren-Podium der Saison einfuhr, zeigte sich der Brite im Ziel nicht ganz happy. Der Youngster mäkelte an der Taktik herum. "Wir haben heute unnötig einen zweiten Platz verschenkt. Wäre Charles (Leclerc) beim ersten Stopp nicht durch den Undercut vorbeigekommen, hätte ich ihn schlagen können. Wir waren von der Pace sehr ähnlich unterwegs."

Teamchef Stella wagte es nicht, seinem Piloten zu widersprechen. Allerdings wollte der Italiener den Strategen auch keinen Vorwurf machen: "Das war noch so früh im Rennen. Keiner wusste, wie sich die harten Reifen verhalten würden, die im Training keiner gefahren ist. Wir wollten mit Lando kein unnötiges Risiko eingehen. Bei einem Rennen mit einem hohen Reifenverschleiß holt man sich die Position normalerweise am Ende wieder. Dass es uns nicht gelungen ist, lag vor allem daran, dass der Ferrari heute das schnellere Auto war. Der Unterschied war aber nicht groß."

McLaren hatte Norris selbst in die Defensive gebracht, weil man Oscar Piastri schon in Runde neun zum Reifenwechsel beorderte und damit Leclerc mitzog. "Wir haben mit Oscar die aggressive Strategie gewählt, um an Leclerc vorbeizukommen. Aber Ferrari hat wohl unseren Funk abgehört und ihren Fahrer gleichzeitig reingeholt." Dadurch gingen beide Piloten an Norris vorbei. Teamintern stellte man die alte Reihenfolge durch einen angeordneten Platztausch wieder her. "Lando wäre auch auf natürlichem Weg an Oscar vorbeigekommen", stellte Stella klar. "Das hätte nur etwas mehr Zeit gekostet."

Toro Rosso - Formel 1 - GP Australien 2024
Red Bull

Toro Rosso feierte den achten Platz von Yuki Tsunoda wie einen Sieg. Am Ende wurde es dank der Alonso-Strafe sogar Platz sieben.

Wer gewann den Kampf in der Formel 1B?

In den ersten beiden Rennen ließen die fünf Topteams nur ein Pünktchen für das hintere Mittelfeld übrig. In Australien lag durch die Ausfälle von Max Verstappen, Lewis Hamilton und George Russell deutlich mehr Zählbares auf dem Tisch. Nach einem tollen Qualifying hatte Yuki Tsunoda von Startplatz acht die beste Ausgangslage. Und der Japaner setzte es auch fehlerfrei im Rennen um und musste im Dauerlauf nur die beiden Aston Martin ziehen lassen.

Tsunoda gelang es relativ mühelos, die beiden Haas hinter sich zu halten, obwohl Nico Hülkenberg mit einem zeitsparenden Boxenstopp in der VSC-Phase viel Boden gutmachte. Der Rheinländer kam dem Toro Rosso zwischenzeitlich gefährlich nahe, doch im Ziel fehlten fast neun Sekunden. Der große Abstand war für Haas etwas ärgerlich, weil Alonso nach seiner Strafe genau in die Lücke fiel, wodurch nur Tsunoda profitierte und eine Position aufrückte.

Teamchef Ayao Komatsu war trotzdem zufrieden. "Wir haben uns am Wochenende nur auf die Rennpace konzentriert. Dadurch haben wir vielleicht im Qualifying ein paar Plätze verschenkt, aber am Sonntag konnten wir Albon und die beiden Alpine hinter uns lassen." Der Japaner ärgerte sich nur über die Strategie: "Bei Kevin (Magnussen) hat das Timing beim ersten Stopp nicht gestimmt. Dadurch ist er kurzzeitig hinter Albon und Ocon zurückgefallen und hat viel Zeit verloren."

Guanyu Zhou - Sauber - Formel 1 - GP Australien 2024
xpb

Bei Bottas gingen 29 Sekunden verloren, bei Zhou 19 Sekunden. Die verzögerten Boxenstopps hatten unterschiedliche Ursachen.

Was ging bei Sauber schief?

Laut Sauber-Chefingenieur Xevi Pujolar konnte Valtteri Bottas das Tempo der anderen Mittelefeldteams mitgehen. Doch Sauber verlor mögliche WM-Punkte schon beim ersten Boxenstopp. Wieder einmal verkantete sich am Rad vorne links die Mutter auf der Nabe. Das gleiche Problem war schon bei den ersten beiden Rennen aufgetreten. Dieses Mal kostete es Bottas rund 29 Sekunden.

Die Mechaniker wurden vor dem Rennen angewiesen, die Schlagschrauber etwas vorsichtiger aufzusetzen. Damit konnte man das Malheur aber offenbar auch nicht verhindern. "Die Mechaniker trifft keine Schuld. Es ist ein Hardware-Problem", betonte Pujolar. "Leider ist es nicht so einfach, die notwendigen Teile zu produzieren. Eine hundertprozentige Lösung werden wir leider auch in Suzuka noch nicht zur Verfügung haben."

Zu allem Überfluss flog beim Bottas-Stopp auch noch eine Radmutter weg und sprang gefährlich durch die Boxengasse. Die FIA verdonnerte Sauber deshalb zu einer Geldbuße in Höhe von 5.000 Euro. Also Guanyu Zhou bei seinem zweiten Stopp ebenfalls länger vor der Garage parkte, glaubten viele, dass es sich wieder um das gleiche Problem handele. Doch den Chinesen stoppten Getriebeprobleme. "Das Auto ist plötzlich in den Anti-Stall-Modus gegangen", verrät Pujolar. "Dadurch konnte Zhou nicht anfahren." Der Chinese verlor 19 Sekunden.