Warum musste George Russell nochmal in die Box?
Mercedes opfert Russell

GP Imola 2024

Mercedes fuhr mit 15 WM-Punkten nach Hause. Es hätte einer weniger sein können, hätte man nicht George Russell geopfert. Nur er bot sich für einen zweiten Boxenstopp, frische Reifen und den Extra-Punkt für die schnellste Runde an.

George Russell - Mercedes - GP Emilia-Romagna 2024 - Imola - Formel 1 - Qualifying - 18. Mai 2024
Foto: xpb

Imola war wieder ein Einstopp-Rennen. Auch mit den drei weichste Gummimischungen, die Pirelli im Angebot hatte. Die 548 Meter lange Boxengasse, bei der man für jeden Reifenwechsel mit 27 Sekunden Zeitverlust bezahlt und das Überholproblem verbieten jeden überflüssigen Boxenstopp.

Überholen wurde in diesem Jahr noch schwieriger gemacht. Die FIA hatte die DRS-Zone im Vergleich zu 2022 um 100 Meter verkürzt. Grundlage für die Neuberechnung war der Sprint vor zwei Jahren, bei dem es ungewöhnlich viele Überholmanöver gab. Das Bild aber wurde verfälscht, weil Carlos Sainz und Sergio Perez mit schnellen Autos von weiter hinten starten mussten. Die 17 Positionswechsel im 2022er-Rennen wurden durch das Wetter begünstigt. Erst war die Strecke nass, dann trocken.

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Nach Aussage der Mercedes-Strategen würde man die 63 Runden von Imola aber auch dann mit nur einem Boxenstopp über die Bühne bringen, wenn man ganz alleine unterwegs wäre. Die harten Reifen kamen schnell auf Temperatur und standen vom Verschleiß her eine Renndistanz durch. Das einzige, was gegen einen zu frühen Boxenstopp sprach, war der Gripverlust, der sich spätestens nach 40 Runden einstellte.

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Mercedes holte George Russell sechs Runden früher an die Box als Lewis Hamilton.

Extra-Punkt ohne Opfer

Trotz der eindeutigen Parameter zählte Mercedes zu den wenigen Teams, die absichtlich ein Auto zweimal stoppen ließen. Der WM-Vierte taktierte gegen den Trend, weil sich die Möglichkeit bot, den Extra-Punkt für die schnellste Runde abzustauben, ohne dafür ein Opfer zu bringen. Das aber ging nur mit George Russell. Nur er hatte das Boxenstopp-Fenster zu Sergio Perez. Und bei ihm drohten die Reifen am Ende der Distanz einzubrechen.

In der 51. Runde drehten die Mercedes-Piloten im Abstand von 4,1 Sekunden auf den Plätzen sechs und sieben ihre Runden. Russell hatte zu dem Zeitpunkt einen Vorsprung von 30,5 Sekunden vor Perez. Bei Lewis Hamilton betrug das Polster nur 26,4 Sekunden, und war somit zu riskant für einen Extra-Stopp. Perez war auf Medium-Reifen schneller unterwegs als die beiden Silberpfeile.

Der Mexikaner stellte just in der Runde, in der Mercedes Russell für den Extra-Punkt an die Box holte, mit 1.19,686 Minuten die bis dahin schnellste Runde auf. Russell unterbot sie zwei Runden später auf angefahrenen Medium-Gummis locker um über eine Sekunde. Der Coup kostete den Engländer einen Platz gegen Hamilton und zwei WM-Zähler, doch er brachte dem Team einen Punkt extra.

George Russell - Mercedes - GP Emilia-Romagna 2024 - Imola - Formel 1 - Rennen - 19. Mai 2024
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George Russell musste in der 51. Runde zum zweiten Mal an die Box.

Hamiltons erster Stint sechs Runden länger

Russell war im Ziel etwas verstimmt. Nicht wegen des Schachzugs, der aus Sicht der Konstrukteurs-WM Sinn machte. Er hatte das Gefühl, dass ihn seine Strategen beim ersten Reifenwechsel zu früh an die Box geholt hatten, wofür er später bezahlte. Hamilton blieb sechs Runden länger auf der Strecke. Der Kommandostand verteidigte das Timing: "George hat zu viel Zeit verloren. Er fiel immer weiter hinter Sainz. Seine Medium-Reifen hatten zu stark gelitten."

Russell begann ab der 48. Runde für den frühen Boxenstopp zu bezahlen. Er rutschte mit seinen Rundenzeiten über die 1.21er-Marke und war zu dem Zeitpunkt im Schnitt vier Zehntel langsamer als sein Teamkollege. Mercedes hatte mit dem zweiten Reifenwechsel nicht nur die schnellste Runde im Sinn. Teamchef Toto Wolff erklärte: "Vor dem zweiten Stopp von George zeigten unsere Verschleißprognosen, dass es für ihn schwierig werden könnte, mit den harten Reifen bis zum Ende des Rennens durchzuhalten."

Oscar Piastri - McLaren - GP Emilia-Romagna - Formel 1 - Imola - Training 1 - 17. Mai 2024
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Lewis Hamilton bekam in Imola den sechsten Platz von seinem Team geschenkt.

Kettenreaktion nach Russell-Stopp

Russells Stopp in der 21. Runde löste eine Kettenreaktion aus, die dazu führte, dass alle in den Top Ten früher von Medium-Reifen auf harte Sohlen wechselte als geplant. Lando Norris machte schon in der 22. Runde den Anfang. Max Verstappen zog zwei, Charles Leclerc drei Runden später nach. Der Undercut brachte Norris 1,2 Sekunden.

Dass die harten Reifen bei dem Miami-Sieger 41 Runden lang Grip lieferten, zeigt, wie gut der McLaren im Reifenmanagement geworden ist. Bei Ferrari ließen die Reifen zehn Runden früher nach. "Wir konnten im Gegensatz zu Norris nie frei fahren. Charles hat immer die schlechte Luft abbekommen", verteidigte Ferrari-Teamchef Frédéric Vasseur seinen Piloten.

Im Mittelfeld wurden die Fahrer noch früher an die Box gerufen. Daniel Ricciardo machte in der elften Runde den Anfang. Das zog zuerst Yuki Tsunoda und dann Nico Hülkenberg mit. "Wir hätten nicht auf die Toro Rosso reagieren sollen", meinte Hülkenberg im Rückblick.

Das kostete trotzdem die Position an Tsunoda, und es führte auch dazu, dass dem Haas-Piloten am Ende die Reifen ausgingen. Bis ins Ziel verlor er noch 7,4 Sekunden auf den Japaner. Bis zum Boxenstopp kontrollierte Hülkenberg die beiden Toro Rosso in seinem Windschatten. Im zweiten Teil des Rennens musste der Deutsche mehr im Verkehr fahren als sein Gegner. Darunter litten die Reifen.

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