Katar-Hitzeschlacht hat Folgen
FIA kündigt Untersuchung an

GP Katar 2023

Der Grand Prix von Katar war eine Qual für die Fahrer. Das extreme Wetter trieb sie an ihre Grenzen. Manche sogar darüber hinaus. Die FIA äußert sich besorgt und leitet eine Untersuchung ein, um eine Wiederholung auszuschließen. Ein Ex-Rennfahrer sieht die Sache ganz anders.

Max Verstappen - Red Bull - GP Katar 2023
Foto: Red Bull

Selten hat man gut austrainierte Formel-1-Rennfahrer so ausgelaugt gesehen wie nach dem Rennen in Katar. Sieger Max Verstappen setzte sich vor der Podiumszeremonie nicht auf den Stuhl, sondern auf den Fußboden, um besser Luft holen zu können. "Es war viel zu heiß, um zu fahren", stöhnte der Weltmeister später in die Mikrofone. Der Zweitplatzierte Oscar Piastri legte sich gleich auf den Boden, um wieder zu Kräften zu bekommen.

Lance Stroll quälte sich nassgeschwitzt wie ein Häufchen Elend aus seinem Aston Martin. Und begab sich direkt zum Krankenwagen nebenan, bevor auch noch seine Mechaniker mit Eis herbeieilten. Seine Kollegen Alexander Albon und Esteban Ocon hievten sich ebenfalls mit letzter Kraft aus ihren Autos. Piloten, die sonst wie Maschinen wirken, schienen dem Kollaps nah.

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Oscar Piastri - GP Katar 2023
Motorsport Images

Die Fahrer waren nach dem GP Katar völlig platt.

Grenzwertiges Katar-Wochenende

Diese Bilder gingen nach dem GP Katar um die Welt und verbreiteten sich in den Sozialen Netzwerken. Die Reaktion: überwiegend Bestürzung. Einen Tag nach dem Grand Prix reagierte die FIA auf die Tortur in der Wüste. In einem Statement stellte der Motorsport-Weltverband "mit Besorgnis fest, dass die extremen Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit während des Formel-1-Rennens in Katar Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Fahrer hatten".

Und schob direkt hinterher: "Auch wenn es sich um Spitzensportler handelt, sollte von ihnen nicht erwartet werden, dass sie unter Bedingungen antreten, die ihre Gesundheit oder Sicherheit gefährden könnten." Das Rennwochenende in Katar war aus verschiedenen Gesichtspunkten grenzwertig. Wegen des Sprint-Formats und am Rennsonntag wegen der klimatischen Verhältnisse.

Der umgestellte Zeitplan führte dazu, dass Fahrer und Teams kaum Vorbereitungszeit hatten. Es gab nur ein einziges Training, und das fand auch noch am Nachmittag unter der Sonneneinstrahlung und mit viel Sand auf der Strecke statt, die in den Monaten davor komplett neu asphaltiert worden war. Keine repräsentativen Verhältnisse für die entscheidenden Sessions (Qualifikation, Sprint und Rennen), die allesamt am Abend unter Flutlicht ausgetragen wurden.

Piloten fast Schwarz vor Augen

Am Sonntag wurde das Limit aus Sicht der Fahrer überschritten. Da braute sich etwas zusammen, dass fast nicht auszuhalten war. Der vormals böige Wind flaute ab. Die Außentemperatur betrug rund 32 Grad Celsius. In den Cockpits kletterte die Temperatur auf über 50 Grad. Da wird das Trinkwasser im Auto zu einem Tee aufgekocht. Kein Wind, keine echte Abkühlung, 75 Prozent Luftfeuchtigkeit, kein Flüssigkeitsnachschub. Die Piloten dehydrierten wie in einer Sauna. Das Visier zu öffnen, half auch nur bedingt, weil einem da eher Sand entgegenblies als Luft.

Schwüles Klima, und ein Layout der Rennstrecke, das die Aufgabe erschwerte. Es gibt auf dem Losail International Circuit nur eine lange Gerade mit mehr als einem Kilometer. Ansonsten lenken sich die Fahrer fast permanent durch 16 Kurven – mit Fliehkräften von bis zu 4,5g. Um es anders zu umschreiben: Sie wurden wie in einem Ofen gegrillt. Verstärkt durch den Umstand, dass die FIA aus Sorge um die Reifen ein Rundenlimit vorschrieb. Das schützte die Pirellis auf den mörderischen Randsteinen, kam als Bumerang jedoch auf die Fahrer zurück. Es machte das Reifenmanagement überflüssig. So schrubbten die Fahrer nach Abzug des frühen Safety Cars im Prinzip 54 Runden im Qualifikationsmodus ab. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Esteban Ocon übergab sich in seinen Helm. Logan Sargeant, den bereits unter der Woche Grippe-ähnliche Symptome plagten, gab auf. Lance Stroll stand kurz vor dem Verlust des Bewusstseins. Onboard-Aufnahmen zeigen, dass der Kanadier auf Start-Ziel kaum seinen Kopf gerade halten kann. Anderen wurde es fast Schwarz vor Augen. George Russell erklärte, dass er gute Lust hatte, bereits nach zwölf Runden aus seinem Mercedes auszusteigen.

Und tat später seine Meinung kund. "Es lag über der akzeptablen Grenze. Mehr als die Hälfe der Fahrer fühlte sich nach dem Rennen schlecht, konnte nicht mehr richtig fahren oder waren der Ohnmacht nahe. Du willst nicht am Steuer ohnmächtig werden, wenn du mit 200 Meilen die Stunde fährst."

Esteban Ocon - Formel 1 - GP Katar 2023
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Nur eine lange Gerade und dafür 16 Kurven: In Katar können die Piloten kaum durchatmen.

Norris: "zu gefährlich"

Ähnlich drückte sich der Drittplatzierte Lando Norris aus. "Es ist nie eine schöne Situation, wenn Menschen im Medizin-Zentrum landen oder ohnmächtig werden. Es ist klar, dass es zu viel ist, wenn Fahrer sich gezwungen sehen, aufzugeben oder in einem so schlechten Zustand zu Ende zu fahren. Es ist zu gefährlich."

Der Aufschrei ist bei der FIA angekommen, die eine Untersuchung verfügt: "Der sichere Betrieb der Autos liegt zu jeder Zeit in der Verantwortung der Wettbewerber, doch wie bei anderen sicherheitsrelevanten Angelegenheiten wie der Streckeninfrastruktur und den Sicherheitsanforderungen an die Autos wird die FIA alle angemessenen Maßnahmen ergreifen, um akzeptable Parameter für die Durchführung von Wettbewerben festzulegen und zu kommunizieren. Daher hat die FIA mit einer Analyse der Situation in Katar begonnen, um Empfehlungen für zukünftige Situationen mit extremen Wetterbedingungen zu geben."

Dabei will sich der Weltverband nicht damit begnügen, dass die Situation im nächsten Jahr automatisch entschärft werden könnte. Der GP Katar findet 2024 fast zwei Monate später statt als diese Saison – das Rennen steigt am 1. Dezember. "Die Temperaturen werden dann voraussichtlich niedriger sein. Wir ziehen es jedoch vor, bereits jetzt Maßnahmen zu ergreifen, um eine Wiederholung dieses Szenarios zu vermeiden."

Martin Brundle - F1 - Formel 1
xpb

Martin Brundle findet, dass Rennen wie Katar zeigen, was Formel-1-Fahrer überhaupt leisten.

Zündstoff zwischen FIA und F1

In dem Statement der FIA heißt es weiter: "Auf der kommenden Sitzung der medizinischen Kommission in Paris werden wir eine Reihe von Maßnahmen erörtern. Zu den Maßnahmen gehören unter anderem Leitlinien für die Teilnehmer, die Erforschung von Modifikationen für eine effizientere Luftzirkulation im Cockpit und Empfehlungen für Änderungen des Kalenders zur Anpassung an akzeptable klimatische Bedingungen."

Der letzte Halbsatz birgt Konfliktpotenzial. Der Rennkalender ist Sache des Formel-1-Managements und nicht der FIA. In diesem Zusammenhang sollen Aussagen von FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem nicht unerwähnt bleiben, der gegenüber "Reuters" meinte, die Formel 1 brauche mehr Teams und weniger Rennen. In Anspielung an die ablehnende Haltung des F1-Managements gegenüber den Einstiegsplänen von Andretti und der ständigen Expansion des Rennkalenders.

Zurück zur eingeleiteten Untersuchung nach dem Katar-Grand-Prix. Die FIA will mit breitem Blick bessere Lösungen finden. "Forschungsergebnisse aus anderen Rennserien, zum Beispiel von Cross-Country-Rennen in extremen Klimazonen, werden auf ihre Anwendbarkeit auf Rundstreckenrennen geprüft. Die Verpflichtung der FIA zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen für Technik, Sicherheit und Medizin unter der Leitung des FIA-Präsidenten wird diesen Prozess erleichtern."

Brundle sieht es anders

Während die heutigen Fahrer klagen und die FIA zu ihrem Wohlbefinden handeln will, vertritt ein Ex-Rennfahrer eine andere Meinung. Martin Brundle, 158-facher GP Teilnehmer und TV-Experte, kann die Aufregung offenbar nicht verstehen. "Es sind Rennen wie Katar und sehr verregnete Tage, die Formel-1-Fahrer zu den Helden und Athleten machen, die sie sind", befindet Brundle auf Twitter (X).

"Ich kaufe nicht das aus meiner Sicht schwache Argument ab, dass wir den Fahrern diese Art von Herausforderung nicht zumuten sollten. Schauen Sie sich Senna in Brasilien an, Stewart auf dem verregneten Nürburgring, Lauda nach seinem Unfall …" Dabei bezieht sich Brundle auf Fälle aus der Vergangenheit.

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