Trainingsanalyse GP Monaco 2024
Leclerc in der Favoritenrolle

GP Monaco 2024

Charles Leclerc machte von der ersten Runde an klar, wer Herr im Haus ist. Doch das haben wir auch in Imola erlebt, und dann stürzte Ferrari doch noch ab. Ferrari rechnet damit, dass Red Bull am Samstag wieder der Hauptgegner wird.

Charles Leclerc - Formel 1 - GP Monaco - 24. Mai 2024
Foto: Wilhelm

Der erste Trainingstag erinnerte an Imola. Charles Leclerc dominierte, und Red Bull steckte in Schwierigkeiten. Max Verstappen und Sergio Perez klagten über Autos, die auf Bodenwellen zu stark Bodenhaftung verloren. Trotzdem sieht Red Bull-Sportchef Helmut Marko Licht am Ende des Tunnels: "Wir haben heute den Motor nicht voll aufgedreht, die anderen schon. Und wir haben uns vom ersten zum zweiten Training verbessert. Das ist uns in Imola erst am Samstag gelungen."

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Mit Leclerc musste man rechnen. Der Ferrari ist auf Straßenkursen immer stark, und der Monegasse nutzt seinen Heimvorteil. Überraschender waren schon die zwei Fahrer auf den Plätzen dahinter. Lewis Hamilton fuhr auf einem weiter verbesserten Mercedes die zweitschnellste Runde. Und Fernando Alonso erinnerte mit Rang 3 an seine Beinahe-Pole Position im letzten Jahr.

Longruns in Monaco nicht so entscheidend

Die größte Aussagekraft im zweiten Training haben in Monte Carlo ausnahmsweise nicht die Longruns, sondern die erste Runde auf den weichen Reifen. Nach 21 Minuten eröffnete Alexander Albon die erste Generalprobe für die Qualifikation. Die Rennsimulationen danach dienen lediglich dazu herauszufinden, wie lange die beiden weicheren Pirelli-Reifen halten und ab wann sie zu Körnen beginnen. Das ist ein wichtiger Hinweis dafür, wie lange man den einzigen Boxenstopp herauszögern kann.

Hier glänzte Red Bull mit Sergio Perez. "Doch für einen guten Rennspeed können wir uns nichts kaufen, wenn wir beim Start Vierter sind", bedauert Marko. Umgekehrt sind bei Mercedes die Sorgen nicht so groß wie sie nach den Longrun-Ergebnissen eigentlich sein müssten. "Bei uns sind die Vorderreifen zu schnell eingebrochen. Das müssen wir korrigieren", forderte Teamchef Toto Wolff.

George Russell - Mercedes - GP Monaco - Monte Carlo - Formel 1 - 24. Mai 2024
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Bei Mercedes lief es überraschenderweise besser als von vielen erwartet.

Wegen des starken Verkehrs auf der Strecke sind die Durchschnittszeiten der Rennsimulationen wenig aussagekräftig. Die Graphen der Rundenzeiten sehen aus wie die Ausschläge nach einem Erdbeben. Deshalb haben wir diesmal auf eine vollständige Auflistung der Longrun-Zeiten verzichtet. Zur besseren Einordnung hier die sechs wichtigsten: Sergio Perez 1.16,534 min (6 Runden), Charles Leclerc 1.16,598 min (8), Lando Norris 1.16,700 min (10), Max Verstappen 1.16,793 min (6), Fernando Alonso 1.17,104 min (10).

Sechs Dinge, die Sie wissen müssen:

1) Wer schlägt Leclerc?

Charles Leclerc dominierte beiden Trainingssitzungen. Die erste unsichtbar mit Medium-Reifen, die zweite mit einer Bestzeit. Der Mann aus Monte Carlo hätte sie zwei Mal unterbieten können, lief aber einmal in den Verkehr und warf eine Verbesserung beim zweiten Mal durch einen Fehler in Loews weg. Lewis Hamilton kam dem Ferrari-Piloten noch bis auf 0,188 Sekunden nahe, allerdings zehn Minuten später im Training auf einer Strecke mit mehr Grip. Teamkollege Carlos Sainz kam böse unter die Räder. Dem Spanier fehlten sieben Zehntel. Der Melbourne-Sieger sucht noch nach dem in Monte Carlo so wichtigen Vertrauen in sein Auto.

Im ersten Training fuhr Leclerc zwar nur die fünftschnellste Zeit, doch er beschränkte sich auf die Medium-Reifen, die dem Soft-Gummi auf eine Rund um eine halbe Sekunde unterlegen waren. Deshalb waren seine zwei Zehntel Rückstand auf Hamiltons schnellste Runde mit Soft-Reifen eigentlich ein heimlicher Sieg. Leclerc schüttelt seine Verfolger allesamt in den letzten drei Kurven ab. Da haben ihm die neuen Reifen im Vergleich zu den gebrauchten von Hamilton und Norris sicher geholfen.

Charles Leclerc - Ferrari - GP Monaco - Monte Carlo - Formel 1 - 24. Mai 2024
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Charles Leclerc geht ins Heimrennen als Favorit.

2) Wo hakt es schon wieder bei Red Bull ?

Der erste Trainingstag fühlte sich für Red Bull wie eine Wiederholung von Imola an. Nur mit anderen Problemen. Die Red Bull springen wie Kängurus über die Bodenwellen und Randsteine. Beide Fahrer klagen über Gripverlust an der Vorderachse. Max Verstappen verlor eine halbe Sekunde auf die Bestzeit, Sergio Perez sieben Zehntel. Der Mexikaner klagte: "Das Auto schüttelt so stark, dass ich in Kurve 3 die Straße nicht sehe." Verstappen ergänzte: "Und ich kriege Kopfweh." Bei einem Leitplanken-Kuss links hinten in der Portier-Kurve blieb das Auto erstaunlicherweise heil.

Red Bull-Sportchef Helmut Marko analysierte nüchtern: "Favorit ist ganz klar Leclerc. Und auch die Mercedes schauen schnell aus." Trotzdem sieht der Grazer nicht so schwarz wie in Imola am ersten Trainingstag. Die Ingenieure konnten das Auto vom ersten bis zum zweiten Training verbessern, und im Gegensatz zu Imola hatte Red Bull mit Perez im Dauerlauf die Nase vorne. Der Grund dafür liegt für Marko auf der Hand: "Bei der Rennsimulation hast du mehr Gewicht an Bord. Das beruhigt das Auto." Und noch etwas spricht dafür, dass Red Bull am Samstag im Kampf um die Pole Position wieder mitspielt: "Wir haben den Motor noch nicht aufgedreht, die anderen schon." Über Nacht ist Feintuning angesagt: "Wir müssen etwas weicher gehen, ohne dabei die Aerodynamik zu verlieren."

3) Ist das die Auferstehung von Mercedes ?

Bestzeit im ersten Training, Zweiter im zweiten. Und das auf gebrauchten Soft-Reifen. Lewis Hamilton drehte seine schnellste Runde allerdings zehn Minuten nach Leclerc, was einem Vorteil von drei bis vier Zehntel entspricht. Mercedes feierte eine Art Auferstehung. "Das war der beste Trainingstag, den wir in diesem Jahr hatten, und das Auto fühlt sich deutlich besser an als die Autos der letzten beiden Jahre", jubelte der dreifache Monaco-Sieger Hamilton.

Der Mercedes W15 wurde nicht nur wie die Konkurrenz mit neuem Heckflügel und Beam Wing aufgerüstet. Der Frontflügel bekam auf der Innenseite größere Flaps, die das Ausbalancieren mit dem neuen Heckflügel erleichtern. Und der Unterboden wurde modifiziert. Mehr Volumen im vorderen Bereich bringt mehr Anpressdruck.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Monaco - Monte Carlo - Formel 1 - 24. Mai 2024
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Lewis Hamilton fühlte sich wohl im W15.

Von dem neuen Frontflügel gibt es nur ein Exemplar. George Russell stellte sich als Testpilot zur Verfügung. Er setzte den neuen Flügel nur im ersten Training ein. Im zweiten Teil kam zu Vergleichszwecken das ältere Exemplar zum Einsatz. Der Vergleich fiel ins Wasser, weil sich bei Russell beim Bremsen Vibrationen an der Lenkung einstellten. Das Problem konnte nicht gelöst werden. Das Team will sich erst am Samstag entscheiden, welcher Flügeltyp final ans Auto kommt.

Toto Wolff erklärt den durchweg erfreulichen Trainingstag nicht nur mit den neuen Teilen. "Wir haben es vom Setup her geschafft, dass die Vorderachse gut Grip hat ohne dass die Hinterreifen überhitzen. Das schafft bei den Fahrern Vertrauen." Vielleicht hat man etwas zu viel Gewicht auf die Vorderachse gelegt. Im Longrun gingen am Mercedes die Vorderreifen früher in die Knie als bei den Mitbewerbern. Schon nach fünf Runden stellte sich Körnen ein. Das wird allerdings bis Sonntag mit mehr Gummi auf der Bahn zu einem immer kleineren Problem.

4) Wieso ist Aston Martin so schnell ?

Aus den letzten beiden Rennen in Miami und Imola hatte Aston Martin vier Punkte geholt. Trotz großem Upgrade in Imola, das B-Version Dimensionen hatte. In Monte Carlo tauchten die grünen Autos wie Phoenix aus der Asche auf den vorderen Plätzen auf. Fernando Alonso erinnerte mit dem 3. Platz an seine Galavorstellung vom letzten Jahr, und Lance Stroll lag als Sieber komfortabel in den Top Ten.

Die Aston Martin wichen in zwei Details von der Imola-Spezifikation ab. Wie bei allen anderen Autos im Feld wurde ein spezieller Monaco-Flügel für maximalen Abtrieb ins Heck geschraubt. Vorne dagegen kam wieder die alte Nase und der alte Frontflügel zum Einsatz. Von der neuen Version, die in Imola debütierte, gibt es noch kein Modell für den Abtrieb, den man bräuchte, um zu dem neuen Heckflügel eine Balance zu finden.

Aston Martin profitierte davon, dass die Vorderachse gut zubeißt und das Heck trotzdem auf der Straße klebt. Dazu kommt, dass mehr als auf jeder anderen Strecke vom Auto mechanische Qualitäten verlangt werden. Die Aerodynamik spielt nicht die Rolle wie anderswo.

Fernando Alonso - Aston Martin - GP Monaco - Monte Carlo - Formel 1 - 24. Mai 2024
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Fernando Alonso glänzte schon 2023 in Monaco mit Platz zwei.

5) Hat McLaren sein Pulver verschossen ?

McLaren hielt sich am Freitag zurück. Dabei verfehlte Oscar Piastri im ersten Training die Bestzeit von Hamilton nur um 29 Tausendstel. Doch da war der Australier auf Soft-Reifen unterwegs. Leclerc drehte zur gleichen Zeit auf den Medium-Gummis Rundenzeiten, die nur um zwei Zehntel langsamer waren.

In den späten Nachmittagstunden splittete McLaren das Programm. Lando Norris rückte auf seinen alten Soft-Reifen aus der ersten Sitzung aus und blieb als Sechster sechs Zehntel über der Bestzeit. Oscar Piastri verharrte das ganze zweite Training auf Medium-Reifen. McLaren wollte nur jeweils einen Satz der weichen Reifen aufbrauchen. Norris sah noch einen Berg Arbeit vor sich: "Die Abstände sind zwar unheimlich eng, aber es sieht so aus, als lägen ein oder zwei Teams ein bisschen vor uns."

Oscar Piastri - Formel 1 - GP Monaco - 24. Mai 2024
Wilhelm

Bei McLaren ist man nicht ganz so zuversichtlich nach dem Freitag.

6) Wer ist der König im Mittelfeld ?

Der schnellste Fahrer aus der zweiten Tabellenhälfte war Alexander Albon auf Rang 9. Der Williams-Pilot setzte früh seine Zeit von 1.12,257 Minuten. Er warnte aber auch: "Wir haben noch zu viel Körnen an den Vorderreifen. Wie im letzten Jahr." Das Bild ist aber nicht komplett, weil die Toro Rosso-Piloten den ganzen Nachmittag auf Medium-Gummis verbrachten. In der ersten Trainingssitzung landete Yuki Tsunoda und Daniel Ricciardo auf Soft-Reifen in den Top Ten.

Von Haas F1 muss noch mehr kommen. Auf Albon fehlten Kevin Magnussen und Nico Hülkenberg zwei respektive drei Zehntel. "Das Auto ist gut ausbalanciert. Wir brauchen noch etwas mehr Grip. Also müssen wir uns für Samstag noch etwas einfallen lassen und mehr aus unseren Autos rausquetschen. Es fehlt ja nicht viel", erzählte Hülkenberg. Der Fahrspaß war trotzdem da. "Mit diesen Autos fühlt sich Monte Carlo superschnell an."

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