Formel-1-Weltmeister Max Verstappen im Interview
Welche Fahrer würde Teamchef Max holen?

Max Verstappen spricht im Interview mit auto motor und sport über seine dritte WM-Saison, den Rekordjäger RB19, das komplizierte Reifenmanagement – und er verrät, wen Teamchef Verstappen verpflichten würde.

Max Verstappen - Red Bull - Formel-1-Saison 2023
Foto: Red Bull
Sie haben im letzten Jahr 15 Rennen gewonnen. Die Basis war damit eine gute. Doch es bestanden Einschränkungen bei der Entwicklung durch die Budget-Cap-Strafe. Trotzdem ist der Red Bull noch besser geworden. Wie sehr haben Ihre Ingenieure Sie mit dem dominanten RB19 überrascht?

Verstappen: Es ist immer eine Unbekannte, wie sehr du dich über den Winter tatsächlich verbesserst. Und wie sehr die anderen. Wir wussten also bis Bahrain nicht, wie gut unser Auto tatsächlich sein würde. Mit dem, was wir über den Winter angestellt hatten, bestand gute Hoffnung, dass wir ein gutes Auto haben. Die Fahrzeugbalance stimmte direkt. Das ist immer wichtig, um schnell sein zu können.

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Hat Red Bull einen großen Schritt gemacht? Oder sind die anderen unter den Erwartungen geblieben?

Verstappen: Die anderen haben vielleicht keinen so wirklich großen Schritt gemacht. Denn wir selbst haben uns verbessert, zur damaligen Zeit aber nicht massiv. Da war natürlich dieser kleine Eingriff am Unterboden, den die Regeln vorschrieben. Das hat die Autos Performance gekostet. Andere hatten damit mehr zu kämpfen.

Max Verstappen - Red Bull - GP Singapur 2023
Wilhelm

Red Bull stolperte nur in Singapur. Es war die einzige Saisonniederlage für das Weltmeister-Team der Formel 1.

Als wir an gleicher Stelle im letzten Jahr zusammensaßen, hatten Sie sich für 2023 etwas mehr Fahrkomfort gewünscht. Ist dieser mit dem RB19 besser geworden? Oder ist es mit diesen Autos unmöglich, mehr Komfort zu erreichen?

Verstappen: Man muss diese Autos tief und steif fahren. Für uns ist dieses Thema noch nicht abgeschlossen. Auf Stadtkursen ist klar ersichtlich, dass wir in dieser Beziehung nicht so toll aufgestellt sind. Wir arbeiten daran.

Das Problem sind die Randsteine und Bodenwellen.

Verstappen: Es ist kein echtes Problem. Aber wir können in dieser Beziehung einfach besser werden. Dasselbe gilt für das Verhalten in langsamen Kurven. Das eine hängt mit dem anderen zusammen.

Was stört Sie speziell?

Verstappen: Es ist das Fahrverhalten. Dass unser Auto die Bodenwellen nicht so absorbiert wie andere. In langsamen Kurven ist unser Auto einfach nicht so dominant wie an anderen Stellen. In schnellen Kurven zum Beispiel ist es sehr gut.

Was sind weitere Stärken?

Verstappen: Wir sind konstant gut unterwegs. Andere Autos haben vielleicht ihre Performance-Spitzen. Zum Beispiel sind sie gut auf Stadtkursen, schwächeln dafür aber in schnellen Kurven. Oder umgekehrt. Unser Auto ist im Durchschnitt einfach sehr ausgeglichen und sehr gut. Ich würde nicht sagen, dass wir in Highspeed-Passagen deutlich besser sind als andere. McLaren ist dort auch sehr gut. Wir sind nicht viel besser in mittelschnellen Kurven. Aber unser Auto ist ein Allrounder. Das zählt. Und es sieht ganz danach aus, dass wir im Rennen ziemlich gut sind, und mit unseren Reifen haushalten.

Max Verstappen - Red Bull - GP Abu Dhabi 2023 - Rennen
xpb

König Max, der Dritte: Nie marschierte ein Fahrer überlegener zum Titel als Verstappen.

Der Red Bull nutzt die Reifen am wenigsten ab. Wie viel Anteil hat das Auto, wie viel Sie selbst als Fahrer?

Verstappen: Du brauchst in jedem Fall ein Auto, das pfleglich mit den Reifen umgeht. Andernfalls bist du verloren. Sie sehen es an Haas. Ich denke nicht, dass Nico und Kevin Idioten sind. Wenn das Auto die Reifen überlastet, kannst du nicht viel machen. Zu allererst brauchst du das Fundament – und das ist das Auto. Als Fahrer kannst du eine oder zwei Zehntelsekunden pro Runde finden, indem du besser auf die Reifen achtest.

Sie standen zwölf Mal in dieser Saison auf Pole Position. Auf eine Runde aber sind Ihre Gegner meist nah dran oder können Sie sogar schlagen – ganz anders als im Rennen. Charles Leclerc und Lando Norris sagen oft, dass frische Reifen die Defizite ihrer Autos kaschieren. Warum profitiert der Red Bull von neuen Reifen nicht in diesem Ausmaß?

Verstappen: Sicher maskieren neue Reifen einiges. Man kann ein Auto für eine Quali-Runde auch ganz anders abstimmen als für den Longrun. Vielleicht liegt darin auch ein Trick, warum wir dort so gut abschneiden. Gerade anfangs des Rennens mit vollen Tanks ist der Arbeitsbereich des Autos in der Aero Map nämlich sehr unterschiedlich zur Quali. Manche wählen da einen sehr aggressiven Weg. Unser Auto dagegen ist wie gesagt sehr vielseitig, hat dafür über eine Runde auch nicht diese Ausschläge nach oben.

Schauen wir uns den teaminternen Vergleich an. Nach vier Rennen hatten Sie und Sergio Perez je zwei Rennen gewonnen. Es war ausgeglichen. Ab Miami sind Sie abgehoben. Wieso?

Verstappen: Sie müssen das ganze Bild zeichnen. Ich musste in Saudi-Arabien vom 15. Platz starten. Ich wurde in Baku ein wenig vom Safety Car benachteiligt. Es ist aus meiner Sicht also nicht ganz fair, von ausgeglichenen zu sprechen. Weil es so aus meiner Sicht nicht war. Es war enger, aber man muss alle Umstände in Betracht ziehen, die dazu führten. Das verfälschte den Eindruck teilweise.

In Baku haben Sie etwas gefunden, das Ihnen gerade im Rennen half. Was?

Verstappen: Es sind verschiedene Einstellungen, die zusammenfinden müssen. Ein paar Sachen, die man über das Lenkrad verstellen kann: Bremsbalance, Differential, Motorbremse. Die neuen Reifen funktionieren auch etwas anders. Mit diesen Werkzeugen umzugehen, sie ein wenig anders zu mischen, schien mir zu helfen, mehr aus dem Auto herauszuholen.

Max Verstappen - Red Bull - GP Mexiko 2023
Motorsport Images

19:2 - Verstappen ließ Teamkollege Perez nur in den ersten Rennen vom Erfolgskuchen naschen.

Es gibt zwei Perspektiven: Die einen sagen, Sie gewinnen nur so oft, weil Ihr Auto haushoch überlegen ist. Die anderen meinen, Perez sei die wahre Referenz, wie gut der Red Bull ist. Und Sie machen den Unterschied. Was denken Sie?

Verstappen: Mich interessieren die Meinungen der anderen nicht. Sie kennen unser Auto nicht. Ich versuche einfach, das bestmögliche herauszuholen. Und das jedes Mal. Ich weiß nicht, wie dominant dieses Auto im Vergleich zu früheren Autos ist. Das weiß keiner.

Oft wird vorgehalten, dass die Red-Bull-Ingenieure das Auto nach Ihren Bedürfnissen entwickeln.

Verstappen: Ich stimme das Auto so ab, wie es mir gefällt. Und der andere Fahrer so, wie es ihm taugt. Die Ingenieure entwickeln das Auto so, dass es schneller wird. Und nicht, wie ich es gerne hätte. Das ist dasselbe mit dem Fahrstil. Was ist dein Fahrstil? Ich weiß es nicht. Ich passe mich an die Bedürfnisse des Autos an, damit es das Schnellste ist. Das ist der Schlüssel dazu, ein wirklich guter Formel-1-Fahrer zu sein. Sich an das anzupassen, was man vom Team bekommt.

Mit den alten Autos 2021 hieß es, dass man die Kurven stärker "abkürzen" könne. Die Groundeffect-Autos verlangen dagegen einen runderen Fahrstil. Wirklich?

Verstappen: Die Autos sind schwerer und haben bei niedrigen Geschwindigkeiten weniger Abtrieb. Die Räder sind größer, die Sicht ist etwas anders. Aber selbst von 2019 auf 2020 und von 2020 auf 2021 veränderte sich das Auto sehr. Du passt dich ständig an. Natürlich sind die Autos jetzt steifer, und man kann die Kurven nicht mehr so schneiden, wie Sie sagen. Aber das trifft alle.

Wir sehen mit Groundeffect-Autos größere Unterschiede zwischen den Teamkollegen. Sind Sie komplizierter zu fahren?

Verstappen: Mir hat es mehr Spaß gemacht, die alten Autos zu fahren. Sie waren agiler, weil sie etwas leichter waren. Ich denke auch, dass die neuen Reifen eine steifere Seitenwand haben. Wenn man einen kleinen Moment hat, ist es schwerer, diesen kleinen Slide kontrolliert fortzusetzen. Und dabei nicht zu viel Zeit liegenzulassen. Wenn du jetzt einen Quersteher drin hast, verlierst du ziemlich viel. Plus: Das Gewicht drückt in langsamen Kurven. Alles in allem ist es etwas härter geworden, die perfekte Runde hinzubekommen.

Max Verstappen & Lando Norris - Formel 1 - GP Brasilien 2023
xpb

Von McLaren-Pilot Lando Norris hat der Weltmeister eine sehr hohe Meinung.

Wer wäre als Teamkollege die härteste Nuss?

Verstappen: Aus dem aktuellen Fahrerfeld? Ich weiß es nicht. Jeder ist in verschiedenen Autos unterschiedlich gut. Ich finde es schwer, einen auszuwählen, weil es derzeit so viele gute Rennfahrer gibt.

Dann stelle ich die Frage anders. Wen würde Teamchef Verstappen nehmen?

Verstappen: Darf ich mich selbst wählen?

Dürfen Sie.

Verstappen: Dann mich selbst. Und dazu würde ich Lando nehmen.

Warum?

Verstappen: Er ist noch jung, mit einer langen Karriere vor sich. Und er kann auch sehr, sehr schnell sein.

Und ohne sich selbst – wer wäre der zweite Fahrer? Ein erfahrener Pilot für die Mischung?

Verstappen: Ich würde Lando und Oscar nehmen. Also die McLaren-Paarung. Beide sind gut. Lando ist nur ein bisschen älter als Oscar. Ich denke, Oscar ist ein schneller Rookie. Er hat noch Dinge zu lernen, kann sich etwa bei der Rennpace verbessern. Aber von dem, was ich sehe, ist er ein schlauer Kerl. Er wird seine Rennen gewinnen.

Ist es Ihnen an der Spitze manchmal langweilig?

Verstappen: Ich fühle mich nicht gelangweilt. Selbst wenn man weit vorne liegt, passieren immer Sachen, die man von außen gar nicht sieht. Du bist immer dabei, Feintuning zu betreiben. Oder Neues herauszufinden. Du kommunizierst ständig mit dem Team. Es ist also nicht langweilig. Nicht, wenn du vorne liegst. Vielleicht wird es etwas langweilig, wenn man auf Platz sechs steckt und nach vorn, wie hinten eine große Lücke hat. Nicht aber, wenn du dich auf Podestplätzen befindest.

Hilft es auch, Ihren Renningenieur zu fordern?

Verstappen: Das ist unsere natürliche Beziehung. Das machen wir nicht mit Absicht, sondern so sind wir einfach. Es ist unsere Art, miteinander zu kommunizieren.

Anderes Thema: Der FIA-Präsident meint, die Formel 1 sollte weniger Rennen und mehr Teams haben. Wie ist Ihre Meinung?

Verstappen: Definitiv weniger Rennen. Für mich haben wir zu viele. Aber wir sind nicht diejenigen, die es entscheiden. Auch nicht die FIA. Ich würde aber immer dafür plädieren: weniger Rennen, dafür mehr Qualität. Und die Teams? Nur, wenn sie von guter Qualität sind, und nicht nur das Feld auffüllen.

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Brasilien 2023 - Sprint
xpb

Verstappen gewann in diesem Jahr vier der sechs Sprintrennen.

Sie sind einer der schärfsten Kritiker von Sprintrennen. Sehen Sie aber auch den Punkt der Formel 1, sie zu veranstalten, um mehr Geld einzutreiben, was wiederum auch den Teams zugute kommt?

Verstappen: Ja. Ich habe immer gesagt, dass ich die Geschäftsseite verstehe. Ich schaue darauf aber als purer Racer. Es nimmt etwas von der Magie weg. Als ich als Kind den Fernseher einschaltete, habe ich mich vor Spannung gefragt, was im Rennen passieren wird. Als Fan hast du nicht alle Insider-Informationen zum Reifenabbau oder Ähnlichem. Du siehst einen Red Bull, Mercedes und Ferrari in der Startaufstellung und fragst dich, wie es ausgeht. Ein Sprintrennen lässt dich mehr oder weniger wissen, was am nächsten Tag passiert. Es sei denn, es ergeben sich verrückte Umstände. Zum Beispiel durch einen Wetterumschwung. Normalerweise kannst du die Rennpace nach einem Sprint einschätzen. Ich denke, das nimmt die Spannung weg. Vielleicht ist dann noch der Start spannend.

Das Format ist einfach nicht Ihres...

Verstappen: Das Format ist allgemein ziemlich hektisch. Mich stört es nicht, nur ein Training vor der Qualifikation zu haben. Aber das neue Qualifying für den Sprint? Das gibt mir nicht viel, weil wir doch schon die große Qualifikation gefahren sind. Das ist die wichtige Session. Im Sprint gewinnt der Sieger nur acht Punkte. Die Unterschiede zum Zweiten oder Dritten sind nicht groß. Es macht nicht viel aus.

Würde es Sinn ergeben, zwei verschiedene Parc fermés zu haben? Eines für den Sprint, das andere für das Hauptrennen?

Verstappen: Das ist auch so ein Ding: das Setup. Nach dem ersten Training arretierst du es. Wenn du falsch liegst, bist du in dieser Fahrzeugabstimmung das restliche Wochenende gefangen. Das ist scheiße. Das ist uns letztes Jahr in Brasilien passiert. In diesem Jahr hatten wir ein paar gute Sprint-Wochenenden. Dennoch war ich nicht ganz zufrieden. Mit der Bodenfreiheit in Austin zum Beispiel. Mercedes und Ferrari haben ihre Autos sicherlich nicht mit Absicht zu tief eingestellt. Wenn du aber einmal auf den falschen Weg gerätst, kommst du davon nicht mehr weg. Du kannst nur mit dem Reifendruck reagieren. Und wenn der oben ist, bist du völlig verloren. Das nervt. Wenn Sie weiterhin Sprints haben wollen, müssen sie Änderungen vornehmen aus meiner Sicht.

Getrennte Parc fermés wären also in Ihrem Sinne?

Verstappen: Ja, eines für den Samstag und den Sonntag zum Beispiel.

Und eine Qualifikation für den Sprint mit nur einer Runde?

Verstappen: Das wäre sehr riskant. Ich mag das jetzige Format mit medium-medium-soft schon nicht. Du weißt jetzt schon nicht, was du machen sollst. Nur eine schnelle Runde? Oder schnell, langsam, schnell? Wozu brauchen wir all das seltsame Zeugs? Selbst ich frage mich, welche Regeln jetzt gelten. Ich fühle mich verloren. Es ist wie ein Zirkus.

Anmerkung der Redaktion: Das Interview führten wir am Rande des GP Brasilien 2023.

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Erscheinungsdatum 11.04.2024

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