Alpine überlebt Highspeed-Crash
„Angst vor einem Indy-Unfall“

GP USA 2022

Alpine hat mit dem A522 einen Panzer gebaut. Trotz eines Auffahrunfalls bei 300 km/h mit Flugeinlage und Leitplankenkontakt fuhr Fernando Alonso noch auf den siebten Platz. Er selbst sprach von einer kritischen Situation.

Fernando Alonsio - GP USA 2022
Foto: xpb

Die Bilder waren schon beim Zuschauen furchterregend. Als Fernando Alonso auf der langen Gerade auf den Aston Martin von Lance Stroll auffuhr, hob der Alpine ab wie ein Flugzeug. Rechtzeitig vor der Leitplanke zeigte die Flugkurve wieder nach unten. Während der Aston Martin sich nach dem Mauerkontakt in seine Einzelteile zerlegte, streifte der Alpine nur die Streckenbegrenzung.

Aus der Cockpitperspektive fühlte sich der Auffahrunfall genauso gefährlich an. "Das Auto ist nach links abgebogen, und ich hatte Angst, dass ich zu hoch komme und den Zaun über der Leitplanke treffe. Da hätte das Auto einhaken können und sich mit hohem Tempo 360 Grad herumdrehen können. Es fühlte sich an wie einer dieser Indy-Unfälle im Oval." Zum Beispiel der von Robert Wickens 2018 in Pocono.

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Für jedermann war eigentlich klar. Das Rennen ist für Alonso zu Ende. Das dachte auch der Fahrer selbst. "Als ich an die Box kam, habe ich mich gewundert, dass die Reifen gewechselt wurden und dass man mich weitergeschickt hat. Zuerst dachte ich, das ist ein Test für eine Runde, um Daten zu sammeln. Dann habe ich gemerkt, dass sich das Auto gar nicht so anders anfühlt. Es hat etwas nach links gezogen, doch das hat sich später gelegt."

Lance Stroll - GP USA 2022
Motorsport Images
Der Aston Martin bleibt liegen, der Alpine kann weiterfahren.

Alpine überlebt, andere bleiben liegen

Die Ingenieure konnten anhand der Daten, dem Augenschein beim Boxenstopp und den Aussagen des Fahrers schnell feststellen, dass der Alpine noch fahrtüchtig war. Es ist nicht das erste Mal, dass die blauen Autos größere Kollisionen ohne gravierenden Schaden überleben. "Ob ich hier gegen Stroll oder in Spa gegen Hamilton oder Esteban gegen Tsunoda in Paul Ricard: Es läuft immer so: Wir fahren weiter, und für unsere Gegner ist das Rennen vorbei", amüsierte sich Alonso.

Das größte Manko war noch die Reifenwahl: "Ich hätte lieber den Medium-Reifen gehabt. Der war für uns besser. Aber den musste ich nach dem Unfall gleich wieder abgeben. Die zweite schlechte Nachricht war, dass die harten Reifen 34 Runden halten mussten."

Alonso glaubt nicht, dass er ohne den Zwischenfall viel weiter vorne gelandet wäre. "Von den drei Topteams sind fünf Fahrer ins Ziel gekommen. Damit war der sechste Platz das bestmögliche Resultat. Um den hätte ich auch so mit Norris gekämpft."

Teamchef Otmar Szafnauer ist überzeugt, dass Alonso das Duell unter normalen Umständen gewonnen hätte. "Lando war im Vorteil, weil er frischere Reifen hatte und wir nicht den Medium-Reifen fahren konnten, den wir eigentlich wollten." Alonso führte noch an: "Ich konnte Landos Angriff nicht kontern, weil mir der rechte Spiegel gefehlt hat und er rechts angegriffen hat."

Norris vs. Alonso - McLaren vs. Alpine - GP USA 2022
xpb
Gegen Norris konnte sich Alonso am Ende nicht mehr wehren.

Strafe für Stroll

Nach dem Rennen mussten Alonso und Stroll bei den Sportkommissaren vorsprechen. Alonso plädierte großzügig auf "normaler Rennunfall", was auch damit erklärbar ist, dass Stroll sein künftiger Teamkollege bei Aston Martin sein wird. Und der Vater sein Chef.

"Die Sportdirektoren haben mehr über den Unfall diskutiert als Lance und ich", beschwichtigte Alonso. "Ich wollte links vorbei, und fast gleichzeitig ist auch Lance nach links gezogen. Bei 300 km/h legst du in einer Sekunde so viel Strecke zurück, dass du den anderen schon mal treffen kannst."

Aston-Martin-Teammanager Andy Stevenson erkannte beim Studium der Video-Bilder: "Erst ist Fernando nach links, kurz darauf Lance. Das war vielleicht ein bisschen spät von ihm. Als Fernando das gemerkt hat, hat er wieder einen kleinen Schlenker nach rechts gemacht. Vielleicht auf einer Bodenwelle. Und das war zu viel. Sein Frontflügel hat den Hinterreifen mit der Spitze getroffen, nicht mit der Endplatte. Er war also noch hinter unserem Auto." Trotzdem brummten die Sportkommissare Stroll eine Versetzung um drei Startplätze in Mexiko auf.

Fernando Alonso - GP USA 2022
Motorsport Images
In Runde 42 ging der Außenspiegel fliegen. Das Teil hatte vorher schon gefährlich herumgebaumelt.

Haas-Protest und Einspruch

Das dicke Ende für Alonso kam fünf Stunden nach der Zieldurchfahrt. Die Sportkommissare verpassten ihm nach einem Protest von Haas eine 30-Sekunden-Strafe, weil der rechte Spiegel nach dem Crash mit Stroll halb abgerissen war und 20 Runden lang hin- und herbaumelte, bevor er in Runde 42 ganz davonflog. Der Technische Delegierte Jo Bauer stufte das Auto in dieser Phase als "gefährlich" ein. Außerdem halte er es grundsätzlich für gefährlich, mit nur einem Spiegel zu fahren.

Alpine-Einsatzleiter Alan Permane verteidigte sich damit, dass sich der Spiegel wegen eines Unfalls verabschiedete, den ein anderer Fahrer ausgelöst hatte. Alonso sei danach nur ein Mal im Rennen von einem Fahrzeug verfolgt worden (Norris). In diesem Fall hätte man ihn ständig über Funk über den Abstand in Kenntnis gesetzt.

Die Schiedsrichter ließen sich nicht beeindrucken und sprachen eine Strafe aus, die Alonso acht Plätze und sechs WM-Punkte kostete. Alpine legte umgehend Einspruch gegen den Haas-Protest ein und zweifelt die Zulässigkeit an. Haas reichte seine Klage 24 Minuten nach Ende der Protestfrist ein. Der Fall soll am Donnerstag in Mexiko noch einmal aufgerollt werden. Dazu bestellte die FIA die Verantwortlichen von Alpine und Haas zu einer virtuellen Runde um 18 Uhr Ortszeit ein.

Alonso machte auf Instagram schon mal Politik für ein Erlöschen der Strafe: "Das ist ein wichtiger Tag für den ganzen Sport. Diese Entscheidung wird zeigen, ob wir uns in die richtige Richtung bewegen." Außerdem bedankte sich der Asturier für die Unterstützung der Fans in den sozialen Medien: "Es ist einer dieser seltenen Momente, bei dem ich das Gefühl habe, dass wir bezüglich der Regeln alle der gleichen Meinung sind."