Fernando Alonso hart bestraft
Dürfen die Schiedsrichter da eingreifen?

GP Australien 2024

Fernando Alonso ist sauer. Er wurde bestraft, weil er im Kampf gegen George Russell ungewöhnlich früh vom Gas ging. Für Alonso war es legitimes Manöver der Verteidigung. Haben die Sportkommissare da ihre Kompetenzen überschritten?

Alonso vs. Russell - GP Australien 2024
Foto: Motorsport Images

Carlos Sainz war schon als Sieger über die Ziellinie gefahren, als sich 80 Sekunden hinter ihm ein Drama abspielte, das auch hätte ins Auge gehen können. George Russell hatte im Duell gegen Fernando Alonso in Kurve 6 bei 250 km/h das Auto verloren und war gegen die Bande geprallt, wobei sich sein Mercedes aufstellte und quer zur Strecke zum Stillstand kam.

Für den Engländer war es eine äußerst unbequeme Position. Die Rennleitung versäumte es, sofort die rote Flagge zu zeigen und ließ sich mindestens zehn Sekunden Zeit, die Fahrer auf VSC-Speed einzubremsen. In der Zwischenzeit umschifften Lance Stroll und Yuki Tsunoda das hochkant aufgestellte Mercedes-Wrack noch fast mit Rennspeed.

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Fernando Alonso - Aston Martin - Formel 1 - GP Australien 2024
Motorsport Images

Alonso war nur durch die VSC-Phase nach dem Hamilton-Ausfall vor Russell gerutscht.

Russell kritisiert unberechenbares Manöver

Russell berichtete seinem Team noch am Funk, dass Alonso vor Kurve 6 ungewöhnlich früh verzögert, das Tempo dann wieder angezogen hatte, nur um kurz vor dem Scheitelpunkt noch einmal vom Gas zu gehen. Das schnelle Aufschließen auf den Gegner und das Ausweichmanöver zusammen mit dem Abtriebsverlust warfen den Angreifer aus der Bahn.

Bei den Interviews nach dem Rennen nahm der Mercedes-Pilot Alonso dann aber in Schutz: "Es sah so aus, als hätte Fernando Probleme gehabt. Zwei Runden vor Schluss hat er in Kurve 9 schon einmal ungewöhnlich stark an Geschwindigkeit verloren." Alonso berichtete in einer ersten Befragung von Batterieproblemen. Bei Mercedes nahm man ihm die Ausrede nicht ab. Sie hätte auch nicht Bestand gehabt, weil Mercedes natürlich Zugriff auf die Motordaten seines Kundenteams hat.

Vor den Sportkommissaren erzählte Russell eine andere Geschichte. Aus seiner Sicht war Alonsos Manöver unberechenbar, was ihn überraschte und den Abstand zum Aston Martin so schnell verringerte, dass er im Scheitelpunkt der Kurve Anpressdruck und damit die Kontrolle über sein Auto verlor. Zu einem Kontakt zwischen dem Mercedes und dem Aston Martin kam es nicht.

Alonso vs. Russell - GP Australien 2024
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Russell wurde nach eigener Aussage von den ungewöhnlichen Manövern von Alonso überrascht und irritiert.

Alonso sucht perfekte Beschleunigung

Alonso hatte eine andere Sicht der Dinge. Er wollte Kurve 6 in der letzten Runde anders anfahren, um die perfekte Beschleunigung in die lange Gegengerade sicherzustellen. Sie ist die mächtigste der vier DRS-Zonen. Deshalb habe er früher gelupft und sei mit weniger Speed in die Kurve gegangen.

Nach der Befragung nahmen sich die Schiedsrichter die Telemetriedaten der beiden Autos vor. Die zeigten, dass Alonso ungefähr 100 Meter früher als sonst vom Gas gegangen war. Er hätte sogar leicht gebremst, was aber kaum zur Verzögerung beigetragen hätte. Eher schon, dass er einmal mehr runtergeschaltet hat als üblich. Er legte dann gleich wieder einen höheren Gang ein, nur um kurz vor dem Scheitelpunkt noch einmal zu lupfen.

Alonso begründete das damit, dass er beim ersten Mal ein bisschen zu viel vom Gas gegangen sei und das wieder korrigieren musste. Die Sportkommissare interessierten sich wenig für die Ausführungen des Spaniers. Für sie stand fest, dass besagtes Manöver zu einem ungewöhnlich schnellen Aufschließen des Autos von Russell führte. Sie beriefen sich auf Artikel 33.4 des Sportgesetzes, dass kein Fahrer unnötig langsam, unberechenbar und potenziell gefährlich fahren dürfe.

Fernando Alonso - Aston Martin - Formel 1 - GP Australien - Melbourne - 21. März 2024
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Fernando Alonso wird öffentlich nicht zugeben, ob er den Gegner absichtlich in eine gefährliche Situation drängen wollte.

Absichtliches Foul, oder nicht?

Dass Alonsos Fahrweise schließlich zum Crash seines Gegners führte, sei für die Urteilsfindung irrelevant gewesen, beteuerten die Richter. Sie hätten auch keine Beweise dafür, dass der Verteidiger absichtlich seinen Verfolger in Schwierigkeiten bringen wollte oder ob er wirklich nur seinem Plan folgte, die bestmögliche Beschleunigung zu suchen.

Die Antworten der Kommissare auf zwei Grundsatzfragen entlasteten Alonso eigentlich. Sollte man ihm das Recht geben, die Kurve anders anzufahren als in den Runden davor? Ja! Sollte man ihn dafür verantwortlich machen, den Gegner in verwirbelte Luft zu bringen? Nein!

Und trotzdem müsse man Alonso schuldig sprechen, meinten Tim Mayer, Johnny Herbert, Matteo Perini und Matthew Selley. Weil er durch seine übertrieben ungewöhnliche Fahrweise eine gefährliche Situation heraufbeschworen habe, und das auch noch an einer sehr schnellen Stelle des Kurses.

Deshalb wurde die übliche Zehnsekunden-Strafe nach den neuen Richtlinien verdoppelt. Alonso bekam eine Durchfahrtstrafe, die in 20 Sekunden Zeitverlust und drei Strafpunkte umgewandelt wurden, weil es sich um die letzte Runde des Rennens handelte. Alonso rutschte im Gesamtklassement noch hinter Teamkollege Lance Stroll und Yuki Tsunoda im Toro Rosso.

George Russell - GP Australien 2024
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Von der Strafe gegen Alonso kann sich Russell auch nichts mehr kaufen.

Darf man Fahrern das Fahren vorschreiben?

Obwohl Aston Martin aus Sicht des Teams mit einem blauen Auge davonkam, war man über das Urteil und das Strafmaß nicht glücklich. Man erinnerte daran, dass Max Verstappen 2021 in Jeddah für einen echten Bremstest auf einer Gerade nur eine Strafe von zehn Sekunden kassierte. Der Holländer habe damals mit einer Kraft von 69 Kilogramm in das Bremspedal getreten. Bei Alonso lag der Wert unter zehn Kilogramm.

Alonso-Freund Pedro de la Rosa glaubt, dass die Sportkommissare hier ihre Kompetenz überschritten haben: "Sie können den Fahrern nicht vorschreiben, wie sie zu fahren haben. Hier ist nicht einer mutwillig auf die Bremse gestiegen. Fernando hat seine Position verteidigt, und das gehört zum Repertoire eines Rennfahrers. Das wissen alle Fahrer im Feld. Russell hätte antizipieren müssen, dass Fernando in Kurve 6 alles tun würde, um den perfekten Ausgang zu bekommen, weil er auf der langen Gegengerade am verwundbarsten sein würde."

Im Fahrerlager gab es auch die Theorie, dass die Bestrafung auch deshalb besonders heftig ausfiel, um vom Versagen der Rennleitung nach dem Unfall abzulenken. Der Unfall von Russell hätte sofort eine rote Flagge verlangt. Man befand sich ohnehin in der letzten Runde.

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