Wechsel von Hamilton, Vettel, Schumacher und Co.
Ewig lockt die rote Göttin

Der Transferhammer von Lewis Hamilton steht in einer illustren Reihe spektakulärer und teils kontroverser Wechsel zur Scuderia Ferrari. Wenn gleich viele eine Überraschung waren, sollten nicht alle final als Coup in die Geschichte eingehen – ganz im Gegenteil.

Berühmte Formel-1-Fahrerwechsel - Scuderia Ferrari - Nigel Mansell - Michael Schumacher - Sebastian Vettel
Foto: Motorsport Images / Christian Traulsen

Sebastian Vettel beschrieb den Mythos am besten. In einem bald acht Jahre alten TV-Interview erklärte der Champion typisch verschmitzt: "Jeder ist ein Ferrari-Fan. Selbst wenn Leute es verneinen, sind sie es. Wenn man zu den Mercedes-Jungs geht und die einem sagen, dass Mercedes die großartigste Marke der Welt ist, sind sie Ferrari-Fans." Spätestens seit dem 1. Februar hat der Heppenheimer den perfekten Beweis für seine These.

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Ob der siebenmalige Champion Lewis Hamilton wirklich vom Geschichtsbuch oder doch von einer Mischung aus Mercedes-Abwärtstrend und besetzten Red-Bull-Cockpits angetrieben wurde, bleibt zwar sein Geheimnis. Aber eines ist klar: Die Legende rund um die roten Renner profitiert schon jetzt vom Briten, dessen Karriereende bei Mercedes eigentlich als besiegelt galt.

Heimat der Weltmeister

Das alles überstrahlende Ziel Hamiltons ist es, zum zehnten Weltmeister-Fahrer der Italiener zu werden. Die Ahnenreihe ist ikonisch und beginnt patriotisch mit den Titeln von Alberto Ascari in den Saisons 1952 und 1953. Der Mailänder, dessen Stil unter anderem den späteren Ferrari-Rennsieger Mario Andretti zum sportlichen Fahren motivierte, begann seine Karriere auf Motorrädern, wechselte jedoch fix zur Scuderia seines Freundes Enzo Ferrari.

Auch der zweite Weltmeister war ein großer Freund italienischer Automobile, allerdings eher derer von Maserati. Weitaus bekannter ist Juan Manuel Fangio jedoch für seine Einsätze in Silberpfeilen. Nach dem unheilvollen Le-Mans-Crash 1955 und dem darauffolgenden Sport-Aus von Mercedes lief Fangio für das Jahr 1956 zu Ferrari über. Trotz der Weltmeisterschaft ging der Italo-Argentinier 1957 zurück zur Dreizack-Marke, bei der er seinen abschließenden fünften Titel holte. Es heißt, er hätte sich nicht sonderlich gut mit Enzo verstanden.

Der dritte Champion der Scuderia ist ein Brite. Mike Hawthorn sicherte sich 1958 mit einem Sieg und fünf zweiten Plätzen den ultimativen Erfolg. Schon 1953, 1954, 1955 und 1957 war der kontroverse Racer aus Yorkshire mal mehr, mal weniger Ferrari-Stammpilot. Dadurch ist er auch Teil des jüngsten Ferrari-Films aus dem Jahr 2023, wo er allerdings nur durch eine Nebenrolle verkörpert wird. Hawthorn trat direkt nach dem Triumph zurück und verstarb drei Monate später bei einem Verkehrsunfall.

GP Silverstone 1956 - Scuderia Ferrari - Juan Manuel Fangio
Motorsport Images

Juan Manuel Fangio machte es vor: Der Italo-Argentinier wechselte von Mercedes zu Ferrari und gewann direkt die Weltmeisterschaft.

Zwischen Treue und Streitigkeiten

Im Jahr 1961 krönte sich der US-Amerikaner Phil Hill zum vierten Weltmeister der Scuderia. Auch der in Miami geborene Fahrer fand früh zum Rennstall aus Maranello. In der Saison 1958 gab er sein Debüt für die Roten, danach blieb er ihnen bis 1962 treu.

Mehr Überraschungseffekt brachte John Surtees. Dass der Mann aus Surrey ein Jahrhundert-Rennfahrer war, bestritt damals niemand. Doch seine vorangegangenen sieben Weltmeisterschaften stammten aus dem Motorrad-Kosmos. Der "Figlio del vento" (Sohn des Windes) sammelte bei Lotus (1960) und Yeoman (1961 und 1962) die nötige Vierrad-Erfahrung, um dann bei der Scuderia durchzustarten. Ein Streit über einen Le-Mans-Stint führte 1966 zum Abschied des 1964er-Meisters.

Überraschend war beim ersten Doppel-Champ seit Ascari, Niki Lauda, hingegen schon die Verpflichtung. Der gebürtige Wiener erlebte 1972 und 1973 Grottensaisons bei March und BRM, letztere zwang ihn sogar einen erneuten Kredit aufzunehmen. Doch Laudas Sternstunde beim GP Monaco 1973 weckte das Interesse des Commendatore. Wer mit einem BRM vor Jacky Ickx im Ferrari herumfahren konnte, musste einfach gut sein. Unter Luca di Montezemolo holte Lauda 1975 und 1977 erlösende Titel für Ferrari.

GP Belgien 1977 - Scuderia Ferrari - Niki Lauda - McLaren - James Hunt
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Den Vertrauensvorschuss von Enzo Ferrari zahlte Niki Lauda mit gleich zwei Titeln zurück. Seinen Fans schenkte er obendrauf legendäre Duelle mit James Hunt.

Schumacher schreibt Geschichte neu

Spät in seiner Karriere fand Jody Scheckter nach Maranello. Nach drei Saisons für Tyrrell und zwei für Walter Wolf unterschrieb der Südafrikaner beim immerhin Zweitplatzierten des Jahres 1978. Was durchaus ein schlagzeilenträchtiger Deal gewesen war, stand trotzdem unter den Vorzeichen der Ford-Dominanz. Scheckter zeigte es den nicht wenigen Kritikern und machte sich passenderweise in Monza mit der Weltmeisterschaft unsterblich. Ein Jahr später trat Scheckter zurück. Ihn plagten Ängste vor einem schweren Unfall.

Rein nach Fahrertiteln gedacht folgte eine brutale Durststrecke für Ferrari. Die Konstrukteurs-Pokale der Jahre 1982 und 1983 zeigten zwar, dass das Fundament danach noch stimmte. Aber für den übermächtigen Wunsch eines Fahrer-Triumphs brauchte es den bis heute größten Transfer-Coup der F1-Geschichte. Ab 1996 sollte der amtierende Champion Schumacher für ein prächtiges Gehalt das Pferd zum Springen bringen.

Auch wenn die Verkündung im August 1995 zweifelsohne deutlich absehbarer als bei Hamilton war, war höchstens der Wechsel des Briten zum Mercedes-Werksteam so weltverändernd. Fünf Titel am Stück ließen Schumacher außerdem um Längen die vorherigen Einfach- und Doppel-Weltmeister der Ferrari-Geschichte überbieten. Dass der Deutsche mit wieder entfachten Ambitionen ab 2010 bei Mercedes antrat, trägt eine gewisse historische Ironie in sich.

GP Italien 2006 - Scuderia Ferrari - Michael Schumacher - McLaren-Mercedes - Kimi Räikkönen
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Im Jahr 2007 folgte Kimi Räikkönen auf Michael Schumacher und holte auf Anhieb den Titel.

Schmerzhafte Suche nach Räikkönen-Nachfolger

Auch beim bisher letzten Ferrari-Weltmeister trafen die silberne und die rote Rennwelt aufeinander. Kimi Räikkönen füllte die riesige Lücke von Schumacher und leitete so bei McLaren-Mercedes einen großen Umbruch ein: Fernando Alonso und Lewis Hamilton formten 2007 das neue Duo der Briten. Mit den Vizetiteln in den Saisons 2003 und 2005 ließ Räikkönen die Tifosi schnell träumen und dann tatsächlich den Titel feiern.

Direkt beim Auftakt in Melbourne gelang der Hattrick aus Pole-Position, schnellster Runde und Sieg. Der letzte Ferrari-Newcomer, welcher das geschafft hat, ist ein späterer Protagonist der Geschichte: Nigel Mansell. Von da an war es ein brutaler Kampf mit den McLaren-Mercedes, der mit einem Zähler Unterschied endete.

Anschließend dominierten – mit den bekannten Ausnahmen – Sebastian Vettel, Lewis Hamilton und Max Verstappen die Endauswertungen. Zumindest bei den Transferkrachern führte Ferrari aber die Spektakel-Tabelle mit Leichtigkeit an.

Stallregie GP Deutschland 2010
Wilhelm

Bei Ferrari hatte Fernando Alonso bisher die besten Chancen auf weitere Meisterschaften. Das Schicksal meinte es jedoch anders mit ihm.

Alonso und Vettel scheitern in der Traumfabrik

Den Anfang machte die Verpflichtung von Fernando Alonso. Der zweimalige Weltmeister führte langwierige Verhandlungen, auch mit der Konkurrenz, und wechselte durch das Crashgate-Drama dann vorzeitig für die Saison 2010 zu Ferrari. Zwischen 2010 und 2014 wurde er dreimal Vize-Champion. Besonders schmerzhaft war das Finale 2010, als der Spanier in Abu Dhabi die WM hinter dem Renault von Vitaly Petrov verlor.

Interne Querelen ließen den roten Wunsch zerplatzen und Alonso zu McLaren flüchten. Dort erwartete ihn mit Honda ein noch größeres Debakel. Sein direkter Ersatz war ebenfalls aus der Kategorie Blockbuster-Deal: Sebastian Vettel wollte seinen Jugendtraum in die Realität umsetzen. An seiner Seite war dabei Räikkönen, der 2014 nach zwei Lotus-Saisons und Rallye-Versuchen zurückkam.

Vettels Wechsel war eine faustdicke Überraschung. Nicht so sehr die Tatsache an sich, aber das Timing. Keiner wusste von der Klausel im Red-Bull-Vertrag, die es dem Heppenheimer ermöglichte mit 2015 schon ein Jahr früher zu Ferrari zu gehen. In den sechs Jahren in Maranello verbuchte der viermalige Champion einen dritten und zwei zweite Abschlussplätze. Nun soll Hamilton den Fluch der gescheiterten jüngsten Star-Transfers durchbrechen.

Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP Toskana - Mugello - 2020
Wilhelm

Für Sebastian Vettel war der Wechsel zu Ferrari im wahrsten Sinne ein Kindheitswunsch. Der Traum eines Titels blieb unerfüllt.

Eine britische Warnung an Hamilton

Während zwei englische Titelträger durchaus eine passende Vorlage böten, gibt es in Form von Mansell ebenso eine Warnung. Der Brite fand in der Scuderia nach Lotus und Williams seine dritte Heimat innerhalb der Königsklasse. Nach zwei Vizetiteln und dem neunten Rang 1988 lockte ihn Enzo Ferrari zu sich. Es war die letzte Fahrerpersonal-Wahl des Commendatore.

Der bis dahin titellose Mansell sah in den technischen Offensiven der Scuderia eine Chance. Und trotz des vermeintlichen Übergangsjahrs 1989 standen am Ende zwei Siege zu Buche. Zahlreiche technische Probleme verhinderten größere Ambitionen jedoch im Ansatz.

Mansells zweite Saison sah keine Besserung und ließen sowohl das Team als auch ihn das Interesse verlieren. Mit nur einem Sieg im Gepäck und Zoff mit Teamkollege Alain Prost kündigte er seine Rente an – nur um dann doch von Frank Williams zurückgeholt zu werden. Einer der wenigen Fälle, in denen Ferrari-Abgänger anschließend Titel holten.

Senna, Prost, Mansell & Piquet - GP Portugal 1986
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Doppelte Warnung: Alain Prost und Nigel Mansell bissen sich an der Herausforderung Ferrari die Zähne aus.

Alain Prost wird gefeuert

Teil dieser sehr überschaubaren Liste ist auch Alain Prost. Der französische Berger-Nachfolger trat 1990 und 1991 für die Scuderia an und setzte seine Fehde mit Ayrton Senna fort. Der Brasilianer war wiederum bei McLaren geblieben, wo Prost nach 1989 als amtierender Weltmeister abgesprungen war. Viel würziger kann ein Transfer kaum sein.

Nachdem die Saison 1990 – abgesehen von der finalen Niederlage gegen Senna – sportlich vorzeigbar gewesen war, geriet 1991 zum GAU. Sowohl beim Motor als auch beim Chassis hinkte Ferrari hinterher. Prost gab sich wenig Mühe, das zu verheimlichen, und wurde vor dem Australien-Finale rausgeworfen.

Im Anschluss an ein Pausenjahr schnallte sich Alain Prost für nur eine weitere Saison in einen Williams und wurde dominant vor seinem McLaren-Rivalen Senna zum vierfachen Meister. Der Franzose war da knapp unter 40 Jahre alt. Jedoch jünger als Hamilton aktuell.

Es muss nicht immer Rot sein

Dass nicht immer die Scuderia direkter Profiteur oder Verlierer von Transferkrachern sein muss, zeigen wenige weitere Beispiele. Über allem steht der Abgang von Hamilton zum Mercedes-Werksteam. Nach fünf titellosen McLaren-Saisons wagte der Brite die Rolle des Schumacher-Nachfolgers und Rosberg-Rivalen. Sechs Titel später sind wirklich alle Kritiker widerlegt worden.

Ob der Titelblätter füllende Wechsel von Senna zu Williams 1994 nach sechs McLaren-Jahren eine ähnliche Ära hätte einläuten können, bleibt derweil für immer eine tragische Spekulation. Einem früheren Transfer zum Klassenprimus der frühen 1990er-Jahre soll seine Treue zu Honda im Weg gestanden sein.

Den Abschluss macht stilecht ein mutiger Brite. Für die Saison 1970 wechselte Jackie Stewart als Champion indirekt die Teams. Zusammen mit Ken Tyrrell entschied er sich auch aus Dankbarkeit zu Ford heraus, nicht beim Tausch von Matra auf eigene Motoren mitzuziehen. Tyrrell wurde wieder zur eigenen Identität – und mit Stewart zweimal Fahrer-Weltmeister. Es soll im Übrigen auch Avancen von Ferrari gegeben haben. Aber da war die rote Göttin einmal zu schwach.

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