Wer hat die beste Strategie?
Red Bull in Schwierigkeiten

GP China 2024

Das erste Training war für die Teams die einzige Chance für das Rennen zu üben. Jeder hatte seine eigene Taktik. Im Longrun machte McLaren die beste Figur. Red Bull dagegen rapportierte Probleme.

Lando Norris - McLaren - Formel 1 - GP China - Shanghai - Training - 19. April 2024
Foto: xpb

Es ist eine Reise ins Ungewisse. Die Rennstrecke von Shanghai hat zwar immer noch die gleichen 16 Kurven wie vor fünf Jahren, doch die Formel 1 fährt zum ersten Mal mit Groundeffect-Autos im Reich der Mitte. Und das auf einem Untergrund, den Pirelli und die Teams erst gesehen haben, als sie vor Ort eingetroffen sind.

Der Veranstalter legte eine feine Bitumenschicht über den mittlerweile 20 Jahre alten Asphalt. Und die bietet nach den Erfahrungen des ersten Trainings erschreckend wenig Grip. Die Bestzeit von Lance Stroll lag 4,8 Sekunden über der Pole-Position von Valtteri Bottas aus dem Jahr 2019.

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Pirelli-Sportchef Mario Isola warnte, dass der Eindruck der ersten 60 Trainingsminuten nur eine Momentaufnahme sein. "Die Strecke wird sich im Verlauf des Wochenendes stark verändern. Wir wissen aber noch nicht, in welche Richtung." Normalerweise kommt mit mehr Gummi auch mehr Haftung, doch Isola fürchtet, dass sich die dünne Bitumenauflage schnell abhobeln wird. Und das könnte zu einer kuriosen Situation führen. "Dann nimmt der Grip auf der Ideallinie ab, und nebendran hast du mehr Haftung." Überholen wäre dann ein Kinderspiel.

Impressionen - Formel 1 - GP China - Shanghai - 18. April 2024
Motorsport Images

Die feine Bitumenschicht, könnte sich im Laufe des Wochenendes noch abtragen, was die Ideallinie langsamer machen würde.

Vier Teams beschränken sich auf einen Reifensatz

Weil die Ingenieure bei starken Veränderungen der Strecke auf ein bewegliches Ziel schießen, haben einige Teams eine Taktik gewählt, die auf den ersten Blick überrascht, aber durchaus Sinn ergibt. Aston Martin, Mercedes, Ferrari und Alpine spulten das ganze Training auf einem Reifensatz ab. Nicht um Reifen zu sparen, sondern um sich nicht selbst zu verwirren. Wenn schon die Strecke alle paar Minuten ein neues Gesicht zeigt, will man das Auto nicht groß verändern.

Aston Martin und Mercedes entschieden sich für die harten Reifen, Ferrari und Alpine für die die weiche C4-Mischung. Nur McLaren splittete sein Programm. Oscar Piastri wurde mit Medium-Reifen auf die Strecke geschickt, Lando Norris mit den harten Sohlen. Am Ende durften beide aber noch auf dem Soft-Reifen Qualifikation üben.

Quer durch das Feld kamen alle drei Reifenmischungen zum Einsatz. Auch bei der Abstimmung gibt es unterschiedliche Ansätze. Die Topspeed-Messungen lassen erkennen, dass Aston Martin, Haas, Toro Rosso, Red Bull und Ferrari mit weniger Abtrieb ins Training gingen als die andere Hälfte des Feldes.

Da wirken sich die geänderten Sprint-Regeln bereits aus. "Wir können jetzt an Sprint-Wochenenden aggressiver mit dem Setup umgehen, weil wir die Abstimmung nach dem Sprint korrigieren können", bestätigt McLaren-Teamchef Andrea Stella. Red-Bull-Kollege Christian Horner spricht sogar von zwei unterschiedlichen Events. "Es wird ein Setup für den Sprint-Teil geben und dann eines für Qualifikation und Hauptrennen."

Christian Horner - Red Bull - Formel 1 - GP China - Shanghai - Training - 19. April 2024
Red Bull

Red-Bull-Teamchef Christian Horner verspricht unterschiedliche Setups für den Sprint sowie das Qualifying und das Rennen.

Norris mit bestem Longrun

Trotzdem haben alle Teams weiterhin nur ein freies Training zur Verfügung, in dem man sich voll auf Datensammeln und Lernen konzentrieren kann. Es war wegen einer fünfminütigen Unterbrechung nicht ganz einfach, Longruns abzuspulen. Keiner war länger als acht Runden am Stück unterwegs. Manche Fahrer haben nicht mehr als drei zusammenhängende Rennrunden geschafft, was wenig repräsentativ ist.

Der harte Reifen ist wenig überraschend auf die Distanz etwas robuster als der Medium-Gummi. Deshalb sind die Dauerläufe auf den unterschiedlichen Reifentypen getrennt zu bewerten. Lando Norris machte auf dem harten Reifen mit einem Mittel von 1.41,909 Minuten über fünf Runden die beste Figur. Dann folgten Lewis Hamilton (1.42,125 min), George Russell (1.42,224 min) und Fernando Alonso (1.42,372 min). Alles schön eng zusammen.

Auf den Medium-Sohlen gibt es größere Unterschiede. Max Verstappen führt die Rangliste mit 1.42,404 Minuten vor Oscar Piastri (1.42,713 min), Alexander Albon (1.42,808 min), und Sergio Perez (1.42,908 min) an. Sauber und Haas fallen bereits stärker ab. Valtteri Bottas kam über sieben Runden nicht über einen Schnitt von 1.43,628 Minuten hinaus.

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP China - Shanghai - Training - 19. April 2024
xpb

Max Verstappen könnte in China mehr Probleme als üblich mit der Konkurrenz haben.

Noch Sorgen bei Red Bull und Haas

Nico Hülkenberg war mit durchschnittlich 1.44,745 Minuten über sechs Runden noch langsamer. Speziell bei Haas war zum ersten Mal in dieser Saison eine starke Reifenabnutzung zu beobachten. Da werden sich die Ingenieure auch noch einmal das Upgrade anschauen müssen, das jetzt doch beiden Fahrern zur Verfügung steht. Nicht, dass man für mehr Abtrieb in der Spitze den stabilen Anpressdruck geopfert hat.

Auch bei Red Bull war man mit der ersten Trainingssitzung nicht zufrieden. Sportchef Helmut Marko erzählte mit sorgenvoller Miene: "Wir müssen uns deutlich verbessern. Das Fahrverhalten entspricht nicht unserem Standard. Die Reifen überhitzen. Wir verlieren in allen Streckenabschnitten Zeit. Norris sah sehr schnell aus, und auch Ferrari muss man aufpassen. Die sind das ganze Training mit nur einem Reifensatz gefahren."