Mercedes zwischen Himmel und Hölle
Kein Wunder mit der Wundertüte

GP China 2024

Besser lässt sich die Situation von Mercedes nicht beschreiben. Im Sprint fährt Lewis Hamilton auf den zweiten Platz. Drei Stunden später scheidet er auf Rang 18 schon im Q1 aus. Wie ist so etwas möglich?

Lewis Hamilton - Mercedes - GP China 2024 - Shanghai - Formel 1 - 19. April 2024
Foto: xpb

So hat Lewis Hamilton seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gestrahlt. Der zweite Platz im Sprint und acht Führungsrunden sind für den Rekordsieger schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr. "Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich wieder freie Sicht nach vorne hatte. Es hat mich an früher erinnert, und es hat gutgetan."

Doch als hätte der 39-jährige Engländer schon eine Vorahnung gehabt, was später in der Qualifikation passieren würde, bremste er allzu große Erwartungen: "Unser Auto ist immer noch das gleiche wie in den ersten vier Rennen. Wir haben immer noch die gleichen Probleme." Den Podestplatz im Sprint schob er auf die Umstände. "Wir haben am Freitag vom Regen profitiert. Trotzdem war das für uns ein Vertrauensschub. Auch wenn dir das Wetter ein Geschenk machst, musst du es immer noch umsetzten können. Das haben wir geschafft."

Unsere Highlights
Lewis Hamilton - Mercedes - GP China 2024 - Shanghai - Formel 1 - 20. April 2024
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Lewis Hamilton freute sich nach dem Sprint am Vormittag noch über den zweiten Platz.

Verbremser darf Hamilton nicht passieren

Nur drei Stunden später sank die Stimmung im Mercedes-Camp wieder in den Keller. Der W15 zeigte wieder einmal, was für eine Wundertüte er sein kann. Hamilton hatte schon nach 18 Minuten Dienstschluss. Ein Verbremser in der Haarnadel kostete ihn sechs Zehntel. Damit schloss der sechsfache-Shanghai-Sieger das Q1 nur auf Platz 18 ab.

Ein bisschen musste sich Hamilton auch an die eigene Nase fassen. Sein früherer Teamkollege Nico Rosberg monierte: "So ein Fehler darf Lewis nicht passieren. Er lag gut in der Zeit und musste in der Kurve nicht auf der letzten Rille bremsen. Zumal er ja wusste, dass der Wind gedreht hatte und von hinten blies."

Dass die Mercedes-Fahrer trotzdem volles Risiko gehen, hat seinen Grund. Sie sitzen in einem Rennauto, dem sie nicht trauen können. Waren in Jeddah und Melbourne noch die schnellen Kurven das Problem, sind es in Shanghai plötzlich die langsamen. In Jeddah waren die Silberpfeile im Topspeed noch top. Diesmal lagen sie nur im Mittelfeld. Temperaturschwankungen von sechs Grad zwischen Sprint und Qualifikation können den Mercedes W15 genauso aus der Bahn werfen wie das Drehen des Windes.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP China 2024 - Shanghai - Formel 1 - 20. April 2024
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Im Qualifying verwachste der Engländer und war bereit in Q1 raus.

Zwei unterschiedliche Setups

Auch George Russell musste ins Risiko. Im Sprint war er der einzige, der mit Soft-Reifen an den Start ging. Das Experiment glückte. Die Rundenzeiten auf Pirelli weichster Mischung waren zum Schluss auf dem Niveau der Gegner, die auf den Medium-Gummi gesetzt hatten. Teamchef Toto Wolff erklärte: "Wir haben die Strategie gesplittet, um mehr für das Rennen zu lernen."

In der Qualifikation reichte es immerhin für das Q3, was sich in diesem Jahr wie ein Erfolg anfühlt. "Es geht für uns um einen Platz zwischen drei und acht. Ein paar Zehntel machen den Unterschied. Leider kamen wir zuletzt oft am falschen Ende raus", ärgerte sich Russell. Acht Zehntel Rückstand auf die Pole-Position und nur zwei Zehntel Vorsprung auf Nico Hülkenberg im Haas sind für Mercedes kein Ruhmesblatt. Noch weniger, dass man sich seit 2022 im Kreis dreht.

Die Ingenieure sind vor der Qualifikation auch wieder mit dem Setup der Autos verschiedene Wege gegangen, wie Hamilton verriet. "Wir haben die Abstimmung massiv umgebaut – ich in eine andere Richtung als George. Obwohl sich das Auto in langsamen Kurven besser anfühlte, war mein Weg offenbar nicht der richtige. Ich habe dafür in anderen Kurven gelitten."

Rosberg vermutet, dass Hamilton da übertreibt: "Ich glaube, das mit dem Setup ist für Lewis eine Standard-Ausrede geworden, wenn Russell schneller war als er."

George Russell - Mercedes - GP China 2024 - Shanghai - Formel 1 - 20. April 2024
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George Russell landete nur auf Rang acht. Dem Mercedes-Mann fehlten fast acht Zehntelsekunden auf Pole-Setter Max Verstappen.

Sprint-Ergebnis zeigte nicht Speed der Autos

Man muss sich auch fragen, warum die Mercedes-Ingenieure überhaupt noch mal ein Auto so radikal umbauen, wenn es am Morgen Zweiter geworden ist. Da sollte Feintuning eigentlich reichen. Teamchef Toto Wolff widersprach: "Das Ergebnis vom Sprint hat nicht den wahren Speed der Autos gezeigt. Wir haben mit Lewis davon profitiert, dass sich unsere Gegner hinter uns in einem Kampf aufgerieben haben."

Chefingenieur Andrew Shovlin merkte an, dass trotz des Sprint-Highlights keiner seiner Fahrer glücklich mit der Fahrzeugbalance war. "Die neue Windrichtung hat die Balance der Autos gestört. In einigen Kurven hatten wir Untersteuern, in anderen brach das Heck aus. Wir mussten gegensteuern." Übersetzt heißt das: Die Wundertüte ist so sensibel, dass sie für alle denkbaren Rahmenbedingungen einen Maßanzug braucht.