Rennanalyse GP Mexiko 2023
Wie wäre es ohne Abbruch ausgegangen?

GP Mexiko 2023

Max Verstappen siegte souverän, auch wenn er sich über die Rennunterbrechung aufregte. Mercedes besiegte Ferrari im Duell um Platz zwei genau deswegen. Die eigenartige Rennstrecke ließ Teams wie Alpha Tauri aufblühen und Aston Martin total abstürzen.

Neustart - Formel 1 - GP Mexiko 2023 - Rennen
Foto: Motorsport Images

Die Formel 1 bekommt an der Spitze einfach keine Abwechslung. Der gierige Max Verstappen überlässt dem Rest keinen Sieg. In Mexiko strich er bereits den 16. der Saison ein. In unserer Rennanalyse widmen wir uns den wichtigen Fragen zum Rennen im Land der Azteken.

Wieso kam Ferrari ungeschoren davon?

Ferrari raste dank perfektem Reifenmanagement in der Qualifikation in die erste Reihe. Mit besserem Start knackte Max Verstappen jedoch die rote Mauer bereits auf den ersten 811 Metern. Zwischen Charles Leclerc und Sergio Perez links von ihm kam es zur Kollision. "Ich war eingeklemmt und konnte nichts machen", entschuldigte sich der Monegasse bei den mexikanischen Fans. Wenn einer schuldig war, dann Perez, der zu früh einlenkte. Ihre Autos verhakten sich, was den Red Bull aushebelte und am Ferrari die linke Endplatte beschädigte.

Unsere Highlights
Charles Leclerc - Ferrari - GP Mexiko 2023
Wilhelm

Charles Leclerc fuhr im ersten Rennteil mit angeschlagenem Frontflügel.

Der Kommandostand hielt Leclerc draußen. Die Sportkommissare leiteten eine Untersuchung ein, in der sie später der Frage nachgingen, ob der beschädigte Ferrari eine Gefahr darstellte. Ein unsicherer Zustand hätte im Nachgang zum Wertungsausschluss geführt. Die Stewards sprachen Ferrari aber frei. Demnach habe das Team glaubhaft dargelegt, warum die Ingenieure die Struktur des Flügels zunächst als in Ordnung einstuften. Erst in Runde drei schlugen die Daten Alarm. Bevor man handeln konnte, flog die Endplatte schließlich davon.

Potenziell gefährlich, zumal Haas bei ähnlichen Fällen 2022 in die Box gezwungen wurde. Doch vor einem Jahr hatten sich Teams und FIA auf eine andere Handhabung verständigt, wonach das Ablösen und Wegfliegen als nicht gefährlich angesehen wird. Im Januar bestätigte man die Herangehensweise. Die FIA-Vertreter legten in Mexiko entsprechende Dokumente vor, was Ferrari entlastete.

Max Verstappen - Red Bull - GP Mexiko 2023
Wilhelm

Max Verstappen dominierte das Rennen gerade auf der harten Reifenmischung.


Wäre Verstappens Taktik aufgegangen?

Nur der Weltmeister hatte für das Rennen zwei frische Garnituren des harten Reifens reserviert. Bereits in Runde 19 tauchte er in der Box auf, um den ersten Satz davon abzuholen. "Wir waren von Anfang an auf zwei Stopps aus", schildert Red Bulls Sportchef Helmut Marko. Ferrari blieb auf der Bahn – und Leclerc schlug ein gutes Tempo an. "Wir waren überrascht, dass der Mediumreifen so gut am Ferrari hält."

Verstappen fiel auf den siebten Platz und wühlte sich schnell an George Russell, Oscar Piastri und Daniel Ricciardo vorbei. Lewis Hamilton schenkte ihm den Platz durch seinen ersten Wechsel. Nachdem die Ferrari in den Runden 30 und 31 gekommen waren, führte der 16-fache Saisonsieger das Rennen mit 16,5 Sekunden an.

Das Safety Car nach dem Magnussen-Unfall ließ ihn einen zeitsparenden zweiten Reifenwechsel einlegen. Da war der Sieg fast schon sicher. Dass die Rennleitung den GP danach abbrach, verärgerte Verstappen. Weil er beim Neustart angesichts des langen Anlaufs in die erste Kurve um seine Position fürchtete. Er meisterte die Aufgabe.

Auf den harten Reifen flog der Red Bull allen davon. Die Mehrzahl des Feldes strauchelte darauf. Bei Red Bull ist man daher überzeugt: "Max hätte das Rennen auch ohne Safety Car gewonnen. Und ohne den Rennabbruch wäre sein Sieg noch viel souveräner ausgefallen." Nachtrag zu Magnussen: Zu heiß gelaufene Bremsen hatten die Aufhängung hinten links geschmolzen. Sie gab nach, was den Abflug einleitete.

Hamilton - Leclerc - GP Mexiko 2023
Wilhelm

Lewis Hamilton setzte sich mit einem Klasse-Manöver gegen Charles Leclerc durch.

Wie holte Hamilton den zweiten Platz?

Bis zum Abbruch hatte Ferrari die Oberhand über Mercedes. Beide waren auf einen Stopp aus. Beide waren nach Wechsel auf harten Reifen unterwegs. Mit Leclerc vor Hamilton und Sainz. "Uns fehlte Topspeed. Wir wären wahrscheinlich nicht an Ferrari vorbeigekommen", glaubt Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Ferrari wäre also wohl vor Mercedes ins Ziel gekommen.

Der Neustart, verbunden mit dem kostenlosen Reifentausch, spielte Mercedes die Vorteile zu. Ferrari blieb auf der C3-Mischung. "Auf den Mediums wäre es eng geworden, es bis ins Ziel zu schaffen", bedauert Rennleiter Frédéric Vasseur. Mercedes steckte um auf die gelbmarkierten Pirellis. "Lewis hatte noch einen Satz mit nur einer schnellen Runde auf der Lauffläche. An Ferraris erstem Stint haben wir gesehen, wie gut der Medium hält. Das hat uns zu diesem mutigen Schritt ermuntert", sagt Wolff.

Mercedes hoffte sogar auf den großen Coup. Hamilton sollte Verstappen und Leclerc am Neustart überholen. "Leider hatte er durchdrehende Räder", erläutert der Mercedes-Teamchef. "Gegen Max hätte es auch so nicht gereicht. Mit ihrem Topspeed hätte er uns geschnappt."

Das Duell mit Leclerc entschied Hamilton in Runde 40 für sich. Teamkollege George Russell hatte Mediumreifen, die vor dem GP schon acht Runden in Gebrauch waren. Die erwachten später nie mehr zum Leben, nachdem er gegen Sainz zurückstecken musste. Ferrari verbuchte die Plätze drei und vier. Vasseur resümierte: "So toll der erste Rennteil war, so langsam waren wir im zweiten. Wir brauchen Konstanz auf allen Reifensorten."

Norris - Ocon - GP Mexiko 2023
Wilhelm

Lando Norris überrannte seine Gegner im Schlussteil des Grand Prix.

Wie ist der Speed von Lando Norris zu erklären?

McLaren war auch in Mexiko schnell. Ein mögliches Podest verbaute eine durchwachsene Qualifikation und der Rennabbruch bei Rennmitte. Lando Norris war vom 17. Startplatz auf zwei Boxenstopps aus. Den ersten absolvierte er bereits im elften Umlauf. "Damit brachten wir ihn in frische Luft. Lando konnte sein Tempo fahren", schildert Teamchef Andrea Stella. Es funktionierte.

Norris kletterte bis Runde 32 bereits an die achte Stelle. Als das Safety Car ausrückte, roch McLaren den Jackpot. Das Team reagierte und steckte am Auto mit der Startnummer vier auf neue Mediumreifen um. "Darauf hätte Lando einen größeren Vorteil gegen die Fahrer auf harten Reifen gehabt. Das Podest wäre drin gewesen." Der Abbruch kam in die Quere.

Der 23-jährige Engländer startete als Zehnter und verlor demnächst vier Positionen. Danach rollte Norris das Feld auf. Er überholte Valtteri Bottas, Pierre Gasly, Esteban Ocon, Nico Hülkenberg, Alexander Albon, Daniel Ricciardo und George Russell. Oscar Piastri ließ ihn nach Ansage vom Kommandostand vorbei. Der Australier kämpfte nach Zusammenprall mit Yuki Tsunoda mit stumpfen Waffen. Sein Auto war danach rund drei bis vier Zehntel langsamer.

Norris war schnell, managte die Reifen sowie die Motor- und Bremstemperaturen. Die Fans krönten ihn zum Fahrer des Rennens. "Wir hatten die Pace, um Hamilton herauszufordern", bilanzierte sein Chef.

Piastri - Tsunoda - GP Mexiko 2023
Wilhelm

Yuki Tsunoda legte sich unnötig mit Oscar Piastri an und bezahlte es mit dem Verlust von WM-Punkten.

Warum war Alpha Tauri so schnell?

Daniel Ricciardo kehrte sein altes Ich raus. Anpassungen am Auto zugunsten seines eigenwilligen Fahrstils ließen ihn auftrumpfen. "Dazu wirken die vielen Upgrades von Alpha Tauri", erzählte Helmut Marko. Ingenieure und Fahrer trafen bei der Abstimmung und der Reifennutzung voll ins Schwarze. So passte auch die Longrun-Pace. Der achtfache GP-Sieger musste sich nur den Mercedes sowie Norris beugen. Eine Runde mehr aber, und Ricciardo hätte Russell wohl überholt.

Red-Bull-Sportchef Marko lobte: "Das war der alte Daniel. Er ist locker und weich gefahren mit einer guten Rennübersicht." Für Alpha Tauri hätte mehr herausspringen müssen als die sechs WM-Punkte, die das Team auf einen Schlag an Haas und Alfa Romeo vorbeibringt.

Yuki Tsunoda kam von Platz 18 bis auf acht nach vorn. Dann packte ihn die Ungeduld. Der Japaner legte sich mehrmals mit Piastri an und kreiselte in Runde 49 von der Strecke. Dabei hatte er frische harte Reifen, Piastri sehr gebrauchte Mediums. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen. Tsunoda entschuldigte sich beim Team.

Fernando Alonso - Aston Martin - GP Mexiko 2023
Wilhelm

Für Fernando Alonso und Aston Martin war es ein Wochenende zum Vergessen.

Was ist bei Aston Martin los?

Aston Martin steht im Wald. In Mexiko passte überhaupt nichts. Die Autos rutschten in den langsamen Kurven umher und waren in den schnellen nicht viel besser. Ist die Austin-Ausbaustufe doch ein Reinfall? Um zu lernen, baute Aston das Auto von Stroll zurück. Start aus der Boxengasse. Alonso fuhr weiter die neue Spezifikation.

Das Ergebnis des Vergleichstests trügt, weil der AMR23 des Spaniers in der Startrunde beschädigt wurde. Am Unterboden und den Bremsbelüftungen vermutlich. Alonso stellte sein Auto nach Runde 47 ab. Da gibt es nur den Maßstab Stroll neu gegen Stroll alt: "Lance war im Rennen besser unterwegs", sagt Teamchef Mike Krack. Heißt: In Mexiko war der alte Aston besser. Stroll scheiterte an seinem 25. Geburtstag ebenfalls vorzeitig – nach Unfall mit Valtteri Bottas im Stadion.

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AUTO MOTOR UND SPORT 09 / 2024
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Erscheinungsdatum 11.04.2024

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