Sternstunde von Lando Norris
McLarens neue Stärke und Schwäche

GP Mexiko 2023

McLaren hatte in Mexiko ein Auto für das Podest. Doch Lando Norris startete von zu weit hinten und Oscar Piastri wurde in Zweikämpfe verstrickt. In der Qualifikation tut sich McLaren schwerer als früher. Dafür läuft der MCL60 nun im Rennen besser. Wir erklären die Hintergründe.

Lando Norris - McLaren - GP Mexiko 2023 - Mexiko-Stadt - Formel 1
Foto: Wilhelm

Im Autódromo Hermanos Rodríguez dominieren die langsamen Kurven. Also stimmen die Teams ihre Autos mehr für diesen Kurventyp ab als auf das mittelschnelle bis schnelle Geschlängel im zweiten Sektor. Auch McLaren. Teamchef Andrea Stella verrät: "Im Vergleich zu vielen Strecken kannst du in Mexiko wegen des glatten Asphalts ziemlich tief mit der Fahrzeughöhe gehen."

Es gibt auf dem 4,304 Kilometer langen Kurs so gut wie keine Bodenwellen. Also setzt man das Auto tief und trimmt das Fahrwerk auf hart. Für mechanischen Grip und eine gute Traktion heraus aus den langsamen Ecken. Das führte bei McLaren allerdings zu einem unerwünschten Nebeneffekt. "Unser Auto war in den Highspeed-Passagen in der Qualifikation nervös." Ausgerechnet in seiner Paradedisziplin schwächelte der MCL60.

Unsere Highlights
Oscar Piastri - McLaren - Formel 1 - GP Mexiko 2023 - Mexico City
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Der McLaren MCL60 hat bei der Renn-Pace hinzugewonnen. Darunter leidet hingegen die Qualifying-Performance.

Bouncing im Mittelsektor

Da sieht man einmal, wie kompliziert es mit diesen Groundeffect-Autos ist, den perfekten Kompromiss zu erwischen. Es ist ein ständiges Abwägen aus mechanischem und aerodynamischem Grip. Aus Hoch und Tief. In den schnellen Passagen suchte die McLaren sogar ein altbekanntes Problem dieser Fahrzeuggeneration heim.

"Bei einer zu geringen Bodenfreiheit in Verbindung mit hohen Geschwindigkeiten kann es dieses Phänomen auslösen", sagt der Teamchef. Und meint damit das Bouncing. Das Auto beginnt zu hoppeln, statt zu kleben, was das Fahrverhalten unberechenbarer macht. Generell stellt der italienische Rennleiter fest: "Mit unseren Ausbaustufen hat sich unser Auto dahin entwickelt, dass es in der Qualifikation mehr schwankt. Es ist nicht mehr so beständig auf eine Runde. Das hat Lando in der Qualifikation in einen Fehler getrieben."

Dafür hat McLaren an anderer Stelle deutlich gewonnen. "Wir sind im Rennen schneller geworden." Und das zählt. Der MCL60 geht nun viel schonender mit den Reifen um. Mit jedem Upgrade verbesserte sich die Reifenabnutzung. Die Pirellis bauen deutlich weniger ab. Genau dieser Umstand erlaubte es Norris, am Rennsonntag durch das Feld zu pflügen. Der 23-Jährige überholte auf dem Weg von Startplatz 17 zu Rang fünf insgesamt 13 Autos.

Lando Norris - McLaren - Formel 1 - GP Mexiko - Freitag - 27.10.2023
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Die Groundeffect-Autos reagieren äußert sensibel auf die Änderungen an der Fahrzeughöhe.

Podest möglich bei mehr Rennglück

Es war eine brillante Vorstellung – mit vielleicht ein bisschen Wut im Bauch. Am Trainingsfreitag sah Norris wie der große Herausforderer von Max Verstappen aus. Obwohl der Kurs auf dem Papier gegen McLaren sprach. "Wir sind in langsamen Kurven zwar besser geworden. Sie sind aber immer noch unser größter Schwachpunkt", sagen die Ingenieure. In Mexiko gibt es gleich neun Stück davon. Trotzdem forderte Norris den Weltmeister auf eine Runde heraus und überragte ihn sogar im Longrun.

Einen Tag später stand ihm erst die Technik, dann er sich selbst und zum Schluss Fernando Alonso im Weg. Nach einem Problem mit dem Benzinsystem brach Norris seine erste Quali-Runde ab. Die zweite versemmelte er mit einem Fehler im Mittelsektor. Die dritte untersagte ihm eine gelbe Flagge nach Dreher des Aston Martin von Fernando Alonso. Das Aus im Q1. Auf einem Startplatz in den ersten drei Reihen wäre Norris ein sicherer Podestkandidat gewesen. Deshalb strahlte der Engländer nicht nach seinem Husarenritt am Sonntag, sondern grämte sich. "Es ist in den letzten Wochen zu viel hätte, wäre, wenn dabei. Ich muss ein paar Sachen sortieren, die Fehler abstellen und dann werden die Dinge schon besser laufen."

Es hätte auch vom 17. Startplatz noch das fünfte Podest in Serie herausspringen können. Die Zweistopp-Taktik mit frühem erstem Halt schien voll aufzugehen. Wenn es kurz vor Rennhalbzeit beim Safety Car geblieben, und nicht zu einem Rennabbruch gekommen wäre. "Lando hatte brandneue Medium-Reifen. Die Fahrer vor ihm hauptsächlich angefahrene harte Reifen. Wir haben uns schon die Hände gerieben, weil er in einer extrem starken Position gewesen wäre", schildert der Teamchef.

Lando Norris - McLaren - GP Mexiko 2023
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Lando Norris verpatzte die Qualifikation am Samstag und ging am Sonntag nur von Platz 17 in den GP von Mexiko.

Norris erinnert an Alonso 2012

McLaren entschied sich für den zweiten Reifenwechsel unter Safety Car, statt zu warten. "Lando befand sich im zweiten Sektor. Wir haben diskutiert, ob wir ihn reinholen oder auf einen Abbruch spekulieren. Die Situation war nicht eindeutig. Als er aus dem Stadion kam, mussten wir eine Entscheidung treffen", erzählt Stella. Für einen Boxenstopp. Wäre Norris draußen geblieben, hätte er beim Neustart den achten Platz eingenommen. So war er Zehnter und rutschte mit einem schlechten Start direkt um vier Positionen zurück.

In den letzten 35 Runden rollte Norris das Feld von hinten auf, überholte noch acht Gegner und brachte seinen Chef zum Schwärmen. "Das war eine der besten Leistungen, die ich je von einem Rennfahrer gesehen und selbst miterlebt habe", befindet Stella. "Wir dachten nicht, dass auf dieser Strecke so viele Überholmanöver möglich wären. Lando war schnell, hat gut auf die Reifen geachtet und hatte die Motor- und Bremstemperaturen im Griff. Seine Fahrt erinnert mich an die von Fernando in Valencia 2012."

Damals war Stella Renningenieur bei Ferrari. Sein damaliger Schützling Fernando Alonso raste vom elften Startplatz vor heimischem Publikum noch zu einem unerwarteten Sieg. Norris überzeugte im Rennen auf ganzer Linie. McLaren konnte sich auf die Schulter klopfen. "Wir waren schneller als Russell und die Ferrari. In einem normalen Rennen wären wir mit Hamilton um den zweiten Platz gefahren."

Norris - Ocon - GP Mexiko 2023
Wilhelm

Die Aufholjagd von Lando Norris endete in Mexiko auf Platz fünf. Ein Podest war laut Teamchef Andrea Stella möglich.

Piastri verliert Abtrieb

Der Teamkollege stand wie zuletzt in Austin im Schatten. Oscar Piastri konnte das Tempo von Norris nicht anschlagen. Stattdessen stritt er sich auf mitgenommenen Medium-Reifen mit Yuki Tsunoda um die achte Position. Zwei, drei Zusammenstöße beschädigten die linke Fahrzeugseite des McLaren. "Das hat 15 bis 20 Punkte an Abtrieb gekostet. Auf dieser Strecke sind das drei bis vier Zehntel", rechnet Stella vor. Dazu kommt: Das Auto rutscht mehr, was den Reifenverschleiß zusätzlich erhöht.

In Austin schnitt McLaren besser ab als erwartet. Und auch in Mexiko überraschte sich das Team mit der Pace des Autos selbst. Was zu vorsichtigem Optimismus für Brasilien führt. Norris und Piastri muss man spätestens seit dem Singapur-Upgrade eigentlich immer auf der Rechnung haben, wenn es um die Vergabe der Podestplätze geht.

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