Legendäre Rennstrecken – Opel-Rennbahn
Steil in Rüsselsheim

Mitten in einem Waldstück liegt die alte Opel-Rennbahn in Rüsselsheim. Vor 100 Jahren fanden hier Rennen statt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Kurs stillgelegt. Mittlerweile hat sich die Natur auf den alten Betonplatten ausgebreitet. Wir haben uns vor Ort umgesehen.

Opel-Rennbahn - Rüsselsheim - Vergessene Rennstrecken
Foto: ams

Viel ist nicht mehr übrig geblieben von der ehemals schnellsten Rennstrecke Europas. Mittlerweile zieren Sträucher, Bäume und andere Pflanzenarten die zwei Kilometer südlich von Rüsselsheim gelegene Opel-Rennbahn. Die Betonplatten zeugen von der belebten Vergangenheit, die das Oval auch 100 Jahre später noch erahnen lässt. Ansonsten erinnert die Rennstrecke an eine Ruine aus grauer Vorzeit. Eine für Schaulustige errichtete Aussichtsplattform mit dem Opel-Schriftzug und Geschichtstafeln erzählen von der damaligen Zeit.

Unsere Highlights

Die ersten Überlegungen zum Bau sind auf den Juni 1914 datiert. Ein Jahr später gab es von der hessischen Regierung die Auflage, eine Rennbahn zu errichten. Letztendlich ausschlaggebend für den Bau der Strecke waren Beschwerden der Rüsselsheimer über die Lärmbelästigung durch die vielen Opel-Testfahrten. Die neuen Modelle erprobten die Opel-Techniker ohne große Sicherheitsvorkehrung in der Rüsselsheimer Innenstadt. Die Einfahrbahn, die seit 1903 existierte, genügte Opel nicht, um ausreichende Geschwindigkeitstests mit den Autos zu vollziehen.

Opel-Rennbahn - Rüsselsheim - Vergessene Rennstrecken
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Die Betonplatten waren mit Teer verfugt und erinnern an die mehr als 100 Jahre alte Rennstrecke.

Baubeginn 1917

Den ersten Spatenstich in Rüsselsheim setzten die Bauarbeiter im Jahr 1917. Zu dieser Zeit zählte die Stadt gerade einmal etwas mehr als 8.000 Einwohner. Der Autohersteller Opel beschäftigte damals 5.000 Mitarbeiter. Nach zwei Jahren Bauzeit war das Oval 1919 fertiggestellt.

Die Form der Rennbahn war eine leicht eiförmige Ellipse, die in Nord-Süd-Richtung angelegt ist. Sie erschloss eine Fläche von 15,34 Hektar. Die Betonplatten waren über Teer miteinander verfugt. Die Länge der Rennstrecke betrug 1,5 Kilometer. Zum Vergleich: Die wohl bekanntesten Oval-Kurse der Welt, der Daytona International Speedway und der Indianapolis Motor Speedway, sind vier Kilometer lang. In der NASCAR würde die Opel-Rennbahn als sogenannter "Shorttrack" gelten, weil sie unter einer Meile lang ist. Mit zwölf Metern Breite war auch deutlich weniger Platz für ein sauberes Überholmanöver als im Nudeltopf von Indy.

Im Inneren der Rüsselsheimer Rennstrecke gab es immerhin einen Sicherheitszonenstreifen, der acht Meter breit war. Die Fahrbahndicke betrug 32 Zentimeter, von der exakt die Hälfte aus Beton bestand. Bei der Kurvenüberhöhung schlägt Rüsselsheim den Indianapolis Motor Speedway. Das Oval in den USA kann mit Neigungen von 9° und 12° nicht mithalten. Die Kurven in Rüsselsheim waren bis zu 32° überhöht. Das merkt man heute noch. Beim Begehen der Strecke rutscht man schnell ab und muss sich abstützen, bevor es einen schmerzhaft auf die mehr als 100 Jahre alten Betonplatten haut.

Opel-Rennbahn - Rüsselsheim - Vergessene Rennstrecken
Opel
Die Bauarbeiter stellten das Oval 1920 fertig. Das erste Rennen auf der Opel-Rennbahn fand am 24.10.1920 statt.

Erstes Rennen 1920

Die Höchstgeschwindigkeit war aus heutiger Sicht überschaubar. Zirka 140 Kilometer pro Stunde erreichten die Autos auf der Opel-Rennbahn. Insgesamt fünf Tribünen gab es für Zuschauer, Presse, Zielrichter, Ehrengäste und die Familie Opel. Das Fahrerlager umfasste 450 Quadratmeter samt Wartungsbereich. Weitere Gebäude der Anlage waren ein Wärterhaus, ein Geräteschuppen und Toilettenanlagen.

Das erste Rennen auf dem Oval fand am 24.10.1920 vor 10.000 Zuschauern statt. In diesem Jahr trugen die Veranstalter hauptsächlich Motorrad- und Kleinwagenrennen aus. Anfang der 1930er-Jahre erlebte die Strecke einen Boom, als an den Wochenenden viele Automobil-, Motorrad- und Seitenwagenrennen gefahren wurden. Unter der Woche verrichtete die Opel-Rennbahn ihren Dienst als Teststrecke. Ab 1932 nahm die Zahl der Rennen auf dem Oval ab. Das lag auch an der Eröffnung des Nürburg- und des Hockenheimrings.

Im März 1928 fand der erste Test mit einem Raketenauto statt. Ein Opel-Kleinwagen Typ 4 bekam zwei Pulver-Raketen-Treibsätze verpasst. Die Umlaufbahn erreichte das Gefährt damit allerdings nicht. Lediglich in Schrittgeschwindigkeit bewegte es sich vorwärts. Ein zweiter Test im April verlief dann allerdings erfolgreicher.

Ab 1934 endete die Zeit des Ovals für offizielle Rennen. Die Opel-Rennbahn war nur noch Versuchsstrecke. Die US-Armee nutzte das Areal nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Reparaturwerkstatt. Der Pachtvertrag mit der Stadt Mainz lief 1949 aus und Opel verlängerte diesen nicht.

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Von der ursprünglichen Strecke ist nicht mehr viel übrig. Eine Initiative fordert die Restaurierung des Ovals.

Initiative für den Erhalt

Mittlerweile macht sich die Initiative "Kulturdenkmal Opel-Rennbahn" für den Erhalt der Rennstrecke stark. Seit 1987 zählt das Oval als technisches Kulturdenkmal. Die Mitglieder der Initiative fordern den Abriss der Bäume, die das Bauwerk zerstören, und eine Sanierung der Rennstrecke. Allerdings liegt die Opel-Rennbahn in einem Wasserschutzgebiet. Als Besitzer fördern die Mainzer Stadtwerke hier Trinkwasser. In der Mitte des Ovals haben sie zuletzt Bäume gefällt. Jedoch nicht, um die Rennstrecke wieder aufzuhübschen, sondern weil die Bäume von Pilzen befallen waren.

Die für den Denkmalschutz zuständige Stadt Rüsselsheim hat die Mainzer Stadtwerke dazu aufgefordert, einen Erhaltungs- und Pflegeplan aufzustellen, der auch die Belange Wasser-, Forst-, Natur- und Artenschutz berücksichtigt. Es besteht also weiterhin Grund zur Hoffnung, dass das Denkmal Opel-Rennbahn zukünftig wieder in altem Glanz erstrahlen darf.

Streckendaten

  • Lage: 2 km südlich von Rüsselsheim
  • Länge: 1,5 km
  • Breite: 12,0 m
  • Rechtskurven: keine
  • Linkskurven: 2
  • Steilkurve: 32°
  • Schnellster Teil: ca. 140 km/h
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