Jackpot oder Pleite in Las Vegas?
Der Sport schlägt die Show

Der GP Las Vegas legte einen Fehlstart hin und versöhnte mit einem furiosen Finale. Kritik vom Weltmeister, ein loser Kanaldeckel, ein Training ohne Zuschauer: Ging es wirklich nur um die Show und das Geldverdienen?

Impressionen - GP Las Vegas 2023
Foto: Motorsport Images

Der GP-Tross war noch gar nicht in Las Vegas eingetroffen, da stand die angeblich größte Roadshow der Welt schon massiv unter Beschuss. Zuerst wurden zu teure Tickets und Hotelpreise bemängelt, dann dass die Preise kurz vor dem Event in den Keller fielen. War das Interesse an dem Saisonhöhepunkt etwa doch nicht so groß, wie man es uns erzählen wollte?

Es war auch von Streiks des Hotelpersonals die Rede, die aber in Absprache mit den Gewerkschaften noch abgewendet werden konnten. Und von verärgerten Anwohnern, die sich monatelang durch Baustellen quälen mussten und für den Weg zur Arbeit drei Mal so lange brauchten wie sonst. Gleichzeitig wurde kolportiert, dass Las Vegas für die Formel 1 und die beteiligten Casinos zur Pleite werden würde, weil man mit den Preisen überzogen hätte.

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Derart vorbelastet half es auch nicht, dass Max Verstappen von Show statt Sport sprach, die Strecke als anspruchslos bezeichnete und ein langweiliges Rennen mangels Überholmöglichkeiten prophezeite. Als dann am ersten Trainingstag ein gelockerter Wasserventildeckel den Ferrari von Carlos Sainz und den Alpine von Esteban Ocon zerstörte, und die Veranstaltung für fünf Stunden stillstand, da schienen die Mahner und Kritiker Recht zu behalten.

Impressionen - GP Las Vegas 2023
xpb

Nach dem Rauswurf vor dem FP2 zeigten die Fans ihre Wut.

Schlechte Kommunikation bei Tribünensperrung

Es kam noch schlimmer. Eine Stunde vor dem verspäteten Trainingsbeginn mussten die Zuschauer von den Tribünen komplimentiert werden. Die Security hatte Dienstschluss oder Schichtwechsel. Ein 200-Dollar-Voucher für Einkäufe im Fanshop, freie Verpflegung an der Strecke und ein Konzert zur Ablenkung sollte die rund 2.000 Tageskartenbesitzer ruhigstellen. Das F1-Management lieferte Erklärungen aber keine Entschuldigung.

Das waren natürlich genau die falsche Nachrichten für die Macher des Events, die alle Hände voll zu tun hatten, den Hagel an Häme und Kritik abzuwehren. Immerhin gab man zu, dass man die Tribünensperrung besser und früher hätte kommunizieren können. Dann hätten sich die verprellten Besucher anderweitig unterhalten können.

Weil der Aufschrei in den Medien dann doch größer war als gedacht, gibt es Überlegungen den Zuschauern für das ausgefallene Vergnügen im nächsten Jahr noch einmal einen Tag lang Zutritt zu gewähren. Es wäre eine Geste gegenüber denen, die vielleicht schon beschlossen haben, nie mehr zu einem Formel-1-Rennen zu reisen.

Die Formel 1 darf nicht unterschätzen, dass Las Vegas vornehmlich neue Besucher angelockt hat, die von dem Sport keine Ahnung haben. Man kann ihnen auch nicht erklären, dass es lose Kanaldeckel auch schon in Shanghai, Sepang, Monte Carlo und Baku gab. Denen wurde ein Spielzeug versprochen, das beschädigt war. Also muss man es so schnell wie möglich richten. Dass jetzt eine Anwaltskanzlei versucht, mit Sammelklagen Geld zu machen, darf man nicht so ernst nehmen. Das ist so Usus in den USA. Profitieren tun am Ende hauptsächlich die Anwälte.

Stefano Domenicali, Shaquille O'Neal, Greg Maffei - GP Las Vegas 2023
xpb

F1-Boss Stefano Domenicali und Liberty-CEO Greg Maffei lockten viele Star nach Las Vegas - wie zum Beispiel Basketball-Legende Shaquille O'Neil.

Größter Wetteinsatz im Rahmen eines Events

Erst am Freitag kehrte Ruhe ein. Alles nahm seinen geregelten Gang. Die Tribünen waren zu 90 Prozent ausgelastet, und auf den teuren Plätzen im Paddock Club, in den Hospitality Logen an der Strecke und in den Hotels und Spielhallen ging der Punk ab. Insgesamt wurden an drei Tagen 75.000 Gäste mit Angeboten zwischen 10.000 und 28.000 Dollar pro Person bewirtet. Das ist so viel wie im gesamten Rest der Saison.

Nicht alle wurden glücklich. "Wir haben Verlust gemacht", ärgerte sich Red-Bull-Sportchef Helmut Marko. Um den Mietpreis für die Stellfläche, auf den die Tribünen und die Energy Station mit den VIP-Logen für gehobene Ansprüche stand, zu finanzieren, musste man Preise aufrufen, die nicht jeder bezahlen wollte.

Andere machten den großen Reibach. Die großen Hotelketten stiegen in den Zweitmarkt ein und verkauften Tickets um bis zu 100.000 Dollar. Es gab auch einige siebenstellige Gebote. Ein Kunde war bereit, fünf Millionen Dollar für ein Rundumsorglos-Paket zu bezahlen. Da war dann auch Spielgeld dabei.

Die Wynn-Gruppe meldete, dass es in der eigenen Casino-Geschichte noch nie bei einem Event so viele Vorab-Garantien für Wetteinsätze gab. Die besten Kunden verpflichten sich, für eine Million Dollar oder mehr zu zocken, werden mit dem Privatjet abgeholt, wohnen in Villas mit 1.000 Quadratmetern, haben 24-Service mit Butlern und dürfen mit ihren Tickets auch auf die Startaufstellung und zur Siegerehrung.

Max Verstappen - Formel 1 - GP Las Vegas 2023
Wilhelm

Las Vegas lieferte einmalige Bilder. Am Ende stimmte aber auch der Sport.

Las Vegas bezahlt für Monza mit

Noch nie gingen so viele A-Promis über den roten Teppich im Fahrerlager, noch nie war die Zielgerade vor dem Start so voller Menschen wie bei dem Glitzer-Grand-Prix in dem Spielerparadies. Liberty-Chef Greg Maffei erklärte, dass der Grand Prix der lokalen Wirtschaft die Summe von 1,2 Milliarden Dollar eingespielt habe. Ob es sich am Ende für Liberty lohnt, werden erst die nächsten Jahre zeigen. Erst einmal müssen Investitionen von 600 Millionen Dollar in die Veranstaltung amortisiert werden.

Die lauten Nebengeräusche müssten eigentlich Wasser auf die Mühlen der Kritiker sein, doch Formel-1-Chef Stefano Domenicali belehrte die Puristen. Nur dank Veranstaltungen wie Las Vegas, Miami, Katar oder Jeddah könne man sich noch Traditionsrennen wie Spa und Monza leisten. Die Neuen zahlen für die Alten mit.

Der Zirkus ist einfach zu groß geworden, als dass man an der Romantik der guten alten Zeit festhalten kann. Die Formel 1 will in Amerika neue Fans generieren, und das ginge nicht mit einem Trio Austin, Watkins-Glen und Road America, auch wenn diese Rennstrecken spektakulärer sind als die neuen Kurse aus der Retorte oder in der Stadt.

Nach Watkins-Glen kämen die gleichen Hardcore-Fans wie nach Austin. Miami und Las Vegas dagegen locken ein Publikum an, für die Formel 1 noch ein Fremdwort ist. Die nur gehört haben, dass da die größte Party auf Erden abgeht. Also muss man ihnen die Party auch bieten. Sie ist halt ein bisschen schriller und großstädtischer als die Camping- und Grill-Atmosphäre in Spa, Spielberg oder Silverstone. Wenn dadurch nicht der Sport auf der Strecke zu kurz kommt, ist dagegen nichts einzuwenden.

Leclerc vs. Perez - Formel 1 - GP Las Vegas 2023
Motorsport Images

Nach dem holprigen Start in das Wochenende konnte das Knaller-Rennen am Ende alle begeistern.

Das beste Rennen des Jahres

Und der Sport kam nicht zu kurz. Als die Startampel ausging, saßen in den Casinos nur noch die Berufsspieler. Der Rest wurde mit dem besten Rennen des Jahres unterhalten. Es war so gut wegen der Umstände, die im Vorfeld bemängelt wurden. Die Kälte in der Nacht, der glatte Asphalt, Reifen, die körnen, gut kalkulierte DRS-Zonen auf langen Geraden.

Der Grand Prix von Las Vegas bot sechs Führungswechsel und 84 Überholmanöver. Es war weder zu einfach noch zu schwierig ein Überholmanöver abzuschließen. Und es trat der seltene Fall ein, dass der Geschlagene zurückschlagen konnte. Verstappen, Leclerc und Perez überholten sich im Verlauf der 50 Runden neun Mal. Das Verfolgerfeld lag so eng zusammen, dass eine Fünfsekunden-Strafe eine echte Strafe war. George Russell verlor dadurch vier Positionen.

Es fiel im Nachgang schwer, alle Storys nachzuerzählen, die dieses verrückte Rennen schrieb. Es liegt jetzt an der Formel 1 dem neuen Publikum ihr Produkt so zu verkaufen, dass die Zuschauer verstehen wollen, was sie da gesehen haben. Der Zündfunke ist jedenfalls gelegt. Und die ganze Leuchtreklame entlang des Strips hat nicht einmal die Puristen gestört. Sie hat ganz im Gegenteil für ein einmaliges Bild gesorgt.