Red Bull nur noch zweite Kraft
Wie gut ist McLarens B-Version?

GP Miami 2024

McLaren holte beim ersten Auftritt mit seinem runderneuerten MCL38 gleich einen Sieg. Doch Teamchef Andrea Stella und Sieger Lando Norris warnen davor, jetzt gleich von einem Red Bull-Schreck zu sprechen.

Lando Norris - GP Miami 2024
Foto: McLaren

So gut ist schon lange keine B-Version mehr gestartet. Erster Auftritt, erster Sieg. McLaren hat seinen Gegnern einen Warnschuss verpasst. Mit diesem Auto können Lando Norris und Oscar Piastri einen Grand Prix gewinnen, wenn die Umstände passen. In Miami haben sie gepasst. Und Red Bull darf sich keine Blöße mehr geben.

Das zeigen die Kommentare der Rivalen. Als Max Verstappen nach seinem Boxenstopp mit frischen harten Reifen zurück ins Rennen ging, wurden ihm die Rundenzeiten von Lando Norris auf 23 Runden alten Medium-Gummis ins Cockpit gefunkt. Reaktion des Weltmeisters: "Ich dachte, das ist verrückt. Ich hätte nie und nimmer diese Rundenzeiten fahren können, Selbst ohne das Safety-Car hätte ich alles geben müssen, um ihn später dann mit frischen Reifen in Schach zu halten."

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Der Holländer räumte auch damit auf, dass die Neutralisation Norris den Sieg geschenkt hat: "Es war ja nicht so, dass uns das Safety-Car alle Chancen genommen hätte. Wir lagen beim Re-Start direkt hinter Lando, aber wir waren auf den harten Reifen einfach nicht so schnell wie die McLaren." Der Unterschied betrug 7,6 Sekunden in 25 Runden.

Charles Leclerc hatte sein Aha-Erlebnis mit dem runderneuerten McLaren schon am Freitag in der Sprint-Qualifikation: "Wenn ich uns mit Max vergleiche, war es ein positives Wochenende. Aber wir dürfen die Leistung von Lando und McLaren nicht ignorieren. Er war im SQ2 auf Medium-Reifen extrem schnell. Am Samstag wieder weniger, dafür aber im Rennen. Das wird ein Wettrüsten der Upgrades, und ich bin froh, dass wir bald auch neue Teile am Auto haben werden, die hoffentlich so gut wie die von McLaren sind."

Lando Norris - GP Miami 2024
McLaren

Norris konnte das Safety-Car nur deshalb zum Sieg nutzen, weil die Pace stimmte.

Upgrade erlaubt aggressivere Setups

Beim GP Japan fehlten dem McLaren rund sechs Zehntel auf den Red Bull. In Shanghai schrumpfte der Rückstand streckenbedingt auf vier Zehntel. Keines der beiden Teams hatte neue Teile an Bord. McLaren hatte aber offenbar aus den ersten vier Rennen einige Lehren beim Setup gezogen. Und das kam in Miami zum Upgrade noch obendrauf.

Die B-Version des MCL38 produziert ein gutes Stück mehr stabilen Abtrieb. Das erlaubt den Ingenieuren weniger Flügelanstellung. Prompt war der McLaren mit 351,6 km/h das zweitschnellste Auto auf den Geraden. Charles Leclerc biss sich an Oscar Piastri am Ende des ersten Stints trotz DRS-Vorteil die Zähne aus.

Die verbesserte Effizienz zeigt noch an einer anderen Stelle ihren Nutzen. McLaren ist generell freier bei der Fahrzeugabstimmung. Obwohl die neuen Teile hauptsächlich die Vorzüge des Autos weiter stärkten, zeigten Norris und Piastri gerade im langsamen Teil der Strecke einen spürbaren Fortschritt. Sie waren im Sektor 2 gleich schnell wie die Red Bull und Ferrari. Vor 14 Tagen noch undenkbar.

Teamchef Andrea Stella schreibt das nur zu einem kleinen Prozentsatz dem Upgrade zu: "Ein Teil des zweiten Sektors besteht aus einer langen Geraden. Und wir haben das Setup bewusst für langsame Kurven ausgelegt. Dafür haben wir ein bisschen in den schnellen Kurven geopfert." Das Opfer fiel deshalb nicht sonderlich auf, weil McLaren generell Rundenzeit gefunden hat. Norris führte die Rangliste in ersten Sektor mit seinen schnellen Kurven trotz der Zugeständnisse an die Bodenfreiheit und den Federkomfort immer noch an.

Oscar Piastri - GP Miami 2024
McLaren

Oscar Piastri war sehr gut unterwegs, obwohl ihm noch der neue Unterboden und das Seitenkasten-Upgrade fehlten.

Speed schafft strategische Optionen

Der gewonnene Speed half McLaren auch, die Geschenke des Rennverlaufes anzunehmen und die Schwächen von Red Bull auszunutzen. Das Weltmeister-Team fand das ganze Wochenende nie die perfekte Fahrzeugbalance. Verstappen berichtete fast in jeder Trainingssitzung, im Sprint und im Rennen von wenig Grip. Er rettete sich nur damit über die Runden, weil er im entscheidenden Moment dann doch wieder in der Lage war, das Maximum aus den Reifen herauszuholen.

Stella sprach beim Safety-Car deshalb auch nur von einer "kleinen Hilfe". Norris hatte schon vorher den Speed, seine Gegner unter Druck zu setzen, obwohl er da noch zehn Sekunden hinter der Spitze fuhr. Das war auch ein psychologisches Moment. Die Konkurrenz war gewarnt, dass Norris noch ein Wort um den Sieg mitreden würde.

Als die Strategen sahen, wie schnell Norris auf freier Strecke fuhr, ging es nur noch darum, den Boxenstopp so weit wie möglich hinauszuzögern, um ein möglichst großes Reifen-Delta zu erzielen. Der Speed schaffte die strategische Option, auf ein Safety-Car zu warten und gleichzeitig den Abstand zu den Rivalen zu verkürzen. Eine solche Taktik hätte bei den ersten Rennen des Jahres noch gar keinen Sinn gemacht. Diesmal musste Red Bull auf seine Herausforderer reagieren. Normalerweise ist es immer andersherum.

Obwohl Norris nach dem Start auf den sechsten Platz abrutschte, verlor er nie die Hoffnung: "Ich war fast den ganzen ersten Stint hinter Perez, konnte aber Max immer noch sehen. Und solange du Max sehen kannst, gibt es Hoffnung. Das passiert nicht so oft. Ich wusste, dass sich damit für mich noch Gelegenheiten öffnen könnten. Hätte ich nicht den Speed gehabt und wäre ich nicht in der Lage gewesen, die Medium-Reifen so lang zu fahren, hätten mir die Geschenke nichts genutzt."

Andrea Stella & Lando Norris - Formel 1 - GP Miami 2024
xpb

Teamchef Andrea Stella weiß, dass Red Bull in Miami nicht in Bestform auftrat. Wir sind gespannt, wie gut sich der runderneuerte McLaren in Imola schlägt.

Gute Korrelation mit den Daten

Stella gibt zu, dass der McLaren dank des technischen Kraftaktes ein gutes Stück schneller geworden ist. "Die Daten von der Strecke haben das gehalten, was die Simulation versprochen hat. Sowohl für das volle Paket von Lando wie auch für das halbe von Oscar. Auf eine Runde war Oscar unter Abzug der fehlenden Teile sogar schneller als Lando."

Das spricht für eine gute Korrelation zwischen Windkanal, CFD und Rennstrecke. Und für ein umfassendes Verständnis der Ingenieure für diese Fahrzeuggeneration. Zum dritten Mal in Folge nach Spielberg und Singapur 2023 hat nun ein Upgrade den prognostizierten Fortschritt gebracht. Was sogar die Gegner freut. Mercedes-Teamchef Toto Wolff sieht das als Ansporn für seine Mannschaft: "Vor einem Jahr hatte McLaren in Miami sein schlechtestes Wochenende. Jetzt gewinnen sie. Das zeigt: Alles ist möglich."

Unter Anrechnung aller Faktoren hat McLaren rund drei Zehntel gewonnen. Das ist ein Erdrutsch, weil die Autos sich immer mehr dem Limit nähern, das dieses Reglement hergibt. Stella warnt trotzdem vor zu großen Optimismus: "Red Bull hatte kein sauberes Wochenende."

Kollege Christian Horner bestätigt: "Vergesst nicht, dass wir zwei Mal auf der Pole Position standen und den Sprint gewonnen haben. McLaren hat einen Schritt gemacht, aber erst die nächsten Rennen werden zeigen, wie groß er wirklich ist." Stella stimmt zu: "Wenn wir Red Bull dauerhaft herausfordern wollen, brauchen wir noch ein Paket wie dieses."

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