McLaren nur dritte Kraft
Reicht Miami-Upgrade gegen Ferrari?

GP China 2024

McLaren wollte dieses Jahr eigentlich Red Bull herausfordern. Aktuell ist man hinter Ferrari aber nur die dritte Kraft im Feld. Teamchef Andrea Stella hofft darauf, dass die nächsten Upgrades einschlagen.

Oscar Piastri - McLaren - GP Japan 2024
Foto: McLaren

Mit 69 Punkten in vier Rennen hat McLaren den besten Saisonstart der letzten zwölf Jahren hingelegt. Dazu gab es auch schon das erste Podium durch Lando Norris in Melbourne. Trotzdem ist von Jubelstimmung in Woking keine Spur. Mit lautstarken Kampfansagen in Richtung Red Bull hatte die Teamleitung die Latte in der Winterpause hochgelegt. Doch vom Marktführer ist McLaren aktuell weiter entfernt als zum Ende der Vorsaison.

Suzuka bot den Ingenieuren die perfekte Möglichkeit, den genauen Fortschritt zu messen. Auf der Honda-Hausstrecke war die Königsklasse erst sechs Monate zuvor zu Gast. Trotz unterschiedlicher Jahreszeiten präsentierten sich die Bedingungen vergleichbar. Und Pirelli hatte die identischen Mischungen im Gepäck. Das erleichterte die Analyse.

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Die Zahlen sprachen allerdings keine ganz eindeutige Sprache. In der Qualifikation ließ Lando Norris seinen Papaya-Renner etwas besser aussehen, als er in Wirklichkeit war. Als einer von wenigen Piloten im Feld konnte der Brite im entscheidenden Q3-Abschnitt zwei fehlerfreie Runden auf den Asphalt zaubern. Der Lohn war Startplatz drei mit nicht einmal drei Zehnteln Rückstand auf Pole-Setter Verstappen.

Oscar Piastri - McLaren - GP Japan 2024
McLaren

Im Qualifying war McLaren schneller, im Rennen drehte Ferrari die Reihenfolge um.

Ferrari überholt McLaren im Rennen

Die Norris-Zeit lag am Ende 0,969 Sekunden unter der Spitzenmarke von Oscar Piastri aus dem letzten Suzuka-Quali. Der Australier hatte vor sechs Monaten das interne Duell für sich entschieden. Zum Vergleich: Red Bull verbesserte sich nur um 0,68 Sekunden. Bei Ferrari betrug der Fortschritt 0,86 Sekunden. Die genaue GPS-Analyse zeigte, dass die Verfolger vor allem in den S-Kurven auf die Weltmeister aufgeholt hatten.

Im Rennen drehte sich dann das Bild. Plötzlich konnte der MCL38 nicht mehr mit den direkten Gegnern mithalten. Dabei entsprach die Longrun-Steigerung mit 1,01 Sekunden in etwa dem Qualifying-Fortschritt. Doch die Konkurrenz konnte bei den Dauerläufen deutlich stärker zulegen. Red Bull verbesserte sich im Vergleich zum letzten Suzuka-Rennen um 1,26 Sekunden pro Runde, Ferrari wurde sogar um 1,76 Sekunden schneller und gewann damit das Verfolgerduell locker.

"Die frischen Reifen im Qualifying haben unsere Schwächen in langsamen Kurven etwas überdeckt", erklärt Teamchef Andrea Stella. "Mit mehr Grip verbringt man nicht so viel Zeit in den engen Kurven und wir haben automatisch weniger verloren. Im Rennen mit härteren Mischungen und gebrauchten Reifen kamen unsere Schwächen dann leider mehr zum Tragen."

Andrea Stella & Oscar Piastri - McLaren - GP Japan 2024
McLaren

Andrea Stella hofft, dass McLaren die direkten Gegner im Upgrade-Rennen überholen kann.

Hoffnung auf erstes Upgrade

In Suzuka kam auch noch dazu, dass man bei der Strategie etwas zu aggressiv zu Werke ging. Am Kommandostand wurde mit frühen Boxenstopps versucht, die Attacke von Carlos Sainz abzuwehren und dadurch den Podiumsplatz zu retten. Infolgedessen wurden aber die letzten beiden Stints etwas zu lang. "Wenn wir mit Lando früher den Kampf um das Podium aufgegeben hätten, wäre es vielleicht möglich gewesen, vor Leclerc ins Ziel zu kommen", gab Stella zu. "Den Versuch war es aber wert. Die Reihenfolge entsprach am Ende der Pace der Autos."

Besserung ist für die McLaren-Piloten aber schon in Sicht. Die lange angekündigte Entwicklungsstufe soll beim sechsten Rennen des Jahres in Miami gezündet werden. Mit ihr will man endlich die Schwäche in langsamen Kurven ausmerzen, von der die Fahrer schon im letzten Jahr eingebremst wurden. Und sie soll McLaren zumindest näher an Ferrari bringen.

Stella ist allerdings skeptisch, dass es im Verfolgerduell direkt zum Positionswechsel kommt: "Wenn wir nur auf heute schauen, sollte es reichen, um Ferrari zu schlagen. Aber sie haben sicher auch etwas im Köcher. Ein einziger Schritt wird uns wohl nicht vor sie bringen." Stella erwartet jetzt schon ein hartes Entwicklungsrennen über die ganze Saison: "Wir haben letztes Jahr gezeigt, dass wir unsere Gegner mit den Upgrades überholen können. Damals haben wir mehr Rundenzeit gefunden als die anderen. Das ist auch dieses Jahr unser Ziel."

Oscar Piastri - McLaren - GP Japan 2024
McLaren

Die Ingenieure wollen dem MCL38 die Schwäche in langsamen Kurven austreiben.

Stella erwartet steile Entwicklungskurve

Ferrari plant erst ein Wochenende später beim Europa-Auftakt in Imola mit einem großen Paket aufzuschlagen. Zumindest für Miami hätte McLaren somit einen kleinen Vorteil. Doch Stella denkt langfristig. Das, was aktuell im Ingenieursbüro in der Pipeline steckt, lässt den Italiener jetzt schon optimistisch in die Zukunft blicken. "Wenn das, was wir planen, auch auf der Strecke ankommt, können wir uns schon mal freuen. Wir befinden uns aktuell noch auf einer steilen Entwicklungskurve. Ich hoffe, dass wir uns am Ende des Jahres nicht mehr über Stärken und Schwächen des Autos auf unterschiedlichen Streckenlayouts unterhalten müssen."

McLaren sieht sich auch personell gut aufgestellt. Weil man Norris und Piastri frühzeitig langfristig an sich gebunden hat, kann man das aktuelle Chaos auf dem Transfermarkt entspannt von der Seitenlinie betrachten. Auch im Ingenieursbüro feuert McLaren auf allen Zylindern. Der Plan, wie die Ressourcen bis zum Start des neuen Reglements 2026 verteilt werden, steht bereits. Nur der plötzliche Abgang von David Sanchez sorgte Anfang April für etwas für Unruhe. Der ehemalige Ferrari-Ingenieur sollte sich als einer von drei Technik-Direktoren mit seinem Team um die Themen Auto-Konzept und Performance kümmern. Doch nach nur drei Monaten im Dienst verkündete McLaren die unerwartete Trennung.

"Wir müssen die Stärken unserer Spieler bestmöglich nutzen", erklärt Stella. "Im Fall von David haben wir gemerkt, dass er von seiner Kompetenz eine höhere Position verdient, als wir ihm bei McLaren bieten können. Einem Ingenieur von seinem Kaliber wollten wir eine faire Chance geben, einen Platz bei einem anderen Team zu finden, um dort rechtzeitig für den Start der 2026er-Projekte an Bord zu sein. Dafür hätte es in wenigen Monaten schon zu spät sein können."

David Sanchez - McLaren - GP Japan 2024
McLaren

David Sanchez fing erst im Januar mit der Arbeit bei McLaren an. Im April packte er schon wieder seine Sachen.

Mehr PS dank neuen Mitarbeitern

Aktuell übernimmt Stella die Sanchez-Rolle selbst. Es wird aber schon nach einem passenden Ersatz gesucht. An der Struktur mit den drei Entwicklungssäulen soll sich aber auch nach dem Personalwechsel nichts ändern. Stella sieht in dem Abgang auch keine große Schwächung. "Die Aufteilung in der Entwicklung funktioniert sehr gut. Wir haben vor der Saison nicht nur Führungspositionen neu besetzt, sondern uns auch in der zweiten Reihe verstärkt. Wir nennen das intern unsere zusätzlichen Pferdestärken." Laut Stella peilt man aktuell den dritten Platz in der WM-Wertung an. Konkrete Aussagen zur Perspektive will der Ingenieur aber erst treffen, wenn das Miami-Paket seine Feuertaufe bestanden hat.

Vorher steht jetzt erst einmal noch Shanghai auf dem Plan. Vorfreude auf das China-Comeback gibt es bei McLaren aber keine. "Von den Strecken im ersten Teil der Saison haben wir vor diesem Rennen die meisten Sorgen. Weil es dort so viele langsame Kurven und Haarnadeln gibt, ist für uns wohl eher Schadensbegrenzung angesagt", warnt Stella. "Vielleicht ist es ganz gut, dass wegen des Sprints alle nur eine Trainingssitzung zur Vorbereitung haben. Keiner weiß, wie sich der Asphalt in der Pause entwickelt hat. Und je nach Temperaturen könnte es auch wieder zu Problemen mit Graining auf der Vorderachse kommen. Da muss man schnell eine passende Balance finden."