Piastri hilft Leclerc zum Undercut
McLaren trickst sich selbst aus

Der GP Australien war ein Duell Ferrari gegen McLaren. Das schnellere Auto und die bessere Taktik legten das Fundament für den Doppelsieg von Ferrari. McLaren opferte Oscar Piastri für den Angriff auf den zweiten Platz.

Lando Norris - McLaren - Formel 1 - GP Australien 2024
Foto: Motorsport Images

Der GP Australien war ein Rennen der Reifen. Diesmal ging es nicht wie sonst um thermische Abnutzung, sondern um das Körnen. Dabei schälen sich Gummischnipsel von der Lauffläche. Das erhöht den Verschleiß. Damit sinkt auch die Temperatur im Gummi und man verliert Grip.

Es ist ein Prozess, der sich bei den Pirelli-Reifen nicht aufhalten lässt. Im Gegensatz zu den Bridgestone-Walzen erholt sich der Reifen nie mehr. Das Phänomen tritt immer dann auf, wenn drei Umstände zusammenkommen. Weiche Reifenmischungen, ein glatter Asphalt und schnelle Kurven. Kälte fördert den Schälprozess. Deshalb atmeten alle auf, als sich am Renntag ab Mittag die Sonne zeigte und den Asphalt bis auf 40 Grad erwärmte.

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Auch Red Bull war froh. Viel Abtrieb ist nicht unbedingt hilfreich, denn in den Kurven wirken höhere Kräfte auf die Lauffläche. Wichtig ist in dem Fall, dass die Balance passt. Sonst hat man Körnen auf einer Achse, und das fühlt sich für den Fahrer schlimmer an als rundherum. Red Bull kämpfte das ganze Training mit Körnen vorne. Im Rennen wanderte es bei Sergio Perez. Im ersten Stint hinten, bei den zwei anderen vorne.

Lando Norris - McLaren - Formel 1 - GP Australien 2024
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In den ersten Runden rollte Leclerc noch im McLaren-Sandwich um die Strecke.

Ein Ferrari vorne, einer im McLaren-Sandwich

Ferrari und McLaren zeigten schon im zweiten Freitagstraining, dass sie ihre Autos gut ausbalanciert hatten. Ihre Longruns waren deutlich besser als die von Red Bull. "Das setzte sich am Samstag so fort", berichtete McLaren-Teamchef Andrea Stella. "Verstappens Longrun im dritten Training war nicht berühmt. Wir haben uns seine Reifen angeschaut, und sie sahen ziemlich kaputt aus."

Nachdem Verstappen schon nach vier Runden im Rennen Zuschauer war, konzentrierte sich das Geschehen auf Ferrari gegen McLaren. Carlos Sainz war an der Spitze unantastbar. "Ich war die meiste Zeit allein unterwegs und konnte mein Tempo kontrollieren, mir das Rennen einteilen und mit den Reifen gut umgehen."

Charles Leclerc steckte zunächst im McLaren-Sandwich. Auf den Medium-Reifen machte der Ferrari den schnelleren Eindruck, doch Überholen ist in Melbourne auch mit DRS ein Gewaltakt. In 58 Runden wurden nur 14 Überholmanöver gezählt.

Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Australien 2024
Motorsport Images

Mit seinem frühen ersten Stopp zwang Piastri auch Leclerc an die Box.

Piastri löst Leclercs Undercut gegen Norris aus

Lando Norris fuhr den ersten Stint mit Blick in den Rückspiegel. Um ihn aus der Defensive zu holen, ging McLaren zum Angriff über. Die Strategen holten den viertplatzierten Oscar Piastri an die Box, um durch einen Undercut beide Autos vor den Ferrari mit der Startnummer 16 zu manövrieren.

Stella erklärt den Split: "Bei einem Reifenverschleiß-Rennen willst du beide Karten spielen. Mit Oscar war das Risiko eines frühen Stopps geringer als bei Lando. Perez lag schon vier Sekunden zurück." Das Pech von McLaren war, dass Ferraris Kommandostand den Funkverkehr mitgehört hatte. Leclerc antizipierte Piastris Reifenwechsel, blieb so vor dem Australier und hatte nun seinerseits eine Undercut-Chance gegen Norris.

McLaren ließ sein führendes Auto fünf Runden länger auf der Strecke. Als Norris nach dem Wechsel auf die harten Reifen wieder auf die Strecke ging, lag er 5,1 Sekunden hinter Leclerc und auch noch hinter dem Teamkollegen. Piastri musste zwar in der 29. Runde Platz machen, doch Norris konnte die Lücke zum zweiten Platz nie mehr so richtig schließen. Auch wenn er den Eindruck hatte: "Wir waren ein bisschen schneller als Charles."

Oscar Piastri - McLaren - Formel 1 - GP Australien 2024
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Leclerc und Piastri kamen durch den Undercut an Norris vorbei. Im teaminternen Duell wurde die alte Reihenfolge kampflos wieder hergestellt.

Ferrari antizipiert zweiten Undercut

Leclerc büßte vor allem im zweiten Stint etwas Zeit auf die McLaren-Piloten ein. "Ich hatte mit dem ersten Satz der harten Reifen Probleme, habe sie schlecht gemanagt. Nach dem Ende der VSC-Phase hat der linke Vorderreifen stark gekörnt." Kein Wunder, wenn man die C3-Mischung bis dahin nie gefahren war. Erst im Schlussabschnitt fühlte sich Leclerc wieder als Herr der Lage. Obwohl er drei Runden früher zum zweiten Stopp kam als Norris, reduzierte sich der Abstand von 4,3 nur auf 3,2 Sekunden.

Norris sah noch eine zweite Gelegenheit, den Ferrari vor ihm zu knacken. Es war der Moment, als der Abstand zu Leclerc in der 32. Runde auf zwei Sekunden geschrumpft war. "Ich denke, das hätte für einen Undercut gereicht. Doch gerade als wir darüber nachdachten, hat Ferrari Charles schon an die Box geholt."

Piastri opferte sich ohne Widerspruch für seinen Teamkollegen. Der Befehl, Positionen zu wechseln, musste nicht hinterfragt werden. "Lando war schneller als Oscar. Er wäre irgendwann sowieso vorbeigekommen. Mit dem Stallbefehl wollten wir diesen Prozess abkürzen und unsere Chance auf Platz zwei wahren", erklärte Stella.

Piastri sah ein: "Lando hat sich vor mir qualifiziert, wir waren auf einer anderen Strategie, und er war in diesem Stint schneller. Zu diesem Zeitpunkt sah es so aus, als könne er die Ferraris einholen. Klar, wäre ich gerne auf dem dritten Platz gelandet, aber als Team haben wir die richtige Entscheidung getroffen."