Red Bull im Renntrim überlegen
Hamilton studiert Verstappen

GP USA 2023

Die Qualifikation versprach viel Spannung. Zwischen Red Bull, Ferrari, Mercedes und McLaren lagen nur Hundertstelsekunden. Im Rennen schwand die Hoffnung schon nach fünf Runden. Dann zeigte Verstappen seine Qualitäten als Reifenflüsterer.

Lewis Hamilton - Mercedes - Sprint - GP USA 2023 - Austin
Foto: Motorsport Images

Die Hoffnung trügte. Im Kampf um die Pole Position entschieden Freitag wie Samstag Hundertstelsekunden. Red Bull, Ferrari, Mercedes und McLaren lieferten sich im Sprint-Shootout einen Krimi. Am Ende lag Max Verstappen 0,055 Sekunden vor Charles Leclerc, 0,069 Sekunden vor Lewis Hamilton und 0,101 Sekunden vor Lando Norris.

Vier Teams in einer Zehntelsekunde: So eng war es noch nie. Doch 19 Runden sind eine andere Geschichte als eine. Am Ende hängte Max Verstappen seine Gegner deutlich ab. Hamilton um 9,4, Leclerc um 17,9 und Norris um 18,8 Sekunden. "In diesem Sprint hat sich die ganze Geschichte dieser Saison gezeigt. Wir haben ein Auto gebaut, das im Rennen seine Qualitäten zeigt", freute sich Red-Bull-Teamchef Christian Horner.

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Verstappen - Hamilton - Sprint - GP USA 2023 - Austin
Motorsport Images

Max Verstappen gab Lewis Hamilton in den ersten Runden Anschauungsunterricht.

Hamilton sagt Mercedes viel Arbeit voraus

Fünf Runden lang hielt Lewis Hamilton Kontakt zum führenden Red Bull. Dann flog er aus dem DRS-Bereich. "Das DRS ist mit den großen Flügeln, die wir hier fahren, besonders wirksam. Erst als Lewis aus meinem Fenster rutschte, konnten wir beide unser echtes Tempo fahren", resümierte Verstappen. Und das lag über die Distanz deutlich unter dem des Mercedes.

Der Weltmeister hat sich zu einem Reifenflüsterer gewandelt. An der Spitze tut er sich natürlich leichter damit, die empfindlichen Pirelli-Sohlen in Schuss zu halten. "Bei mir haben die Reifen durch das Hinterherfahren gelitten. Als ich aus seinem DRS-Bereich raus war, konnte er die Cruise Control einschalten", bedauerte Hamilton.

Der fünffache Austin-Sieger zog trotzdem ein positives Fazit: "Hinter Max konnte ich gut erkennen, wo der Red Bull seine Stärken und seine Schwächen hat. Das war eine wertvolle Lektion. Wir sind mit unserem Upgrade nähergekommen, haben aber trotzdem noch sehr, sehr viel Arbeit vor uns." Arbeit, die erst für 2024 erledigt werden kann.

Ferrari leidet in letzten vier Runden

Ferrari musste einsehen, dass man in der Regel auf eine Runde einen Tick schneller ist als Mercedes und McLaren, über die Distanz aber mehr leidet. Besonders die letzten vier Runden waren hart. Da verlor Leclerc acht seiner 18 Sekunden. Wie so oft brachen die Reifen ein. So konnte sogar noch Lando Norris aufschließen.

Leclerc wusste, dass seine einzige Chance darin bestand, den Start zu gewinnen. Er hätte es fast geschafft. Verstappen musste schon rabiate Methoden auspacken, den Ferrari hinter sich zu halten. Er hätte das rote Auto fast in die Boxenmauer gerammt. "Es war eng, aber fair", urteilte Leclerc. Red-Bull-Sportchef Helmut Marko stellte fest: "Außerhalb des Autos ist der Max der netteste Mensch, den man sich vorstellen kann. Aber im Auto kommt das Tier in ihm durch."

Hamilton - Leclerc - Sprint - GP USA 2023 - Austin
Motorsport Images

Keine Chance gegen Red Bull: Hamilton und Leclerc beglückwünschen sich zu den Positionen zwei und drei.

Ferrari splittet die Taktik

Ferrari teilte die Taktik. Wer Probleme mit der Reifenabnutzung hat, muss Sprints zum Lernen benutzen. Deshalb wurde Carlos Sainz mit Soft-Reifen auf die Reise geschickt. "Wir dachten, dass mehr Teams diesen Weg gehen. Als man mir erzählt hat, dass ich der einzige bin, ist mein Vertrauen in die Wahl verloren gegangen. Es war im Rückblick ein bisschen zu viel Risiko."

Sainz fuhr die meiste Zeit des Rennens mit Blick in den Rückspiegel. "Ich habe wieder dazugelernt, wie man sich verteidigt. Die Gelegenheit hatte ich dieses Jahr oft. So ist die Defensive zu einer meiner Stärken geworden." Sainz stand trotzdem im Schatten von Leclerc. "Es sind viel mehr Bodenwellen da als letztes Jahr. Das Auto springt mehr herum, will dauernd ausbrechen. Damit kommt Charles besser zurecht."

Leclerc sah es positiv: "Mit dem Experiment von Carlos wissen wir jetzt mehr als die anderen." Sainz zweifelt, ob diese Lektion Ferrari viel hilft. "Wir wissen jetzt, dass der weiche Reifen nicht länger als zwölf Runden hält. Das wird am Sonntag nicht viel anders sein."

Zwei Strafen an einem Tag

Auch George Russell muss sich an diesem Wochenende hinter seinem Teamkollegen anstellen. Der Sprint-Samstag lief nicht nach Plan. Nach dem Shootout wurde er um drei Startplätze zurückgestuft, weil er Leclerc behindert hatte. Im Sprint kassierte er fünf Sekunden, weil er Oscar Piastri in Kurve 15 neben der Strecke überholte. Russell suchte keine Ausreden: "Beide Strafen waren gerechtfertigt. Das war ein optimistischer Angriff auf Oscar. Er hatte das Recht, mich neben die Piste zu drängen."

Russell konnte im Detail noch nicht einmal sagen, warum Hamilton an diesem Wochenende konstant schneller war. Außer dass Austin eine der Spezialstrecken des Weltmeisters ist. "Das Auto fühlt sich eigentlich gut an. Ich bin nur zu langsam. Deshalb bin ich mit meinem Startplatz für das Hauptrennen ganz zufrieden. Ein fünfter Platz an einem schlechten Tag ist ein ordentliches Ergebnis."

Russell versuchte in der Endphase des Sprints vergeblich, den waidwunden Ferrari von Sainz zu überholen. Dem Mercedes fehlte es an Topspeed. Die schwarzen Autos waren mit maximaler Flügeleinstellung unterwegs, was sie auf der Gerade zum langsamsten Auto machte. "Solange du allein unterwegs bist, war das die richtige Wahl. Im Zweikampf ist es die falsche."

Vor dem Hauptrennen regiert wieder das Prinzip Hoffnung. Diesmal weil Verstappen nur von Platz 6 startet. "Das wird eine deutlich schwierige Aufgabe", gibt der Holländer zu. Teamchef Horner bestätigt: "Max wird eine Zeit im Verkehr fahren müssen. Und an Lewis haben wir gesehen, wie sehr die Reifen da leiden."

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