Hat Mercedes den Sieg verschenkt?​
Falsches Boxenstopp-Timing und Disqualifikation

GP USA 2023

So nah war Mercedes in dieser Saison noch nie am Sieg. Doch die Strategen holten Lewis Hamilton in der Hoffnung auf ein Einstopp-Rennen zu spät an die Box. Fast vier Stunden nach dem Rennen flog Hamilton aus der Wertung.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP USA 2023 - Austin - Rennen
Foto: Motorsport Images

Bei Mercedes wusste man nicht, ob man sich freuen oder ärgern sollte. Freuen über das stärkste Rennen des Jahres. Ärgern darüber, dass man mit Lewis Hamilton möglicherweise einen Sieg verschenkt hat und dreieinhalb Stunden nach Rennende disqualifiziert wurde.

20 Runden lang lag Lewis Hamilton komfortabel vor Max Verstappen. Mercedes hatte drei Runden Zeit, auf den ersten Boxenstopp von Verstappen in Runde 16 zu reagieren. Doch weil die Reifen noch gut in Schuss waren, wurde ein Einstopp-Rennen zur Option.

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Der Kommandostand ging davon aus, dass Verstappen eher mit einem Reifenwechsel weniger zu schlagen sein würde, als mit der Taktik auf die Boxenstopps des Weltmeisters zu reagieren.

Hamilton - Norris - Formel 1 - GP USA 2023 - Austin - Rennen
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Lewis Hamilton zeigte das ganze Austin-Wochenende über eine starke Pace.

Zu später Boxenstopp

Als die Mercedes-Ingenieure ihre Piloten in der 18. Runde fragten, ob sie noch fünf Runden auf dem ersten Reifensatz durchhalten könnten, um ein Einstopp-Rennen möglich zu machen, kam aus dem Cockpit ein positives Signal. Doch dann brachen bei Hamilton in Runde 19 unerwartet die Reifen ein.

Als der fünffache Austin-Sieger eine Runde später an die Boxen geholt wurde, war das der schlechteste Zeitpunkt, den man sich wünschen konnte. "Zu früh für ein Einstopp-Rennen, zu spät für zwei Stopps", bedauerte Teamchef Toto Wolff. Hamilton fiel 6,5 Sekunden hinter Verstappen. Das Abwarten hatte netto 11,2 Sekunden gekostet.

Damit war der Traum vom Sieg ausgeträumt. Die um vier Runden frischeren Reifen reichten nicht aus, die Lücke zu schließen. Am Ende fehlten dem siebenfachen Weltmeister 2,2 Sekunden zu seinem 104. GP-Sieg.

Neuer Unterboden als Matchwinner

Hamilton war trotzdem zufrieden. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er wieder das Gefühl, in dem Kampf um den Sieg eingreifen zu können. Auf die Pole Position fehlten nur 0,129 Sekunden. Im Renntrim war er schneller als die McLaren und Ferrari. Und wenn man die verlorene Zeit durch das unglückliche Boxenstopp-Timing mit einrechnet, genauso schnell wie Verstappen. Auch wenn der über Bremsprobleme klagte.

Hamilton schob den Aufschwung auf den neuen Unterboden. Er stabilisierte das Heck. "Ein Zehntel geht auf das Upgrade, das andere auf das Vertrauen, das ich jetzt wieder in das Auto habe", lobte der Engländer. Auch Wolff will glauben, dass Mercedes wieder einen Schritt in die richtige Richtung gemacht hat: "Lewis ist in Austin immer speziell. Ich hoffe aber, dass es nicht allein der Hamilton-Faktor war. Wir sind speziell im ersten Sektor mit den schnellen Kurven stark gewesen, und das war in Suzuka noch unser Schwachpunkt." George Russell dagegen fand nie den richtigen Draht zu seinem Auto. Wolff fordert: "Wir müssen herausfinden, warum sich George nicht so wohl gefühlt hat."

George Russell - Mercedes - Formel 1 - GP USA 2023 - Austin - Rennen
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George Russell tat sich wesentlich schwerer als der Teamkollege.

Disqualifikation um 19.16 Uhr

Zwei Stunden nach Ende des Rennens bekam Mercedes Post von der FIA. Die Autos mit den Startnummern 44 und 16 waren bei der technischen Abnahme durch den Planken-Test gefallen. Die Schutzplatte unter dem Auto war an den Befestigungspunkten im Heck um mehr als einen Millimeter abgehobelt.

Mercedes erklärt den Regelbruch mit einer Kombination aus besonderen Umständen. Keine andere Rennstrecke im Kalender weist so viele Bodenwellen auf. Bei einem Sprint-Wochenende müssen sich die Teams schon nach 60 Minuten Training auf das Fahrzeug-Setup festlegen, darunter Bodenfreiheit und Federweg. Dazu kam, dass Mercedes mit einem neuen Unterboden antrat. Da fehlten Erfahrungswerte.

Hamilton fährt in der Regel im Heck etwas tiefer als Russell. Das war auch diesmal so. Das heißt aber nicht, dass der Unterschied in der Fahrzeughöhe Hamilton ausgebremst hat. Russells Fahrzeug wurde schlicht nicht kontrolliert. Genauso wenig wie der Ferrari von Charles Leclercs Teamkollege Carlos Sainz.

Mercedes suchte nicht lange nach Ausreden. Man gab den Fehler zu. Was sollte man auch anderes tun? Die Abnutzung der Planke ist eine Schwarzweiß-Entscheidung. "Es gibt nichts zu diskutieren. Andere haben es hingekriegt, wir nicht. Die Regeln lassen keinen Interpretationsspielraum." Lewis Hamilton ließ sich die gute Laune nicht verderben: "Die Disqualifikation nimmt nichts von dem Fortschritt weg, den wir gemacht haben."

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