Mercedes weiter im Irrgarten
Wo ging der Speed verloren?

GP Australien 2024

George Russell nur Siebter, Lewis Hamilton im Q2 raus. Im dritten Training sprach viel für ein Mercedes-Comeback. Doch drei Stunden später war der gute Speed verschwunden. Fahrer und Ingenieure rätselten einmal mehr, warum.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Australien - 23. März 2024
Foto: Motorsport Images

Red Bull wurde acht Zehntel schneller, Ferrari sechs, McLaren sieben. Das war der Unterschied zwischen dem dritten freien Training und der Qualifikation. Mercedes dagegen stagnierte. Lewis Hamilton verlor sogar 0,154 Sekunden auf seine schnellste Runde in der dritten Sitzung, George Russell verbesserte sich minimal um 0,162 Sekunden. Und das mit deutlich weniger Sprit im Tank.

Bei Mercedes blickte man in viele ratlose Gesichter. Lewis Hamilton gab zu: "Das ist alles schwer zu verstehen. Das macht einen langsam verrückt." Der siebenfache Weltmeister flog schon im Q2 aus der Qualifikation und nimmt den GP Australien auf dem elften Startplatz in Angriff. Teamkollege Russell ist als Siebter nicht viel glücklicher. "Das Auto fühlte sich im dritten Training stark an, aber leider ließ sich dieses Gefühl nicht auf den Nachmittag übertragen."

Unsere Highlights
Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Australien - 23. März 2024
xpb

Im dritten Training sahen die Mercedes noch nach Kandidaten für die Pole Position aus.

Langsam auf den Geraden

Alle bei Mercedes hatten wie so oft das Gefühl, dass da mehr drin gewesen wäre. Doch irgendwie und irgendwo ging wieder einmal der Speed verloren. Man konnte noch nicht einmal mit dem Finger drauf deuten, so wie in Jeddah, wo ganz klar die schnellen Kurven der wunde Punkt waren. "Hier sind wir überall zu langsam", deutete Teamchef Toto Wolff die Daten. In den langsamen Kurven 3, 4, 13 und 14 etwas mehr als in schnellen.

In allen drei Sektoren landeten die Mercedes-Piloten auf den Plätzen 8 bis 13. Auffällig war nur der schlechte Topspeed. Hamilton und Russell fehlten zwischen 4 und 8 km/h auf die Konkurrenz. In Jeddah waren die Mercedes noch die schnellsten Autos auf den Geraden. Das zeigt die Achterbahn, auf der sich das Team bewegt.

Bei der Ursachenforschung muss die erste Frage lauten: Was war in der Qualifikation anders als im dritten Training? Der Wind frischte auf, die Asphalttemperatur kletterte um sechs Grad, und die Strecke wurde mit immer mehr Gummi tapeziert, was den Grip erhöht. Die höheren Temperaturen reduzieren das Körnen, was es eher etwas einfacher machte. Hamilton sieht in den geänderten Bedingungen einen Faktor. "Als der Wind stärker wurde, nahm die Instabilität des Autos zu."

George Russell - Mercedes - Formel 1 - GP Australien - 23. März 2024
xpb

George Russell konnte den Schaden mit Startplatz sieben noch einigermaßen in Grenzen halten.

Achterbahnfahrt beim Setup

Toto Wolff kann sich in seiner Analyse immer nur wiederholen: "Unser Auto funktioniert nur in einem extrem schmalen Band. Das ist schwer zu treffen." Das dokumentiert auch der Weg vom ersten Training bis zur Qualifikation. Unter beide Mercedes wurde die erste Unterboden-Spezifikation geschraubt, die bei den Testfahrten zum Einsatz kamen.

Obwohl beide Fahrer mit dem Basis-Setup zufrieden waren, ließen sich Hamilton und seine Crew auf Setup-Experimente ein, um mehr über die Eigenheiten des W15 zu lernen. Es war ein Schuss in den Ofen. Für das dritte Training wurde das Auto mit der Startnummer 44 wieder auf den alten Stand zurückgerüstet. Weniger Bodenfreiheit, steiferes Fahrwerk, etwas mehr Heckflügel. Russell beschränkte sich auf Feintuning, weil er mit dem Auto grundsätzlich zufrieden war.

Und trotzdem zeigte der Mercedes ein unerklärliches Verhalten. Er kehrt stellenweise Ansätze eines schnellen Rennautos hervor, die er aber genauso abrupt wieder verliert. Nicht von Strecke zu Strecke, sondern von Tag zu Tag oder gar von Training zu Training. Eine Stimme aus dem Team: "Die Abläufe sind die gleichen wie in den Jahren davor. Es kann nicht so falsch sein, außer die anderen machen plötzlich alles anders."

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - Melbourne - GP Australien - 22. März 2024
xpb

Lewis Hamilton verzettelte sich am Freitag mit Setup-Experimenten.

Unterschiedliche Aufwärmtaktiken

Schon im dritten Training zeigte sich, dass die Luftdrücke und die Aufwärmtaktik eine große Rolle spielen würden. Die Mercedes-Piloten erzielten ihre besten Zeiten erst im dritten Anlauf auf dem gleichen Reifensatz, immer unterbrochen durch Abkühlrunden. "Die Zeit hast du in der Qualifikation nicht", bedauerte Wolff. Da waren alle in der Zahl ihrer Vorbereitungsrunden beschränkt.

Hamilton kämpfte sich mit einem Reifensatz und einem kleinen Longrun durch das Q1: Schnelle Runde, zwei Abkühlrunden, schnelle Runde, zwei Abkühlrunden, schnelle Runde. Im Q2 musste er bei nur 15 Minuten Zeit umdisponieren. Auf dem ersten Satz Soft legte er nach der Runde aus der Box sofort los. Mit dem zweiten baute er eine Vorbereitungsrunde mit 1.35,9 Minuten ein. Am Ende verfehlte er den Aufstieg ins Q3 um 59 Tausendstel.

Russell musste eine zweite Garnitur Soft im Q1 investieren, doch als er merkte, dass er mit seiner Zeit auf dem ersten Satz sicher war, brach er die Runde ab. "George konnte schon nach zwei Kurven vom Gas gehen", erzählte Teammanager Ron Meadows. Der angebrochene Satz kam auch im Q2 zum Einsatz, um sich da eine Garnitur für das Q3 zu sparen. Bei beiden Versuchen verfuhr Russell nach der Taktik: Rausfahren, Vorbereitungsrunde, schnelle Runde. Das hielt er auch im Q3 so bei. "Für mich war es der schnellste Weg", erzählte Russell dem Team.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Australien - Melbourne - 21. März 2024
xpb

Wie weit kann Lewis Hamilton von Startplatz 11 noch nach vorne fahren?

Unbekannte harte Reifen als Hoffnungsschimmer

Toto Wolff erwartet von den Startplätzen 7 und 11 einen schwierigen Sonntag. Red Bull und Ferrari liegen im Moment außer Reichweite, und auch die McLaren machten in Melbourne den stärkeren Eindruck: "Wenn ich mir die McLaren-Longruns vom Freitag anschaue, werden die schwer zu schlagen sein. Wir dürfen jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken und können nur hart weiterarbeiten, um unsere Probleme zu lösen."

Da bleibt nur die Hoffnung, dass der GP Australien seinem Ruf als Chaosrennen gerecht wird. Russell glaubt, dass eine Unbekannte das Bild am Sonntag doch noch einmal drehen könnte: "Niemand ist bisher mit den harten Reifen gefahren, und das wird die Reifenmischung sein, die während des Rennens hauptsächlich zum Einsatz kommt. Wir könnten darauf etwas Graining erleben."