Mercedes zwischen Gut und Böse
Wenige Glanzlichter lassen hoffen

GP Australien 2024

Melbourne war für Mercedes eine Nullrunde. Doch schlimmer als der Motorschaden von Hamilton und der Crash von Russell wiegt der große Zeitrückstand vor den Ausfällen. Und ein Auto, das weiter Rätsel aufgibt.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - Melbourne - GP Australien - 22. März 2024
Foto: Motorsport Images

Wenn es ein Symbol für den Saisonstart von Mercedes gibt, dann das halb umgestürzte Auto von George Russell in der letzten Runde des GP Australien. Er besiegelte nach dem Motorschaden von Lewis Hamilton die erste Nullrunde des Jahres für das ehemalige Weltmeister-Team, das auf den vierten Platz der WM abgestürzt ist und nur deshalb vor Aston Martin liegt, weil der vermeintliche Unfallauslöser Fernando Alonso bestraft wurde und zwei Plätze verlor.

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Es läuft nicht rund bei den Silberpfeilen. Im Rennen wiederholte sich das launenhafte Verhalten des Sorgenkinds, das alle im Team vor ein Rätsel stellt. Während die ersten beiden Stints von George Russell im Mittelmaß versanken, stimmte das Tempo im Schlussabschnitt plötzlich. Das gleiche erlebte Mercedes am Samstag. Drittes Training gut, Qualifikation enttäuschend.

Die Ursache der Schwankungen sucht man vergeblich. Im Qualifying standen gestiegene Temperaturen und auffrischender Wind im Verdacht, doch im Rennen bewegte sich die Asphalttemperatur relativ konstant zwischen 40,1 und 40,8 Grad. Russell hatte im zweiten und im dritten Stint freie Fahrt, und in beiden Fällen war sein Mercedes mit frischen harten Reifen bestückt. Was also bewirkte die Formsteigerung im Schlussabschnitt?

George Russell - Formel 1 - GP Australien 2024
xpb

George Russell wurde im letzten Stint mit wenig Sprit im Tank plötzlich konkurrenzfähiger.

Zu viel Rückstand im Rennen

Chefingenieur Andrew Shovlin musste zugeben: "Wir waren weder auf einer schnellen Runde noch auf den Longruns konkurrenzfähig. Wir werden die Daten weiter durchforsten, um herauszufinden, was nicht funktioniert und warum wir derzeit nur manchmal Lichtblitze bei der Performance erkennen können."

Teamchef Toto Wolff redete nicht lange um den heißen Brei herum. "Der Speed im Rennen war inakzeptabel." Vor dem Unfall betrug der Rückstand auf den führenden Ferrari 50 Sekunden, der auf den schnelleren McLaren 43 Sekunden. Man schlug sich mit Aston Martin herum, die im Rennen unter starker Reifenabnutzung leiden. Ein angeschlagener Aston Martin sollte für Mercedes eigentlich kein Maßstab sein.

Die gute Laune, die sich nach den Winter-Testfahrten breit machte, ist verflogen. "Da waren wir im Glauben, ein besseres Auto als im Vorjahr zu haben. Jetzt müssen wir uns eingestehen, dass Ferrari und McLaren im Vergleich zum Vorjahr einen größeren Sprung gemacht haben", gab Wolff zu.

Lewis Hamilton - Formel 1 - GP Australien 2024
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Die Ingenieure werden bei der Setup-Arbeit immer wieder vom Fahrverhalten überrascht.

Wolff stellt sich vor sein Team

Noch ist die Hoffnung da, dass der Mercedes W15 gute Gene hat, die man nur ausgraben und nutzen muss. Noch glaubt man, dass ein besseres Verständnis des Zusammenspiels zwischen Aerodynamik und Mechanik den gordischen Knoten löst. Und noch klammert man sich am Beispiel anderer Teams fest, die die Wende geschafft haben: "Wir haben gesehen, wie schnell das Pendel umschlagen kann, wenn du mit dem Auto das Richtige machst", sagt Wolff.

In schwierigen Zeiten gerät auch das Personal unter Verdacht. Sind bei Mercedes noch die richtigen Leute an Bord, oder war der Aderlass im Aerodynamikbüro und der Motorabteilung in den letzten vier Jahren doch zu groß? Wolff stellt sich vor seine Mannschaft: "Ich bin der erste, der einen willkommen heißt, der eine bessere Idee mitbringt. Das Unerklärliche ist, dass eine Mannschaft, die früher alles verstanden hat, plötzlich das Verhalten des Autos nicht mehr versteht."

Mit jeder Niederlage steigt auch intern der Druck. Wolff: "Es ist nicht so als würden wir nicht genug tun. Es geht jetzt darum, uns nicht runterziehen zu lassen, sondern weiter konzentriert an Lösungen zu arbeiten. Wir müssen herausfinden, wo und warum Performance verloren geht. Vereinzelte Glanzlichter geben uns weiter das Gefühl, dass das Fundament des Autos stimmt. Dass wir aber an den Variablen wie dem Setup arbeiten müssen."

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - Melbourne - GP Australien - 22. März 2024
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Die Piloten vertrauen ihrem Auto nicht. Das schlägt sich auch auf die Pace nieder.

Zwischen Gut und Böse

Die letzten beiden Rennen in Jeddah und Melbourne zeigen, welche Wundertüte der Mercedes W15 ist. In Jeddah hatte Mercedes das schnellste Auto auf den Geraden, in Melbourne das langsamste. Vor zwei Wochen waren die schnellen Kurven der Killer, in Melbourne eher die langsamen.

Noch rätselhafter sind die Formschwankungen während eines Tages. Im dritten Training sah es so aus, als hätten die Mercedes-Ingenieure endlich ein Setup für ihre Diva gefunden, das Lewis Hamilton und George Russell zu Kandidaten für die erste Startreihe macht. Drei Stunden später reichte es nur für die Startplätze sieben und elf.

Im Gegensatz zur Konkurrenz konnte sich Mercedes zwischen drittem Training und Qualifikation nicht verbessern. Nicht alle Ingenieure haben die geänderten Bedingungen im Visier. Einer meint: "Die paar Grad rauf oder runter und ein bisschen Wind mehr dürfen nicht ein Delta von sieben Zehnteln ausmachen."

Toto Wolff & Lewis Hamilton - Mercedes -  F1 2023
Mercedes

Toto Wolff muss seine Fahrer immer wieder vertrösten. Der Durchbruch ist noch nicht gelungen.

Gesucht ist eine größere Decke

Wie komplex das Thema ist, zeigte sich in Jeddah. Da verloren die Mercedes fünf Zehntel in drei schnellen Kurven. Fahrzeughöhe und Federweg waren so gewählt, dass sich das Auto ab einer bestimmten Geschwindigkeit bis zum Strömungsabriss absenkte. So wie das Red Bull seit drei Jahren vorexerziert.

Tatsächlich lag Mercedes beim Top-Speed vorne. Doch der absichtlich herbeigeführte Strömungsabriss trat früher ein als geplant. Damit fehlte in den schnellen Kurven der Abtrieb. Fazit der Techniker: "Das Problem begann ab 230 km/h. Obwohl wir da noch keinen Bodenkontakt hatten. Irgendwie müssen sich ab einer bestimmten Bodenfreiheit die Strömungsstrukturen so verändern, dass sie sich gegenseitig stören. Das ist eine Frage von Millimetern."

In Melbourne versuchte man das Problem mit einer alten Unterboden-Spezifikation und einem Setup zu lösen, das die Fahrzeughöhe stabiler hält. Prompt war das Auto besser in schnellen Kurven. Es forderte aber auch Opfer in den langsamen Kurven und beim Topspeed. Chefingenieur Andrew Shovlin vergleicht: "Es ist wie bei einer Decke, die zu klein für das Bett ist. Egal, wo du ziehst, es bleibt immer was frei. Unsere Aufgabe ist es jetzt, diese Decke zu vergrößern."