Die späten GP-Sieger
Nur drei wurden Weltmeister

Lando Norris musste 110 Grands Prix warten, bis er seinen ersten Sieg feiern konnte. Der McLaren-Pilot liegt damit auf Rang acht der Spätzünder. Von den Top Ten wurden nur drei später Weltmeister.

Lando Norris - Formel 1 - GP Miami 2024
Foto: Wilhelm

Dieser Sieg war überfällig. Obwohl viele schon den Glauben an Lando Norris verloren hatten. Der 24-jährige Engländer stand 15 Mal auf dem Podium, schaffte es aber nie auf die oberste Stufe. Mit seinem Sieg in Miami gab er diesen Titel nun an den Mann zurück, den er mit seinem dritten Platz in Melbourne abgelöst hatte. Jetzt ist wieder Nick Heidfeld der Fahrer mit den meisten Podestplätzen ohne Sieg.

Lando Norris galt schon seit seinem dritten Platz 2020 in Spielberg als ein möglicher Siegfahrer. Doch damals war der McLaren noch kein Siegerauto. Und als er es 2021 in Monza und Sotschi war, da hatten am Ende andere die Nase vorn. In Monza ordnete McLaren einen Nichtangriffspakt an, als Daniel Ricciardo und Norris mit einer Doppelführung in die letzten 22 Runden gingen. In Sotschi wollte Norris die Führung nicht aufgeben und blieb bei einsetzendem Regen zu lange mit Slicks auf der Strecke. Lewis Hamilton wählte den richtigen Zeitpunkt zum Boxenstopp.

Unsere Highlights
Lando Norris - Formel 1 - GP Russland 2021
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2021 lag Norris in Sotschi drei Runden vor dem Ende in Führung. Dann kam ein Regenschauer.

Das Trauma von Sotschi

Nach einem kleinen Durchhänger 2022 arbeitete sich McLaren im letzten Jahr wieder an die Spitze heran. In der zweiten Saisonhälfte stellte der britische Rennstall das zweitschnellste Auto im Feld. Norris dankte es mit sechs zweiten Plätzen und einem dritten Rang.

Doch so nah am Sieg wie damals in Sotschi war der Engländer nie wieder. Das zeigen auch seine Werte vor Miami: Nur eine Pole Position, 401 Führungskilometer, sechs schnellste Runden. "Ich habe mögliche Pole Positions weggeworfen, einen Sprint-Sieg letztes Jahr in Katar, aber mit Ausnahme von Sotschi nie einen Grand Prix. Und da haben weder das Team noch ich einen guten Job gemacht", erklärte der Pilot, der auf Social Media schon als "Lando No-wins" verspottet wurde.

In Singapur 2023 und in Melbourne 2024 lag er zwar in Reichweite des ersten Platzes, doch da waren die Ferrari-Piloten einen Tick schneller oder schlauer. "Ich hatte meine Momente, bei denen ich nah dran war, konnte sie aber aus guten Gründen nie in einen Sieg konvertieren. Trotzdem war ich nicht besorgt. Mehr als je zuvor habe ich gespürt, dass es in diesem Jahr passiert. Ich habe, was man zum Gewinnen braucht, und das gleiche trifft auf das Team zu. Wir mussten nur geduldig sein."

Rubens Barrichello - Ferrari - GP Deutschland 2000 - Hockenheim
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Barrichello heulte bei seinem ersten Sieg 2020 in Hockenheim wie ein Schlosshund.

Das Etikett des ewigen Zweiten

So ähnlich haben das auch alle anderen Fahrer vor Norris gesagt, als sie nach langer Wartezeit endlich ganz oben auf dem Treppchen standen. Die meiste Geduld brauchte Sergio Perez. Der Mexikaner gewann 2020 in Bahrain nach 190 Grands Prix und zehn Jahren Wartezeit. Seitdem hat er fünf weitere Siege in seiner Vita stehen.

Carlos Sainz erlöste sich 2022 bei seinem 150. GP-Start in Silverstone vom Fluch der scheinbar unlösbaren Aufgabe. In den letzten zwei Jahren kamen die Siege von Singapur und Melbourne dazu. Mark Webber brauchte 130 Anläufe, um sich 2009 beim GP Deutschland zu einem GP-Sieger zu küren. Am Ende seiner Karriere standen neun erste Plätze, aber kein WM-Titel.

Auch Rubens Barrichello haftete ewig das Etikett der Nummer 1B an. Trotz elf Siegen, zwei zweiten und zwei dritten Gesamtplätzen in der WM-Abrechnung stand er ewig im Schatten anderer. Zuerst von Michael Schumacher, dann von Jenson Button. Der Brasilianer heulte wie ein Schlosshund, als er 2000 in dem dramatischen Wetterchaos von Hockenheim im 124. Versuch endlich das große Ziel erreichte.

Jarno Trulli dagegen zählt zu den Fahrern, für die gilt: spät und ein einziges Mal. Der erste GP-Sieg nach 117 Einsätzen war auch sein letzter. Immerhin in Monte-Carlo. Nicht viel besser erging es Giancarlo Fisichella, der exakt so lange ausharren musste wie Norris. Der Italiener brach den Bann 2003 im Abbruchrennen von Brasilien und bekam den Pokal erst 10 Tage später, weil durch einen Fehler der Zeitnahme zuerst Kimi Räikkönen zum Sieger erklärt worden war. Obwohl Fisichella später für das Meisterteam Renault antrat, kamen nur noch Siege in Australien 2005 und Malaysia 2006 dazu.

Jenson Button - GP Ungarn 2006
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Jenson Button brauchte 113 Rennen bis zum ersten Sieg, wurde dann später aber noch Weltmeister.

Häkkinen, Button und Rosberg als Champion

Norris wird sich eher ein Beispiel an Jenson Button, Nico Rosberg und Mika Häkkinen nehmen. Auch sie galten lange als unvollkommene Talente, bis ihr Stern doch noch aufging. Bei Button nach 113, bei Rosberg nach 111 und bei Häkkinen nach 96 Grands Prix. Und alle drei wurden später noch Weltmeister und gewannen Routine beim Verspritzen des Champagners. Button gewann insgesamt 15, Rosberg 23 und Häkkinen 20 Mal.

Für sie war der erste Sieg der Türöffner zu mehr. Red Bull-Sportchef Helmut Marko glaubt, dass das auch auf Lando Norris zutreffen wird: "Er wird nach seinem ersten Sieg ein anderer Rennfahrer sein als vorher. Die Bestätigung, dass er es kann, wird ihn noch selbstsicherer machen." Der McLaren-Pilot bestätigt: "Jetzt bin ich hungrig nach mehr."

Noch wichtiger für den neuen WM-Vierten ist, dass er seine Zweifler eines Besseren belehrt hat: "Viele sprachen mir ab, dass ich unter Druck Leistung bringen kann, dass ich einbreche, wenn ich Max nur im Rückspiegel sehe. Letztes Jahr hätte ich noch ein bisschen an mir selbst gezweifelt. Jetzt nicht mehr. Ich bin schnell, habe an vielen meiner Schwächen gearbeitet und ziehe die Dinge so durch, wie ich sie durchziehen will." Und was ist sein nächstes Ziel? "Mehr Siege!"