Red-Bull-Patzer in Singapur
Welche Rolle spielen die TDs?

GP Japan 2023

Nach Red Bulls Ausrutscher in Singapur blühen die Verschwörungstheorien. Haben die FIA-Direktiven zu Flügeln und Unterboden den Klassenprimus ausgebremst? Wir blicken auf die Fakten!

Red Bull - Technik - GP Singapur 2023
Foto: ams

Sieben Zehntel sind eine Hausnummer. Wenn es diese Saison überhaupt zu solchen Vorsprüngen kam, dann hatte sie Red Bull auf die anderen Teams. Doch in Singapur war es umgekehrt. Max Verstappen fehlten im Q2 sieben Zehntel auf Carlos Sainz. Und er schaffte es nicht einmal ins Top-Ten-Finale der Qualifikation.

Eines war klar. Red Bull ist innerhalb von 14 Tagen nicht so viel schlechter geworden, und die anderen haben nicht so viel aufgeholt. Teamchef Christian Horner hatte die Reifentemperaturen im Verdacht, weil derart große Differenzen immer mit den Reifen zu tun haben. Das gleiche Problem hatte Mercedes 2015 und 2019.

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Setup, Streckenlayout oder Auto-Problem?

Doch dann bleibt immer noch die Frage, warum die Reifen zu heiß oder zu kalt bleiben. Die wollte bei Red Bull keiner beantworten. War es die Vorbereitung, die auf falschen Streckendaten basierte? Das Setup? Hektische Umbauten am Auto mit zwei unterschiedlichen Böden, die den Irrgarten noch größer machten? Ein aerodynamisches Problem, das überproportional viel Abtrieb kostete? Zu viel oder zu wenig Bodenfreiheit?

Der Marina Bay Circuit ist eine Problemstrecke für Red Bull. Weil das Auto in den 90 Grad-Kurven seine Vorteile nicht so ausspielen kann. Weil weniger unterschiedliche Kurventypen den anderen weniger Kompromisse aufzwingen. Weil die Ideallinie oft über Randsteine und Bodenwellen führt, was mehr Federweg verlangt und dafür sorgt, dass auch der Red Bull mal aus seiner Wohlfühlzone gerät.

Die Konkurrenz hätte lieber eine andere Erklärung. Am besten die: Red Bull musste auf die entsprechenden FIA-Direktiven TD018 und TD039 so reagieren, dass die Aerodynamik des RB19 nachhaltig gestört ist. Und das würde bedeuten, dass ab sofort Red-Bull-Siege nicht mehr Gesetz sind.

Russell vs. Verstappen - Formel 1 - GP Singapur 2023
Red Bull

Alle Teams gaben zu, ein wenig von der TD betroffen zu sein. Nur Red Bull wies das kategorisch von sich. Ist das glaubwürdig?

TD018 oder TD039?

Die einen spekulierten, dass die Flügel-Direktive Red Bull jetzt daran hindert, den Heckflügel ab einer bestimmten Last um den Ankerpunkt nach hinten zu kippen. Als Indiz wurde angeführt, dass der Red Bull nur noch das drittschnellste Auto auf der Gerade war und im DRS-Modus weniger Speed zulegte als Ferrari.

Andere mutmaßen, dass die Unterboden-Regel der Killer ist. Die FIA hat nun sämtliche Dämmstoffe zwischen Schutzplanke und Bodenplatte und auch Befestigungsschrauben, die sich bei Fahrbahnkontakt in die Bohrlöcher drücken, verboten. Das kann nach Aussage von Experten bis zu zwei Millimeter Bodenfreiheit und damit mehrere Punkte Abtrieb kosten.

Einige Teams haben offenbar siebenstellige Summen in die effektivste Technik investiert, wie man Stöße auf die Schutzplanke abmildern kann. Aber würde es den RB19 gleich so aus dem Gleichgewicht bringen? McLaren-Teamchef Andrea Stella zweifelt, dass sich damit ein so großes Zeitdelta erklären ließe, wenn es überhaupt so wäre.

Red-Bull-Fan - Formel 1 - GP Japan - Suzuka - 07. Oktober 2022
Motorsport Images

Red Bull will in Japan beweisen, dass die TD keine Auswirkungen auf den Speed hatte.

Antwort erst in Suzuka

Das alles werden wir erst in Suzuka erfahren. Vielleicht werden da einige auf den Boden der Tatsachen geholt. Mercedes-Teamchef Toto Wolff warnt vor voreiligen Schlussfolgerungen: "Jeder musste auf die TDs irgendwie reagieren. Der eine mehr, der andere weniger. Man kann aber nicht nach zwei Trainingstagen und mit einem Satz Daten sagen, ob das schon irgendwelche Auswirkungen hat."

Kollege Frédéric Vasseur von Ferrari will sich an dem Ratespiel erst gar nicht beteiligen. "Es interessiert mich nicht, warum Red Bull langsamer war als sonst. Wir müssen uns auf uns konzentrieren und unser Auto schneller machen als einen Mercedes, McLaren oder Aston Martin."

Red-Bull-Teamchef Christian Horner verfiel bei Fragen zur TD sofort in Schutzhaltung. "Wir mussten weder am Auto etwas ändern, noch wie wir beim Setup operieren." Gegen die TD-These spricht auch, dass sich Red Bull im Rennen erholt zeigte. Sportchef Helmut Marko nannte es eine Auferstehung. "Auf den Medium-Reifen haben wir zu den Schnellsten gezählt."

Plötzlich war die Reifentemperatur wieder da. Zu Beginn dadurch begünstigt, dass die Spritmenge die Reifen stärker walken ließ. Am Ende, weil Verstappen viel freie Fahrt hatte. Über die Zeit heizte sich der Reifen auf. Am Ende gehörte der RB19 wieder zu den schnellsten Autos im Feld.

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