Red Bull schafft Wende im letzten Augenblick
Nur Verstappen macht keinen entscheidenden Fehler

GP Abu Dhabi 2023

In den Trainings irrte Red Bull im Abstimmungsgarten herum. Pünktlich zur Qualifikation wuchsen dem RB19 wieder Flügel. Der Aufschwung war halb Superstar Verstappen und halb einem besseren Setup geschuldet. Plus fallenden Streckentemperaturen. Die Konkurrenz leistete sich zu viele Fehler.

Max Verstappen - Red Bull - GP Abu Dhabi 2023
Foto: Motorsport Images

Red Bulls Sportchef Helmut Marko war nach drei Trainings pessimistisch. Seine Mannschaft zeigte ungewohnte Schwächen. Der Grazer erzählte, dass alles zwischen Platz fünf und zehn bereits ein Erfolg in der Qualifikation wäre. Und das für ein Auto, das in dieser Saison 20 von 21 Rennen gewonnen hat. Doch in drei Trainings verhielt sich der Überflieger RB19 zu launisch.

Marko ließ sich sogar zu einer Wette mit Teamchef Christian Horner hinreißen. Es ging, wie der Engländer nach erfolgreicher Qualifikation am Funk in die Welt posaunte, um 500 Euro. Marko hatte nicht an die Pole Position geglaubt, die Max Verstappen doch eroberte. "Ich hoffe, Helmut hat seine Lektion gelernt. Nie gegen mich zu wetten", scherzte der Weltmeister nach getaner Arbeit.

Unsere Highlights
Max Verstappen - Red Bull - GP Abu Dhabi 2023
xpb

In den Trainings tauchte der Red Bull im Schatten ab. Im Qualifying blühte Max Verstappen auf.

Lange launischer Red Bull

Auch die Ingenieure hatten nicht unbedingt mit dem ersten Startplatz für das Saisonfinale gerechnet. Bis Samstagabend suchten sie zusammen mit den Fahrern nach der passenden Abstimmung. Da half es vielleicht nicht, dass Red Bull im ersten Training mit Jake Dennis und Isack Hadjar zwei Nachwuchsleute ran ließ. Am Freitagabend klagte Verstappen über zu viel Untersteuern. Das hasst der Weltmeister wie die Pest.

Also bauten die Mechaniker großflächig um. Nur um im dritten Training zunächst ein zu stark übersteuerndes Auto zu haben. Die Hinterachse klebte nicht mehr richtig auf dem Asphalt. Später in der Session wechselte der RB19 zwischen Untersteuern am Kurveneingang und Übersteuern am Kurvenausgang. Eine teuflische Kombination bei Asphalt-Temperaturen von 43 Grad Celsius. Ein Auto, das aus der Balance ist und an beiden Achsen rutscht, treibt dann die Reifentemperatur noch höher. Die Drücke steigen und die Fahrer schlittern noch mehr umher.

Von daher halfen den Red Bull die am Abend um elf Grad fallenden Streckentemperaturen. "Das war ein Hauptgrund für unseren sensationellen Aufschwung", meinte Marko. Sein Chefpilot hatte endlich wieder ein Auto in der Hand, mit dem er spielen konnte. "Ab der ersten Runde in der Qualifikation fühlte sich die Vorderachse mit der Hinterachse verbunden." Und über die Qualifikation hinweg fiel das Thermometer weiter.

Red Bull dreht an richtigen Stellschrauben

Red Bull hatte darauf verzichtet, den Heckflügel zu vergrößern. Weil es im Rennen auf das Tempo gedrückt hätte. Und weil man einen schlechteren Startplatz befürchtete. In dem Fall hätte man jedes km/h gebraucht, um nach vorne zu kommen. So mussten die Ingenieure über die mechanische Abstimmung nachhelfen. Und hatten ganz offensichtlich den richtigen Riecher und drehten an den passenden Stellschrauben – auch wenn der RB19 noch immer nicht im Idealbereich funktionierte.

Tiefere Temperaturen, eine bessere mechanische Plattform und ein Pilot, der im wichtigen Augenblick keine Fehler macht und sich an die Gegebenheiten anpasst. Auch Verstappen trug seine Hälfte zur Performance-Steigerung bei. Der Weltmeister war in allen Durchgängen der schnellste Mann auf der Fahrbahn. Im Q3 zauberte er sich bereits im ersten fliegenden Versuch auf die Pole Position. "Im zweiten Anlauf war ich bis zur Hälfte der Runde auf Kurs zu einer Verbesserung. Dann haben einmal die Vorderräder blockiert. Sofort war die Reifentemperatur hoch, und mir sind die Vorderreifen ausgegangen."

Im Gegensatz zur Konkurrenz hatte Verstappen im Q3 den Vorteil von zwei frischen weichen Reifensätzen. In einem Versuch kam er fehlerfrei durch. Die Gegner leisteten sich in ihrer entscheidenden Runde kleine bis große Fehler. "In der letzten Runde waren meine Reifen schon zu heiß. Da hatte ich einen Quersteher in der letzten Kurve. Anderen Fahrern erging es an der Stelle ähnlich", bedauerte Charles Leclerc. Der Ferrari-Fahrer verpasste die Verstappen-Vorgabe um 0,139 Sekunden. McLaren-Pilot Lando Norris leistete sich einen Bock in Kurve 13 und landete nur an der fünften Stelle.

Max Verstappen - Red Bull - GP Abu Dhabi 2023
Motorsport Images

Für Max Verstappen war es die zwölfte Pole der Saison und die vierte in Serie in Abu Dhabi.

Unterschied zwischen alten und neuen Reifen

Das Rennen wird für alle in gewisser Weise eine Fahrt ins Ungewisse. Weil die Trainingszeit im einzig repräsentativen Training netto nur 26 Minuten betrug. Keiner absolvierte im FP2 echte Longruns. Die aus dem dritten Training unter der Nachmittagssonne sind mit Vorsicht zu genießen. "Ich hatte dort ein gutes Gefühl auf den Longruns", meinte der Zweitplatzierte Leclerc.

Für gewöhnlich fährt der Red Bull mit Verstappen am Rennsonntag in einer eigenen Liga. Ferrari hofft, das richtige Setup für den Dauerlauf erwischt zu haben. Priorität hat es, den zweiten WM-Platz gehen Mercedes zu erobern. Doch es bestehen Zweifel bei der Scuderia, die aus dem Performance-Unterschied zwischen angefahrenen und neuen Reifen herrühren. "Das ist das Bild der Saison. Wir fallen leicht aus dem Fenster und schon verlieren wir überproportional viel Rundenzeit", schildert Leclerc. "Auf gebrauchten Reifen sind wir sehr langsam. Auf neuen Reifen gewinnen wir mehr als alle anderen. Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen für das Rennen."

Das haben wir oft in dieser Saison gehört. Frische Reifen liefern eine Portion mehr Grip. Das überdeckt Defizite beim Fahrzeug. Ein Ingenieur schildert: "Stellen Sie sich vor, ein schlechter balanciertes Auto fährt auf Eis. Da rutscht es nur umher. Mit einem neuen Reifen findet es plötzlich Haftung und kommt in Balance. Wie auf Spikes. Und schon wird es schneller. Ein gutes Auto profitiert zwar auch von frischen Reifen. Aber eben nicht in diesem Ausmaß."

Die aktuelle Ausgabe
AUTO MOTOR UND SPORT 09 / 2024
AUTO MOTOR UND SPORT 09 / 2024

Erscheinungsdatum 11.04.2024

148 Seiten