Taktik-Check GP Österreich 2023
Kein Mittel gegen Verstappen

GP Österreich 2023

Ferrari wollte Max Verstappen mit der Taktik zwei gegen eins in die Enge treiben. Doch der WM-Spitzenreiter war viel zu schnell, um sich irgendeine Strategie aufzwingen zu lassen. Wir blicken noch einmal auf die Taktik-Optionen.

Charles Leclerc - GP Österreich 2023
Foto: xpb

Die Startaufstellung las sich gut für Ferrari. Max Verstappen hatte zwei rote Autos im Rückspiegel. Der Plan der wiedererstarkten Truppe aus Maranello lag auf der Hand: Zwei gegen eins. Ferrari wollte Verstappen eine Strategie aufzwingen und ihn so auskontern.

Teil eins des Plans ging schon in der ersten Runde schief. Im Idealfall sollte sich ein Ferrari vor den Weltmeister setzen und ihn damit an der freien Fahrt hindern. Charles Leclerc probierte es zwei Mal, lief aber beim Red Bull gegen eine Wand. Ein frühes Safety-Car wegen Trümmerteilen auf der Strecke erstickte die rote Aggression.

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Dann lebte Ferrari in der Hoffnung, mit einem Auto so nah wie möglich an Verstappen dranzubleiben und mit dem anderen eine Alternativtaktik zu probieren. Das Problem lag darin, dass Carlos Sainz im ersten Stint der schnellere Ferrari-Fahrer war, aber seinen Stallrivalen nicht angreifen durfte, um nicht unnötig Zeit zu verlieren. Da hätte der Marschroute widersprochen. Da wünscht man sich von Ferrari manchmal mehr Flexibilität.

Nico Hülkenberg - Haas - Formel 1 - GP Österreich 2023 - Spielberg - Rennen
xpb
Der Ausfall von Nico Hülkenberg sorgte für eine VSC-Phase und die Chance zum zeitsparenden Reifenwechsel.

Leclerc verhinderte Dreistopp-Fehler

Leclerc merkte schnell, dass Verstappen für ihn eine Nummer zu groß war. Nach 14 Runden war bereits ein Rückstand von 6,6 Sekunden aufgelaufen. Der Red Bull mit der Startnummer 1 war in dieser Phase im Schnitt um sechs Zehntel schneller. Weil die Medium-Reifen am Ferrari stärker abbauten als vorausberechnet.

Dann gab es aber doch einen Hoffnungsschimmer. Als Nico Hülkenberg mit Motorschaden ausrollte, gab es für eineinhalb Minuten eine VSC-Phase. Und alle nahmen das Geschenk bereitwillig an – bis auf die beiden Red Bull, Valtteri Bottas und Yuki Tsunoda. Die Entscheidung nicht zu stoppen, demonstriert das Selbstverständnis des Titelverteidigers: Wir gewinnen mit jeder Taktik.

Ferrari muss sich fragen lassen, ob es klug war beide Fahrer an die Box zu holen. Carlos Sainz verlor fünf Sekunden, weil er auf Leclerc warten musste, dessen Boxentopp mit 4,4 Sekunden ungewöhnlich lang ausfiel. Splitten wäre besser gewesen, zumal Sainz bis zu diesem Zeitpunkt der schnellere Fahrer war. So hätte man das interne Duell elegant entzerrt.

Verstappen konnte es verschmerzen, dass Leclerc nach seinem ersten Boxenstopp für zehn Runden in Führung ging. Leclercs Vorsprung von 6,8 Sekunden verdampfte innerhalb von 43 Kilometern. Aus Verzweiflung fragte der Kommandostand bei Leclerc nach, ob man nicht auf drei Stopps umdisponieren soll. Zum Glück lehnte der Fahrer ab. Er hätte sonst auch noch seinen zweiten Platz verloren.

Bei Verstappens zweitem Reifenwechsel war der Vorsprung des Niederländers schon so groß, dass er seine Führung behielt. Obwohl er im Mittelstint mit harten Reifen antrat, während Ferrari auf die Reifenfolge medium-medium-hart setzte.

Im Schlussabschnitt baute der Weltmeister einen Vorsprung von 13,3 auf 23,7 Sekunden auf. Das gab ihm das Polster für einen weiteren Boxenstopp, um sich weiche Reifen für die schnellste Runde abzuholen. Es war die totale Demütigung der Gegner.

Sergio Perez - GP Österreich 2023
Red Bull
Die Red-Bull-Piloten nutzten das VSC-Geschenk nicht. Für sie war freie Fahrt wichtiger.

Der Weg von Perez durch das Feld

Verstappens Einmann-Show an der Spitze ist man gewohnt. Die Überlegenheit der Red Bull auf ihrer Hausstrecke zeigte sich an Sergio Perez. Der Mexikaner ging vom 15. Startplatz aus ins Rennen und war mit der gleichen Reifenfolge unterwegs wie die Ferrari-Piloten: Medium-medium-hart.

Trotzdem fing er Carlos Sainz im Kampf um das Podium zehn Runden vor Schluss noch ab und schenkte ihm bis zum Ziel noch 4,2 Sekunden ein. Perez profitierte dabei allerdings auch von einer Fünfsekunden-Strafe, die sein Gegner im Kampf um das Podium beim zweiten Boxenstopp absitzen musste. Trotzdem sagte Sainz: "Wir waren im Vergleich zu Red Bull zu langsam, und auch unser Reifenverschleiß war zu hoch."

Perez überholte auf seinem Weg durch das Feld neun Autos. Bis zur VSC-Phase in Runde 14 fehlten ihm auf die Ferrari 13,1 Sekunden. Das Team ignorierte den Zeitvorteil eines VSC-Stopps von rund acht Sekunden und ließ Perez auf der Strecke. So konnte der WM-Zweite an dritter Stelle bei freier Fahrt Tempo bolzen.

Zunächst schien Red Bulls Strategie nicht aufzugehen. Nachdem Perez zum ersten Mal neue Reifen abgeholt hatte, lag er 23,1 Sekunden hinter Sainz. Entscheidend war der zweite Stint. Perez verkürzte das Delta auf Sainz auf 10,9 Sekunden. Und er wartete fünf Runden länger mit seinem zweiten Stopp, um den Ferrari-Piloten mit frischeren Reifen in die Knie zu zwingen.

Nach den zweiten Boxenstopps wurde Perez nur noch ein 4,5 Sekunden-Defizit auf Sainz angezeigt. Einerseits half ihm dessen Strafe, andererseits musste Red Bulls Nummer zwei nach seinem Stopp noch an Lando Norris vorbei, bevor er Sainz ins Visier nehmen konnte.

Perez brauchte zwei Runden, bis er an seinem Gegner vorbei war. Sainz wehrte sich mit Händen und Füßen und beschwerte sich über die Gangart des Red Bull-Piloten: "Immer, wenn er neben mir lag, hat er zwei, drei Mal in meine Richtung gezuckt. Damit wollte er mich einschüchtern." Für Leclerc reichte es nicht mehr. Der zweite Ferrari erreichte zwölf Sekunden vor Perez das Ziel.

Lewis Hamilton - GP Österreich 2023
Wilhelm
Nach Anwendung aller Strafen landete Fernando Alonso vor Lewis Hamilton.

Aston Martin schlägt Mercedes

Das zweite Duell im Feld spielte sich zwischen Aston Martin und Mercedes ab. Beide hatten nicht ihren besten Tag, was dadurch unterstrichen wird, dass Norris im McLaren-Facelift vor beiden Teams ins Ziel kam. Fernando Alonso lag am Ende 3,9 Sekunden hinter dem McLaren, Lewis Hamilton inklusive seiner Strafe 12,7 Sekunden.

Norris führte die Entscheidung in diesem Dreikampf auf der Strecke herbei. In der 28. Runde ging der McLaren-Pilot in Kurve 4 an Hamilton vorbei. Zu dem Zeitpunkt lag Alonso noch fünf Sekunden zurück. Der WM-Dritte verkürzte den Rückstand noch leicht, weil sein Aston Martin die Reifen etwas besser in Schuss hielt als McLarens B-Version.

Hamilton haderte das ganze Rennen mit einer schlechten Fahrzeugbalance. Um die Hinterreifen zu schützen hatte Mercedes die Frontflügelanstellung verringert. Das funktionierte am Freitag, nicht aber am deutlich kühleren Renntag. Daraus resultierte ein unberechenbares Auto, mit dem Hamilton ständig die Streckenlimits in den Kurven 9 und 10 übertrat. Er war dann auch der Erste, der für den vierten Verstoß eine Strafe bekam.

Mercedes besserte bei den Boxenstopps am Frontflügel nach, so dass sich die Straßenlage in der zweiten Rennhälfte etwas beruhigte. Doch die Strafe spielte Alonso alle Karten in die Hand. Der Spanier ließ sich mit seinem zweiten Stopp sogar zwei Runden länger Zeit als Hamilton und kehrte trotzdem 2,7 Sekunden vor seinem Gegner auf die Strecke zurück.

Aston Martin splittete die Taktik, was Sinn ergibt, wenn die zwei Autos in der Startaufstellung praktisch nebeneinander stehen. Alonso ging antizyklisch mit harten Reifen ins Rennen, Lance Stroll mit Medium, eine Wahl, die insgesamt 17 Fahrer trafen. Mit der frühen VSC-Phase bekam Alonsos Plan einen Dämpfer. Er nutzte wie der Großteil des Feldes das VSC-Geschenk zum Boxenstopp. Selbst bei einem normalen Rennverlauf hätte die Reifenfolge Hart-medium-medium nicht viel am Resultat geändert. Dazu waren sich die beiden Reifenmischungen zu ähnlich.

Alex Albon - Williams - GP Österreich - Rennen
xpb
Alex Albon war gut unterwegs, wurde am Ende aber nicht mit Punkten belohnt.

Strafen bestimmen das Resultat

Lance Stroll bezahlte für das falsche Boxenstopp-Timing. Er kam mit einer Runde Verspätung zum ersten Boxenstopp. Weil die VSC-Phase endete, während er sich noch in der Boxengasse befand, schrumpfte auch das Zeitgeschenk im Vergleich zu denen, die das Fenster perfekt getroffen hatten. Der Kanadier fiel von Platz 8 auf Rang 15.

Die Strategen mussten ihn mit einer aggressiven Strategie wieder in die Punkteränge zurückholen. Stroll war einer der wenigen, die bewusst drei Mal stoppten. Obwohl er inklusive einer Strafe mehr als 20 Sekunden auf Pierre Gasly in den Boxen verlor, kam er nur 1,3 Sekunden hinter dem Alpine ins Ziel.

Bis acht Runden vor Schluss lag noch Alexander Albon in den Punkterängen. Dann verdrängte ihn Stroll aus den Top Ten. Williams versuchte die Gefahr mit einem frühen zweiten Boxenstopp abzuwenden, doch am Ende entschied der Speed auf der Strecke.

Albon war nicht einmal traurig: "Es ist normal, dass die vier Topteams ihre acht Autos in die Punkteränge bringen. Der neue McLaren war außer Reichweite, und auch Gasly vor mir hatte ein gutes Rennen. Damit waren die Punkte weg. Aber wir hatten immerhin das nächst schnellste Auto."

Stroll, Albon und Gasly zählten bei der Streckenlimit-Farce zu den Mehrfachtätern. George Russells Weste blieb weiß. Das war am Tag der Strafen eine Bank. Sainz, Hamilton und Gasly verloren sechs Stunden nach dem Rennen noch Positionen. So rutschte Russell im Nachgang auf Platz sieben. Er hatte die meiste Zeit im Rennen freie Fahrt. So war es einfacher auf die Streckenlimits zu achten.