Horner-Streit bei Red Bull
Geht Verstappen zu Mercedes?

Der Wechsel von Lewis Hamilton zu Ferrari hat bei Mercedes einen Platz frei werden lassen. Der heißeste Kandidat ist derzeit Max Verstappen. Trotz Red-Bull-Vertrag bis 2028. Die Horner-Affäre könnte die Tür nach draußen öffnen.

Jos Verstappen & Toto Wolff
Foto: xpb

Zunächst einmal klingt alles ganz unwahrscheinlich. Max Verstappen hat bei Red Bull einen gültigen Vertrag bis 2028. Und der Niederländer sitzt im besten Auto. Das hat der Saisonauftakt in Bahrain bestätigt. Warum sollte der Weltmeister diese Komfortzone verlassen?

Bei Mercedes wird 2025 durch den Wechsel von Lewis Hamilton zu Ferrari ein Platz frei. Bei 13 der 20 Fahrer im aktuellen Feld läuft Ende des Jahres der Vertrag aus. Alle sind scharf auf das offene Mercedes-Cockpit. Darüber hinaus hätte Mercedes ein Zugriffsrecht auf Supertalent Andrea Kimi Antonelli, und man könnte auch noch Formel-1-Rentner Sebastian Vettel zu einem Comeback überreden.

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Doch im Moment ist Max Verstappen der heißeste Kandidat auf den Mercedes-Sitz neben George Russell. Geht nicht, sagen Sie? In der Formel 1 geht alles. Immer mehr Indizien deuten darauf hin, dass es zu dem Sensationstransfer kommen könnte. Und die Affäre um Christian Horner ist der Hebel dazu. Oder willkommener Anlass.

Max Verstappen & Toto Wolff
Motorsport Images

Bei der Verpflichtung von Max Verstappen konnte Red Bull Max Verstappen mehr bieten als Mercedes.

Wie Schumacher zu Ferrari

Red-Bull-Sportchef Helmut Marko ist besorgt, dass die Turbulenzen im Team nicht nur Verstappen, sondern auch Stardesigner Adrian Newey und den künftigen Motorenpartner Ford vertreiben könnten. Teamchef Horner glaubt offenbar, dass es auch ohne seine Schlüsselfiguren geht. Das glaubte McLaren-Chef Ron Dennis in der Verblendung zu vieler Erfolge auch mal. Bis er nacheinander Konstrukteur John Barnard, Alain Prost und Ayrton Senna verlor.

Bei Mercedes erntet man auf die Verstappen-Frage weder eine Bestätigung noch ein Dementi. Toto Wolff antwortete nach dem GP Bahrain mit einem Allgemeinplatz: "Die schnellsten Fahrer wollen immer im schnellsten Auto sitzen. Und Red Bull hat aktuell das schnellste Auto."

Das Gleiche hat man 1995 auch von Michael Schumacher gesagt. Und trotzdem ging er zu Ferrari. Weil er sich überzeugen ließ, dass ihn eine Fortsetzung der Benetton-Siegesserie nicht größer macht. Erst wenn er mit mehreren Teams Weltmeister würde, vor allem mit so einer strahlenden Marke wie Ferrari, die so lange nichts gewonnen hat, wäre das der Schritt zu wahrer Größe. Was für Schumacher einst Ferrari war, ist für Verstappen möglicherweise Mercedes.

Max Verstappen & Christian Horner - GP Bahrain 2024
Red Bull

Bisher wartete man vergeblich auf ein öffentliches Bekenntnis von Max Verstappen zu Christian Horner.

Fall Horner als Mittel zum Zweck

Ein weiterer Hinweis auf eine Zukunft bei Mercedes ist der zeitliche Ablauf der Ereignisse. Der Fall Horner schwelt firmenintern schon seit Dezember. Warum dringen die Vorwürfe gegen den Red-Bull-Teamchef wegen angeblich unangemessenen Verhaltens gegenüber einer Mitarbeiterin exakt vier Tage nach Bekanntwerden des Hamilton-Transfers ans Licht? Und warum prescht zwei Mal eine niederländische Zeitung mit Details zu der Geschichte vor?

Der Verstappen-Clan streitet zwar ab, irgendetwas mit den anonym verbreiteten Screenshots zu tun zu haben, die angeblich die Chatverläufe zwischen Horner und besagter Mitarbeiterin zeigen. Er sagt aber im gleichen Atemzug, dass der Teamchef in seiner Position nicht mehr tragbar ist. Wohl wissend, dass die thailändische Red-Bull-Fraktion bis zum bitteren Ende Horners Schutzpatron spielen wird.

Toto Wolff mahnt in dem Fall größtmögliche Transparenz und ein klares Bekenntnis zu den heute üblichen Compliance-Spielregeln an und gießt damit automatisch weiteres Öl ins Feuer. Das würde in seiner Situation jeder so machen, weil es den Druck erhöht. In der Formel 1 ist sich jeder selbst der Nächste, und Verstappen haben oder nicht haben kann über Sieg und Niederlage entscheiden.

Lewis Hamilton & Fernando Alonso - GP Australien - Bilder des Jahres 2023
Wilhelm

Auf das freigewordene Mercedes-Cockpit schielen mehrere Piloten.

Was macht Alonso?

Noch nicht klar ist, was Verstappens Entourage dazu bewegt, Horner aus dem Amt zu drängen. Es muss mehr sein als nur irgendwelche Marketing-Rechte, die dem Champion bei Red Bull verweigert werden, die er bei Mercedes aber bekommen könnte. Auch mehr als mangelnder Respekt, wenn Horner wirklich glaubt, er könne mit jedem Fahrer den Titel holen.

Es könnte auch sein, dass Verstappens Management den schnellsten Fahrer unserer Zeit so oder so zu Mercedes bringen will, weil er dort zum Superhelden und zum Botschafter einer Marke werden kann, die zu den zehn bedeutendsten der Welt zählt. Und weil er Mercedes für die neue Motorenformel ab 2026 vielleicht mehr zutraut als dem eigenen Motorenprojekt RB Powertrains. Die Causa Horner wäre dann nur Mittel zum Zweck. Egal, wie sie ausgeht.

Würde Verstappen Red Bull Richtung Mercedes verlassen, wird bei Red Bull das sportlich attraktivste Cockpit frei. Und alle, die jetzt noch auf die freie Stelle bei Mercedes schielen, werden ihre Jetons auf Red Bull umsetzen. An vorderster Stelle steht Fernando Alonso, dessen Manager Flavio Briatore mit Wolff und Horner gleichermaßen gut kann. Der Spanier will offiziell zwar erst in ein paar Wochen eine Grundsatzentscheidung über seine Zukunft treffen, doch bei diesen Optionen dürfte die Antwort ziemlich klar sein.

Alle anderen müssen warten, bis die Königsplätze besetzt sind. Sie können sich wie Carlos Sainz und Nico Hülkenberg nur durch starke Leistungen im Gespräch halten. Sebastian Vettel erklärte in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung, dass ein Comeback kein dringliches Thema sei und er im Alter von 36 Jahren noch Zeit habe. In diesem Fall ist Abwarten der falsche Weg.

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