Vierkampf um die Austin-Pole
Leclerc kurz vor dem Herzinfarkt

GP USA 2023

Red Bull, Ferrari, McLaren und Mercedes stritten sich um die Pole Position zum GP USA. Charles Leclerc verbuchte sie. Die Schlüssel dafür waren ein gutes Basis-Setup und ein immer besser werdendes Verständnis. An der Kommunikation müssen Leclerc und sein Renningenieur aber noch arbeiten.

Charles Leclerc - Ferrari - GP USA 2023 - Austin
Foto: xpb

Der Circuit of the Americas sollte doch eigentlich bestens zum Red Bull RB19 passen. Das Wunderauto der Formel 1 ist ein Allrounder par excellence. Und genau diese Fähigkeit ist auf der Rennstrecke nahe Austin gefragt. Auf den 5,513 Kilometern kommt alles zusammen: langsame bis schnelle Kurven, Haarnadel bis Geschlängel, eine über einen Kilometer lange Gerade, auf die eine harte Bremszone folgt.

Vor diesem Hintergrund reiben sich Beobachter beim Blick auf das Ergebnis der Qualifikation verwundert die Augen. Max Verstappen reiht sich hier nur an der sechsten Stelle ein. Der Red Bull ist nur das viertschnellste Auto. Ferrari, McLaren und Mercedes waren an diesem Freitagabend in Austin schneller. Nun ja, nicht ganz: Wäre Verstappen nicht die beste Zeit nach Verstoß gegen Track Limits aberkannt worden, dann hätte der Weltmeister mal wieder von der Spitze gegrüßt.

Unsere Highlights
Norris - Leclerc - Hamilton - GP USA 2023 - Austin
xpb

Charles Leclerc setzte sich in einem Zehntel-Krimi gegen Lando Norris und Lewis Hamilton durch.

Ferrari trifft das Setup

Stattdessen jubelte Charles Leclerc über die dritte Pole der Saison. Die große Freude folgte auf einen Schock. Der Monegasse hatte für einen Bruchteil das Gefühl, dass es nicht Verstappen mit der Überschreitung der Streckengrenze in Kurve 19 erwischte, sondern ihn selbst. "Mein Renningenieur hat mir zuerst die beiden Worte ‚Track Limits‘ ins Cockpit gefunkt. Da habe ich fast einen Herzinfarkt bekommen. Erst danach nannte er Max beim Namen. Ich habe ihm gesagt, dass er doch in Zukunft bitte zuerst den Fahrer benennen soll, bevor er über Track Limits spricht."

Wenn der große Favorit schon mal stolpert, dann muss man zur Stelle sein. Ferrari war das in der Qualifikation. So wie man es in Singapur war, beim einzigen Sieg über Red Bull in dieser Saison. Der Schlüssel für die Leistung war nicht etwa ein Upgrade, wie es Mercedes an die Rennstrecke gebracht hat. Sondern die Vorarbeit in der heimischen Fabrik in Maranello und ein wachsendes Verständnis zum Auto. Ferrari reiste mit dem passenden Basis-Setup in die USA, das man im einzigen Training verfeinerte.

Leclerc erklärt: "Das Auto fühlte sich ab der ersten Ausfahrt gut an. Das ist an einem Sprintwochenende mit nur einem Training besonders wichtig. Das zählt doppelt." Weil schlichtweg die Zeit für Umbauten und eine intensive Datenanalyse an der Rennstrecke fehlt. Und dann sind auch Überraschungen möglich. Die Papierform sprach eigentlich gegen Ferrari, McLaren und Mercedes. Weil ihren Autos die Allrounder-Qualitäten fehlen. "Ich habe uns nicht im Kampf um die Pole Position erwartet. Ich sollte aufhören, darüber nachzudenken, wo wir stehen könnten. Das ist so schwer zu antizipieren. Da lasse ich mich doch lieber so überraschen wie heute", berichtet Leclerc.

SF-23 gut auf Bodenwellen

Diesem Gedanken stimmt der Teamchef zu. "Die Reihenfolge ändert sich doch von Wochenende zu Wochenende. Nur Verstappen ist die Konstante. Er fährt fast immer in einer eigenen Liga. Dahinter wechseln wir uns ab. Von Platz zwei bis zum Absturz ist alles möglich. Details entscheiden. Schaut euch Fernando Alonso an. Der stand in Katar noch in der zweiten Startreihe und scheiterte in Austin im Q1", befindet Frederic Vasseur. Daher verfällt Ferraris Rennleiter auch nicht in Euphorie. "Wir sollten nicht zu überschwänglich werden. Die Arbeit ist noch lange nicht erledigt. Wir haben noch den ganzen Samstag und den Sonntag vor uns."

Doch der Trend muss Ferrari optimistisch stimmen. Seit der Sommerpause hat die Scuderia beim Verständnis offenbar einen großen Schritt gemacht. Experimente mit dem Setup in Zandvoort zahlten sich aus. Der neue Unterboden ab Suzuka brachte Leclerc zurück in die Spur. Seither fühlt sich der Monegasse wieder heimischer in seinem SF-23. "Vorher war das Auto launischer mit einer unberechenbaren Balance. Sie wechselte in der Kurve zwischen Unter- und Übersteuern. Jetzt beißt die Vorderachse mehr. Das liegt meinem Fahrstil besser."

Ein Trumpf des roten Autos: Der Ferrari kann Unebenheiten auf der Rennstrecke ausbügeln. Das ist auf dem welligen Circuit of the America, wo sich die Bodenwellen jedes Jahr neue Stellen suchen, besonders wichtig. "Das gibt dir Vertrauen, besonders in den schnellen Kurven." Und dort war der Ferrari schnell. "Noch schneller sind wir aber in den langsamen und mittelschnellen Kurven", äußert sich der Pole Setter. Und das trotz kleinerem Flügel.

Lando Norris - McLaren - GP USA 2023 - Austin
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McLaren unterstreicht in Austin, dass mit den Papaya-Autos auf jeder Rennstrecke zu rechnen ist.

Norris verbaut sich Pole-Chance

Das spricht dafür, dass Ferrari mit den Reifentemperaturen am Optimum lag. Das bringt den nötigen Extra-Grip auf eine fliegende Runde. "Wenn du die Reifen im Fenster hast, bringt das viel mehr als ein Upgrade. Da sprechen wir von Bruchteilen, beim Reifenmanagement schnell von Zehnteln", erklärt Teamchef Vasseur.

So reichte es für Leclerc zur Pole, trotz kleinerer Wackler in der finalen Runde. "Ich bin mit der Einstellung reingegangen, alles in diesen letzten Versuch reinzuwerfen. Da schießt du schnell mal über das Limit hinaus. Die Runde fühlte sich schlechter an als die erste, war aber schneller, weil die Strecke besser wurde."

Die kleinen Wackler hatte aber auch der erste Verfolger drin. Lando Norris erging es ähnlich wie Leclerc. Er überraschte sich selbst mit einem Topresultat. "Auf dieser Strecke gibt es weniger Highspeed-Kurven und mehr langsame Ecken. Da liegt ja bekanntlich unsere große Schwäche. Von daher bin ich sehr zufrieden, dass wir trotz der langsamen Kurven sogar eine kleine Chance auf die Pole hatten."

Die vermasselte sich Norris selbst. Zu viele kleine Fehler sorgten dafür, dass er nicht den Sonnenplatz einnahm. "Das kann auf dieser Strecke aber leicht passieren. Der Asphalt ist an manchen Stellen ziemlich schlecht. Dazu kommen die Bodenwellen. Vor diesem Hintergrund langt man schnell mal daneben", sagt der Zweitplatzierte.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP USA 2023 - Austin
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Der neue Unterboden bringt dem Mercedes mehr Abtrieb im Heck.

Mercedes-Upgrade wirkt

Der Vierte, der sich in der Verlosung um die Pole Position befand, war Lewis Hamilton. Mercedes brachte sich wie Ferrari durch gute Vorarbeit in der Fabrik in diese Position. Und durch einen neuen Unterboden, der so funktioniert, wie es sich die Ingenieure ausgerechnet hatten. Das Heck klebt besser auf der Straße. "Das Auto fühlt sich fast identisch an. Allerdings haben wir fast in jedem Bereich zulegt", berichtet der Drittplatzierte der Qualifikation.

Ein stabileres Heck schafft Vertrauen. Hamilton setzte es um. George Russell weniger. Der zweite Mercedes-Pilot haderte mehr mit der Fahrzeugbalance. "Ich kann definitiv die Verbesserungen spüren, die wir mit dem Update erzielt haben. Ich habe bis jetzt noch keine Erklärung gefunden, wieso ich dennoch nicht mit der Pace auf Höhe bin", rätselt der 25-Jährige. Immerhin startet auch Russell vor Verstappen in den sonntägigen Grand Prix. Das schlechte Abschneiden von Red Bull macht Ferrari, McLaren und Mercedes Hoffnung, das Rennen gewinnen zu können. "Wenigstens kann Max nicht einfach am Horizont verschwinden", sagt Hamilton.

Prognosen unmöglich. "Ich habe meiner Mannschaft vor Singapur gesagt, dass sie kein zweites Monza erwarten sollen. Und dann haben wir das Rennen gewonnen. Vor Austin habe ich sie wieder gewarnt, dass es schwerer werden sollte als an den Rennwochenenden davor. Wieder trat das Gegenteil ein. Vielleicht sollte ich meinen Job wechseln", scherzt Vasseur.