Vorschau GP Singapur 2023
Größter Stolperstein für Red Bull?

14 Rennen, 14 Siege: Red Bull ist auf dem Weg zur perfekten Saison. Mit dem GP Singapur wartet nun die wahrscheinlich größte Herausforderung im Restprogramm. Meistert sie das Verstappen-Team? In der Vorschau haben wir die letzten Infos zur Hitzeschlacht unter Flutlicht.

Max Verstappen - Red Bull - GP Niederlande 2023 - Zandvoort
Foto: Motorsport Images

Mit dem Grand Prix von Singapur beginnt für die zehn Formel-1-Teams das große Überseefinale. Acht Rennen innerhalb von zweieinhalb Monaten treiben den Tross an die Belastungsgrenze. Bis zum Saisonfinale in Abu Dhabi gibt es nur drei rennfreie Wochenenden. Die Titelfrage ist zwar so gut wie geklärt, trotzdem können sich die Fans noch auf einige spannende Positionskämpfe im Feld einstellen.

Mercedes will den zweiten Platz gegen Aston Martin und Ferrari festigen. McLaren wie die Gegner noch das ein oder andere Podest einstreichen. Williams beginnt den Endspurt als WM-Siebter mit einem kleinen Polster auf die Verfolger von Haas und Alfa Romeo. Und Alpha Tauri würde natürlich liebend gern noch die rote Laterne abtreten.

Unsere Highlights
Max Verstappen - GP Italien 2023
xpb

In Singapur konnte Seriensieger Max Verstappen noch kein einziges Mal gewinnen.

Verstappen ohne Singapur-Sieg

Auf dem Papier verspricht das kommende Rennen sogar Spannung an der Spitze. Verliert der Klassenprimus doch noch einmal? Bis jetzt ist Red Bull mit 14 Siegen aus 14 Grand Prix auf Kurs zu einer perfekten Saison. Mit Singapur wartet nach Ansicht des Teams der größte Stolperstein. Der Red Bull RB19 hat zwar keine echte Schwäche. Doch der wellige Stadtkurs könnte dem Über-Auto wenigstens etwas die Flügel stutzen und der Konkurrenz näher bringen.

Auch die Statistik liefert den Optimisten im Fahrerlager eine Vorlage. Überflieger Max Verstappen, der die letzten zehn Formel-1-Rennen am Stück gewonnen hat, siegte nie in seiner Laufbahn in Singapur. Und dann sind da ja noch die Verschärfungen von Seiten der FIA. Die überarbeiteten Technischen Direktiven (TD018 und TD039) greifen am Singapur-Wochenende erstmals in vollem Umfang. Die Regelhüter wollen damit Tricksereien am Unterboden unterbinden und die Biegsamkeit von Flügeln eindämmen. Es bleibt abzuwarten, ob es dadurch zu Verschiebungen kommt.

Für Action ist auf dem Stadtkurs eigentlich immer gesorgt. Die Strecke verzeiht mit ihren Mauern, die Zentimeter neben der Ideallinie stehen, so gut wie keine Fehler. In den 13 bisherigen Ausgaben rückte das Safety Car immer mindestens einmal aus. Es ist heiß. Es ist schwül. Wetter und Layout treiben die Fahrer an ihre Belastungsgrenze. Und es droht Gefahr durch Regen. Zumindest für den Rennsonntag schließen ihn die Wetterexperten nicht aus.

Pirelli - Info-Grafik - GP Singapur 2023
Pirelli

Kürzere Strecke, dafür eine Runde mehr: Das sind die Anforderungen an die Reifen in Singapur.

Die Strecke: Marina Bay Street Circuit

Schon mehrmals änderten die Streckenbetreiber das Layout. In dieser Saison zwingen sie Sanierungen dazu. Den Bauarbeiten im Stadtstaat fallen vier Ecken zum Opfer. Zwischen den Kurven 15 und 16 entsteht deshalb ein fast 400 Meter langes Vollgasstück. Es bleibt abzuwarten, ob die veränderte Streckenführung zu mehr Überholmanövern einlädt.

Der Umbau kürzt die Gesamtlänge von 5,063 auf 4,940 Kilometer. Die Teams gehen nach ihren Simulationen davon aus, dass die Rundenzeiten um etwa zehn Sekunden fallen. Mercedes-Rennleiter Toto Wolff glaubt: "Durch den geänderten Streckenverlauf sollte die Runde flüssiger verlaufen und die Reifen etwas mehr geschont werden." Die Anzahl der Rennrunden wird dafür erhöht: von 61 auf 62.

Zu rund 70 Prozent führt der Kurs im Stadtteil Marina Bay über öffentliche Straßen. Regelmäßige Regengüsse verhindern, dass sich eine klebrige Gummischicht auf der Ideallinie bilden kann. Der Griplevel befindet sich stets am unteren Rand der Skala.

Die vielen engen, rechtwinkligen Ecken und die Bodenwellen machen den Ritt durch den Leitplanken-Dschungel für die Piloten zur Tortur. Als wären Temperaturen von über 30°C und eine Luftfeuchtigkeit auf Sauna-Niveau nicht schon anstrengend genug. Viele Stellen zum Ausruhen gibt es auf dem winkligen Stadtkurs nicht. Immerhin fallen in diesem Jahr vier Kurven weg. So erhalten die Piloten etwas Entlastung. Und auch die Getriebe. Singapur war zuvor die Strecke mit den meisten Schaltvorgängen pro Runde gewesen. Mit dem neuen Layout ist man mit 64 Gangwechseln nur noch die Nummer vier im Kalender.

Viele Fahrer bezeichneten den GP Singapur in der Vergangenheit als das körperlich anstrengendste aller Rennen. Bis zu drei Kilo Gewicht schwitzen die Sportler im Laufe des Rennens aus. Die Fehlerrate ist hier traditionell hoch. Weil auch das Überholen überdurchschnittlich schwierig ist, hat sich die FIA wieder dazu entschieden, drei DRS-Zonen einzurichten. Pirelli liefert mit den Sorten C3, C4 und C5 die weichsten Mischungen.

Mercedes - Strecken-Grafik - GP Singapur 2023
Mercedes

Durch die Aussparung von vier Kurven entsteht ein Vollgasstück von fast 400 Meter Länge.

Fast Facts zum GP Singapur

  • Streckenlänge: 4,940 Kilometer
  • Anzahl Runden: 62
  • Renndistanz: 306,280 km
  • Rundenrekord (Rennen): Kevin Magnussen, 1.41,905 min. (2018)
  • Distanz von Pole Position bis T1: 197 Meter
  • Längste Gerade: 832 Meter (vor T7)
  • Reifensorten: C3, C4 & C5
  • DRS-Zonen: 3 (T5-7, T13-T14, T23-T1)
  • Reifenverschleiß: gering
  • Bremsenverschleiß: hoch
  • Safety-Car-Wahrscheinlichkeit: hoch (13 von 13 Rennen)
Sergio Perez - Red Bull - GP Singapur 2022
Wilhelm

Bremsen und Beschleunigen: Die Fahrer müssen auf die Hinterreifen achten, damit die Traktion nicht zu sehr leidet.

Das Setup:

Die Stop-and-Go-Charakteristik führt in Verbindung mit den hohen Außentemperaturen zu einer hohen Bremsbelastung. Die Teams zählen gleich vier harte Bremszonen. Durch das Fehlen langer Geraden und die kurzen Abstände zwischen den Kurven wird auch weniger Luft in die Bremsen geleitet. Die Kühlung ist daher ein wichtiges Thema für das Team.

Wer in Singapur schnell sein will, braucht eine Vorderachse, die zupackt und ein Heck, das kein wildes Eigenleben führt. Untersteuern können die Fahrer bei den vielen langsamen Kurven gar nicht gebrauchen. Die Balance muss stimmen. Hier ist im Freien Training viel Setup-Arbeit gefragt. Ein stabiles Auto bringt Vertrauen und Zehntel auf der Uhr.

Das Fahrwerk muss möglichst weich und hoch eingestellt werden, um den Ritt über die Randsteine und die Bodenwellen abzufedern und die mechanische Traktion zu verbessern. Das beißt sich eigentlich mit den Grundeigenschaften der Groundeffect-Autos, was die Abstimmungsarbeit kompliziert und zugleich spannend macht.

Die Einstellung des Flügelwerks ist extrem. Die vielen rechtwinkligen Kurven verlangen maximalen Abtrieb. Obwohl es für einen Stadtkurs noch relativ lange Geraden gibt, ist Top-Speed zweitrangig – ganz im Gegensatz zum vergangenen Rennen in Monza.

Es fehlen zwar die schnellen Kurven. Trotzdem belastet Singapur die Reifen – und zwar auf der Hinterachse. Das ständige Abbremsen und Beschleunigen gepaart mit hohen Außentemperaturen und einem aggressiven Asphalt setzt den Pirellis über die Distanz zu. Die Oberfläche kann nie richtig auskühlen. Reifenmanagement ist gefragt, sonst überhitzen die Gummis, verschleißen und bauen ab. Auch in der Nacht.

Lando Norris - McLaren - GP Niederlande 2023 - Zandvoort - Rennen
Wilhelm

McLaren will nochmal im größeren Stil nachlegen.

Die Updates:

Nach dem Mini-Flügel-Fest in Monza schrauben die Ingenieure nun wieder alles an die Autos, was Abtrieb bringt. In Singapur schwappt traditionell die letzte große Upgrade-Welle des Jahres durch die Boxengasse. Praktisch alle Teams haben für das 15. Saisonrennen kleinere oder größere Modifikationen angekündigt.

Von zwei Rennställen sind im Vorfeld umfangreiche Ausbaustufen durchgesickert. McLaren will seine Schwäche in langsamen Kurven und bei der Traktion durch Upgrades mindern. Dazu sollen ein neuer Unterboden und neue Seitenkästen zählen. Alfa-Romeo-Sauber bessert ebenfalls mit einem veränderten Unterboden und neuen Teilen an der Verkleidung nach.

Neuerungen gibt es auch bei der Lackierung. Williams startet im Gulf-Design in die Rennen in Singapur, Japan und Katar. McLaren lässt seinen MCL60 im "Stealth Mode" antreten. Das nackte Carbon dominiert hier das Außenkleid.

Die Favoriten:

Max Verstappen hat zwölf der 14 Rennen gewonnen und stand acht Mal auf Pole Position. Er führt die Weltmeisterschaft mit einem Vorsprung von 145 Punkten auf Teamkollege Sergio Perez an, der seinen 250. Grand Prix bestreitet. Der Mexikaner ist der einzige Pilot, der ansonsten in diesem Jahr gewonnen hat. Die Frage nach dem Favoriten stellt sich von daher gar nicht: Es ist Verstappen im Red Bull.

Und doch fürchtet der Seriensieger die kommende Strecke. Singapur hat einen Asphalt mit vielen Bodenwellen. Die Fahrer müssen die Randsteine in die Ideallinie einbeziehen. Die aerodynamische Effizienz des Pakets rückt in den Hintergrund. Rechtwinklige Kurven überwiegen, was die Abstimmung erleichtert. Allrounder-Qualitäten kommen daher nicht so zur Geltung. Alles Punkte, die dafür sorgen könnten, Red Bull in die Arme der Verfolger zu treiben.

Auf eine Runde war der RB19 ohnehin nicht so überlegen wie über die Distanz. Wer weiß: Wenn sich ein anderer die Pole schnappt, könnte die Red-Bull-Serie auf dem eher überholfeindlichen Kurs reißen. Bis jetzt hatte der Klassenprimus aber auf alles eine Antwort. Die Frage lautet, wer im (unwahrscheinlichen) Fall der Fälle zuerst profitiert: Mercedes, Aston Martin, Ferrari oder doch McLaren?

Wer ist die Nummer zwei?

Mercedes ist auf Strecken, die hohen Abtrieb verlangen, für gewöhnlich besser aufgestellt. Langsame Kurven schmecken dem W14 besser als schnelle. Und die Bodenwellen zwingen das Feld allgemein zu mehr Bodenfreiheit. Das freut die Teams, deren Autos im Verhältnis ohnehin für mehr Abstand zum Asphalt ausgelegt sind – wie Mercedes.

Auch Aston Martin sollte man auf der Rechnung haben. Der zweite Platz von Fernando Alonso in Monaco unterstreicht es. Seit dem Zandvoort-Upgrade ist der AMR23 auch wieder stark in langsamen wie mittelschnellen Kurven und bei der Traktion. Mit Alonso sitzt ein Singapur-Spezialist im Auto. Der Spanier siegte hier zwei Mal. Mehr Erfolge hat in Singapur aus dem aktuellen Fahrerkader nur Lewis Hamilton (4) vorzuweisen.

Ferrari tat sich in den letzten Wochen schwer auf Strecken, die große Flügel verlangen. Allerdings haben Pisten wie Ungarn und Zandvoort auch langgezogene Kurven. Singapur bietet meist kurze Radien. Das freut Charles Leclerc und Carlos Sainz. Zumal der Ferrari für gewöhnlich gut mit Randsteinen umgeht. Bei McLaren bleibt abzuwarten, wie das Upgrade einschlägt. Von daher ist schwer auszumachen, wer der größte Herausforderer von Red Bull sein wird.

Vielleicht stößt sogar Alpine in die Verfolgergruppe. Dem Renault-Motor fehlen zwar 20 bis 30 PS, doch der Leistungsnachteil wiegt in Singapur weit weniger schwer als zuletzt auf der Power-Strecke Monza. Und was passiert hinten? Williams hat sich zwar in langsamen Passagen verbessert, allerdings fehlt dem FW45 weiterhin Abtrieb. Das dürfte man in Singapur spüren. Alfa Romeo und Haas sollten hier besser aufgestellt sein. Alpha Tauri wirkte in den letzten Rennen allgemein verbessert. Daher gilt auch für das (hintere) Mittelfeld: Reihenfolge ungewiss.

Sergio Perez - Red Bull - GP Singapur 2022 - Formel 1
Wilhelm

Im Vorjahr schnappte sich Sergio Perez den prestigeträchtigen Erfolg beim Nachtrennen.

So lief der letzte Singapur-Grand-Prix 2022

Wieder ein Hoffnungsschimmer für die Formel 1. Im Vorjahr war Max Verstappens Siegesserie von fünf aufeinander folgenden Rennen in Singapur gerissen. Sein Team hatte sich mit der Benzinmenge in der Qualifikation verkalkuliert, was den Weltmeister auf den achten Startplatz verbannte.

Teamkollege Sergio Perez sprang ein und holte den Sieg. Den Grundstein hierfür legte er am Start. Auf nasser Bahn überholte er Pole-Setter Charles Leclerc auf den ersten 200 Metern. Nach einem Regenschauer war der Grand Prix mit einer einstündigen Verspätung angepfiffen worden. Die rutschige Piste ließ einige Fahrer ausrutschen. Das sorgte in Kombination mit technischen Defekten für Safety Cars und VSC-Phasen.

Beinahe wäre Perez darüber gestolpert, weil er mehr als zehn Wagenlängen Abstand zum Safety Car ließ. Die Sportkommissare bestraften ihn mit fünf Sekunden. Dennoch stand am Ende der Sieg, weil der Vorsprung auf Leclerc groß genug ausfiel. Dem Monegassen waren in der Schlussphase etwas die Reifen eingegangen. Den letzten Podestplatz belegte Carlos Sainz im zweiten Ferrari.

McLaren sahnte dank guter Strategie und dem richtigen Timing für den Reifenwechsel auf den Plätzen vier und fünf ab. Hinter Aston-Martin-Pilot Lance Stroll kreuzte Verstappen nur als Siebter den Zielstrich. Hamilton wurde nach zwischenzeitlichem Abflug sogar nur Neunter.

Zeitplan GP Singapur 2023

Tag

Session

Uhrzeit

Freitag, 15.09.2023

1. Training

11:30-12.30 Uhr

2. Training

15.00-16.00 Uhr

Samstag, 16.09.2023

3. Training

11.30-12.30 Uhr

Qualifikation

ab 15 Uhr

Sonntag, 17.09.2023

Rennen

ab 14 Uhr

Zeitplan GP Singapur

Das Qualifying und das Rennen werden in Singapur traditionell erst nach Sonnenuntergang gestartet. Durch die Zeitverschiebung ändert sich für die deutschen Fans nicht viel. Das Quali beginnt am Samstag um 15.00 Uhr, das Rennen wird um 14.00 Uhr freigegeben.