Toto Wolff spricht über Hamilton-Ersatz
Mercedes-Tür offen für Vettel-Comeback?

Eine Ausstiegsklausel im Mercedes-Vertrag öffnete Lewis Hamilton die Tür zu Ferrari. Doch was hat sie aktiviert? Mercedes muss sich jetzt schon Gedanken über die Fahrerwahl 2025 machen. Eine Option könnte F1-Rentner Sebastian Vettel sein.

Es war eine dieser Meldungen, die aus dem Nichts um die Ecke biegen. Sie kam selbst für Toto Wolff überraschend. Lewis Hamilton beichtete ihm am Mittwochmorgen in seinem Haus in Oxford, dass er seinen Mercedes-Vertrag abkürzen und ab 2025 für Ferrari fahren wird.

Der Mercedes-Teamchef gab zu: "Überraschend war nicht, dass es passiert ist, sondern der Zeitpunkt, so kurz vor der Saison. Als wir uns in den Weihnachtsurlaub verabschiedet haben, lagen wir noch auf einer Wellenlänge."

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Hamilton hatte erst Ende August 2023 Mercedes das Ja-Wort für zwei weitere Jahre gegeben. Allerdings mit einer Ausstiegsklausel. Und die erlaubte es ihm offenbar ohne Bedingungen vorzeitig den Stecker zu ziehen.

"Wir haben letztes Jahr gemeinsam beschlossen, uns eine kürzere Vertragslaufzeit zu geben als üblich. Das sollte beiden Parteien mehr Optionen für das Jahr 2025 offenlassen. Damit war klar, dass Lewis die Möglichkeit hat, uns schon nach einem Jahr zu verlassen."

Toto Wolff - Mercedes - GP Australien 2023 - Melbourne
Wilhelm

Toto Wolff muss sich nach einem Ersatz für Hamilton umschauen.

Traum vom roten Overall

Hamilton traf seine Entscheidung, bevor sich ein Rad der neuen Autos gedreht hat. Er kann heute nicht abschätzen, wo Mercedes und Ferrari in dieser Saison stehen werden und wer mittelfristig die besseren Chancen hat, Red Bull zu schlagen.

Ferrari war schon im letzten Sommer hinter ihm her, und auch da wusste man bereits, dass der Vertrag von Carlos Sainz Ende 2024 auslaufen und ein Platz in den roten Autos frei würde. Geld hat damals wie heute keine Rolle gespielt. Ferrari hätte ihm auch letztes Jahr schon gezahlt, was er aufruft.

Trotzdem wiegelte Hamilton vor fünf Monaten noch ab: "Es gab nie einen ernsthaften Kontakt zu Ferrari." Jetzt hat er sich angeblich für zwei Jahre plus Option Ferrari verpflichtet. Das wirft die Frage auf, was seit seiner Unterschrift bei Mercedes passiert ist, das ihn so schnell seine Meinung ändern ließ.

Auch Wolff kann nur vermuten: "Er hat zu mir nur gesagt, dass er eine neue Herausforderung und ein neues Umfeld braucht. Lewis ist jetzt 39 Jahre alt. Es blieb ihm nicht mehr viel Zeit, sich den Traum zu erfüllen, einmal einen roten Overall zu tragen."

Lewis Hamilton - Formel 1 - 2023
Wilhelm

War es nur die Verlockung von Ferrari, oder wusste Hamilton, dass bei Mercedes nicht viel vorangeht?

Warum der Sinneswandel?

Trotzdem wird gerätselt: Ist es wirklich der Mythos Ferrari, der Hamilton die Fronten wechseln lässt? Reicht es für einen Ausstieg aus, dass Ferrari in der zweiten Saisonhälfte 2023 um 53 Punkte besser war als Mercedes? Dass die Ingenieure in Maranello die Fehler ihres Autos offenbar besser verstanden haben als ihre Kollegen in Brackley?

Hamilton durfte letzten September nicht ernsthaft erwarten, dass aus dem Mercedes bis zum Saisonende noch ein Siegerauto würde. Und er hörte sich in unserem Interview Ende November auch nicht wie einer an, der an seiner Mannschaft zweifelt: "Ich glaube, wir haben wieder einen Kompass. Wir verstehen jetzt das Auto viel besser, weil wir im Hintergrund tolle Werkzeuge entwickelt haben, um es zu verstehen. Ich habe Hoffnung, halte aber trotzdem meinen Atem an."

Toto Wolff glaubt deshalb nicht, dass die Ergebnisse nach der Sommerpause 2023 oder erste Eindrücke vom neuen Mercedes W15 im Simulator die Entscheidung beeinflusst haben. "Mercedes, Ferrari und McLaren lagen zuletzt technisch auf einem Niveau. Da ist keiner herausgestochen. Wäre Lewis zu Red Bull gegangen, dann wäre das Motiv klar gewesen."

Peter Bonnington - Mercedes - GP Abu Dhabi 2016 - Formel 1
Wilhelm

Hamilton arbeitet schon ewig mit Renningenieur Pete Bonnington zusammen. Der Brite glaubte zunächst an einen Aprilscherz.

Der wahre Aprilscherz

Nachdem die ersten Gerüchte über den Sensationstransfer durch das Netz geisterten, reagierte Mercedes zuerst intern. Am Donnerstagnachmittag (1.2.) informierten Mercedes-Teamchef Toto Wolff und sein Technikdirektor James Allison die Belegschaft in Brackley und Brixworth, dass Hamilton Ende 2024 den Rennstall verlässt. Als Hamiltons Renningenieur Pete Bonnington davon hörte, fragte er seinen Chef: "Ist heute der 1. April?"

Die Ansprache dauerte nur zehn Minuten. Erste Reaktion in den eigenen Reihen war die Frage: Wer kommt nach Hamilton? "Das ist unsere Mentalität. Immer nach vorne schauen, nie zurück. Aufstehen, wenn wir stürzen", berichtet der Teamchef.

Am Abend dann wurde es offiziell. Wolff und Hamilton erinnerten an elf gemeinsame Jahre im Werksteam und beteuerten, dass es ein Abschied im Guten ist. "Wir wussten, dass unsere Partnerschaft eines Tages zu Ende gehen würde, und dieser Tag ist nun gekommen", erklärte Wolff.

Der Eindruck in der Öffentlichkeit war ein anderer. Man dachte eher daran, dass Mercedes für Hamilton eine Anstellung auf Lebzeiten ist. Der siebenfache Weltmeister bezeichnete Mercedes gerne als "meine Familie".

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Abu Dhabi 2023 - Rennen
Wilhelm

Die letzten Rennen der Saison 2023 verliefen nicht nach dem Geschmack von Hamilton.

Ging Hamilton die Geduld aus?

Trotzdem gab es immer mal wieder Indizien, dass Hamilton vielleicht doch die Geduld ausging. Zwei Jahre ohne GP-Sieg, das muss an einem zehren, der vorher 103 Grands Prix gewonnen hat. Beim Saisonfinale in Abu Dhabi meldete eine englische Boulevardzeitung, der Rekordsieger habe vergeblich versucht, bei Red Bull zu landen. Doch bei Red Bull war die Tür zu.

Man hat mit Max Verstappen seinen eigenen Hamilton. Im Rückblick stellte sich heraus, dass Vater Anthony Hamilton sich wohl bei Christian Horner erkundigt hatte, ob noch ein Platz für den Sohn frei sein könnte.

Als Ferrari vor einer Woche nur den Vertrag mit Charles Leclerc verlängerte, nicht aber den von Carlos Sainz, befeuerte das den alten Verdacht, dass an der "Hamilton zu Ferrari"-Story mehr dran sein könnte als nur Wunschdenken. FCA-Chef John Elkann ist ein bekennender Hamilton-Fan und soll regelmäßig mit dem Rekordsieger telefonieren. Ferrari-Rennleiter Frédéric Vasseur kennt Hamilton aus gemeinsamen Tagen in der GP2.

Dass Ferrari nun den größten Fisch im Teich an Land zieht, verschafft dem Traditionsteam erst einmal Luft zum Atmen. Die Vorfreude in Maranello ist so groß wie vor 29 Jahren, als sich Michael Schumacher ankündigte. Dabei erinnert der Sensationstransfer eher an Sebastian Vettel, der 2014 auch eine Klausel nutzte, um Red Bull vorzeitig zu verlassen. Die war allerdings ganz klar an Resultate zu einem bestimmten Zeitpunkt der Saison gekoppelt.

Toto Wolff - Mercedes - GP Ausralien 2023
Wilhelm

Laut Toto Wolff habe man sich absichtlich auf einen Vertrag mit kurzer Laufzeit geeinigt.

Hamiltons große Herausforderung

Die Verpflichtung von Hamilton und die Verlängerung mit Leclerc sind aber auch ein Auftrag an das Team der Herzen. Ferrari hat 2025 die beste Fahrerpaarung im Feld und damit keine Ausreden mehr. Für Hamilton ist der Wechsel zu Ferrari auch ein Risiko, egal wie groß die Strahlkraft der Marke auch sein mag.

Er wird nächstes Jahr 40 Jahre alt sein und kommt in einen Rennstall, in dem er kaum einen kennt. Er spricht die Sprache nicht. Er muss die besondere Dynamik in einem politisch schwierigen Umfeld erst lernen. Sie ist ganz anders als das, was er bei Mercedes gewohnt war.

Hamilton trifft auf Leclerc, der seit 2019 für Ferrari fährt, italienisch spricht, weiß, wie die Schlüsselfiguren im Team ticken und der dort bestens vernetzt ist. Die Ingenieure kennen ihn und wissen, welches Auto er braucht, um schnell zu sein. Leclerc gilt auf eine Runde als der derzeit schnellste Formel-1-Pilot und dürfte Hamilton mindestens so viel Gegenwehr bieten wie George Russell.

Mercedes F1-Fabrik - Brackley
Mercedes

Die Fabrik in Brackley haben zuletzt mehrere namhafte Ingenieure verlassen.

Schleichender Ausverkauf

Für Mercedes ist Hamiltons Entscheidung ein Schlag ins Gesicht. Der einzige Weltstar unter den Formel-1-Fahrern war der beste Botschafter für die Marke mit dem Stern und mit seinen Aktivitäten in den sozialen Netzwerken der Zugang zu jüngeren Käuferschichten. Im Auto ist der exzentrische Engländer über jeden Zweifel erhaben. Dass er hin und wieder eine Mimose sein konnte, sah man ihm nach.

Auch wenn Hamilton seine letzte Saison im Silberpfeil zu einer machen will, an die sich alle erinnern, reißt er eine weitere Lücke in das ehemalige Weltmeisterteam, das einem schleichenden Ausverkauf ins Auge blickt.

Vor zwei Jahren wechselten die beiden führenden Aerodynamiker Eric Blandin und Enrico Balbo die Seiten und arbeiten heute erfolgreich für Aston Martin und Red Bull. Im Winter 2022/23 verließ Chefstratege James Vowles den Rennstall, um Teamchef bei Williams zu werden. Kürzlich ließ sich Fahrwerkschef Loic Serra von Ferrari abwerben, wo er zeitgleich mit Hamilton seine Arbeit beginnt.

Fernando Alonso & Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Japan - Suzuka - 21. September 2023
Motorsport Images

Ein Vettel-Comeback bei Mercedes ist unwahrscheinlich. Alonso wäre eine mutige Wahl.

Rookie oder Routinier?

Mit Hamilton geht ein Fahrer, der schwer zu ersetzen sein wird. Wolff gibt zu, dass er es gerne früher gewusst hätte, denn in der Zwischenzeit sind Charles Leclerc und die beiden McLaren-Piloten Lando Norris und Oscar Piastri vom Markt. George Russell kommt damit eine Schlüsselrolle zu. "Mit ihm haben wir einen echten Teamleader. Deshalb können wir etwas entspannter in unsere Fahrersuche gehen und uns mit der Wahl Zeit lassen", atmet Wolff auf.

Unter den Alternativen, die einem sofort einfallen, ist keiner dabei, der sich sofort aufdrängt. Carlos Sainz, Sergio Perez, Alexander Albon, Pierre Gasly oder Esteban Ocon können an guten Tagen einen Grand Prix gewinnen, aber man traut ihnen keinen WM-Titel zu.

Supertalent Andrea Kimi Antonelli fährt in diesem Jahr seine erste Formel-2-Saison, wäre aber selbst bei einem Titelgewinn für ein Team der Schwerkraft von Mercedes noch ein bisschen zu grün hinter den Ohren. "Er soll sich voll auf diese Aufgabe konzentrieren. Ihn jetzt schon in Verbindung mit einem Platz bei uns zu bringen, wäre kontraproduktiv", warnt Wolff.

Wenn Mercedes 2025 wieder einen Weltmeister im Stall haben will, muss das Team über seinen Schatten springen. Dann bietet sich nur der wenig geliebte Fernando Alonso an, der dann aber schon 44 Jahre alt sein wird.

Oder man muss Sebastian Vettel aus der Rente holen. Bei Mercedes könnte der vierfache Ex-Champion noch einmal schwach werden. Wolff hatte mit Vettel bereits wenige Stunden nach dem Bekanntwerden des Hamilton-Wechsels Kontakt. Über ein Comeback, so der Österreicher, wurde jedoch nicht gesprochen. "Ich glaube, dass Sebastian mit dem Thema abgeschlossen hat."