Formel E Indien 2023
Erlösung für Vergne und Porsche-Wunder

Das Debüt der Formel E in Indien bot alles: Nach einem dramatischen Trainingscrash von Pascal Wehrlein mit großen Technik-Sorgen bei Porsche ging es in der Quali und im Rennen zur Sache. Am Ende krönte sich ein Glückspilz zum verdienten Sieger.

Formel E - Indien 2023 - Jean-Éric Vergne - DS Penske
Foto: Motorsport Images

Schon am Freitag schien alles verloren zu sein. Nachdem der WM-Führende Pascal Wehrlein mit anhaltender Gasangabe brutal in die Mauer eingeschlagen war, blieb Porsche nichts Anderes übrig, als alle Autos im ersten Training zu parken. Zu hoch war das Risiko eines weiteren kapitalen Software-Fehlers. Entwarnung gab es immerhin vom deutschen Piloten, der auch bei weiteren Checks am Abend als rennfit eingestuft wurde.

Während einer harten und langen Nacht – sowohl in der Wehrlein-Garage als auch an den Laptops – konnten die Stuttgarter schließlich das Problem identifizieren: Eine Steuergerät-Störung hatte das teure und schmerzhafte Technik-Missverständnis provoziert. Als Schnelllösung wechselte man zurück auf den Software-Stand aus Saudi-Arabien. Weitere Analysen zusammen mit der FIA sollen noch folgen.

Unsere Highlights
Formel E - Indien 2023 - Pascal Wehrlein - Porsche
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Eine Steuergerät-Störung katapultierte Pascal Wehrleins Porsche am Freitag in die Mauer. Der deutsche WM-Führende blieb unverletzt.

Qualifying-Chaos und ein "Lucky Loser"

So konnten alle Renner mit Porsche-Power am Renn-Samstag (11.2.) aus den Boxen rollen. Doch der Testrückstand des Vortags wog umso schwerer beim ersten Formel-E-Lauf auf dem herausfordernden, rutschigen Kurs im zentralindischen Hyderabad. Jake Dennis (Andretti-Porsche) verpasste mit dem elften Quali-Rang die Top 10. Wehrlein wurde vor António Félix da Costa nur Zwölfter. André Lotterer (Andretti-Porsche) stürzte gar auf den 20. Rang ab.

Die Pole-Position sicherte sich derweil Jaguar-Mann Mitch Evans – das aber auf skurrile und umstrittene Weise. Mangels Randsteine präsentierte sich die Schikane in den Kurven 1 und 2 als Track-Limit-Hotspot. Gleich mehrere Fahrer hatten es dort in der K.o.-Phase übertrieben und wurden von der Rennleitung für Überschreitungen nachträglich bestraft. Viele fühlten sich anschließend von der Kommunikation der Offiziellen im Stich gelassen.

Der vermeintliche Viertelfinal-Sieger Sam Bird (Jaguar) pfefferte zum Beispiel seine Handschuhe ins Equipment-Regal und schimpfte über die "Bullshit-Schikane". Weil auch die Zeiten der weiteren Viertelfinalisten aus dem entgegengesetzten Ast des K.o.-Baums für Vergehen einkassiert worden waren, musste Bird-Gegner Jean-Éric Vergne (DS Penske) anschließend allein ins Halbfinale. In der Parallelansetzung setzte sich Evans gegen Sébastien Buemi (Envision-Jaguar) durch. Klingt komisch, war aber so.

Formel E - Indien 2023 - Mitch Evans - Jaguar
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Mitch Evans ging als Pole-Setter in das erste Indien-Rennen der Formel E.

Super-GAU für Jaguar

Die Startphase des Indien-Debüts war zumindest für Formel-E-Verhältnisse relativ sauber. Doch unter den fleißigen Sparern sorgten einige Abweichler früh für Krawall. So schob sich Nick Cassidy (Envision-Jaguar) fix in die Mitte der Top 10 vor. Der erste Leidtragende eines größeren Schadens war der Maserati-Pilot Edoardo Mortara, der sich selbstverschuldet den Frontflügel unter das Auto gecrasht hatte und später unbestraft die Trümmer auf dem Kurs verteilte.

Nach dieser fragwürdigen Episode wählten zahlreiche Piloten den Umweg zu ihrer ersten Attack-Mode-Aktivierung. Als Evans die Zusatz-Power abholte, brach an der Spitze endlich Action aus. Der Neuseeländer war jedoch final der Verlierer der ersten Phase der Boost-Strategien und musste sich hinter Buemi und Vergne einordnen. Für das ungünstige Timing sollte er kurz darauf doppelt büßen.

Im Verfolgerfeld des Neuseeländers hatte nämlich Bird in der Haarnadelkurve die Kontrolle über das Schwesterauto verloren, und rutschte allen voran dem zurückgefallenen Evans in die schwarz-weiße Raubkatze. Weitere Opfer des untröstlichen "Elder Raceman" waren Sacha Fenestraz (Nissan) und Maximilian Günther (Maserati-DS). Aus dem Traum des Meisterschafts-Comebacks der Jaguar-Truppe war nach etwas mehr als einem Renndrittel so eine Dystopie geworden. Und es wurde noch schlimmer: Bird reist mit einer Fünf-Platz-Strafe nach Südafrika.

Formel E - Indien 2023 - Jaguar
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Sam Bird torpedierte nicht nur seinen Teamkollegen Mitch Evans, sondern auch die WM-Hoffnungen von Jaguar.

Vergnes Glück hält an

Im Zuge der weiteren Aktivierungen setzte sich Jean-Éric Vergne in der Führung fest. Das Envision-Duo Cassidy/Buemi und der smart nach vorne gesprungene Dennis setzten ihn aber konstant unter Druck. Nach 23 Runden blieb der angesichts vieler Trümmerteile mutigen Rennleitung dann keine andere Wahl, als doch erstmals das Safety Car auf die staubige Bahn zu rufen. Der Grund war kurios.

McLaren-Mann Jake Hughes war in seinem Nissan-Kundenauto nach der kontaktreichen Haarnadel in die rechte Mauer abgebogen, weil sein von einem Trümmerteil zerschlagener Spiegel das Lenkrad blockiert hatte. Der Kommentar des Briten: "Tja, in der Formel E kann alles passieren." Und das war auch das passende Motto für die Schlussphase.

An der Spitze führte der zweifache Champ Vergne zunächst mit all seiner Erfahrung das Feld zurück in den Rennbetrieb. Hinter ihm erhöhte der vorher extrem sparsame Cassidy jedoch massiv den Druck mit seinem Kollegen Buemi in Lauerstellung. Während die Führungsgruppe sich anfangs in Vernunft übte, gab es im restlichen Feld ein Hauen und Stechen. Unter anderem knallte René Rast (McLaren-Nissan) Dennis ins Heck und wurde zusätzlich zum zerstörten Rennen mit drei Straf-Startplätzen bedacht.

Formel E - Indien 2023 - McLaren
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Die ersten McLaren-Auftritte in der Formel E waren eine Mischung aus Licht und Schatten.

DS final angekommen, Porsche entkommen?

Trotz des Energievorteils war Cassidy final keine Attacke mehr in der um eine Runde verlängerten Schlussphase vergönnt. Doch der Jaguar-Kunde konnte sich dafür über ein Envision-Doppelpodium mit Buemi freuen – das aber nur kurz. Nach der Zieleinfahrt wurde von der Rennleitung eine zu hohe Energienutzung von Buemi vermutet, die sich wenig später bestätigte. Die Folge: 17 Straf-Sekunden. Frustriert an der Boxenmauer kauernd, nahm der Schweizer dann die Siegerehrung zur Kenntnis. Ein Protest wurde abgeschmettert.

Auf dem Podium freuten sich nicht nur Vergne und sein Teamchef Jay Penske besonders nach dem ersten Erfolg der neuen DS-Penske-Kooperation. Auch der drittplatzierte António Félix da Costa empfand den riesigen Sprung durchs Feld als verdiente Krönung seines 100. FE-Rennens. Der wohl größte Gewinner des ereignisreichen Tags war allerdings Pascal Wehrlein. Der baldige Vater stieg innerhalb von nicht mal 24 Stunden vom Pechvogel zum nun dominanten Führenden (18 Punkte vor Dennis) auf.

Das nächste Saisonviertel beginnt in zwei Wochen in Kapstadt (25. Februar). Dort feiert die Elektro-Serie ebenfalls ein Debüt. Nach einem ruhigeren Auftakt in Mexiko, einem wechselhaften Doppellauf in Saudi-Arabien und dem Spektakel in Indien könnte die neue Gen3 vielleicht schon wieder ein neues Gesicht zeigen. Abt Cupra, die zweite deutsche Mannschaft, würde sich nach einem erneut schmerzhaften Lauf garantiert über ein freundlicheres Antlitz freuen.

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AUTO MOTOR UND SPORT 09 / 2024
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Erscheinungsdatum 11.04.2024

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