Formel E Monaco 2023
Nick Cassidy entthront Porsche

Nach den hektischen Rennen in São Paulo und Berlin ging es auch beim Saisonhöhepunkt in Monaco actionreich zur Sache. Der Jaguar-Kundenpilot Nick Cassidy gewann dank einer eindrucksvollen Fahrt und übernahm die WM-Führung. Porsches großer Titeltraum gerät massiv in Gefahr.

Formel E - Monaco 2023 - Nick Cassidy - Envision-Jaguar
Foto: Motorsport Images

Erneut Monaco, erneut eine deutliche Schlappe auf dem Weg zum erhofften ersten Formel-E-Titel – der Ausflug an die Côte d’Azur endete für Porsche wie im letzten Jahr frustrierend. Im Gegensatz zu 2022, als Pascal Wehrlein sogar das Rennen angeführt hatte und dann mit einem skurrilen Defekt ausgefallen war, sollte die diesjährige Ausgabe jedoch durchweg hoffnungslos verlaufen.

Schon im ersten Training eines stark komprimierten Renntags ärgerte man sich mit anfänglichen Technik-Problemen herum, die wichtige Setup-Arbeit aufschoben. Diesem Rückstand hinkten der deutsche Hersteller und seine Piloten Pascal Wehrlein und António Félix da Costa bis in das Qualifying hinterher. Strafenbereinigt wurde der WM-Führende Wehrlein Zwölfter, sein portugiesischer Kollege da Costa nur 19.

Unsere Highlights
Formel E - Monaco 2023 - Sam Bird - Jaguar - Pascal Wehrlein - Porsche
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In São Paulo und Berlin zeichnete sich ein WM-Kampf zwischen Jaguar und Porsche ab. Der Saisonhöhepunkt in Monaco galt als Gradmesser für die zweite Saisonhälfte.

Pole-Fluch schlägt bereits in Quali zu

Stark verbessert präsentierte sich derweil Nissan. Das Werksteam mit operativem Sitz in Frankreich drang nicht nur in die K.o.-Phase vor, sondern schaffte in Form von Sacha Fenestraz den Einzug in das Finale. Dort traf man auf den Kundenpiloten Jake Hughes. Der McLaren-Mann, der erneut seinen Teamkollegen René Rast überflügelt hatte, verlor auf seiner Runde dann ausgangs des Tunnels das Heck und verpasste so die Schikane. Die Freude über Fenestraz' zweite Saison-Pole hielt aber nur kurz.

Wegen einer zu hohen Leistungsabgabe kassierten die Stewards die Zeit des Franzosen ein und stuften ihn final auf dem zweiten Startrang ein. Norman Nato (Nissan), Maximilian Günther (Maserati-DS) und Dan Ticktum (NIO 333) komplettierten die recht außergewöhnliche Top 5. Die Wehrlein-Herausforderer Mitch Evans (Jaguar) und Nick Cassidy (Envision-Jaguar) qualifizierten sich auf den Rängen 6 und 9.

Formel E - Monaco 2023 - Jake Hughes - McLaren-Nissan
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Im spitzen Performance-Fenster der Qualifikation funktionierten die Nissan-Antriebe am besten. Doch in der Gen3-Formel-E gilt die Bauernregel: Ein Pole-Auto kann nicht siegen.

Cassidy schiebt sich smart an die Spitze

In der Startphase hielt zunächst Hughes seine geerbte Spitzenposition. Wie so oft übte sich das Feld abseits einiger mutiger Attacken zu Beginn in Disziplin – nur um wenig später intensiv an der Eskalationsschraube zu drehen. Dabei kamen sich unter anderem André Lotterer (Andretti-Porsche) und René Rast in Kurve 19 in die Quere. Rast hatte sich dort außen neben Lotterer geschoben. Im Anschluss an Berührungen mit Rast und der Streckenbegrenzung musste Lotterer sein Rennen aufgeben.

Noch sichtbar frustriert äußerte er sich beim deutschen TV-Partner: "René hat mich reingedrückt. Er sollte mehr Erfahrung haben." Für ihn sei der dreimalige DTM-Champion "viel zu viel" Risiko eingegangen. Rast erwiderte nach seinem, von einem späteren Schaden zerstörten, Rennen: "Ich kann mir nichts vorwerfen."

Während durch die ersten Attack-Mode-Aktivierungen die Intensität weiter stieg, gab sich der spätere Sieger Cassidy bei seinen frühen Überholmanövern nachdrücklich, aber risikoavers. In der achten von 29 Runden übernahm der Neuseeländer erstmals die Führung. Einen Umlauf später nutzte er seinen ersten, drei Minuten langen Boost. Ticktum, Evans und Jake Dennis (Andretti-Porsche) bildeten zu diesem Zeitpunkt die Top 3. Dennis war vom elften Startplatz vergleichbar smart nach vorne geeilt.

Formel E - Monaco 2023 - Action - Hotel-Kurve
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Zu Beginn hielten viele noch Respektabstand in der Hotel-Kurve. Später ging es dort mehr zur Sache.

Jaguar ab der Rennmitte vorne weg

In der elften Runde bog Evans ebenfalls als Führender in die Schleifen ab und zog zum Auftakt eine einminütige Extra-Leistung. Nachdem Cassidy mit seiner noch fehlenden Minute und Evans mit den noch ausstehenden drei Minuten ihre Pflicht erledigt hatten, belegten sie zur Rennhalbzeit die ersten zwei Plätze. Dennis hatte sich dank guter Effizienz als Dritter herauskristallisiert.

Die beiden Neuseeländer lieferten sich ein enges Duell, das Evans noch mit auslaufender 350-kW-Power in Führung springen sah. Cassidy konnte wenig später den Platztausch aber wieder rückgängig machen. Bei ihrem Hin und Her im zweiten Renndrittel positionierte sich Dennis als potenzieller Abstauber und eröffnete teils einen Dreikampf. Pascal Wehrlein lag parallel auf dem punktelosen elften Rang.

In der 22. Runde musste das Safety Car zum ersten Mal ausrücken, nachdem Maserati-Mann Günther dem NIO-Piloten Ticktum ins Heck gerauscht war und ersterer vor dem Kasino abstellte. Für den Allgäuer Monaco-Auswanderer war es der Tiefpunkt eines seltsamen Tages, der neben Regel-Verwirrung in der Quali auch einen Kontakt mit dem Teamkollegen Edoardo Mortara beinhaltete. Insgesamt fiel Maserati nach dem Berliner Lichtblick wieder ins Chaos zurück.

Formel E - Monaco 2023 - Nick Cassidy - Envision-Jaguar - Mitch Evans - Jaguar - Jake Dennis - Andretti-Porsche
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Eine Neutralisierung und die nie aufgebenden Verfolger Evans und Dennis hielten Cassidy auf Trab. Doch der Neuseeländer setzte seine Smartness dagegen.

Porsche verliert beide WM-Führungen

Nach dem Restart blieb die Spitze zwar eng zusammen, doch Zurückhaltung bei der Energie – trotz fehlender Zusatzrunden – verhinderte Verschiebungen. Eine zweite Neutralisierung beendete die Action des Highlights schließlich vorzeitig: Sam Bird (Jaguar) hatte den schon vorher Frontflügel-losen Nico Müller (Abt-Mahindra) in Runde 28 wenig durchdacht in der ersten Kurve abgeräumt. Das in Sainte-Dévote gestrandete Auto im Cupra-Design ließ Renndirektor Scot Elkins keine andere Wahl.

Größter Profiteur war Pascal Wehrlein, der durch Birds Fünf-Sekunden-Strafe auf P10 aufrückte. Trotzdem übersprang Rennsieger Cassidy ihn in der Fahrer-Wertung locker. Der Envision-Pilot führt nun mit 121 Zählern, Wehrlein liegt 20 Punkte dahinter. Begründete WM-Hoffnungen dürfen sich ebenfalls weiter Dennis (96), Evans (94) und DS-Fahrer Jean-Éric Vergne (87) machen. Der Franzose war nach gestrichenen Quali-Zeiten (zu niedrige Reifendrücke) vom letzten auf den siebten Platz vorgefahren.

Da auch da Costa mit seinem 15. Rang nach einem zerstörten rechten Hinterreifen keine Schadensbegrenzung betreiben konnte, rutschte Porsche bei den Teams ebenfalls auf die zweite Position ab. Cassidys Sieg und Sébastien Buemis achter Platz hoben Envision an die Spitze (182 Zähler). Porsche (169) und Jaguar (156) liegen aber in Schlagdistanz.

Formel E - Monaco 2023 - Mitch Evans - Jaguar - Nick Cassidy - Envision-Jaguar
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Noch ist die Beziehung zwischen dem Werksfahrer Mitch Evans und dem Kundenpiloten Nick Cassidy rosig. Doch bleibt es so, wenn der WM-Kampf weiter an Fahrt aufnimmt?

Cassidy: "Titel? Erstmal feiern!"

Der fußläufig von der Strecke lebende Nick Cassidy antwortete auf die Frage nach der Einzigartigkeit eines Monaco-Triumphs: "Berlin hat mir auch gefallen, aber hier ist es schon herausragend. Im ersten und zweiten Training war ich nur 21. Dann hatten wir Probleme im Qualifying, weswegen ich mit dem neunten Rang happy war. Alle in der Garage haben anschließend an meinem Auto gearbeitet und wurden dafür belohnt."

Ob der Neuseeländer nun in den Titelkampf-Modus wechselt? "Es gilt, noch einen langen Weg bis zum Ende zu gehen. Aber man kann jetzt von einer coolen Restsaison ausgehen. Erstmal feiern wir." Etwas weniger Party-Stimmung herrschte bei Evans. Er berichtete: "Nick hat mich zur richtigen Zeit überholt. Vielleicht hätte ich am Ende noch eine Chance gehabt, schwer zu sagen." Auch Dennis haderte: "Nach einem Fehler in der Quali schuldete ich das meiner Truppe. Ich hatte heute das effizienteste Auto, konnte es aber nicht perfekt umsetzen."

Bis zum zehnten und zum elften Saisonlauf in Jakarta vergeht nun etwas Zeit. Indonesien lädt am 03. und 04. Juni zum Doubleheader. 2022 gewann Mitch Evans das heiße Debüt des kurvenreichen Kurses. Während Jaguar das gern zitierte Momentum auf seiner Seite hat, werden die Nächte in Zuffenhausen und Weissach bis dahin länger werden.

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