Formel E Rom 2023 - Rennen 2
Dennis-Dominanz nach Favoriten-Schrott

Nach der Massenkarambolage am Samstag bot das zweite Rom-Rennen (16.7.) auf eine andere Weise reichlich Drama. Die WM-Anwärter Mitch Evans (Jaguar) und Nick Cassidy (Envision-Jaguar) kollidierten früh und machten so endgültig den Weg für einen dominanten Jake Dennis (Andretti-Porsche) frei.

Formel E - Rom II 2023 Jake Dennis - Andretti-Porsche
Foto: Motorsport Images

Wer am Sonntagmorgen entlang der Boxengasse lief, konnte auch ohne Vorwissen erahnen, wie heftig der Crash am Samstag gewesen sein musste. In nahezu jeder Ecke hatten die Teams die zerfledderten Reste ihrer Renner abgestellt. Von abgeschlagenen Bodywork-Teilen bis hin zu einem ganzen Chassis war auf der zur Pitlane umgebauten Piazzale dell'Industria alles zu finden. Doch nach einer langen Nacht überwog die positive Nachricht, dass alle 22 Autos starten können.

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Die zweite Qualifikation stand ganz im Zeichen der beiden WM-Führenden Nick Cassidy und Jake Dennis. Das Kunden-Duo setzte sich stark in den ersten Final-Runden durch und traf schließlich aufeinander. Trotz einer kürzeren Abkühlpause schnappte sich Dennis die zweite Pole-Position der Saison und atmete durch: "Das war wirklich wichtig. Dieses Resultat habe ich wegen des engen WM-Kampfs dringend gebraucht."

Der wiederholt in der Quali starke Nissan-Werksfahrer Norman Nato, Aufholjäger Mitch Evans und sein Jaguar-Kollege Sam Bird komplettierten die Top 5. Pascal Wehrlein (Porsche) konnte sich nur auf dem 15. Rang qualifizieren und verlor im Kampf um die Fahrer-WM den Anschluss. Ohne ein gutes Rennen schien der WM-Traum des Deutschen sein vorzeitiges Ende gefunden zu haben.

Formel E - Rom II 2023 - Start
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Jake Dennis behauptete beim Start die Führung. Doch die Konkurrenz ließ ihn nicht entkommen.

Schicksalhafter Crash zu Beginn

Jake Dennis behielt beim Start den Platz an der unerträglich heißen Sonne, konnte sich aber nicht von den Verfolgern Cassidy und Nato lösen. Nachdem Nato zunächst an Cassidy vorbeigegangen war, fiel der Nissan-Fahrer wenig später hinter den Neuseeländer und dessen Landsmann Mitch Evans zurück.

Der intensive Kampf an der Spitze mündete nach nur wenigen Kilometern in einen spektakulären Unfall. Beim Anbremsen der fiesen siebten Kurve verlor Evans qualmend die Kontrolle und flog über das Heck von Nick Cassidy. Jake Dennis konnte nur mit etwas Glück dem Chaos entkommen. Der am Samstag auftrumpfende Evans kämpfte sich im Anschluss an die Box zurück, wo eine verzweifelte Reparatur nicht die erhoffte Wirkung hatte. Kurz darauf gab er endgültig auf.

"Das nervt mich richtig. Ich habe das Aufstauen dort nicht erwartet. Es tut mir sowohl für Nick als auch für sein Envision-Team wirklich leid", beklagte ein niedergeschlagener Evans. Sein Unfallgegner Cassidy konnte das Rennen immerhin beenden, war aber chancenlos. Der unschöne Abschluss seines bescheidenen Tags war eine missglückte Attacke auf André Lotterer (Andretti-Porsche), die Cassidy fünf Strafe-Sekunden einbrockte und seinen trost- und punktelosen 14. Rang zementierte.

Formel E - Rom II 2023 - Mitch Evans - Jaguar
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Der unglückliche Crash kastrierte den Jaguar von Evans nachhaltig.

Emotionaler Bird nach Podium

Nach einer kurzen Neutralisierung machte die Spitze da weiter, wo sie noch mit Evans und Cassidy aufgehört hatte. Zur Action trugen zudem die ersten Attack-Mode-Aktivierungen bei. Der große Unterschied zum Vortag war eine höhere Pace durch eine (geplante) Rennrunde weniger (24 statt 25). Wohl auch deshalb setzten sich Dennis, Nato und Bird vorne fest. Dahinter lauerten Sébastien Buemi (Envision-Jaguar) und die beiden Maserati-Fahrer Edoardo Mortara und Maximilian Günther.

Für Nato und Nissan war die vordere Fahrt der langersehnte Befreiungsschlag. Selbst mit einem schiefen Frontflügel stimmte die Pace des Franzosen über die nicht mehr verlängerte Distanz. In Form von Bird hatte er allerdings dauerhaft Druck. Der Engländer kam auf Anhieb gut mit dem neu aufgebauten Jaguar zurecht und suchte fleißig nach Lücken. Angesichts der Vorkommnisse am Samstag entschied sich Bird aber final gegen zu großes Risiko im Endspurt.

In den Pressegesprächen schüttete er sein Herz in alle für ihn geöffneten Notizbücher aus: "Das fühlt sich mehr wie eine Erleichterung als wie ein Erfolg an. Beim Blick in den Spiegel sah ich zuletzt nur einen mediokren Fahrer – auch gestern." Auf seiner Meinung zur "unsicheren" Park-Passage beharrte er derweil: "Ich habe mit dem Chief Championship Officer Alberto Longo über die Stelle gesprochen, um zu klären, was man diesbezüglich ändern kann."

Formel E - Rom II 2023 - Sam Bird - Jaguar
Motorsport Images
Nach dem vielen Kummer im Laufe der Saison brachte Birds dritter Platz Jaguar und ihm selbst Trost.

Dennis nicht zu stoppen

Im Vergleich zum Energie-Wirrwarr am Samstag verliefen die abschließenden Runden für Dennis diesmal entspannt. Der 28-jährige Porsche-Kunde schaffte das Kunststück, alle Umläufe als Führender zu beenden und jubelte: "Das war ein sehr guter Tag für uns, den wir nach dem Samstag nicht erwartet haben. Wir hatten grundsätzlich die Pace, aber profitierten vom Crash meiner WM-Rivalen."

Dieser ließ das vorher dichte Anwärterfeld etwas aufbrechen. Dennis nahm Cassidy die Führung ab und hat verrechnet mit den Pole-Punkten 195 Zähler im Reisegepäck in die Heimat. Cassidy blieb bei 171 Punkten, Evans bei 151. Pascal Wehrlein sprang zwar noch auf den siebten Platz, wirkt mit 146 Zählern aber geschlagen. Der leicht an einer Hand verletzte Deutsche lächelte tapfer: "Der Zug der Fahrermeisterschaft ist wahrscheinlich abgefahren und wir konzentrieren uns jetzt auf die Teammeisterschaft. Zuallererst müssen wir unsere Qualifying-Performance verbessern, weil die war die letzten Rennen ausschlaggebend: Wenn man nicht weit genug vorne steht und sich nach vorne kämpfen muss, wird man oftmals in Zwischenfälle verwickelt. Die Renn-Pace ist immer sehr stark."

In der angesprochenen Team-WM liegt Porsche mit 239 Punkten weiter hinter Envision (253). Jaguar (228) und Andretti (218) können außerdem vom Titel träumen. Am 29. und 30. Juli bietet London die doppelte Bühne für den großen Titel-Showdown. Im letzten Jahr dominierte Dennis dort übrigens am Samstag genauso wie beim zweiten Rom-Lauf.

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