Formel E Rom 2023 - Rennen 1
Massencrash überschattet WM-Kampf

Das Samstagsrennen (15.7.) der Formel E in Rom musste wegen eines Horror-Unfalls unterbrochen werden. Nach einem Abflug von Sam Bird (Jaguar) konnten diverse Fahrer nicht mehr ausweichen und schlugen teils brutal ein. Auf die Entwarnung folgte ein sportlich-dramatischer Schlussspurt.

Formel E - Rom I 2023 - Crash
Foto: Motorsport Images

Extreme Temperaturen jenseits der 30 Grad, eine risikoreiche Strecke und ein enger WM-Fight: Schon vor dem Wochenende war klar, dass es dramatische Tage in Rom werden würden. Beim vorletzten Rennwochenende standen gleich mehrere Piloten von Beginn an unter Zugzwang. Allen voran der WM-Vierte Mitch Evans (Jaguar) brauchte zwingend Punkte, um den Anschluss zu halten. Aber auch der drittplatzierte Porsche-Pilot Pascal Wehrlein wollte mit starken Ergebnissen den Abstand zum Führungsduo eindampfen.

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Selbiges setzte sich erstaunlicherweise aus zwei Kundenpiloten zusammen. Jake Dennis (Andretti-Porsche) führte mit 154 Zählern, Nick Cassidy (Envision-Jaguar) lag nur einen Punkt dahinter. Während sich Cassidy in der selbst gegebenen Underdog-Rolle wohlfühlte, ging Dennis offensiv in das Wochenende. Besonders seinen Werkskonkurrenten Wehrlein bedachte er im Vorfeld mit markigen Statements. Der Deutsche ließ sich allerdings nicht darauf ein.

Eine schnelle Runde trotz Gelb?

Dementsprechend gab es schon im ersten Qualifying mehr als eine offene Rechnung. Direkt in der ersten Quali-Gruppe, die Dennis und Wehrlein umfasste, wurde intensiv über einen Zwischenfall mit dem zweiten Jaguar-Werksfahrer Sam Bird diskutiert. Dieser hatte trotz einer gelben Flagge seine beste Zeit herausgefahren. Einer ersten Steward-Untersuchung folgte das Streichen seiner fünften, schnellsten Runde.

Dadurch rückte zunächst Pascal Wehrlein in den Kreis der K.o.-Phasen-Fahrer auf, nachdem er vorher knapp den Einzug verpasst hatte. Während der Pause vor den Final-Duellen tauchten die Offiziellen aber nochmal tiefer in die Daten ein, und kamen zu einem bemerkenswerten Schluss: Bird war insgesamt schnell genug für den Sprung in die Duelle, aber hätte dabei ausreichend Geschwindigkeit herausgenommen. Diese Beurteilung sorgte bei der Konkurrenz für größere Irritationen, jedoch für keinen Protest.

Die Pole-Position ging schlussendlich an Mitch Evans, der sich im Finale gegen Bird durchsetzte. Nissans Quali-Spezialist Sacha Fenestraz, Sébastien Buemi (Envision-Jaguar) und René Rast (McLaren-Nissan) komplettierten die Top 5. Evans' WM-Rivalen lagen parallel eng zusammen: Dennis wurde Siebter, Cassidy Neunter und Wehrlein Zehnter. Maserati-Mann Maximilian Günther füllte die Lücke auf und freute sich auf das spannende Racing mit den Anwärtern.

Formel E - Rom I 2023 - Jake Hughes - McLaren-Nissan
Motorsport Images
Jake Hughes (McLaren-Nissan) konnte nach seinem Unfall in der Qualifikation nicht am Rennen teilnehmen. Es war der erste von drei heftigen Unfällen in der Park-Passage.

Bird unterstützt Evans

Direkt in der Auftaktrunde zog Bird an Evans vorbei und spendete seinem Kollegen damit energiesparenden Windschatten. Für Wehrlein startete das erste Rom-Rennen hingegen bescheiden. Im Durcheinander der ersten Scharmützel zog sich der Porsche-Fahrer einen Frontschaden zu und musste an die Box abbiegen.

Ein Abflug von André Lotterer (Andretti-Porsche) in der dritten Runde erzwang die erste Neutralisierung. Der in dieser Saison vom Pech verfolgte Deutsche war in der berüchtigten Park-Passage in die Mauer herausgerutscht und musste so erneut früh aufgeben.

Nach dem Restart zog Evans das Tempo an und übernahm schließlich die Führung von Bird, der sich wenig später auch Fenestraz geschlagen gab. Der Neuseeländer Evans war von da an auf sich allein gestellt. In Form von Rast und Dennis wollten zügig die nächsten Verfolger bei Sam Bird anklopfen. Sein Tag sollte daraufhin endgültig eine katastrophale Wendung nehmen.

Horror-Unfall nur mit materiellen Folgen

Denn in seiner neunten Runde verlor Bird zwischen den Kurven fünf und sieben auf den Bodenwellen und einem Schachtdeckel die Kontrolle und schliff an der Mauer entlang. Mit dem letzten Schwung drehte sich sein Jaguar anschließend über die Strecke und brachte die Nachfolgenden in eine bedrohliche Situation. Während die ersten Rivalen trotz fehlender Übersicht noch eine Lücke gefunden hatten, schlug Buemi machtlos in das stationäre Heck ein.

Sein Kunden-Jaguar hob im Zuge dessen ab und flog fast mit dem Kopf voran in die Mauer. Das davon provozierte Chaos aus Trümmern und austrudelnden Autos nahm weitere vier Piloten aus dem viertletzten Rennen. Besonders brutal war der Einschlag von Edoardo Mortara (Maserati-DS) in die Seite des Bird-Wracks. Beide Fahrer blieben dabei unverletzt. Dasselbe galt neben Buemi auch für die ausgefallenen António Félix da Costa (Porsche), Lucas di Grassi (Mahindra) und Robin Frijns (Abt-Mahindra).

Nach dem unausweichlichen Ausrufen der roten Flagge mussten die von der Hitze geplagten Römer rund 40 Minuten warten, bis wieder Formelautos im Renntempo an ihnen vorbeiflogen. Renndirektor Scot Elkins erhöhte die Spannung, indem er einen stehenden Start anordnete. Die Top 5 setzte sich zu diesem Zeitpunkt aus Fenestraz, Evans, Rast, Dennis und Cassidy zusammen. Dennis und Cassidy hatten im Vergleich zur Konkurrenz noch beide Attack-Mode-Aktivierungen offen.

Formel E - Rom I 2023 - Nick Cassidy - Envision-Jaguar
Motorsport Images
Nick Cassidy und Maximilian Günther arbeiteten sich im Rennen stark nach vorne. Besonders Cassidy wurde punktetechnisch ordentlich belohnt.

Günther profitiert vom hektischen Schlussspurt

Aus dem zweiten Start ging mit Fenestraz diesmal der "Pole-Setter" siegreich hervor. In das eh schon aufgestachelte Feld streuten die verbliebenen optionalen 350 kW zudem weitere Schärfe. Über die Zeit kristallisierten sich Evans, Cassidy und Günther als solide Top 3 heraus. Für Evans hätte es sogar noch "einfacher" laufen können, wenn die zweite Schleifendurchfahrt auf Anhieb geklappt hätte. Trotz einiger Verwirrung am Funk ging der Plan der Briten auf und wahrte Evans' Ruf als "Kaiser von Rom". Es war sein dritter Sieg in Folge.

Nick Cassidy zeigte sich mit dem zweiten Platz sehr zufrieden. Auf die Frage, ob am Sonntag mehr ginge, winkte er jedoch ab: "Mitch und Jaguar waren heute sehr schnell." Maximilian Günther war ein glücklicher Dritter und resümierte: "Wir haben gut Energie gespart, aber am Ende auch einen kritischen Moment gehabt. Bei allen ist das Spar-Ziel wegen der roten Flagge in den Keller gerutscht."

Das wohl größte Opfer der kollabierenden Prozent-Anzeigen und der zwei Zusatzrunden war Jake Dennis, der sich immerhin noch auf dem vierten Platz ins Ziel retten konnte. Hinter ihm hatten Jean-Éric Vergne (DS Penske) und ein erneut starker Nico Müller (Abt-Mahindra) massiv Druck gemacht. Müller war angesichts seines weiterhin schwierigen Technikpakets zufrieden: "Das war sehr nahe am bestmöglichen Ergebnis dran. Jake hätten wir vielleicht noch einfangen können, aber ich war auf einem Energie-Level mit Vergne und musste deswegen bei seinen Manövern gegen Dennis lauern."

Pascal Wehrlein schloss seinen Chaos-Tag ursprünglich als Siebter ab, wurde jedoch für erhöhte Geschwindigkeit unter Rot in Form von fünf Extra-Sekunden bestraft. Die Stewards waren hierbei milde und ließen sich von der Begründung überzeugen, dass das angeschlagene Auto des Deutschen ein genaues Einhalten verhindert hätte. Der final neunte Rang bedeutete einen massiven Rückschritt für Porsche.

Formel E - Rom I 2023 - Mitch Evans - Jaguar
Motorsport Images
Mitch Evans siegte zum dritten Mal in Folge auf seiner Spezialstrecke – trotz verpasster Aktivierungsschleife.

Wer kann am Sonntag starten?

In der Fahrer-WM übernachtet Nick Cassidy an der Spitze (171 Punkte). Hinter ihm liegen Dennis (166), Evans (151) und Wehrlein (140). Bei den Teams wurde Porsche (233 Zähler) vom Jaguar-Kunden Envision (243) entthront. Der Crash von Bird bremste derweil die Aufholjagd von Jaguar (213) ein.

Über die Nacht wird im Fahrerlager nun ein extrem reges Treiben herrschen. Zahlreiche Autos müssen umfangreich repariert oder ausgetauscht werden. Die angespannte Ersatzteillage und ein Mangel an Wechselchassis – jeder Hersteller hat für sich und seinen Kunden nur eines – könnte das Paddock dabei zu einer Art Renn-Basar machen. Das Verteilen untereinander ist in der Formel E nämlich erlaubt.

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AUTO MOTOR UND SPORT 09 / 2024
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Erscheinungsdatum 11.04.2024

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