Formel E London 2023 - Rennen 1
Dennis nach Dauer-Chaos Weltmeister

Ein absurder teaminterner Crash, zwei rote Flaggen und ein neuer Weltmeister: Das Samstagsrennen der Formel E in London bot reichlich Eskalation. Beim vorletzten Lauf der Saison überstand der Porsche-Kunde Jake Dennis das Nonstop-Drama hinter Sieger Mitch Evans (Jaguar) auf Platz 2 und krönte sich so vorzeitig zum ersten Titelträger der Gen3-Ära.

Formel E - London I 2023 - Jake Dennis - Andretti-Porsche
Foto: Motorsport Images

Jake Dennis war sich kurz sicher, dass sich das Schicksal in London gegen ihn gewandt hatte. Nach dem wichtigsten Rennen seiner Karriere berichtete der Engländer: "Niemand hätte so einen Verlauf erwartet. Ich wurde mit allen möglichen Dingen konfrontiert – es war, als ob alle gegen mich gefahren sind." Doch schlussendlich war genau das Gegenteil der Fall.

Schon im Qualifying hatte sich abgezeichnet, dass die Jaguar- und die Porsche-Antriebe auch am Final-Wochenende die Messlatte sein werden. Der WM-Dritte Mitch Evans setzte sich zwar eindrucksvoll in der K.o.-Phase durch, brachte aber eine Fünf-Plätze-Strafe aus Rom mit. Dadurch erbte Dennis' größter Titelrivale Nick Cassidy (Envision-Jaguar) die Pole-Position.

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Dennis sicherte sich den zweiten Startplatz. Direkt hinter ihm hatte sich Cassidys Teamkollege Sébastien Buemi qualifiziert, der keinen Hehl daraus machte, alles in den Dienst von Cassidy stellen zu wollen. Quali-Spezialist Dan Ticktum (NIO 333) und René Rast (McLaren-Nissan) komplettierten die Top 5. Ein siebter Startrang beendete die letzten Außenseiterhoffnungen von Porsche-Pilot Pascal Wehrlein.

Formel E - London I 2023
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Das Messegelände Excel im Londoner Osten ist in diesem Jahr der Schauplatz für den großen Final-Doubleheader. Unter anderem die Boxengasse und einige Kurven sind überdacht.

Dennis zeigt früh Nerven

Während Nick Cassidy auf der Jagd nach 24 fehlenden Punkte beim Start davonmarschierte, griff Buemi direkt nach Dennis. Kurz nachdem der Schweizer für eine Envision-Doppelführung gesorgt hatte, zeterte Dennis: "Da wurde ich echt viel getroffen!" Wohl mit dem größeren Punkte-Polster im Hinterkopf reihte sich das Andretti-Ass vorerst ein.

Dank des Buemi-Schutzschirms setzte Nick Cassidy einen frühen Vorsprung in eine problemlose erste Attack-Mode-Aktivierung um. Noch im Auftaktdrittel sollte er die zweite Pflichtdurchfahrt ebenfalls hinter sich bringen. Dennis geriet derweil unter Druck von Evans. Zudem erwischte er bei der ersten Durchfahrt nicht alle Schleifen und musste erneut vorbeikommen.

Nachdem Evans im Durcheinander der Aktivierungen die Führung übernommen hatte, bildete sich hinter ihm ein illustres Kampf-Trio aus Buemi, Cassidy und Dennis. Letzterer legte sich sogar erfolgreich mit dem Neuseeländer an, wenig später folgte die Retourkutsche. Die beiden Anwärter ließen parallel ihren Frust im Funk raus. Cassidy forderte von Buemi das Durchwinken, Dennis einen Porsche-Fahrer als Unterstützung gegen die zahlenmäßig übermächtige Jaguar-Konkurrenz.

Super-GAU bei Envision

In der 15. von 36 geplanten Runden wurde das vorletzte Rennen der Saison rabiat auf den Kopf gestellt, als Cassidy mit einem massiven Schaden vorne links von den Kameras eingefangen wurde. Wenig später stellte sich heraus, dass er mit dem vor ihm liegenden Buemi kollidiert war. Die aus dem kollabierenden Frontflügel resultierenden Trümmer erzwangen die erste Safety-Car-Phase.

Nach dem Rennen gab sich Buemi untröstlich. "Wir hatten einen guten Plan, durch den ich Nick beim ersten Attack Mode helfen konnte. Ich war bereit, ihn vorbeizulassen, aber mir wurde nichts gesagt." Cassidy, der gegensätzlich zum Rom-Sonntag abstellen musste, analysierte erst ruhig: "Ich hatte einen starken Start und starke erste Runden. Das Teamwork hat geklappt, und wir hatten alles unter Kontrolle."

Im Laufe seiner Ausführungen nahm der Frust dann spürbar zu. "Ich habe mit Sébastien gesprochen, aber musste dabei wenig sagen. Nach meinen zwei Aktivierungen habe ich Seb vorbeigelassen, um seinem Rennen und damit dem Team netterweise zu helfen. Ich habe es sogar angeboten und bin kurz vom Gas gegangen." Warum? "Weil ich von mir selbst glaube, ein guter Teamplayer zu sein. Womöglich ein zu guter..."

Formel E - London I 2023
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Nick Cassidy machte lange massiv Boden im Titelkampf gut. Dann kam es bei seinem Team zur rennsportlichen Kernschmelze.

Rot nach Fenestraz-Flug

Die Top 5 setzte sich beim Restart aus Evans, Buemi, Rast, Wehrlein und Dennis zusammen. Obwohl Dennis seinen größten Rivalen auf der Strecke "verloren" hatte und Evans trotz Führung ein Wunder brauchte, war auch seine zweite Rennhälfte absolut chaotisch. Denn sein Team Andretti war der festen Überzeugung, vorzeitig den Fahrer-Titel zu holen. Dennis forderte im Duell mit Wehrlein dementsprechend Markentreue ein. Der Deutsche hatte hingegen nach dem Cassidy-Ausfall die Freigabe, vorne aggressiv zu fahren.

Absurderweise verpassten es beide innerhalb weniger Runden, den Attack Mode ordentlich zu aktivieren. Dennis ging sogar kurz davon aus, dass er bei ihm kaputt sei. Doch schlussendlich sollten der Werksfahrer und der Kunde Extra-kW einsetzen. Evans managte die Pace an der Spitze parallel, aber wartete zusammen mit dem Zweiten Buemi lange auf die letzte Aktivierung.

Ihre Strategie wurde dabei allerdings hauptsächlich von äußeren Umständen getrieben. Zunächst musste das Safety Car nach einer Flugeinlage von Sacha Fenestraz (Nissan) in der 29. Runde das Feld einbremsen. Weil der rote Renner die ihn stoppenden Plastik-Stapel zerstört hatte, rief Renndirektor Scot Elkins die erste Rotflaggen-Unterbrechung aus.

Im Zuge dessen wurde klar, dass fast gleichzeitig auch Pascal Wehrlein und René Rast kollidiert waren. Im Anschluss an sein dadurch zerstörtes Rennen sinnierte Wehrlein, dass einige im Feld wohl schon vor dem Final-Rennen erholenden Urlaub nötig haben. Rast sei diesbezüglich ein guter Kandidat. Bilder lassen vermuten, dass Rast vom Randstein ausgehebelt wurde.

Stau in der Halleneinfahrt

Nach einigem Hin und Her verkündete Elkins schließlich Evans, Buemi und António Félix da Costa (Porsche) als Führungstrio beim Restart. Der Portugiese hatte sich stark vom 17. Startplatz nach vorne gearbeitet, brachte jedoch damit ein Problem an die Spitze: Er nahm Dennis den vorentscheidenden dritten Rang weg. Dass beide vor ihnen noch eine "Attacke" offen hatten, sorgte für Spannung und Hoffnung.

Evans und Buemi zogen notgedrungen fix nach dem Restart die Extra-kW. Eine zweite rote Flagge in der 35. Runde veränderte daraufhin die Spielregeln ein weiteres Mal. Ihr Grund war skurril: Eine verstopfte Strecke hielt den Großteil des verbliebenen Felds gefangen. Auslöser war Nissan-Mann Norman Nato, der den trotz Attack Mode extrem sparenden Buemi abräumte.

Auch hier war der Ordnungswille von Scot Elkins gefragt. Der US-Amerikaner ließ allen voran die nicht involvierten Evans, da Costa und Dennis eine Runde in der Box warten, während die Stau-Fahrer aus Fairnessgründen, Stichwort Energie, eine Nachholrunde unter Rot fuhren. Klingt seltsam, ist aber Formel E.

Formel E - London I 2023
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Nach einer Kollision von Nato und Buemi war die Strecke blockiert. Beide kamen in den Top 10 ins Ziel.

Geschlagener Sieger Evans, tobender da Costa

Entgegen den Vermutungen, dass der um eine Zusatzrunde verlängerte Schlussspurt vollkommen eskalieren sollte, blieb es relativ ruhig. Evans machte aus seinem Herz keine Schlangengrube und freute sich nur anstandshalber über den vierten Saisonsieg. "Mein Schnitzer in Rom tut nun noch mehr weh. Ich habe alles daran gesetzt, morgen noch um den Titel kämpfen zu können."

Heißt: Dennis holte den heißersehnten Podiumsplatz. Aus dem ursprünglichen dritten Platz wurde sogar Silberware, als da Costa mit einer drakonischen Drei-Minuten-Strafe belegt wurde. Der Grund brachte den Porsche-Piloten zum Explodieren. "Die Stewards werfen mir vor, dass mein vorderer rechter Reifen [ab Runde 33] nicht genug Druck hatte. Und wir sind bezüglich dieses Themas auch der Meinung, dass man streng bei der Auslegung sein muss. Allerdings hatte ich einen schleichenden Plattfuß."

Ihn ärgerte besonders, dass er laut ihm klar ersichtlich das Auto schonen musste. "Während Leute wie René Rast mit kaputter Front um den Kurs fahren und Karbon-Trümmer verteilen, werde ich derart hart bestraft. Wo ist denn da der normale Menschenverstand? Leute glauben bei so einer Formulierung, dass wir bei Porsche schummeln. Das tun wir nicht! Ich habe von Angesicht zu Angesicht mit dem technischen Delegierten der FIA gesprochen, als ich im Auto saß. Ich habe ihm versichert, dass mein Auto kein Risiko darstelle, und er ließ mich fahren."

"Wir suchen jetzt das Gespräch. Für uns ist das unfair und es steht nicht in Relation zu manchen Freiheiten, die Fahrern mit kaputter Front gewährt worden sind. Es braucht eine Konstanz. Für mich geht es auch nicht rein um das Podium, sondern um die Punkte in der Team-WM. Warum verbringe ich vor jedem Rennen so viele Tage im Simulator und Hundert Tage weg von meiner Familie? Warum investieren die Teammitglieder ebenfalls dermaßen viel Aufwand? Nur damit uns Rennen auf solchen Wegen weggenommen werden?"

Formel E - London I 2023
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Das Auftaktrennen sah reichlich Action. Ein Fahrer berichtete entnervt, dass die "Driving Standards" so schlimm wie nie zuvor sind.

"Einfach überragender Dennis"

Ironischerweise war der frisch gekürte Dennis nach der Funk-Tirade im Rennen eines der wenigen glücklichen Gesichter an diesem denkwürdigen letzten Renn-Samstag der Saison 9. Der vom Schicksal doch geliebte Engländer erzählte eingerahmt von den mürrischen Evans und Buemi: "Ich bin dankbar, heute Nacht gut schlafen zu dürfen." Vielleicht werde er am Sonntag auch einfach nur Triumphrunden am Ende des Feldes abspulen.

Sein deutlich auf Abstand gehaltener Teamkollege André Lotterer erkannte neidlos an: "Jake war in dieser Saison auf einem anderen Niveau, das war einfach überragend." Teamchef Michael Andretti fühlte sich für die Treue belohnt. Andretti Autosport gehörte zu den Gründungsmannschaften der Elektro-Serie und überstand zuletzt den Ausstieg des Werkspartners BMW.

In der Team-Weltmeisterschaft bleibt es – auch wegen des vorgemeldeten Da-Costa-Protests – anhaltend spannend. Buemis dritter Platz hält Envision-Jaguar mit 268 Punkten an der Spitze. Nach aktueller Rechnung folgt direkt das Jaguar-Werksteam (266). Porsche hat 239 Zähler und damit die passende Motivation, die ganze Nacht mit den Stewards zu ringen. Sowohl in Sachen Action als auch hinsichtlich der Politik hinter den Kulissen hat das Finale am Sonntag trotz der vollzogenen Krönung noch viel zu bieten.

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AUTO MOTOR UND SPORT 09 / 2024
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Erscheinungsdatum 11.04.2024

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