Formel E Misano 2024
Wehrlein rettet Porsche vor Debakel

Der Titelkampf der Elektro-Weltmeisterschaft sah beim Serien-Debüt in Misano mehrere absurde Wendungen. Am Samstag erlebte Porsche einen doppelten Super-GAU, als man sowohl die Fahrerwertung als auch nachträglich den Sieg an den Nissan-Shootingstar Oliver Rowland verlor. Am Sonntag zeigte Porsche-Pilot Pascal Wehrlein die perfekte Antwort und holte die WM-Spitze zurück.

Formel E - Misano 2024 - Pascal Wehrlein - Porsche
Foto: Motorsport Images

Furchtbar, dreckig oder auch künstlich – die 22 Piloten hielten sich mit ihrer Kritik im Anschluss an die zwei Rennen in Misano nicht zurück. Der Europa-Auftakt auf dem modifizierten MotoGP-Kurs bestand wie erwartet aus zwei intensiven Windschattenschlachten mit zahlreichen Feindkontakten. Besonders am Samstag hatte die Rudelbildung als Folge des Energiesparens dramatische Auswirkungen auf die WM-Wertung.

In der Qualifikation präsentierte sich hingegen noch ein gewohntes Bild. Mitch Evans (Jaguar) sicherte sich die Pole-Position. Jean-Éric Vergne (DS Penske), Pascal Wehrlein (Porsche), Nico Müller (Abt-Mahindra) und Oliver Rowland komplettierten die Top 5. Eine erneute Enttäuschung war hingegen António Félix da Costa (Porsche), der in der Gruppenphase steckengeblieben war und sich mit Rang 14 begnügen musste.

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Im Vorfeld der Italien-Reise gab es zum Portugiesen diverse Gerüchte. Sein Arbeitgeber soll nach dem katastrophalen Saisonstart den Abt-Rivalen Nico Müller getestet haben, der im Gegensatz zu Da Costa bislang weit über den Erwartungen fuhr. Florian Modlinger, Gesamtprojektleiter bei Porsche, bestätigte den Medien gegenüber nun den Test, sprach jedoch von einem Standardprozess. So oder so war die Botschaft an Da Costa dennoch eindeutig.

Formel E - Misano 2024 - Nico Müller - Abt-Mahindra
Abt Sportsline

Da-Costa-Schreck: Nico Müller holt weiterhin viel aus seinem Abt-Mahindra.

Nuller für Wehrlein und Cassidy

Beim Start wurde schnell klar, dass das im Qualifying eifrig herausgefahrene Grid eher wenig Aussagekraft besaß. Wie in einer Zeitlupen-Version des Daytona 500 spulte das Feld die Auftaktrunden in teils mehreren Reihen ab. Die Führung wurde dabei wiederholt wie ein Staffelstab übergeben. Im engen Windschattenpaket gab es trotz der kollektiven Energiespar-Vorgabe keine Kooperation – ganz im Gegenteil.

Die beiden Spitzenfahrer der WM vor dem Europa-Start, Wehrlein und Nick Cassidy (Jaguar), mussten schon im ersten Rennviertel mit Schäden an die Box. Ihre Jagd nach Punkten wurde so abhängig von einem Safety Car, das allerdings nicht kommen sollte. Erst im letzten Viertel hatte sich das Feld dann so weit nach den Attack-Mode-Aktivierungen aussortiert, dass eine echte Spitze absehbar war. Sieg eins in Misano machten schlussendlich der stark nach vorne geeilte Da Costa und Rowland unter sich aus.

In der Verfolgung hielt sich Jean-Éric Vergne, doch der Franzose bekam als Schuldiger für den Cassidy-Schaden fünf Strafsekunden. Dahinter lagen der Titelverteidiger Jake Dennis (Andretti-Porsche), Maserati-Mann Maximilian Günther und Mitch Evans. Im vom Sparzwang endlich erlösten Schlussspurt hielt Rowland den Druck bis zum Ende aufrecht, für einen Angriff auf Da Costa reichte es aber nicht mehr.

Formel E - Misano 2024 - António Félix da Costa - Porsche
Formel E

Wechselbad der Gefühle: António Félix da Costa erlebte einen absurden Samstag.

Zoff nach Porsche-Disqualifikation

Am Abend erreichte Porsche dann die Hiobsbotschaft, dass das Siegerauto disqualifiziert wurde. Der Grund für die harsche Bestrafung ist skurril. Vereinfacht heruntergebrochen fand die FIA eine veraltete Feder im Dämpfersystem des Gaspedals. Aufgrund unzureichender Kommunikation durch den Chassis-Hersteller Spark will das Porsche-Team übersehen haben, dass für die aktuelle dritte Auto-Generation nun eine neue Variante genutzt werden muss. Bei der Erprobung der Gen3 war aus Teilemangel noch die ältere Gen2-Version erlaubt.

Inwiefern darin ein Performance-Vorteil stecken könnte, ist im Fahrerlager umstritten. Manche Rivalen erkennen in den Details der Feder die Möglichkeit, spezifische Fahrstile zu unterstützen. Andere winken diesbezüglich schnell ab – darunter wenig überraschend Porsche. Noch in der Nacht erklärte das Werksteam die Absicht, "gegen die Entscheidung der FIA Berufung einzulegen, und weitere Schritte zu evaluieren."

Vorerst bleibt es jedoch dabei, dass das Märchen von António Félix da Costa zu einem erneuten Albtraum wurde. Nach dem Rennen hatte er seiner Truppe noch zugerufen: "Lasst uns ein Team bleiben!" Stattdessen belohnte sich Oliver Rowland am Misano-Samstag für einen starken Saisonstart und sprang durch den ersten Gen3-Sieg des Nissan-Werksteams an die WM-Spitze. Jake Dennis und Maximilian Günther erhielten durch das überarbeitete Podium ebenfalls wichtige Zusatzzähler.

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Safety Car verändert Dynamik von Lauf 2

Der zweite Teil des Doubleheaders begann mit der nächsten dramatischen Schlappe für Da Costa. Der Portugiese startete wegen einer gestrichenen Rundenzeit am Ende des Feldes. Ein späterer Auffahrschaden raubte daraufhin entfernte Hoffnungen auf Balsam während des brutalen Wochenendes. Am vordersten Punkt des Grids stand derweil Jake Hughes. Der McLaren-Pilot hatte sowohl die Gruppenphase als auch seine K.o.-Duelle eindrucksvoll gewonnen. Jean-Éric Vergne, Pascal Wehrlein und Nico Müller starteten erneut vorne. Diesmal rundete McLaren-Teamkollege Sam Bird die Top 5 ab.

Nach einer ähnlichen Startphase und frühen Fahrten durch die Aktivierungsschleifen veränderte die einzige Safety-Car-Phase des Wochenendes die Dynamik des zweiten Rennens, das zudem zwei Runden kürzer ausfiel. Auslöser der Neutralisierung war Robin Frijns (Envision-Jaguar), der im siebten von 26 Umläufen rausgeboxt worden war. Kurz nach der zügigen Wiederfreigabe holte der Großteil des Feldes seine zweiten Extra-Kilowatt ab.

Schon zur Halbzeit hatten sich so die Sieganwärter in Position gebracht. Am besten sah lange Zeit Oliver Rowland aus, dem aber anhaltend Pascal Wehrlein im Nacken saß. Dahinter hielt sich Müller im Gegensatz zum Samstag eindrucksvoll in der Spitzengruppe, zu der erneut auch Jake Dennis gehörte.

Formel E - Misano 2024 - Oliver Rowland - Nissan
Motorsport Images

Trendsetter: Nissan-Pilot Oliver Rowland sammelte bislang konstant Top-Resultate.

Wehrlein-Jubel nach Nissan-Schnitzer

Rowland und Wehrlein lieferten sich analog zum Vortag ein spannendes Nissan-Porsche-Duell um den Sieg. Im Schlussspurt zog der Brite plötzlich die Pace an und fuhr zunächst davon. Pascal Wehrlein erklärte später, dass ihn das sehr verwundert hätte und er glaubte, die Chance auf einen Angriff verpasst zu haben.

In der letzten Runde wurde dann aber offensichtlich, dass Porsche alles richtig gemacht hatte. Rowland rollte aus und stürzte mangels Energie ans Ende des Feldes ab. Was zum niedrigen Stand in der TV-Anzeige passte, war der Nissan-Truppe unter Chef Tommaso Volpe nach dem Rennen unerklärlich. "Laut der Daten war alles unter Kontrolle. Wir wissen ehrlicherweise nicht, was passiert ist. Wahrscheinlich lieferte das System falsche Informationen."

Während Pascal Wehrlein entspannt abstauben konnte, ging es hinter ihm nochmal rund. Als Dreier-Paket flogen Dennis, Müller und Cassidy um die letzten Kurven. Besonders Müller stand dabei im Fokus, nachdem er wiederholt das eigentlich unterlegene Mahindra-Motorenpaket auf Augenhöhe mit den Topteams gebracht hatte. Ein Wunder blieb dem Schweizer allerdings verwehrt: Cassidy kassierte ihn für den dritten Rang kurz vor der Zielflagge ein.

Formel E - Misano 2024 - Pascal Wehrlein - Porsche
Motorsport Images

Furioser Schlussspurt: Hinter Pascal Wehrlein gab es einen Dreikampf um das restliche Podium.

Punktgleiche Porsche und Jaguar-Konstanz

Vor dem Saisonhighlight in Monaco (27. April), das obendrauf die Halbzeit darstellt, haben nun Pascal Wehrlein und Jake Dennis gemeinsam die Punktebestzahl (89). Durch seine zwei Siege liegt der Deutsche allerdings vorne. Nächster Verfolger ist der Kurzzeit-Leader Oliver Rowland mit 80 Zählern. Hinter ihm liegt Nick Cassidy, der dank 76 Punkten in Reichweite bleibt. Etwas abgeschlagen sind bereits Maximilian Günther (63), Jean-Éric Vergne (53) und Mitch Evans (52).

Bei den Teams hat Jaguar weiter die Carbonnase vorne. Die 128 Punkte der Briten bedeuten einen kleineren Vorsprung auf Andretti (112) und auf das Porsche-Werksteam (109). Dank des starken Rowlands ist Nissan (100) weiter im Spitzenkampf involviert. Dahinter ging eine größere Lücke zu DS Penske (75) auf. Wie bei der Konzernschwester Maserati (65) hatte man sich deutlich mehr von der bisherigen zehnten Jubiläumssaison erwartet.

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