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Gebraucht-Tour: Euro-5-Diesel im Verkauf

Gebraucht-Tour - Run auf Euro-5-Diesel
Alte Diesel begehrt wie nie - trotz Euro 5

Kommen Sie mit uns auf Gebrauchtwagen-Tour. Wir teilen unsere Erlebnisse vom Kiesplatz bis zum Showroom. Heute berichten wir, wie Ihnen alte Diesel förmlich aus den Händen gerissen werden.

Ford Focus: 1.6 TDCi, Frontansicht, Tankstelle
Foto: Archiv

Neulich stand in meinem Familienkreis der Verkauf eines gebrauchten Pendlerautos an. Ehrensache, da behilflich zu sein. Es ging um einen 2013er Ford Focus Turnier mit guter Titanium-Ausstattung, 1,6-Liter-Diesel und ECOnetic-Spritsparpaket. Auf vielen Arbeitswegen absolvierte er zuverlässig und höchst sparsam knapp 200.000 Kilometer, bis sich die ersten kleineren Problemstellen ankündigten. Beim nächsten Werkstattbesuch wäre wohl eine neue Kupplung fällig gewesen sowie mindestens ein Radlager. Nichts Wildes, aber dennoch ein gewisser Kostenpunkt.

Das große Gebrauchtwagen-Spezial

Der eigentliche Haken: als Euro-5-Diesel bleibt dem Wagen die Zufahrt in verschiedene Großstädte mit Umweltzone verwehrt. Hinzu kommt: noch immer möchten besorgte Dieselfahrer ihr Auto loswerden, aus Angst vor einer plötzlichen Entwertung. Entsprechend groß ist derzeit das Angebot vergleichbarer Exemplare, entsprechend niedrig im Verhältnis die Preise. So – das wurde rasch klar – würden wir wohl nur schwer einen richtig guten Preis erzielen.

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Erste Anrufe nach wenigen Minuten

Folgerichtig wurde ein Verkaufspreis um 5.000 Euro angesetzt, das Auto ordentlich fotografiert und auf den einschlägigen Portalen mit einer vernünftigen Beschreibung aller Plus- und Minuspunkte um etwa 14:00 Uhr inseriert. Keine zehn Minuten dauerte es, da kam der erste Anruf eines Händlers: "3.000 Euro und ich komme sofort!" Nun, wir hatten durchaus etwas Zeit eingeplant, um auf großzügigere Angebote zu warten. Der nächste Händleranruf folgte innerhalb weniger Minuten. Der bietet 4.000 Euro, bittet aber um eine fixe Zusage, da sein Geschäft mehrere hundert Kilometer entfernt liegt.

Der Satz "ich denke über das Angebot nach und würde mich bei Ihnen melden." wurde frühzeitig durch Auflegen abgebrochen – offenbar kein besonders redseliger Mensch. Noch in derselben Stunde folgte Vergleichbares:

"Biete 4.000, komme sofort."
"Ein anderer Interessent bietet 4.500..."
"Okay, wir machen 4.600, komme sofort."
"Da müsste ich erst noch mit dem anderen telefonieren..."
- aufgelegt –

"Geben Sie Ihre Adresse, ich schicke einen Transporter."
"Moment, wollen Sie sich das Auto nicht vorher ansehen?"
"Das macht der Transporterfahrer."
"Und wenn wir uns preislich nicht einig werden?"
"Ich zahle den vollen Preis!"
"Dann würde ich das Auto aber zuerst abmelden, das geht erst nächste Wo..."
- aufgelegt –

Nach insgesamt 14 derartigen Anrufen bis zum Abend des ersten Tages fand sich tatsächlich ein Privatmann aus dem Nachbarort, der nach der Arbeit zur Besichtigung erschien und das Auto ohne großes Handeln kaufte. Er pendle regelmäßig ins Ausland, da spiele die Abgasnorm keine Rolle. Die Probefahrt führte zum Geldautomaten, ein Kaufvertrag wurde gewissenhaft ausgefüllt, und ganz seriös und ohne Geschacher war das Auto verkauft und gleich am Folgetag umgemeldet.

Anrufliste
Andreas Jüngling
Innerhalb eines einzelnen Tages riefen insgesamt 21 Interessenten für unseren Focus an. Die allermeisten davon: kurz angebundene Callcenter-Mitarbeiter, die private Inserate im Akkord abtelefonieren.

Am Apparat: Callcenter

Auch währenddessen und am nächsten Tag stand das Handy nicht still. Selbst als das Inserat bereits gelöscht war, riefen noch kurz angebundene Autohändler aus ganz Deutschland an und legten fast ausnahmslos sofort auf, als sie hörten, der Wagen sei bereits verkauft. Insgesamt kamen in 24 Stunden 21 Anrufe zusammen – und das bei aktiviertem Ruhemodus zu nachtschlafender Zeit. (Fast) allen gemein: Eine unterdrückte Telefonnummer und Hintergrundgeräusche weiterer Telefonisten in sehr vergleichbarem Tonfall.

Später sprach ich mit einem befreundeten Autohändler, der ungenannt bleiben möchte, über das Thema. Der bestätigt meine Vermutung, dass Autohändler mit Fokus auf den Exportmarkt derzeit eigene kleine Callcenter ins Leben rufen, die gezielt brauchbaren Euro-5-Dieseln aus privater Hand nachgehen.

Ford Focus Turnier 1.0 EcoBoost, Seitenansicht
Hans-Dieter Seufert
Unser 2013 Focus war auch mit knapp 200.000 Kilometern auf dem Tacho noch ein zuverlässiges und sparsames Auto. Dass er nach einer kleinen Investition noch für viele Kilometer gut ist, wissen gerade Exporthändler nur zu gut.

"Es ist nicht untypisch, dass Händler Gebrauchtwagen aktiv von privat zukaufen. Gerade während der Halbleiterkrise gab es z.B. durch Auktionen oder Vertragshändler zu wenig Nachschub an günstigen Gebrauchtwagen. Dann sitzt durchaus jemand von uns im Büro und hat ein Auge auf die neuesten Online-Inserate. Der Kollege fragt dann höflich nach dem Fahrzeug, und wenn alles passt, kommt ein Ankauf zustande – ganz seriös. Neu ist allerdings, dass gleich ganze Mannschaften zusammenhocken und neue Inserate im Akkord abtelefonieren. Die haben Preistabellen, welches Modell wie viel kosten darf, und legen sofort auf, wenn sie irgendwelche Komplikationen wittern. Die so gekauften Autos werden dann mit vielen anderen nach Osteuropa exportiert, wobei der Zustand letztlich ziemlich egal ist", so der Autohändler. Dass dabei nicht immer alles mit rechten Dingen zugeht, etwa im Blick auf unberührte Kilometerstände, deutet er nur an.

Euro-5-Diesel sind keine Ramschware

Der Grundsatz hinter dem massenhaften Aufkaufen für den Exportmarkt ist klar: Moderne Diesel-PKW, auch mit Euro-5-Motor, funktionieren meist sehr zuverlässig, sind sparsam und oftmals auch noch recht gepflegt. Nicht wenige langjährige Besitzer bekommen durch die verschärfte Umweltdebatte der letzten Monate kalte Füße, und sind gewillt Autos abzustoßen, die sie ansonsten noch länger behalten hätten. Die günstigen Preise locken dann die Aufkäufer.

Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen, sofern die Händler seriös vorgehen und sich nicht zu illegalen Aktivitäten hinreißen lassen. Dennoch bleibt etwas Kinderstube oder zumindest ein höflicher Umgang meist zu wünschen übrig.

Einkaufs-Tour, Kiesplatz, Autohändler
Frank Herzog
Ja, Autohändler sind nicht unbedingt für ihre einfühlsame Art bekannt. Dennoch: Ein vertrauenswürdiger Händler - auch die mit Kiesplatz - sollte zumindest ein "Guten Tag" oder "Auf Wiedersehen" beherrschen. Auf kürzer angebundene Gesellen müssen Sie sich nicht einlassen.

Hüten Sie sich als Verkäufer vor undurchsichtigen Aufkäufern, erst recht, wenn der Wagen noch angemeldet ist. Ein professioneller Autohändler ist in der Lage durch ein rotes Kennzeichen oder einen Anhänger auch abgemeldete Fahrzeuge abzuholen. Keine übertriebene Scheu brauchen Sie dagegen beim Verkauf an Privatleute. Wer sich ausweisen kann, und einen der üblichen Kaufvertragsvordrucke ausfüllt, kann auch ohne Bedenken mit ihrem Kennzeichen heimfahren. Im Falle eines Verkehrsdeliktes oder eines Unfalls sind Sie durch den Kaufvertrag abgesichert – das erkennen auch Autoversicherungen an.

Lernen Sie aus dieser Geschichte außerdem, dass Panikverkäufe von guten Euro-5-Autos nicht angebracht sind. Wer seinen Wagen verkaufen möchte, findet auch zum angemessenen Preis dankbare Interessenten. Ist Ihr Auto in besonders gutem Zustand oder verfügt über eine reichhaltige Ausstattung, zielen Sie ruhig auf das obere Ende der Preisspirale.

Übrigens: Die Sorge nach möglichen Regressforderungen nach einem Privatverkauf ist ebenso unbegründet, wie ein ausdrücklicher Haftungsabtritt. Bei einem Privatverkauf (bei dem nicht gerade eine arglistige Täuschung vorliegt) haben Sie keinerlei Haftungsverpflichtung. Es gilt immer automatisch: Gekauft wie gesehen.

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Fazit

Das fließbandmäßige Abfertigen privater Autoverkäufer zeigt, wie begehrt Euro-5-Diesel heute sind – ein Beweis für den Wert moderner Diesel-PKW, selbst wenn sie schon einige Jahre und Kilometer auf dem Buckel haben. Wer einen guten Verkaufspreis erzielen möchte, darf gern hoch ansetzen und sollte nach wenigen Tagen einen seriösen Käufer finden.