Gebrauchtwagencheck Mercedes A-Klasse
Schnäppchen rar, Mängel auch?

Die dritte Generation der A-Klasse ist im heutigen Straßenbild allgegenwärtig. Das spricht für die große Beliebtheit des Baby-Benz. Doch ist der noble Flachmann auch haltbar?

Gebrauchtwagencheck Mercedes A-Klasse W 176
Foto: Sven Krieger

Die Modellbezeichnung mit dem höchsten Aufmerksamkeitswert bei Mercedes ist vermutlich die A-Klasse. Der geht zurück auf die erste Generation, 1997 vorgestellt und kleinster Benz aller Zeiten.

Karosserie: Klein aber fein

Diese A-Klasse überraschte mit einem umwerfend revolutionären Raumkonzept, das die Technik in den Keller verbannte und einen topfebenen Kabinenboden mit bis zu drei Metern Lademaß – bei 3,57 Metern Außenlänge – ermöglichte. Aber auch mit einem hohen Schwerpunkt, weshalb sich der W 168 vor allem mit seinem spektakulären Scheitern beim Elchtest in den Geschichtsbüchern der Autowelt verewigt hat.

Das große Gebrauchtwagen-Spezial
Gebrauchtwagencheck Mercedes A-Klasse W 176
Sven Krieger
Das ist sie, die erste flache A-Klasse nach zwei Hochbau-Vorgängern mit Sandwichboden. Das Ziel, Modelle wie Audi A3 und BMW Einser in Sachen Popularität einzuholen, hat sie erfüllt.

Ohne großes Aufsehen lief ab 2004 dann acht Jahre lang die nächste Auflage, deutlich verfeinert fast schon ein Mehr-Cedes, doch leider auch ziemlich rostig. Und 2012 dann das: ein Flachmann, eine Höhle auf Rädern! Eng, unübersichtlich, dazu nur noch mit einem Minimum an Kofferraum gesegnet. Immerhin: In Sachen Verarbeitung und Rostvorsorge, sowie im Blick auf Feinheiten wie Windgeräusche oder Lackauftrag kann der auf Taille geschnittene Fünftürer nun mit sehr hoher Qualität glänzen.

Innenraum: Höhlenforschung

Was dem Interieur stellenweise an Luftigkeit fehlt, wird von noblen Materialien und einer soliden Verarbeitung wettgemacht. Bedienelemente und Infotainment entsprechen dem hohen Standard größerer Mercedes-Modelle, die Oberflächen von Cockpit, Sitzen und Co. ebenfalls, erst recht ab dem Facelift 2015. Dieser Vergleich umfasst auch die Haltbarkeit nach vielen Kilometern. Üblicherweise sieht man der A-Klasse möglichen Verschleiß im Innenraum kaum an. Objektiv betrachtet, fehlt es großen Insassen auf längeren Strecken an Platz im Fond. In Reihe eins dürfte dagegen jeder kommod sitzen, sofern nicht die (je nach Ausstattung) integrierten Kopfstützen unangenehm in den Nacken drücken. So geräumig wie etwa ein Golf 7, dessen Fond mühelos auch Langbeinige unterbringt, ist der A freilich nicht. Zusätzlich sind es die schmalen Fenster und die gedrungene Dachlinie, die das subjektive Raumgefühl spürbar drücken.

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Je nach Ausstattung besitzt die A-Klasse entweder herkömmliche Kopfstützen oder (wie hier) integrierte. Letztere ragen unverrückbar nach vorn und drücken nicht selten an Nacken oder Hinterkopf.

Motoren: Brave Benziner, diffizile Diesel

Beliebt und verbreitet ist der 180er-Benziner, ein recht agiler 1,6-Liter-Vierzylinder – das muss man ja heutzutage doch mal erwähnen, wo die Drillinge sich so rasant vermehren. Er gehört zur M-270-Familie, dem Standard-Antrieb für die A- und B-Klasse sowie ihren diversen Derivaten mit Quereinbau. Als M 274 ist er in Längsrichtung montiert, zum Beispiel in der C- und E-Klasse. Der 1600er übernimmt in der A-Klasse den Bereich bis 156 PS, im 220er und 250er arbeitet er als Zweiliter.

Von dem gibt es auch eine verstärkte Ausführung, die nennt sich dann M 133 und arbeitet im A 45 AMG – bis zum Facelift mit 360 PS, danach mit 381 PS. Die AMG sind übrigens gar nicht so selten, ihr Anteil an den Gebrauchten liegt immerhin bei rund sechs Prozent.

Doch zurück zum M 270. Nach nunmehr fast zwölf Jahren auf der Straße darf man behaupten, dass diese Motoren sehr problemlos laufen. Vor allem aber hat Mercedes der Versuchung widerstanden, auch bei diesen Aggregaten die Steuerkette an der Abtriebsseite, also zwischen Motor und Getriebe, anzuordnen, wo man im Falle eines Wechsels kaum rankommt. Was beim M 270 eher ein theoretischer Vorteil ist, denn die Ketten sind hier äußerst unauffällig.

Ganz ungeschoren kommt er dennoch nicht davon. Größter Schwachpunkt ist das Wasserpumpen-Modul. Das arbeitet bedarfsgeregelt, also bei kaltem Motor gar nicht, was eine schnellere Erwärmung bewirken soll. In diesem Modul sind ebenfalls der Kühlwasserthermostat und eine Unterdruckdose zum Ein- sowie Auskuppeln der Pumpe integriert.

Eine Menge Technik also, die mitunter kaputtgeht. Steht die Wassertemperaturanzeige nicht wie üblich angewurzelt bei 90 Grad, sondern pendelt um die 70 Grad herum, kann man schon mal einen Termin in der Werkstatt vereinbaren. Dann dauert es nämlich nicht mehr lange, bis die Motorlampe aufleuchtet, weil sich wegen der Unterkühlung auch das Abgasverhalten ändert. Macht rund 600 Euro, plus vier Stunden Einbau.

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Die Vierzylinder-Benziner sind im Großen und Ganzen zuverlässig und ökonomisch. Beim Gebrauchtkauf sollten Sie aber ein paar Punkte, wie etwa das Kühlsystem prüfen (lassen).

Ein selteneres Problem sind Defekte an der Verstellung des Turboladers, die Unterdruckdose lässt sich aber leicht von oben wechseln. Übrigens sind alle Motoren turbogeladen, Sauger gibt es im W 176 nicht mehr.

Die Diesel teilen sich auf in die OM (Oelmotor) 607 und 651, wobei der mit der niedrigeren Ordnungsnummer von Renault stammt. Dessen Nockenwellen werden von einem Zahnriemen angetrieben – Wechselintervall 200.000 Kilometer oder zehn Jahre. Grundsätzlich laufen diese Triebwerke zuverlässig, gelegentliche Undichtigkeiten der Hochdruckpumpe mal ausgenommen. Die Baujahre 2014 bis 2017 waren allerdings Gegenstand eines Rückrufs, weil ihre Software eine unzulässige Abschalteinrichtung der Abgasreinigung enthielt. Und 21.371 Exemplare, gebaut zwischen 2012 und 2015, erhielten ein Update für eine zuverlässigere Regeneration des Partikelfilters.

Das Problem mit korrodierten Vorglühsicherungen betrifft auch die größeren Diesel, die sich auch sonst nicht mit Ruhm bekleckern. Deren Steuerkette gilt als anfällig, und hier ist sie an der Rückseite angeordnet. Weil die Platzverhältnisse im Quereinbau der A-Klasse nochmals enger sind als bei den größeren Limousinen, gilt der Austausch in Schrauberkreisen als echte Strafarbeit.

Getriebe: Einwandfrei

Eher unauffällig hingegen arbeiten die Kraftübertragungen. Auf dem Gebrauchtmarkt hat die Automatik mit 58 Prozent knapp die Nase vor den Sechsgang-Schaltgetrieben. Die lassen sich nichts nachsagen – wer unbedingt selber schalten will, darf daher unbesorgt zugreifen.

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Typisch für neuzeitliche Mercedes: der Automatikwählhebel am Lenkrad. Der ist praktisch, handlich und schafft viel Platz in der Mittelkonsole. Auch Handschalter sind jedoch empfehlenswert, weil angenehm präzise zu bedienen.

Die Automaten gehören zur Gattung der Doppelkupplungsgetriebe, sind überdies eine Eigenentwicklung von Mercedes. Diese 7G-DCT (das steht für Siebengang-Dual-Clutch-Transmission) ahmt eine klassische Wandlerautomatik überzeugend nach. Mit der im Ölbad rotierenden Doppelkupplung gelingt sogar das Anfahren ruckfrei und geschmeidig. Größere Probleme sind bislang nicht bekannt, manche Fahrer monieren allerdings ein lautes Klacken beim Wechsel der Fahrtrichtung. Technisch bedenklich ist das aber nicht, eher ein Schönheitsfehler.

Fahrwerk: Hart und weniger herzlich

Doch die wahre Erschütterung sollte sich erst beim Fahren einstellen – im Wortsinn. Denn der Wagen 176 sah nicht nur aus wie ein geklonter BMW 1er, er federte auch so unbarmherzig. Doch während die Bayern die übertriebene Fahrwerkshärte mit der zweiten Generation ab Ende 2011 spürbar milderten, hatten die Schwaben sich offenbar noch am Ur-Einser orientiert. Und so dauert es nach der Abfahrt keine 200 Meter, bis der beifahrende Fotograf Sven Krieger lautstark fordert: "Stell mal auf Comfort!"

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Sven Krieger
Hohe Haftreserven, präzis in Lenkung und Spurtreue, dabei aber auch ganz schön straff: Trotz seiner auffallenden Härte (gerade bis 2015) ist das Fahrwerk nicht für messerscharfe Kurvenkratzen gedacht, sondern eher für gesunde Agilität im Alltag.

Doch dessen Wunsch bleibt unerfüllt, denn verstellbare Stoßdämpfer waren erst ab der Modellpflege im September 2015 lieferbar. Das Auto in diesem Artikel wurde jedoch bereits im April ausgeliefert. Es stammt von der Autowelt Michael und Partner in Beckdorf, auf dem Tacho stehen rund 70.000 Kilometer, auf dem Preisschild knapp 18.000 Euro. Ein faires Angebot für einen A 180, dem es an nichts fehlt. Automatikgetriebe, Comand mit Navi und Rückfahrkamera, Ausstattungslinie Urban – die mit zwei getrennten Endrohren links und rechts mächtig was hermacht – und frischer Kundendienst.

Mängel: Außer Spesen nichts gewesen.

Technisch sind keine großen Unterschiede zu verzeichnen, bis auf die Abgasnormen: Die kleineren Diesel bis einschließlich des A 200 erfüllten bis zur Modellpflege nur Euro 5. Gravierende Probleme sind selten, der ADAC und auch die Überwachungsvereine sind voll des Lobes, hier belegt die A-Klasse in allen Jahrgängen Spitzenplätze. Mängelhäufungen kommen nicht vor, lediglich die Bremsschläuche lassen die Prüfer etwas zu oft die Stirn runzeln. Und nach vielen Kilometern auf unseren maroden Straßen sind oft die Buchsen der Achslenker durch. Weil sich die Karosserie ansonsten bester Gesundheit erfreut und mit ihrer guten Verarbeitung alte schwäbische Tugenden aufblitzen lässt, darf sich die dritte Generation der A-Klasse durchaus mit einer Kaufempfehlung schmücken. Allzu viel Auto gibt es freilich nicht fürs viele Geld. Das, was man bekommt, hat den Stern aber redlich verdient.

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Der Blick auf den Unterboden offenbart in aller Regel nie Mängel, die nennenswert über normale Verschleißerscheinungen hinausgehen. Letztere treten immer mal in Form verschlissener Fahrwerksbuchsen auf.

Preise: Schnäppchen sind rar gesät

Welches Baujahr darf’s beim W 176 sein? Die preiswerteren frühen Modelle wirken innen nicht so ausgefeilt und federn recht harsch. Die Facelift-Modelle ab September 2015 beginnen mit akzeptablem Kilometerstand erst bei 14.000 Euro, bieten jedoch eine ausgewogenere Federung und mehr Assistenzsysteme. Die typische A-Klasse tankt Benzin, schaltet automatisch und hat zwischen 122 und 218 PS. Insgesamt finden sich auf dem deutschen Gebrauchtwagenmarkt um die 2.700 Exemplare, das Angebot ist also eher knapp und verlangt bei der Auswahl manchmal Kompromisse. Erstaunlich: Der Anteil des AMG A 45 liegt mit sechs Prozent recht hoch. Solche Boliden treiben das Preisspektrum dann auf bis zu 30.000 Euro.

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Niemals wird dieser Plastik-Mercedes zum Oldtimer!Der ESP-Pionier hat jetzt schon den Klassikerstatus verdient.

Fazit

Es gibt Autos wie die A-Klasse, die lassen sich mit Zahlen kaum erfassen. Rein nach Messwerten beurteilt, sieht der W 176 gegen langjährige Vergleichstest-Gewinner wie den VW Golf keine Sonne. Und trotzdem stellt sich beim Fahren das typische Mercedes-Gefühl von "Willkommen zu Hause" ein – kennt noch jemand den 30 Jahre alten Spot? Und diese Zufriedenheit scheint lange anzuhalten, denn an der Qualität gibt es bei diesem Benz kaum etwas zu rütteln.