Ferrari bei den 24 Stunden von Le Mans
Legenden, Kurioses und Triumphe

24h Le Mans 2023

Die 24 Stunden von Le Mans 2023 werden als eine der ganz großen Renn-Schlachten an der Sarthe in die Geschichte eingehen. Die Feierstimmung zum 100-jährigen Jubiläum schuf den Rahmen für den ersten Ferrari-Gesamtsieg seit 58 Jahren beim bedeutendsten Sportwagenrennen der Welt – und das 50 Jahre nach dem letzten Auftritt des Werksteams dort. So glorreich, aber auch kurios ist die Sieg-Historie der Italiener beim Klassiker.

Le Mans 2023: #51 Ferrari – AF Corse Ferrari 499P (James Calado, Antonio Giovinazzi und Alessandro Pier Guidi)
Foto: Motorsport Images

Es ist einer der populärsten Le-Mans-Siege aller Zeiten. Ein Großteil der 325.000 Fans brach in einen donnernden Applaus aus, als der Ferrari 499P von Alessandro Pier Giudi, James Calado und Antonio Giovinazzi die Ziellinie als Erster überquerte. Das Comeback der Traummarke in der Topklasse von Le Mans fiel so perfekt aus. Auf Anhieb besiegte sie unter anderem Cadillac, Peugeot, Porsche und auch die Platzhirsche von Toyota.

Mit dem zehnten Gesamtsieg feiert Ferrari gleich drei Le-Mans-Premieren in eigener Sache. Es ist der erste Siegerwagen aus Maranello mit weniger als zwölf Zylindern. Außerdem ist es der erste in der Gesamtwertung erfolgreiche Ferrari mit Turbomotor. Und erstmals bestand das Fahrerteam dabei aus drei Piloten. Zumindest in den offiziellen Gesamtklassements.

Unsere Highlights
Ferrari 499P - Le Mans 2023 - Vortest
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Der historische Sieger einer historischen 100-Jahre-Feier: #51 Ferrari 499P von James Calado, Antonio Giovinazzi und Alessandro Pier Guidi

Das Mysterium des dritten Fahrers

Denn beim nun vorletzten Gesamtsieg eines Ferrari im Jahr 1965 sollen sich drei Fahrer das Cockpit des 275 LM (als 250 LM gemeldet) geteilt haben. Neben Masten Gregory und Jochen Rindt hat laut abweichender Erzählungen auch Ersatzfahrer Ed Hugus einen Teil der Lenkradarbeit während der 24 Stunden geleistet. Bei einem verfrühten Boxenstopp von Masten Gregory soll sein Landsmann Hugus eingestiegen sein, weil Stammfahrer Jochen Rindt so schnell nicht auffindbar war. Die Regel hätte aber verboten, dass der ersetzte Fahrer nochmal fahren durfte. Ob das tatsächlich so war, lässt sich nicht mehr klären.

Diesen, lange ohne Nachfolger gebliebenen, Erfolg in der Gesamtwertung fuhr nicht das Werksteam heraus, sondern das North American Racing Team (N.A.R.T.). Dessen Chef Luigi Chinetti gewann selbst dreimal die 24 Stunden von Le Mans, zum letzten Mal 1949 in einem Ferrari 166 MM – der erste Siegerwagen aus Maranello. Der Italo-Amerikaner musste das erste Rennen nach dem Zweiten Weltkrieg fast im Alleingang bestreiten. Sein Teamkollege und Autobesitzer Lord Selsdon hatte sich bereits in der Anfangsphase krankgemeldet.

Le Mans 1949: #22 Ferrari 166 MM (Luigi Chinetti und Peter Mitchell-Thomson, Lord Selsdon)
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Ferrari gewann erstmals im Jahr 1949. Für den Auftaktjubel sorgten damals Luigi Chinetti und Peter Mitchell-Thomson, Lord Selsdon.

Ferrari kann Jaguar nur kurz stoppen

Im Jahr 1954 sollte die Scuderia Ferrari dann unter eigenem Namen nachlegen. Der Argentinier José Froilán González und der Franzose Maurice Trintignant schlugen in ihrem Ferrari 375 Plus damals knapp die Jaguar-Konkurrenz. Regenschauer stellten die 24 Stunden mehrmals auf den Kopf und erlaubten ein enges Hin und Her über die gesamte Distanz.

Am Ende durfte sich Enzos Equipe auch wegen Heldentaten der Mechaniker über den eröffnenden eigenen Erfolg freuen. José Froilán González kannte dieses Gefühl bereits: Der Rennfahrer aus Arrecifes – Spitzname "Stier aus der Pampa" – hatte der Scuderia schon 1951 den ersten Formel-1-Sieg geschenkt. Im Anschluss waren die englischen Aero-Kunstwerke jedoch vorerst unschlagbar.

Le Mans 1954: #4 Scuderia Ferrari 375 Plus (José Froilán González und Maurice Trintignant)
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José Froilán González und Maurice Trintignant rangen Jaguar nieder und schrieben so die Scuderia in die Siegerliste.

Dritter Triumph nach Horror-Rennen

Regen spielte auch beim dritten Sieg im Jahr 1958 eine dominierende Rolle. Am Steuer des Gewinnerwagens 250 TR/58 mussten der spätere Formel-1-Weltmeister Phil Hill und der belgische Werksfahrer Olivier Gendebien eines der brutalsten Regenrennen der Le-Mans-Historie durchstehen.

Schwere Sommerstürme sorgten ab dem frühen Samstagabend für chaotische und in einem Fall tödliche Bedingungen. Das Ferrari-Duo passte sich am besten an die unvorstellbaren Umstände an und lief nach 15 Stunden voll Regen als Sieger ins Ziel ein – ironischerweise bei Sonnenschein. Neben dem Sieger-Ferrari überlebten zwei weitere 250 TR das nasse Martyrium, ursprünglich waren allerdings ganze zehn genannt.

24 Stunden von Le Mans 1958 - Hubert Patthey / Georges Berger, A.C. Cars, AC Ace - Bristol
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Trügerische Regen-Romantik: Die Ausgabe des Jahres 1958 brachte die Fahrer an die Grenzen und darüber hinaus.

Goldene 1960er-Jahre für Ferrari

Die dominanteste Phase hatte Ferrari ab 1960 mit sechs Gesamtsiegen in Folge, eingeleitet von Olivier Gendebien und Paul Frère. "1960 war die italienische Marke so überlegen, dass auf den ersten sieben Plätzen sechs ihrer Wagen endeten", erinnerte sich Frère. 1961 durften Hill und Gendebien zum zweiten Mal gemeinsam auf die oberste Stufe des Podiums, 1962 zum dritten Mal. Die amerikanisch-belgische Kooperation war somit das erste Duo mit drei Siegen.

Über den Ferrari-Erfolg 1963 mit dem 250 P schrieb Frère, Rennfahrer und Journalist in Personalunion: "Trotz des relativ geringen Hubraums diktierten die 3-Liter-Prototypen von Anfang an dank ihres relativ geringen Gewichts und ihrer bemerkenswert guten Straßenlage das Renntempo. (…) Der Sieg ging an Ferrari, und zwar mit Lorenzo Bandini und Lodovico Scarfiotti zum ersten Mal an ein rein italienisches Team."

Le Mans 1963: #21 SpA Ferrari SEFAC Ferrari 250 P (Lodovico Scarfiotti und Lorenzo Bandini)
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Die Italiener Lorenzo Bandini und Lodovico Scarfiotti machten 1963 zu italienischen Festspielen. 60 Jahre später gewannen passenderweise auch zwei Italiener, aber mit englischer Unterstützung.

Abschied und der perfekte Neustart

Ferraris bis zu diesem Jahr letzter Werks-Gesamtsieg durfte 1964 bejubelt werden. Der Sizilianer Nino Vaccarella und der aus Marseille stammende Jean Guichet führten einen Ferrari-Dreifach-Erfolg an und fuhren dabei einen neuen Distanzrekord heraus. Mit dem vierten Rang des Shelby-Teams kündigte sich parallel die wachsende V8-Konkurrenz aus dem Hause Ford an. Ferraris große Rekord-Ära sollte nur noch ein Jahr anhalten.

Italiens ganzer Stolz blieb Le Mans danach noch einige Jahre als Werk erhalten, wurde aber mehrmals Opfer der geschichtlichen Umstände. Erst sah Ford in Le Mans den perfekten Ort für die Rache an Ferrari nach einem geplatzten Business-Deal, dann schickte Porsche den übermächtigen 917 und schließlich sammelte die französische Nationalmannschaft von Matra-Simca alle Ressourcen für ihr Heimspiel. Sportliche Sorgen in der Formel 1 zogen Ferraris Prototypen-Ambitionen schlussendlich den Stecker.

Natürlich engagierten sich die Italiener in den kleineren Klassen bis zu diesem Jahr und sammelten dort ebenfalls große Erfolge. Doch wie die aktuellen Schlagzeilen zeigen, bedeutet das größte Podium immer noch am meisten Prestige. Mit vier weiteren Siegen würde man übrigens Audi als zweiterfolgreichste Marke in Le Mans wieder "überholen". Nach diesem Wochenende im Juni 2023 könnten die Freunde der vier Ringe mit dem Zittern begonnen haben.