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24h Le Mans 2024: Favoritencheck

Favoritencheck: 24 Stunden von Le Mans 2024
Spektakulärer Vierkampf an der Spitze?

24h Le Mans 2024

Nach einer Woche in Le Mans mit Vortest, freien Trainings und einem mega-spannenden Qualifying haben wir eine Startaufstellung: Porsche auf Pole, dahinter zwei Cadillac und zwei Ferrari. Ist das auch die Hackordnung im Rennen? Wo steht Toyota? Und haben die Außenseiter eine Chance?

Le Mans 2024 - Ferrari 499P
Foto: Motorsport Images

Alle haben prophezeit: 2024 sehen wird das beste Le-Mans-Rennen aller Zeiten. Seit Menschengedenken standen nicht mehr so viele Hersteller in der Topklasse am Start: Acht große Automobilhersteller und ein Privatteam bescheren der neuen, vereinten Hypercar-Klasse, die 2023 debütierte, ein 23 Wagen starkes Aufgebot bei der 92. Ausgabe des Langstrecken-Klassikers.

Der einzige Zweifel: Schaffen es die Ausrichter ACO und FIA, die Autos in der Topklasse über die Balance of Performance (BOP) so einzustufen, dass wir auch ein enges und spannendes Rennen erleben werden? Die Antwort nach einer Woche Fahren im Kreis lautet: Ja! Und wie!

Unsere Highlights

Die ersten drei Fahrzeuge in der finalen Hyperpole-Qualifikation waren nicht mal um zwei Zehntelsekunden voneinander getrennt – bei einer Streckenlänge von 13,626 km und einer Rundenzeit von über 204 Sekunden! Das entspricht einem Speed-Delta von 0,09 Prozent!

Le Mans 2024 - Porsche 963
Porsche

Kévin Estre setzte sich in der extrem engen Hyperpole-Sitzung durch. In den Geschichtsbüchern der Zuffenhausener folgt er somit auf Neel Jani, der 2016 den ersten Startplatz holte.

Fahrzeugkonzepte endlich auf Augenhöhe

Im Rückblick auf Le Mans 2023 ist das besonders bemerkenswert: Denn damals dominierten die beiden LMH-Hersteller Toyota und Ferrari. Die Topklasse besteht bekanntlich aus zwei Untergruppen: Hier die LMH-Hersteller Toyota, Ferrari und Peugeot, deren Autos nach dem freizügigeren, aber auch teureren ACO-/FIA-Reglement aufgebaut sind, auf der anderen Seite stehen die kostengünstigeren LMDh-Autos (Alpine, BMW, Cadillac, Lamborghini und Porsche) nach dem amerikanischen IMSA-Reglement, die sich viele Einheitsbauteile wie das Hybridsystem teilen.

Im letzten Jahr dominierten Toyota und Ferrari, dieses Jahr konnte die LMDh-Marke Porsche bereits zwei WM-Rennen gewinnen. Die Balance im Feld war also schon vor Le Mans viel besser als letztes Jahr.

Die Veranstalter haben vor dem wichtigsten Langstreckenrennen der Welt bei der BOP nochmal nachgelegt: Weil die Strecke in Le Mans fünf lange Geraden mit Topspeeds über 335 km/h aufweist, wurden die Fahrzeug-Sensitivitäten im Geschwindigkeitsbereich oberhalb von 250 km/h feinjustiert. Ferrari verlor als Topspeed-König von 2023 zum Beispiel zwölf PS – prompt ist die rote Dominanz im roten Bereich nahezu verschwunden.

Le Mans 2024 - Grid - Atmosphäre
xpb

Die dunklen Wolken der letztjährigen BOP-Diskussion scheinen davonzuziehen. Das Feedback für das überarbeitete System fällt überwiegend gut aus.

Toyota schwächelt – mit guter Ausrede

Folglich gab es so gut wie keine BOP-Debatten im Hypercar-Fahrerlager, im Gegenteil: Die meisten Teamchefs und Ingenieure stimmen zu, dass der Veranstalter bei den Fahrzeugeinstufungen einen sehr guten Job gemacht hat. Beweise gefällig? Im ersten Qualifying vor dem finalen Hyperpole-Zeittraining, wo nur noch die acht besten Fahrzeuge einer Klasse um die Pole-Position kämpften, lagen elf von 23 Hypercars in einer Sekunde. Natürlich gibt es trotzdem so eine Art natürliche Hackordnung im Feld.

Jene Hersteller, die bereits im letzten Jahr am Start waren, haben erstens einen Erfahrungsvorsprung vor den drei Neueinsteigern Alpine, BMW und Lamborghini, die erst 2024 zum Feld stießen. Zweitens haben die BOP-Macher bei Ferrari, Toyota, Porsche und Cadillac eine optimale Datenbasis, um die Performance einschätzen zu können. Deshalb galten genau diese vier Topmarken auch 2024 als Topfavoriten in Le Mans.

Diese Einschätzung hat sich auch nach der finalen Hyperpole-Session am Donnerstagabend nicht verändert: Cadillac, Ferrari und Porsche hatten jeweils zwei Autos in den Top-Acht. Ja, da fehlt Toyota, was mit besonderen Umständen im Vorqualifying zu tun hatte: Der Veranstalter hatte die Chuzpe, 62 Autos für 60 Minuten gemeinsam auf die Strecke zu schicken, um die Top-Acht jeder Klasse zu bestimmen. Das Verkehrsaufkommen war etwa so hoch wie in der Rushhour von Tokio, folglich spielten Glück und Pech eine überproportional große Rolle.

Le Mans 2024 - Toyota GR010 Hybrid
xpb

Die Vorbereitung auf den diesjährigen 24h-Klassiker lief für Toyota wenig geradlinig. Das japanisch-deutsche Team hat allerdings Gründe für Hoffnung.

Gute Topspeeds von Toyota und Porsche

Das ändert aber nichts am Befund, dass Toyota bei der Vergabe um den Sieg eine wichtige Rolle spielen wird. Das japanische Werksteam aus Köln muss sich aber im Rennen erst langsam nach vorn durchkämpfen, was schon die Gefahr birgt, in Unfälle verwickelt zu werden. Das Gleiche gilt aber auch für den zweiten und dritten Werks-Porsche, den privaten dritten Ferrari sowie den dritten Cadillac.

Die Frage lautet: Hat einer der vier genannten Hypercar-Hersteller einen entscheidenden Vorteil? Nach jetziger Einschätzung eher nein. Die Qualifying-Pace übersetzt sich nicht eins zu eins in die Rennpace, hier zählen auch Faktoren wie Reifennutzung, Strategie, Strafen oder Boxenstopps. Porsche, Cadillac, Ferrari und Toyota müssen dazu die Ride Height im Rennen deutlich erhöhen, was die Kräfteverhältnisse schon wieder leicht verändern kann.

Toyota und Porsche sehen bei den Topspeeds gut aus, was bedeutet, dass sie im Rennen einen kleinen Vorteil haben, weil sie besser überholen können. "Aus meiner Sicht ist das Rennen völlig offen", glaubt Cadillac-Teamchef Stephen Mitas. "Porsche, Cadillac, Ferrari und Toyota sind klar in der Favoritenrolle. Im Rennen wird es vor allem darauf ankommen, sauber durchzufahren. Der Wettbewerb ist so ausgeglichen und die Autos liegen so eng beieinander, dass man sich keinen Fehler leisten darf. Eine Strafe wegen Tracklimits kann dazu führen, dass Du das Rennen verlierst."

Le Mans 2024 - Alpine - Mick Schumacher
Motorsport Images

Mick Schumachers Siegchancen sind eher gering. Dennoch könnten die Alpine-Renner über längere Phasen überraschen. Alles Weitere hängt von der Haltbarkeit ab.

BMW und Alpine als Underdogs

Urs Kuratle, Leiter LMDh-Werkssport bei Porsche, sieht die Sache ähnlich: "Das Hyperpole-Qualifying hat bewiesen, dass die vier Topmarken alle eng beieinander liegen – dank einer sehr guten BOP-Arbeit des Veranstalters. Natürlich ist es schön für uns, dass Kévin Estre am Donnerstagabend mit einer starken Fahrerleistung die Pole-Position holen konnte, aber das macht Porsche sicher nicht zum Favoriten im Rennen. Fehlerfreiheit ist ganz klar der Schlüssel: Ein kleiner Fehler kann dich den Sieg kosten."

Gibt es Außenseiterchancen für die anderen Marken? Theoretisch ja, praktisch vermutlich eher nein. BMW-Pilot Dries Vanthoor setzte im Qualifying für die Hyperpole etwas überraschend die Bestzeit, doch andererseits verwendet BMW das gleiche Chassiskonzept vom gleichen Zulieferer (Dallara) wie Cadillac, insofern ist es plausibel, dass die BMW M Hybrid V8 einen guten Grundspeed haben, wenn das Setup perfekt passt. Doch BMW hat in anderthalb Jahren noch kein Rennen aus eigener Kraft gewonnen, dazu stehen sie vor ihrem ersten Renneinsatz in Le Mans, folglich wäre es eine große Überraschung, wenn sie auf Anhieb gewinnen könnten.

Die zweite Überraschung war, dass Neueinsteiger Alpine/Renault mit dem A424 den Einzug in das Top-Acht-Qualifying schaffte, wo man sich mit Platz sechs auch ordentlich schlug. Doch in der Szene ist hinreichend bekannt, dass der Powertrain noch nicht zuverlässig ist: Bei einem Test vor dem Le-Mans-Rennen gab es Motorprobleme, die Schwachstelle ist offenbar der Turbolader, ein Redesign für 2025 ist bereits in der Pipeline. Insofern könnte Alpine in der Anfangsphase durchaus für Furore sorgen, denn die blauen Werkswagen haben die besten Topspeeds im Feld. Es ist aber mehr als fraglich, ob die Alpine-Werkswagen auch ohne Probleme über die Distanz kommen.

Le Mans 2023 - Peugeot 9X8
xpb

Regenschauer halfen im letzten Jahr unter anderem dem Allrad-Peugeot. Durch Regeländerungen fällt der Konzept-Vorteil jetzt deutlich kleiner aus.

Regenvorhersage für Sonntag

Und zu guter Letzt wäre da noch das launische Wetter, das allen Wettbewerbern in Le Mans einen Strich durch die Rechnung machen könnte – und durch alle Prognosen. Nach aktuellem Stand (14.6.) soll es ab Sonntagmorgen gegen 05.00 Uhr anfangen zu regnen, danach sind Schauer bis zur Zieldurchfahrt um 16.00 Uhr am Sonntag angekündigt.

Wechselhafte Bedingungen sind in Le Mans immer besonders knifflig, weil die Strecke lang und die Rundenzeit hoch ist. Verpasst man den optimalen Zeitpunkt, um zum Beispiel von Slicks auf Regenreifen zu verwechseln, kann man mit der falschen Bereifung extrem viel Zeit verlieren.

Für alle Fans von Le Mans sind das trotzdem vorzügliche Nachrichten, denn die Prognosen scheinen sich allesamt zu bewahrheiten: Die 92. Ausgabe könnte eine der besten und spannendsten Le-Mans-Rennen aller Zeiten werden. Die Wahrheit zeigt sich ab 16.00 Uhr auf Eurosport (bzw. Discovery+), Nitro und im offiziellen Stream der Serie.