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24h Le Mans 2024: Porsche will Revanche

Porsche, Ferrari und Co. wollen Le-Mans-Triumph
Wer kann Porsche stoppen?

24h Le Mans 2024

Mit dem sechsstündigen Vortest am letzten Sonntag eröffnete das 62 Wagen starke Feld die Rennwoche in Le Mans. Porsche markierte die vorläufige Bestzeit, doch was die Rundenzeiten wirklich wert sind, sehen wir erst diese Woche. An der BOP-Front ist es derweil überraschend ruhig, was bedeuten könnte, dass die Einstufungen nicht so schlecht sind wir ihr Ruf.

Porsche 963 - Startnummer 6 - Vortest - 24h Le Mans 2024
Foto: xpb

Le Mans ist die mit Abstand längste Rennwoche im Sportwagensport: Die meisten Teams reisten bereits am Dienstag letzter Woche an und werden den Hotspot des globalen Langstreckenports erst am Dienstag nach dem Rennen wieder verlassen. Der Hauptgrund: In Le Mans wird auch auf abgesperrten öffentlichen Straßen gefahren, daher muss ein Extra-Testtag absolviert werden, der am Sonntag (8.6.) stattfand.

Davor müssen die 62 Teams ihre Boxen beziehen, die Hopspitality-Burgen aufbauen und die technische Abnahme in der Innenstadt am Freitag und Samstag absolvieren. Dass es sich dabei um einen Show-Event handelt, weil die eigentliche technische Überprüfung in Wahrheit an der Rennstrecke stattfindet, gehört zu den kleinen Absurditäten von Le Mans. Für die Fans und Autogrammjäger ist diese Fake-Abnahme auf dem Place de la République in der Stadt natürlich trotzdem ein Highlight.

Unsere Highlights
Jose Maria Lopez - Toyota - Vortest - 24h Le Mans 2024
xpb

José María López ersetzt im 7er-Toyota den verletzten Mike Conway beim 24h-Rennen von Le Mans 2024.

Zweistufige BOP im Fokus

Die technische Abnahme und die Papierabnahme für die Piloten sorgt außerdem immer für Änderungen in letzter Sekunde: So verletzte sich beispielsweise Toyota-Werkspilot Mike Conway bei einem Fahrradunfall, weshalb José María López nun plötzlich doch im Toyota-Hypercar sitzt und nicht wie geplant im Lexus-GT3. Der eigentliche Toyota-Ersatzfahrer Ritomo Miyata ist weiter für seinen ersten LMP2-Einsatz in Le Mans eingeplant, der Amerikaner Jack Hawksworth ersetzt López wiederum im GT3-Auto.

Abgesehen von solchen Petitessen steht am ersten Wochenende natürlich der Testtag im Fokus, da er als erster Indikator dafür gilt, wie sich die Kräfteverhältnisse in der Hypercar-Topklasse nach den letzten BOP-Anpassungen verändert haben.

Für Le Mans optimierten ACO und FIA die BOP für die 23 Wagen in der Hypercar-Klasse, wo acht Autohersteller um den großen Gesamtsiegerpokal kämpfen. Die Ausrichter verwenden erstmals das sogenannte zweistufige BOP-System, dessen Ziel darin besteht, Unterschiede bei der Beschleunigung im hohen Geschwindigkeitsbereich sowie bei der Topspeed separat zu bewerten und anzupassen. Das führte unter anderem dazu, dass der Le-Mans-Topspeed-Held von 2023 – Ferrari – oberhalb von 250 km/h etwa zwölf PS verliert. Während Cadillac und Porsche im hohen Geschwindigkeitsbereich mit konstanter Leistung fahren, erhalten Toyota, Alpine und BMW gut acht PS mehr Leistung.

Durch diese Anpassungen konnten die Autos beim Gewicht wieder näher aneinander geschoben werden: Ferrari durfte im Vergleich zum Vorjahr 21 Kilo ausladen, Toyota 27. Ganz generell gab es im Le-Mans-Fahrerlager auffallend wenig Kritik, vor allem bei den Einstufungen für Gewicht und Leistung. Den Faktor der zweistufigen Einstufung konnten viele Ingenieure noch nicht so richtig einschätzen, aber prinzipiell herrschte Einigkeit darüber, dass die Abzüge für Ferrari, Lamborghini und Peugeot vermutlich richtig sind.

Unverständnis gab es nur darüber, dass Cadillac trotz der bekannten Topspeed-Schwäche nicht mehr Leistung oberhalb von 250 km/h zugestanden wurde. Dazu kam aber immer der Nachsatz: Die BOP könne sich ja noch mal ändern, vermutlich nicht nach dem Testtag, aber womöglich nach dem Qualifying.

Ferrari 499P - Startnummer 50 - Vortest - 24h Le Mans 2024
xpb

Vorjahressieger Ferrari deckte seine Karten beim Le-Mans-Vortest noch nicht auf.

Erste Test-Erkenntnisse

So begann am Sonntag (9.6.) das sechsstündige Schaulaufen, und wie immer bei Vortests ist die Frage erlaubt, wie aussagekräftig die Rundenzeiten wirklich sind. Die Fakten: Porsche-Pilot Kévin Estre markierte mit einer Zeit von 3.26,907 Minuten die Bestmarke, Markenkollege Felipe Nasr folgte mit einem Rückstand von zwei Zehnteln, der drittplatzierte Toyota mit der Startnummer 8 büßte sieben Zehntel auf die Bestzeit ein. Der schnellste Ferrari lag auf Rang fünf, die ebenfalls hoch gehandelten Cadillac-Werkswagen tuckerten mit einem Rückstand von 2,5 Sekunden auf den Plätzen 14, 16 und 19 herum, was sicher nicht völlig unbeabsichtigt war.

Insgesamt muss man von einer starken Teamleistung von Porsche reden, denn Frédéric Makowiecki musste seine schnellste Runde im dritten 963 nach Sektorbestzeit wegen eines Reifenschadens abbrechen. Dann wären vermutlich sogar alle drei Werks-Porsche vorne gestanden, was schon ein Statement gewesen wäre. "Wir sind das gefahren, was wir unter den Bedingungen fahren konnten", sagte Porsche-LMDh-Leiter Urs Kuratle. Der Umstand, dass die Hypercar-Bestzeit 2,6 Sekunden unter dem Vorjahresbestwert lag, bereitete Kuratle keinen Kummer: "Die Strecke war in einem sehr guten und sauberen Zustand, das Wetter war optimal, dazu wurde ein Teilstück neu asphaltiert, und außerdem sind alle Hypercars seit letztem Jahr schneller geworden", so die Einordnung von Kuratle zum Rundenzeiten-Korridor.

Toyota GR010 Hybrid - Startnummer 8 - Vortest - 24h Le Mans 2024
xpb

Toyota ist für das Le-Mans-Rennen 2024 zuversichtlich und will den sechsten Triumph einfahren.

Toyota ist zuversichtlich

Wer die Bestzeit hat, bekommt von der Konkurrenz automatisch die Favoritenrolle zugeschanzt: "Wenn Porsche in Le Mans verliert, dann hätten sie einen schlechten Job gemacht", stichelte David Floury, Toyota-Technikchef. Der Franzose gab aber auch zu, dass Toyota nicht so schlecht dasteht, wie man nach der BOP-Veröffentlichung am 4. Juni befürchtet hatte.

Kann man aus dem Test bereits eine ernsthafte Ableitung der Kräfteverhältnisse ziehen? Eher nein, sieht man mal von den Porsche-Bestzeiten ab, die sicher einen Trend für die Rennwoche etablieren, aber trotzdem noch nicht das letzte Wort sind. "Porsche war schnell, aber wir waren nicht weit dahinter. Die Rundenzeiten von Ferrari und Cadillac ergeben aus unserer Warte eher keinen Sinn", erklärte Toyota-Technikchef Floury.

Bei Porsche will man nichts von der Favoritenrolle wissen, glaubt aber, dass man bei der Musik ist: "Wir sollten vorne mit dabei sein und eine realistische Chance auf den Sieg haben," erklärte Porsche-LMDh-Leiter Urs Kuratle. "Ich glaube übrigens auch nicht, dass wir die volle Wahrheit schon im Qualifying sehen werden, sondern frühestens in den ersten beiden Rennstints – oder sogar noch später im Rennen."

Cadillac V-Series. R - Startnummer 3 - Vortest - 24h Le Mans 2024
xpb

Cadillac startet wie 2023 mit drei Autos und spekuliert auf den Gesamtsieg in Le Mans.

Peugeot: schwarzes Pferd?

Das ändert nichts an der prinzipiellen Ausgangsthese, die folgendermaßen lautet: Die vier Marken, die in Le Mans 2023 speedmäßig den Ton angaben – die LMH-Marken Toyota und Ferrari sowie die LMDh-Brüder Cadillac und Porsche – haben vermutlich für 2024 die beste Ausgangsposition, zumal sie auch einen deutlichen Erfahrungsvorsprung gegenüber den Neueinsteigern wie Alpine, BMW und Lamborghini haben. Wobei man Alpine noch am ehesten zutraut, speedmäßig die stärkste Rolle im Verfolgerfeld zu spielen, allerdings mit der Einschränkung, dass hinter der Dauerhaltbarkeit weiter ein Fragezeichen steht, zumal es beim finalen Test vor Le Mans abermals Probleme mit dem V6-Monoturbo-Triebwerk gegeben haben soll.

Die Rolle des schwarzen Pferdes könnte Peugeot zufallen: Die Marke mit dem Löwen im Emblem debütierte beim zweiten WM-Lauf in Imola mit einem runderneuerten 9X8, was die BOP-Macher bisher mit einer vorsichtigen Grundeinstufung quittierten. Für Le Mans hat man die Fesseln offensichtlich etwas gelockert, wie Stellantis-Sportchef Jean-Marc Finot zugibt: "Uns fehlt immer noch etwas auf die Spitze, aber die BOP ist generell etwas besser geworden. Um in Le Mans zu gewinnen, bräuchten wir allerdings ein absolut perfektes und makelloses Rennen und obendrein Fehler oder Ausfälle bei der Konkurrenz." Pilot Jean-Éric Vergne sieht Peugeot als "Underdog" im Dreikampf der LMH-Marken.

Peugeot 9X8 2024 - Le-Mans-Hypercar mit Heckflügel
Peugeot Sport

Peugeot verpasste dem 9X8 einen Heckflügel. Reicht das, um die Konkurrenz in Le Mans zu schlagen?

BMW erleidet Motorschaden

Weitere besondere Vorkommnisse beim Le-Mans-Vortest? Außer zwei Unfällen in der LMP2-Klasse, einem wegen Benzindruckproblemen gestrandeten Cadillac, einem kleinen Ausrutscher von Toyota-Pilot Kamui Kobayashi sowie einem Motorschaden am Werks-BMW mit der Startnummer 15, gab es keine größeren Aufreger, die erwähnenswert gewesen wären.

In der 16 Wagen starken LMP2-Klasse, die nur in Le Mans Teil des Sportwagen-WM-Feldes ist, balgten sich die üblichen Verdächtigen an der Spitze. Die Topteams United Autosports und Algarve Pro Racing markierten beim Vortest die Bestzeiten, zum Favoritenkreis zählt aber sicher auch das stark besetzte Zwei-Wagen-Team von Cool Racing.

In der LMGT3-Klasse lagen die 23 Wagen innerhalb von zwei Sekunden, die Top 15 trennten weniger als eine Sekunde. Doch wie immer in den BOP-Rennklassen wollte niemand das Gesehene für bare Münze nehmen, zumal auch hier noch Änderungen vor dem Rennstart zu erwarten sind. Corvette, Aston Martin und BMW stritten sich um die vorläufige Bestzeit beim Vortest und führten am Ende in dieser Reihenfolge das Zeitentableau an.

Toyota GR010 Hybrid - Startnummer 8 - Vortest - 24h Le Mans 2024
xpb

Das Wetter könnte am kommenden Wochenende für einige Überraschungen sorgen. Es ist viel Regen angekündigt.

Die Sorgen um das Wetter

Egal ob Sandbagging oder nicht: Die wenigen Erkenntnisse und Performance-Hinweise aus dem Vortest könnten sich geschlossen als Makulatur herausstellen. Ursprünglich hatten die Wetterexperten für die Rennwoche in Le Mans zwar kühle Temperaturen und auch etwas Regen am Rennsamstag vorausgesagt, doch mittlerweile haben sich die Vorhersagen sehr stark eingetrübt: Die Regenwahrscheinlichkeit am kommenden Samstag und Sonntag liegt bei 90 bis 100 Prozent, sogar echter Dauerregen ist eine Möglichkeit.

Wenn das so käme, dann steht uns vermutlich ein ereignisreiches und turbulentes Rennen bevor, eventuell auch mit einem völlig unvorhersehbaren Ausgang. Die LMH-Marken Toyota, Ferrari und Peugeot dürften bei diesen Bedingungen durch den temporären Allradantrieb einen kleinen Vorteil haben, den sie aber laut Reglement erst ab der Grenzgeschwindigkeit von 190 km/h auskosten dürfen.

Durchgehender Regen würde die Belastung für die Rennwagen verringern, was bei der Zuverlässigkeit hilft, gleichzeitig steigen in aller Regel die Fehlerrate und die Unfallhäufigkeit. Die BOP würde dann de facto gar keine Rolle spielen – was unter Umständen ein überraschendes Resultat produzieren könnte.