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Streit am Nürburgring: Was das neueste Urteil bedeutet

Streit am Nürburgring: NLS vs. NES
Kannibalisieren sich nun zwei Serien?

Chaos rund um den Langstreckensport auf der Nordschleife. Wir analysieren, was das Urteil des Oberlandesgerichtes Koblenz im Zwist um den Langstreckensport auf der Nordschleife bedeutet, wie die verschiedenen Beteiligten die Geschehnisse bewerten und wie es dazu kam.

NLS 9 - Nürburgring-Nordschleife - 7. Oktober 2023
Foto: Stefan Baldauf

Keine Sorge, wenn Sie in der Posse rund um die Zukunft des Langstreckensports so langsam den Überblick verlieren, ist das nicht verwunderlich. Schließlich mischen so viele Parteien unter komplizierten Namenskürzeln mit, dass die Thematik schon sehr kompliziert zu durchschauen ist. Wir wollen nach dem Urteil des Oberlandesgerichtes Koblenz am 4. Januar 2024 etwas mehr Licht ins Dunkel bringen und die Zusammenhänge erklären. Kurz vorweg: Die VLN (NLS) bekommt fünf Termine für 2024, der Nürburgring zauberte danach zwei zusätzliche Termine für die Nürburgring Endurance Serie (NES) aus dem Hut.

Unsere Highlights

Worum ging es ursprünglich bei dem Streit?

Lassen Sie uns auf den Juni 2023 zurückschauen. Ein Schlüsselmoment, der für die Einordnung des nun vom Oberlandesgericht Koblenz gesprochenen Urteils relevant ist. Damals führte die Nürburgring Holding, die zu diesem Zeitpunkt selbst noch in der Vermarktungsgesellschaft VLN VV mit 60 Prozent beteiligt war, Gespräche mit dem AvD als einem möglichen Stakeholder für eine neue Gesellschaft zur Veranstaltung einer Langstrecken-Serie auf der Nordschleife. Auch der VLN Sport GmbH wurde angeboten, mitzuwirken. Die Idee dahinter: Man wollte mit dem AvD offensichtlich einen neuen Mitspieler ins Boot holen. Nicht zu vergessen: Der AvD hatte kurz zuvor das DTM-Projekt verloren, weil dies nun vom ADAC übernommen wurde. Und: In der VLN Sport GmbH sind viele Vereine und Clubs dem ADAC zugehörig.

Da die VLN Sport GmbH sich nicht jegliches Mitspracherecht an der von ihr gegründeten Serie nehmen lassen wollte, lehnte man es ab und verkündete mutig, die NLS 2024 in Eigenregie durchzuführen. Die Reaktion der Nürburgring Holding: Man gab in einer Pressemitteilung bekannt, der VLN Sport 2024 keine Termine mehr zur Verfügung zu stellen. Kurz darauf gründete der AvD die Nürburgring Endurance Serie GmbH (NES). Die VLN klagte wegen der Terminsperre im Eilverfahren vor dem Landgericht Mainz und bekam vom Gericht zunächst acht Termine für 2024 zugesprochen. Die Nürburgring 1927 GmbH als Betreiberin der Strecke, die mit der Holding verbunden ist, ging vor dem Oberlandesgericht Koblenz in Berufung.

Was besagt das Urteil des Oberlandesgerichts Koblenz vom 4. Januar 2024?

Nach der mündlichen Verhandlung am 23. November 2023 wurde am 4. Januar 2024 das Urteil verkündet: Die VLN hat Anspruch auf vier Termine mit Freitag/Samstag und einen Termin Freitag/Samstag/Sonntag – also einen Doubleheader. Sprich: fünf Termine (max. einer pro Monat) und sechs Läufe in der Saison 2024. In der Theorie hätte sich die NES damit mit nur drei Terminen begnügen müssen, denn der ursprünglich vom Nürburgring im September veröffentlichte allgemeine Langstreckenserie-Kalender umfasste nur acht Termine mit neun möglichen Rennen. Es wäre also fraglich gewesen, wie man unter diesen Umständen eine zweite Serie hätte veranstalten wollen.

Wieso hat sich nach dem Urteil wieder alles geändert?

Der Nürburgring reagierte einen Tag nach dem Urteil und verkündete in einer Media-Info: "Die Nürburgring 1927 GmbH & Co. KG wird das Urteil im rechtlich gebotenen Umfang umsetzen und damit der Nürburgring Langstrecken-Serie (NLS) sowie der Nürburgring Endurance Serie (NES) diskriminierungsfrei eine gleiche Anzahl von Terminen unter Berücksichtigung der Entscheidung des OLG Koblenz anbieten."

Heißt: Es wurden eigens zwei zusätzliche Termine für die NES gefunden. Deshalb muss man nun möglicherweise bei Touristenfahrten oder anderen geplanten Events Abstriche machen. Es zeigt aber, wie viel Beachtung der Nürburgring der NES schenkt. Offensichtlich will man der neuen Serie unbedingt eine Chance geben. Zwar ist die Holding darin nicht involviert, aber sie wird vom AvD organisiert, mit dem man ja ursprünglich die Gespräche zu einer Neuausrichtung der NLS-Serie führte.

Was interessant ist: Beim ersten Verfahren in Mainz argumentierte man, es sei terminlich nicht möglich, mehrere Langstreckenserien pro Saison nebeneinander durchzuführen. Es könne nur einem Veranstalter eine acht Renntage umfassende Langstreckenserie angeboten werden. Falls Sie sich nun die Frage stellen: Hat die VLN jetzt durch die neuen Zusatztermine für die NES auch einen Anspruch auf mehr Rennen? Nein. Das Urteil regelt nur die fünf fixen Termine für die NLS.

NLS 9 - Nürburgring-Nordschleife - 7. Oktober 2023
Stefan Baldauf

Noch gibt es keine fixe Terminverteilung für die Saison 2024.

Wann gibt es Planungssicherheit für Fahrer und Teams?

Wann alle Termine final kommuniziert werden, bleibt fraglich. Viele rechnen damit erst Ende Januar. Auch das Thema Tribünen ist wacklig. Laut Urteil müssen diese der NLS nicht zur Verfügung gestellt werden. Gleiches gilt für die Lounges. Hier sehen Insider jedoch keine Probleme, denn diese mieten die Teams direkt an. Zudem würde dem Nürburgring eine Einnahmequelle wegbrechen.

"Ich sehe das Urteil positiv für uns", sagte Mike Jäger, Geschäftsführer der VLN Sport. "Ursprünglich wollte man uns gar nicht mehr fahren lassen. Daher ist es ein Erfolg für uns, auch wenn ich mir mehr Termine gewünscht hätte. Wir wollten uns unser Mitspracherecht an der von uns gegründeten Serie nicht nehmen lassen, deshalb blieb nur dieser Weg." Auf die zwei Zusatztermine für die NES angesprochen, meinte Jäger nur: "Dazu habe ich eine eigene Meinung, möchte das aber nicht kommentieren."

Was hat die NES nun vor?

Die Macher der NES haben sich ebenfalls zu Wort gemeldet. AvD-Geschäftsführer Lutz-Leif Linden sagte: "Unser Ziel ist es, die Langstreckenrennen für die Zukunft sukzessive attraktiver zu machen. Dazu haben wir ein sportliches, technisches und organisatorisches Reglement mit einigen neuen, innovativen Ansätzen für die NES erarbeitet. Auch durch eine umfassende Vermarktung und intensive Kommunikation wollen wir die Attraktivität erhöhen, zum Nutzen aller Fahrer und Teams und zur Freude der Fans."

Auf Anfrage sagte NES-Geschäftsführer Ralph-Gerald Schlüter: "Wir werden in den nächsten zwei Wochen ein Zoom-Meeting für alle interessierten Teams veranstalten. Wir bedauern, dass es sich so hingezogen hat, und wären gerne früher mit den Teams in Verbindung getreten und hätten sie mit einbezogen. Es ist für alle unglücklich gelaufen."

NLS 9 - Nürburgring-Nordschleife - 7. Oktober 2023
Stefan Baldauf

Die Teams warten kurz nach der Urteilsverkündung immer noch auf Fakten zur NES.

Wobei sich die Frage stellt: Hat man die Wünsche der Teams zum Reglement gesammelt? Denn zu wenig Einbindung war ein Kritikpunkt in der Saison 2022. Das Reglement soll schon in wenigen Tagen zur Prüfung und Genehmigung beim DMSB vorgelegt werden. Erstmals nannte Schlüter grobe Neuerungen: Es solle ein anderes Nennsystem, eine überarbeitete Klassenstruktur und ein anderes Wertungssystem geben.

Kann die NES überhaupt eine eigene Serie durchführen?

Zuletzt gab es Zweifel, ob man bei der NES die nötige Infrastruktur habe. Schlüter: "Wir bekommen das gestemmt – wir haben eine Personalliste und unter anderem Leiter Streckensicherung, die Technik und Rennleiter. Wir sind aber offen, wenn Leute kommen wollen." Was ausstand: Gespräche mit den Sportwarten, die man aufgrund der fehlenden Termine nicht geführt hat. Rund 500 Sportwarte braucht es für ein Rennen. Schlüter meinte zunächst: "Wir sind guter Hoffnung, genügend Sportwarte zu finden."

Doch am 6. Januar veröffentlichten die Chief Marshals Michael Beer und Bernd Plauschinat einen offenen Brief an VLN-Chef Mike Jäger, in dem sie der NLS die ausschließliche Treue aussprachen: "Nach ausführlichen Gesprächen mit unseren Abschnittsleitern haben wir Chief Marshals den Beschluss gefasst, dass wir der NLS auch in 2024 und darüber hinaus zur Verfügung stehen." Schlüter meinte daraufhin: "Wir werden nun eigene Maßnahmen ergreifen, Sportwarte zu akquirieren."

NLS 9 - Nürburgring-Nordschleife - 7. Oktober 2023
Stefan Baldauf

Die Nordschleifen-Saison 2024 wird wohl etwas anders aussehen als bisher.

Wie sehen die Reaktionen der Teams aus?

Die Teams könnten am Ende das Zünglein an der Waage sein. Schließlich funktioniert eine Rennserie nur mit genügend Autos. Daniel Sorg, Teamchef von Sorg Rennsport, meint: "Wir freuen uns, dass das Gericht der VLN/NLS erneut Termine zugesprochen hat und so – Stand jetzt – mindestens sechs Rennen unter der bekannt guten Organisation möglich sind. Das Vorgehen von Schlüter, Nürburgring und AvD gegen die seit Jahrzehnten bestehende VLN, zu der Schlüter und Nürburgring in der Vergangenheit gehörten, war unnötig, unlauter und hat viel Vertrauen zerstört, was schwerlich zurückzugewinnen ist. Wir hoffen, dass man der VLN keine weiteren Steine in den Weg legt."

Adrenalin-Chef Matthias Unger fordert Zusammenarbeit: "Ich hätte mir gewünscht, dass die andere Seite sieht, dass wir Teams in der NLS bleiben wollen und man sich an einen Tisch setzt. Das wünsche ich mir nach wie vor."

Mathol-Chef Matthias Holle weist auf die Dringlichkeit hin. "Das A und O ist, dass quasi gestern die Termine bekannt gegeben werden. Mir ist zudem wichtig, dass die Offiziellen, Ehrenamtlichen und Helfer unter der Leitung von Mike Jäger wissen, dass wir sie als Teams unterstützen und uns für ihren Einsatz bedanken. Die NLS-Seite ist mit Herzblut dabei, der anderen geht es nur um Macht."

Die Geschehnisse rund um den Nordschleifen-Streit in der Chronologie:

Nov. 2022: Die VLN-Führung rund um Ralph-Gerald Schlüter legt die Ämter nieder

März 2023: Mike Jäger wird Geschäftsführer der VLN Sport GmbH

Juni 2023: Nürburgring Holding und AvD führen Gespräche. VLN VV-Chef Michel Pathe geht

Juni 2023: Die VLN gibt bekannt, die NLS 2024 in Eigenregie fortzuführen

Juni 2023: Die NES wird vom AvD gegründet, Ralph-Gerald Schlüter wird Geschäftsführer

Sept. 2023: Das LG Mainz spricht der VLN Sport im Eilverfahren acht Termine 2024 zu

Nov. 2023: Die Berufung der Streckenbetreiber des Nürburgrings wird am OLG Koblenz verhandelt

Jan. 2024: Das OLG Koblenz spricht der VLN mindestens fünf Termine zu – inklusive Doubleheader

Jan. 2024: Der Nürburgring findet zwei Zusatz-Termine, um die NES gleichzustellen