24h Le Mans 2023 – Ergebnis Rennen
Ferrari entthront Toyota

24h Le Mans 2023

Ferrari ist der König von Le Mans. Zum 100. Geburtstag des Langstreckenklassikers über 24 Stunden rang die Scuderia das favorisierte Toyota nieder. Cadillac schnappte sich den letzten Podestplatz. Porsche erlebte mit vier Autos eine große Pleite, während Peugeot deutlich besser war als vorher angenommen.

Ferrari 499P - Le Mans 2023 - Rennen
Foto: Motorsport Images

Das Jubiläum hielt, was es anhand des qualitativ hochwertigen Starterfelds vorab versprochen hatte. Le Mans lieferte ein abwechslungsreiches Rennen mit zwei Regenschauern in den ersten Stunden, vielen Unfällen und kleinen wie großen Dramen. Mit Titelverteidiger Toyota, Ferrari, Porsche, Peugeot und Cadillac standen gleich fünf Hersteller am Start. Sie alle leisteten in der ersten Rennhälfte Führungsarbeit. Sie alle hatten mit gewissen Problemen zu kämpfen.

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Die 24 Stunden am 10. und 11. Juni entwickelten sich zu einem klassischen Ausscheidungsrennen nach alter Schule. Das beste Ende hatte dabei Ferrari für sich. Die Scuderia krönte ihre Rückkehr auf die große Langstreckenbühne. Das letzte echte reinrassige Werksprogramm in der Le-Mans-Topklasse hatte Maranello 1973 aufgelegt. 50 Jahre später triumphierten Alessandro Pier Guidi, James Calado und Antonio Giovinazzi nach 342 Runden in ihrem Ferrari 499P (Startnummer 51). Guidi brachte die rote Göttin als Schlussfahrer ins Ziel.

Ferrari siegte zum zehnten Mal in Le Mans, und zum ersten Mal seit 1965. Toyotas Serie riss hingegen. Seit 2018 waren die Japaner auf dem 13,626 Kilometer langen Kurs ungeschlagen gewesen. Bei den fünf Erfolgen in Serie konkurrierte Toyota allerdings nur mit Privatiers und nicht mit anderen Herstellerprojekten wie in diesem Jahr. Kaum sind die großen Werks wieder in der Mehrzahl vertreten, verlässt Toyota als Geschlagener die Rennstrecke. Mit diesem kleinen Makel müssen die Japaner leben, die mit Sébastien Buemi, Brendon Hartley und Ryo Hirakawa (Startnummer 8) den zweiten Platz einstrichen. Den letzten Podestplatz sicherte sich das Cadillac-Trio um Earl Bamber, Alex Lynn und Richard Westbrook (#2).

Toyota GR010 Hybrid - Startnummer 8 - Le Mans 2023 - Rennen
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Toyota scheiterte daran, zum sechsten Mal in Serie in Le Mans zu gewinnen.

Toyota-Dominanz dahin

Le Mans verbuchte mit rund 300.000 Fans über die Veranstaltungstage eine Rekordkulisse. Die Prominenz ließ sich das Spektakel zum 100. Geburtstag des weltberühmten Rennens nicht entgegen. Basketball-Superstar LeBron James eröffnete als Ehrengast per Fahnenschwenk die Hatz über Tag und Nacht. Football-Legende Tom Brady reiste ebenfalls an die Sarthe wie auch Ferraris Formel-1-Fahrer Charles Leclerc. Sie sollten ihr Kommen nicht bereuen.

Speziell in den ersten Stunden kam es zu diversen Unfällen, die viele Gelbphasen und auch Safety Cars nach sich zogen. Die Zwischenfälle sowie zwei Regenschauer brachen immer wieder den Rhythmus der Topautos. Die fünf Hersteller blieben zusammen, was auch daran lag, dass die letzten Regelanpassungen offenbar gut wirkten.

Die FIA und der Veranstalter ACO hatten vor allem zum Leidwesen von Toyota vor dem Langstrecken-Highlight die Einstufung der verschiedenen Hypercars angepasst. Mit dem Ziel, Ferrari näher an Toyota heranzuführen, und die LMDh-Autos von Porsche und Cadillac zu stärken. Fast 40 Kilogramm mehr Ballast raubte den japanischen Rennwagen ihre Dominanz, die sie mit drei Siegen in den ersten drei Rennen der Sportwagen-Weltmeisterschaft (WEC) noch ausgestrahlt hatten. Mehr Gewicht bedeutete eine höhere Belastung für die Reifen und die Bremsen. So punktete Toyota beispielsweise nicht mehr bei der Reifenabnutzung.

Ferrari 499P - Startnummer 51 - Le Mans 2023 - Rennen
Motorsport Images
Was für eine Rückkehr in die Topklasse! Ferrari feierte den ersten Le-Mans-Erfolg seit 1965.

Ferrari ringt Toyota nieder

Die LMH-Autos (Ferrari, Toyota, Peugeot) und die LMDh (Porsche, Cadillac) bewegten sich in der ersten Rennhälfte auf einem recht ähnlichen Niveau. Wobei Ferrari in Summe das schnellste Paket zusammenhatte, was spätestens am Sonntag klarer ersichtlich wurde. Die roten Autos glänzten sowohl im Regen, aber vor allem auf trockener Bahn. Die Qualität stimmte auch bei der Reifennutzung, der Strategie und den Boxenstopps. Selbst einen Ausrutscher von Pier Guidi rund um Mitternacht machte die Ferrari-Crew wieder wett.

In den ersten Rennstunden wechselten sich die Werke an der Spitze ab. Erst in der Nacht kristallisierten sich der von AF Corse eingesetzte Ferrari 499P mit der Startnummer 51 und der 8er-Toyota als die beiden großen Sieganwärter heraus. Die jeweiligen Schwesterautos waren zu diesem Zeitpunkt wie im Fall von Toyota entweder schon draußen oder durch Defekte zurückgeworfen. Den zweiten AF-Corse-Ferrari (#50) hatte ein Problem mit dem Hybridsystem, das Flüssigkeit leckte, zurückgeworfen.

Ferrari nutzte seine Vorteile bei der Pace. Pier Guidi ließ unter dem Jubel der Box um 10:48 Uhr Ortszeit – also rund fünf Stunden vor Rennende – Buemi im Toyota stehen. Toyota unternahm alles, um doch noch erfolgreich einen Konter zu setzen. Man probierte es über längere Stints auf einem Reifensatz, um sich Zeit in der Boxenstraße zu sparen. Schlussendlich musste sich der japanische Autogigant allerdings geschlagen geben. Ein Fahrfehler von Hirakawa rund 95 Minuten vor Feierabend besiegelte die Niederlage gegen Ferrari.

Den zweiten Toyota mit der Startnummer 7, dem es gerade in der Anfangsphase des Rennens an Pace fehlte, erwischte es um Mitternacht herum. Kamui Kobayashi verzögerte unter Gelb auf 80 km/h, um nicht ein LMP2-Auto zu überholen. Sein Pech war es, dass die Überrundeten dahinter pennten. Ein Treffer hinten links beschädigte die Antriebswelle. Das Aus war besiegelt.

Cadillac V-Series.R - Startnummer 2 - Le Mans 2023 - Rennen
Motorsport Images
Cadillac hatte Pech zu Rennbeginn, belohnte sich aber mit einem Podestplatz für die Anstrengungen.

Cadillac auf dem Podest

Für Cadillac lohnte sich die Reise über den großen Teich, obwohl zwei der drei Werksautos früh in Schwierigkeiten gerieten. Earl Bamber, Alex Lynn und Richard Westbrook (Startnummer 2) nahmen in ihrem V-Series.R in der Nacht Kurs aufs Podest – trotz eines zwischenzeitlichen Drehers. Für den ganz großen Wurf reichte es nicht. Dafür hätten die US-Amerikaner im letzten Rennviertel das eine oder andere Safety Car gebraucht, um wieder zu Ferrari und Toyota aufzuschließen. Und natürlich das entsprechende Rennglück, um die beiden LMH-Autos zu schlagen. Je mehr Gummi auf der Strecke lag, desto weiter klaffte die Schere auseinander.

Dennoch dürften die Verantwortlichen bei Cadillac Racing mit der Performance und dem Ergebnis sehr zufrieden sein. Zumal es in den ersten beiden Stunden noch nach einem Pleite-Rennen ausgesehen hatte. Bereits in der Startrunde auf einer teilweise feuchten Strecke hatte sich Jack Aitken im US-Rennwagen von Action Express unsanft in die Streckenbegrenzung gebohrt. Die linke Vorderradaufhängung knickte daraufhin ab. Am Sonntagvormittag unterlief Aitken ein zweiter Fahrfehler. Diesmal buddelte er sich im Kiesbett ein.

Unverschuldet erwischte es hingegen Sébastien Bourdais im Cadillac V-Series.R mit der Startnummer 3. Ihm donnerte nach nicht einmal zwei Rennstunden ein GTE-Ferrari in einer Slow Zone ins Heck. Der Franzose schleppte seinen wund geschlagenen Caddy zu den Mechanikern, um ihn wiederherzustellen. Es lohnte sich. Bourdais landete zusammen mit Renger van der Zande und Scott Dixon auf dem vierten Platz vor dem zweiten AF-Corse-Ferrari von Antonio Fuoco, Miguel Molina und Nicklas Nielsen.

Porsche 963 - Startnummer 38 - Le Mans 2023 - Rennen
Motorsport Images
Porsche setzte vier Autos ein. Zum 75. Firmengeburtstag hagelte es eine Pleite.

Porsche in Not

Mit vier Autos hatte Porsche zumindest nominell einen Vorteil. Man spielte ihn nicht aus. Die Stuttgarter Sportwagenmarke träumte mehr als fünf Stunden lang davon, vielleicht doch eine Chance auf den 20. Gesamtsieg in Le Mans zu haben oder zumindest auf dem Podest landen zu können. Porsche hatte vor dem Klassiker noch tiefgestapelt und den Rückstand auf Toyota wie Ferrari auf rund eine Sekunde pro Runde taxiert. Doch siehe da: Phasenweise zeigten die vier 963 ein sehr gutes Tempo, obwohl die Fahrer sichtbar mit Balanceverschiebungen zu kämpfen hatten.

Technik-Defekte, Reifenschäden und Unfälle warfen die Porsche jedoch aus der Bahn. Am Samstagabend noch führte der Hertz-Porsche mit der Startnummer 38, eingesetzt vom Team Jota, das Rennen vor dem Penske-Porsche mit der 5 an. Innerhalb weniger Minuten riss es beide Autos aus der Vergabe um einen der vorderen Plätze. Yifei Ye verlor seinen 963 (#38) in Führung liegend ausgangs der schnellen Porsche-Kurven und schlug im Reifenstapel ein.

Die Teamkollegen António Félix da Costa und Will Stevens schauten ungläubig zu. Mit zerfledderter Heckpartie schleppte sich der Chinese zwar zurück bis an die Box. Der fällige Reparaturstopp zerstörte allerdings jede Hoffnung auf ein Top-Ergebnis. Obendrauf kam später ein Sensordefekt. Als ob das Auto nicht schon geplagt genug gewesen sei, traf Félix da Costa am Sonntagvormittag noch einen Reifenstapel.

Dane Cameron erwischte es im 5er-Porsche-Penske mit ähnlichen Problemen. Ein widerspenstiger Sensor zwang den US-Amerikaner für einen Augenblick zum Stillstand. Er musste seinen Porsche auf der Strecke neu starten. In der Nacht kam eine Undichtigkeit im Kühlkreislauf hinzu. In der letzten halben Rennstunde verfolgte das Team das nächste Problem. Diesmal schlich Michael Christensen um die Piste. Der Fahrer vermutete einen Defekt an der Antriebswelle. Ein Notstopp brachte keine Besserung. Das Auto stoppte in der Folge auf der Rennstrecke.

Das Schwesterauto mit der Startnummer 75 war da schon lange aus dem Rennen. Werksfahrer Mathieu Jaminet war am Samstagabend gegen 22:00 Uhr im Streckenteil Tertre Rouge ausgerollt. Die Kraftstoffpumpe hatte keinen ausreichenden Druck mehr aufgebaut, um den 4,6 Liter großen V8-Biturbomotor zu versorgen. Der Versuch, mit letzter Kraft an die Box zu humpeln, scheiterte.

Auch der dritte Penske-Porsche (#6) erlebte ein pannenreiches Rennen. Zwei Reifenschäden warfen ihn bereits am Samstag zurück. Der Kampfgeist wurde nicht belohnt. Am Sonntagmorgen ging ein Überrundungsmanöver gegen eines der LMP2-Autos schief. Ein Ausritt ramponierte den Porsche. Die Folge war ein Reparaturstopp von 42 Minuten.

Peugeot 9X8 - Startnummer 93 - Le Mans 2023 - Rennen
Motorsport Images
Peugeot überraschte im ersten Rennteil, gehörte aber neben Porsche zu den Verlierern.

Peugeot überrascht

Peugeot war schwer gebeutelt zum Heimspiel angereist. In den ersten drei Rennen der Sportwagen-Weltmeisterschaft quälten sich die 9X8 mit fehlendem Speed und technischen Gebrechen. Langsam und unzuverlässig: So brandmarkten die Kritiker den Rennwagen ohne Heckflügel. Und auch beim Le-Mans-Vortest sowie in den Trainingseinheiten befiel die beiden Autos eine Panne nach der anderen. Kurzum: Der französische Hersteller ging mit großen Bauchschmerzen an den Start, überraschte sich dann aber selbst.

Pünktlich zum Saisonhöhepunkt steigerten sich die Franzosen, was auch damit zu tun haben mag, dass man von den späten Regelanpassungen unter den Hypercars nicht betroffen war. Der Irokese unter den Topautos führte zwischendurch sogar recht komfortabel das Rennen an. Loïc Duval, Gustavo Menezes und Nico Müller hatte es in der zweiten Regenphase nach vorne gespült.

Auf nasser Bahn spielten die Peugeot einen Vorteil aus. Sie dürfen bereits ab 150 km/h auf der Vorderachse boosten, also in den Allradantrieb gehen. Ferrari und Toyota dagegen dürfen laut Reglement erst ab einer Geschwindigkeit von 190 km/h die Vorderachse zuschalten. Die Hypercars von Porsche und Cadillac nach LMDh-Reglement sind dagegen reine Hecktriebler.

Ein Safety Car raubte dem Trio im Peugeot 9X8 mit der Startnummer 94 in der Nacht einen rund einminütigen Vorsprung. Die zwischenzeitliche Hoffnung, vielleicht auf das Podest fahren zu können, zerstörte Menezes mit einem Unfall. Der Schwester-Peugeot verlor viel Zeit durch eine Slapstick-Einlage. Unter Safety Car drehte sich Jean-Éric Vergne in Schleichfahrt ins Kiesbett.

Gegen Rennende wurden die Peugeot dann von mehreren Wehwehchen heimgesucht. Sie zwangen die beiden Werksautos zu längeren Wartezeiten in den Garagen. Wenigstens der Peugeot mit der Startnummer 93 (Vergne, Paul di Resta und Mikkel Jensen) kletterte als Achter in die Top 10.

Sieger in der LMP2 und GTE-AM

Die Privatiers um Glickenhaus und Vanwall kamen wie erwartet nicht über die Rolle des Statisten heraus. Glickenhaus kämpfte sich mit Herz durch die 24 Stunden. Das US-Privatteam belohnte sich mit den Positionen 6 (#708) und 7 (#709).

Wer holte sich die Klassensiege in den unteren Kategorien? Inter Europol Competiton (#34) siegte in der LMP2-Klasse mit Jakub Smiechowski, Albert Costa und Fabio Scherer. Für das Trio sprang im Gesamtklassement sogar ein Platz in den Top 10 heraus. Der Erfolg in der GTE-AM ging an die 33 von Corvette Racing mit Nicky Catsburg, Ben Keating und Nicolas Varrone.