Nordschleife: Anfeindungen und Bedrohungen?
Faktencheck zur Absage der NES-Premiere

24h-Rennen 2024

Der Saisonauftakt zur neuen Nürburgring Endurance Serie (NES) wurde abgesagt. Die Serie spricht von Bedrohungen und Anfeindungen. Stimmt das? Wir erklären die Zusammenhänge.

NLS 8 - Nürburgring-Nordschleife - 23. September 2023
Foto: Stefan Baldauf

Die Nordschleife als schönste Rennstrecke der Welt ist der kleinste gemeinsame Nenner. Ansonsten verbindet die traditionsreiche Nürburgring Langstrecken-Serie (NLS) und die neue Nürburgring Endurance Serie (NES) nicht viel. Ganz im Gegenteil. Die neue Serie, an der die Nürburgring Holding als Eignerin der Rennstrecke beteiligt ist, tritt nach eigenen Aussagen an, "um den Langstrecken-Rennsport auf der Nordschleife neu zu definieren". Demnach in Konkurrenz zur NLS, die den Breitensport auf der Nordschleife vor 47 Jahren einst begründet hat und unter dem Namen VLN bekannt wurde. Neuerdings ist der ADAC als Titelsponsor mit eingestiegen.

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Das Vorspiel zum Zwist der beiden Serien begann bereits Anfang 2023 und schaukelte sich im Lauf des Jahres bis zu mehreren Gerichtsverfahren hoch. Dazu kam es erst deshalb, weil die Nürburgring Holding, die sich damals noch im Hintergrund hielt, der NLS keine Renntermine mehr auf der Nürburgring-Nordschleife zur Verfügung stellen wollte. Wir haben bereits in der Vergangenheit ausführlich von diesem durchaus komplexen Hin und Her berichtet. Das Ergebnis in Kurzform: Beide Serien haben ein Anrecht auf Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife.

Die erste NES-Veranstaltung sollte am kommenden Wochenende (23.3.) stattfinden. Für Freitag und Samstagvormittag waren Testfahrten auf der Nürburgring-Nordschleife geplant, danach die Rennen auf dem Grand-Prix-Kurs. Doch am Dienstag (19.3.) sagte die NES die Rennen ab, verlängerte stattdessen die Testfahrten auf der Nordschleife – mit einer sehr ausführlichen Presseinformation. Die führte in den Social-Media-Kanälen zu heftigen Diskussionen, weil darin unter anderem von Bedrohungen und Anfeindungen die Rede war. Doch was steckt dahinter?

Was hat es mit dem Vorwurf der Anfeindungen auf sich?

In der Presseinformation der NES heißt es, man sehe sich seit der Bekanntgabe Bedrohungen ausgesetzt. Spannend ist aber vor allem dieser Satz. "Grundsätzlich als Serie von Vier-Stunden-Rennen auf der Nordschleife ausgerichtet, musste die NES bereits das Format für die erste Veranstaltung auf Rennen auf dem Grand-Prix-Kurs ändern", so der Wortlaut in der Pressemitteilung.

Die Begründung: "Denn ehrenamtliche Helfergruppen, Sportwarte, Abschnittsleiter, Funktionsträger, externe Dienstleister, andere Beteiligte und sogar Teams und Fahrer, die sich bei der Ausübung ihrer beruflichen Aufgaben oder überwiegend ehrenamtlichen Freizeit-Aktivitäten neutral verhalten, sehen sich einem zunehmend massiven Druck ausgesetzt von Personen, die vorgeben, im Auftrag und Namen der VLN/NLS sowie des ADAC zu handeln." Es geht sogar noch weiter: "Strafbewehrte Maßnahmen sind auf den Weg gebracht."

Fakt ist, dass von sich aus einige Sportwarte sich dagegen ausgesprochen haben, für die NES zu arbeiten. In einem offenen Brief an NLS-Chef Mike Jäger verkündeten sie im Januar 2024: "Nach ausführlichen Gesprächen mit unseren Abschnittsleitern haben wir Chief-Marshals den Beschluss gefasst, dass wir der NLS auch in 2024 und darüber hinaus zur Verfügung stehen." Sie versicherten darin ihren Zuspruch "exklusiv und ausschließlich der Nürburgring Langstrecken-Serie".

NLS 8 - Nürburgring-Nordschleife - 23. September 2023
Stefan Baldauf

Wer zeigt wie Flagge? Die Chief Marshals haben sich für die NLS ausgesprochen.

Die NES vermeldete ihrerseits, dass man das erste Rennen auf dem Grand-Prix-Kurs fahren werde. Für einige Szenekenner klang das danach, als ob man Probleme habe, die rund 500 notwendigen Sportwarte für die Nordschleife zu akquirieren. In einem Pressegespräch fragten wir explizit danach, ob das der Grund sei, auf dem GP-Kurs zu fahren. NES-Geschäftsführer Ralph-Gerald Schlüter antwortete in unserem Magazin "Motorsport aktuell" in Ausgabe 09/24 vom 7. Februar 2024:

"Wir arbeiten mit völlig neuen Leuten, und da ist es auch ein Sicherheitsaspekt. So haben wir die Möglichkeit, die Leute zu schulen. Zudem haben wir neue Klasseneinteilungen und Divisionen. Das war das ausschlaggebende Moment, auf der Grand-Prix-Strecke zu fahren." Interessant ist also, dass die NES damals nicht die Zahl der Sportwarte als Begründung für den Wechsel auf den GP-Kurs anführte, sondern das Einspielen unter neuen Bedingungen. Anders als nun in der Presseinformation.

Was meint die NLS zu den Gerüchten, man würde Partner, Funktionäre und Dienstleister unter Druck setzen, exklusiv für die NLS zu arbeiten?

"Das ist schlichtweg Quatsch", sagte Mike Jäger in einem offiziellen Interview auf der Website der NLS. "Wir erbitten uns, dass Personen in leitenden Positionen nicht für Marktbegleiter arbeiten, denn hier geht es um Technologie- und Wissenstransfer. Du kannst auch nicht in der Formel 1 gleichzeitig für Mercedes und Ferrari arbeiten, das versteht sich doch von selbst."

Er sieht hinter den Gerüchten einen anderen Zusammenhang: "Wer solche Gerüchte streut, sollte sich vielleicht einmal selbst reflektieren und sich die Frage stellen, wieso Leute keine Zusammenarbeit wünschen. Vielleicht wird man dann erkennen, woher der Zuspruch seitens Teams, Partnern, Helfern und Fans kommt, den wir gerade erfahren."

Was könnte wirklich hinter der Absage der NES-Premiere stecken?

Hinter den Kulissen munkelt man, es habe zu den beiden geplanten Rennen nicht mehr als 20 Nennungen gegeben. Das wäre ein valider Grund, die Rennen abzusagen. Diese Theorie wird dadurch gestützt, dass vor einigen Wochen noch mit drei Rennen der unterschiedlichen Divisionen geworben wurde. Plötzlich waren es in der nächsten Presseinformation nur noch zwei Rennen.

NLS 9 - Nürburgring-Nordschleife - 7. Oktober 2023
Stefan Baldauf

Die beiden geplanten Rennen auf dem GP-Kurs wurden von der NES abgesagt.

Nun wurden die Rennen abgesagt und dafür die Testfahrten verlängert. Die Begründung in der Presseinformation: "Das Votum der Teilnehmer hat entschieden: Zum Auftakt der Nürburgring Endurance Serie (NES) gibt es noch mehr Nordschleife." Es stellt sich jedoch die Frage, warum das Votum erst wenige Tage vor der eigentlichen Veranstaltung stattgefunden hat und nicht schon früher.

Hat die NES tatsächlich das innovativere und bessere Konzept?

Die NES wirbt in der Presseinformation damit, den Langstreckensport auf der Nordschleife "neu zu definieren". Man wolle mit "neuen und innovativen Ideen und Konzepten" die Langstreckenrennen zunehmend attraktiver und erfolgreicher gestalten.

Bisher konnte man in der Szene aber kaum Argumente finden, welche die NES deutlich von der NLS abheben. Zumal sich das Reglement nur minimal von der NLS unterscheidet – was auch Sinn macht, wenn die Teilnehmer in beiden Serien antreten können sollen. Aber auch rundherum bleibt man bis auf ein neues digitales Nennsystem bisher noch Beweise für das bessere Konzept schuldig. Zumal der Auftakt nun eben nur ein Test und nicht mal ein Rennen ist.

Insgesamt betonte die NES immer wieder die extrem kurze Vorbereitungszeit auf die Saison, da das finale Gerichtsurteil zur Verteilung der Termine erst im Januar verkündet wurde. Allerdings gab man die Idee der neuen Rennserie bereits im Frühjahr 2023 bekannt. Die NES kündigte in der vergangenen Saison auch mehrmals an, bis zu einem gewissen Zeitpunkt den Teams ein Konzept präsentieren zu wollen, doch das wurde mehrmals verschoben und blieb aus Sicht der Teams schwammig und wenig konkret. Die Begründung war immer wieder, man wolle der NLS ja nicht die eigenen Ideen offenlegen.

Wie geht es nun im Nordschleifen-Krieg weiter?

Die NLS plant weiter in Ruhe ihre eigenen Rennen, der Saisonauftakt findet als Doubleheader vom 5. bis 7. April statt. Zwei Wochen später erfolgt ein weiterer Doubleheader im Rahmen des 24h-Qualifikationsrennens.

Bei der NES werden einige namhafte Teams zumindest den Nordschleifen-Test wahrnehmen. Darunter Abt Sportsline, Rowe Racing und Scherer PHX. Das zweite NES-Rennen ist für den 3./4. Mai geplant – die Generalprobe vor dem 24h-Rennen. Zumindest, wenn auch auf der Nordschleife gefahren wird. Das ist laut Schlüter in der Ausgabe 09/24 von Motorsport aktuell aber gesetzt: "Der zweite Lauf wird auf jeden Fall auf der Nordschleife stattfinden." Auf das 24h-Rennen hat der Zwist momentan keine Auswirkungen. Schließlich bereiten sich die Teams wie gehabt vor.